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So eine Handvoll Kürbiskerne soll schon helfen ...
So eine Handvoll Kürbiskerne soll schon helfen ...(Foto: imago stock&people)
Samstag, 22. Juli 2017

Pille gegen Kürbis: Die Macht der Kerne

Von Heidi Driesner

Kürbiskerne sind ein gesunder Knabberspaß; das aus ihnen herausgepresste Öl hat Weltruf. Die Kernchen sind darüber hinaus gut für Blase und Prostata, gelten sogar als Liebeshelfer. Das allerdings kann einen Mann durchaus auch ruinieren.

Die gelben und orangeroten Riesen auf den Feldern sind zwar noch nicht reif, aber ihr kostbares Innere hat immer Saison: Kürbiskerne. Die gibt es sommers wie winters getrocknet in den Läden, geröstet und gesalzen oder naturbelassen. Kürbiskerne als Knabberspaß, im Brot oder im Müsli, auf Kuchen oder Salaten sind ja nun längst bekannt. Doch aus ihnen werden auch Cremes für trockene und spröde Haut, Seifen und Lippenbalsam hergestellt. Es gibt inzwischen Würstchen mit Kürbiskernen und sogar Kürbiskern-Bier. Und natürlich das aus ihnen gepresste wunderbare, nussige Öl, das unter anderem Kürbissuppen den richtigen Pfiff gibt. Für die Knabberkerne und das Öl eignen sich längst nicht alle Kürbisse, schließlich besteht die Familie der Kürbisgewächse immerhin aus rund 90 Gattungen und 800 Arten. Allein der Ölkürbis macht das Rennen, und der steierische Ölkürbis (Cucurpita pepo var. Styriaca) hat es dabei zu Weltruhm gebracht. Die grünlichen Kerne des Ölkürbis - in jeder Frucht stecken bis zu 1000 davon - beinhalten die Vitamine A, B1, B2, C, D und E sowie Mineralstoffe wie Calcium, Magnesium, Phosphor und Kalium und außerdem die Spurenelemente Eisen, Kupfer, Mangan, Selen und Zink.

In den mit einem hellblauen Zuckerüberzug glasierten Kürbiskernen "Styriagra" von Richard Mandl sah Pfizer eine bewusste Verletzung seiner Rechte an dem Namen "Viagra" für das weltweit erfolgreiche Potenzmittel.
In den mit einem hellblauen Zuckerüberzug glasierten Kürbiskernen "Styriagra" von Richard Mandl sah Pfizer eine bewusste Verletzung seiner Rechte an dem Namen "Viagra" für das weltweit erfolgreiche Potenzmittel.(Foto: picture-alliance/ dpa/ epa apa Robert Cescutti )

Diese wertvollen Inhaltsstoffe machen die Kerne zu einem vielseitig einsetzbaren Genuss- und Heilmittel. Seit Jahrzehnten werden sie wirkungsvoll gegen Prostata- und Blasenleiden verwendet. Auch die sekundären Pflanzenstoffe sind nicht zu verachten: Phytosterine werden als bioaktive Substanzen mit gesundheitsfördernder Wirkung bezeichnet. Viel davon steckt außer in Kürbiskernen noch in Weizenkeimen, Sonnenblumenkernen, Sesam und Sojabohnen. Phytosterine wirken vermutlich direkt auf den Cholesterinstoffwechsel, indem sie die Resorption von Cholesterin im Dünndarm hemmen. Außerdem sind Kürbiskerne sehr energiereich; ihr Fett besteht zu 45 Prozent aus hochwertigen ungesättigten Fettsäuren. Deshalb ist das aus ihnen gepresste Öl auch besonders gesund. Glaubt man der Volksmedizin, so haben Kürbiskerne darüber hinaus noch eine potenzsteigernde Wirkung: In manchen Ländern gelten sie als Langzeit-Aphrodisiakum. Deshalb knabbern Heerscharen von Männern unentwegt Kürbiskerne (oder auch Sonnenblumenkerne). Ob aber deshalb aus faulen Sexmuffeln feurige Liebhaber werden? Glaubhafte Berichte darüber gibt es jedenfalls nicht. Der amerikanische Familienpolitiker Robert Hendrickson behauptete einst, schon eine Handvoll Kürbiskerne täglich könne nachlassender Potenz vorbeugen. Die Hoffnung stirbt zuletzt...

"Schuld" an den Hoffnungen hat das in den Kernen enthaltene Vitamin E. Neben seiner Wirkung als Antioxidans soll das Vitamin E sowohl die männlichen Keimdrüsen als auch die weiblichen Eierstöcke und eben auch die sexuelle Lust günstig beeinflussen. Vitamin E wirkt stimulierend auf die Hirnanhangdrüse, die dadurch vermehrt Hormone für Eierstöcke und Hoden produziert, worauf diese mit einer vermehrten Bildung von Sexualhormonen reagieren. Die chemische Bezeichnung Tocopherol bringt das auf den Punkt: Die griechischen Wörter "tokos" und "pherein" bedeuten "Nachwuchs" und "hervorbringen". Eindeutig bewiesen ist diese Wirkung des E-Vitamins natürlich nicht, was einschlägige Kreise jedoch nicht daran hindert, vom "Libido-Vitamin" zu sprechen.

Viagra vs. Styriagra

Die Kürbiskerne ...
Die Kürbiskerne ...(Foto: imago stock&people)

Der Glaube an die Macht der kleinen Kerne ist so groß, dass der Pharmariese Pfizer einen Landwirt aus der Steiermark vor einigen Jahren vor den Kadi zerrte. 25 Jahre lang fertigte Richard Mandl Kürbis-Knabber-Kerne in vielen Geschmacksrichtungen von Schoko über Vanille oder Zimt, allesamt unterschiedlich farbig dragiert. Irgendwann aber färbte Mandl Kürbiskern-Dragees auch blau ein und kam leider auf die blöde Idee, dem Kernchen den Namen "Styriagra" zu geben, zusammengesetzt aus den Worten Styria (für Steiermark) und Agrar. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Oder eher ein Schuft. Im Januar 2008 ließ der Steirer den Namen beim Patentamt für die EU-Länder und die Schweiz schützen. Im Internet und in Fachgeschäften verkaufte er pro Jahr 70.000 Packungen der bunten Knabberkerne, darunter mehrere tausend Stück der blauen Sorte "Styriagra", mit Traubenzucker und Schokolade überzogen und laut Mandl "inhaltsmäßig ein bisserl so wie ein Energydrink".

... und die Pillen.
... und die Pillen.(Foto: imago stock&people)

Was für uns eher ein lustiger Marketing-Gag ist, ließ Pfizer-Manager nur sehr böse lächeln, denn deren blaue Pillen fördern zwar die Potenz, keinesfalls aber den Humor. Für den Konzern, der mit Viagra wieder Leben in zwischenzeitlich stillgelegte Schlafzimmer bringt, hatten die gezuckerten Knabberkerne zu viel Ähnlichkeit mit dem Arzneimittel. "Zeit online" titelte damals: "Pfizer hält Männer für Idioten, unfähig, zwischen Kürbiskernen und Viagra zu unterscheiden." Das weltgrößte Pharmaunternehmen sah seine Patentrechte verletzt und ging mit aller Härte gegen den österreichischen Kleinunternehmer vor. Der Konzern klagte Mandl, der mit seinen Kernchen weitaus weniger Stehvermögen als Pfizer mit Viagra hatte, durch die Instanzen und gewann letztendlich das gerichtliche Tauziehen Marke David gegen Goliath. Mandl hatte die Verfahrenskosten zu tragen; zugleich forderte der Pharmariese einen nicht unerheblichen Schadenersatz – und im Februar 2010 musste der Steiermärker Konkurs anmelden. Mandls Überschuldung wurde mit rund 395.000 Euro angegeben. Nicht nur seine Existenz war vernichtet, auch die Familie war inzwischen zerbrochen. Wenn Pfizer so viel Angst davor hat, dass Kürbiskern-Zuckerli den Viagra-Pillen den Rang als Potenzmittel streitig machen könnten, ist dann womöglich doch was dran an dem "Libido-Vitamin" in den Kernen? Man wird ja noch mal fragen dürfen!

Bei mir jedenfalls kommen Kürbiskerne - und zwar mit den allerbesten Absichten - ins selbstgebackene Brot und geröstet auf den Salat. In den natürlich auch noch Kürbiskernöl. Meine Schulfreundin Sabine brachte mir kürzlich außer Rezepten von ihren österreichischen Freunden Kürbiskernöl und etliche andere kernige Leckereien mit. Allerdings nicht aus der Steiermark, sondern aus dem Innviertel in Oberösterreich, da wachsen nämlich auch Ölkürbisse. Fünf Landwirte haben sich dort zur Firma "pramoleum" zusammengeschlossen und produzieren außer Öl noch viele andere Sachen aus und mit Kürbiskernen, unter anderem Pasta, Lebkuchen, Schokolade und Kekse. Und natürlich Kerne über Kerne – mit Zimt und Vanille, mit Chili und Meersalz, geröstet und gesalzen oder völlig ohne alles. Nur blau ummantelte gibt’s keine. Sicher ist sicher!

Kürbiskernschnitzel

Zubereitung:

Zutaten (4 Pers):

4 Kalbsschnitzel
6 EL Mehl
1 EL Schlagsahne
2 Eier
80 g Kürbiskerne, naturbelassen
80 g Semmelbrösel
Salz, Pfeffer aus der Mühle, Rapsöl zum Braten plus etwas Butter

Die Schnitzel schön dünn plattieren (5 mm Dicke), beidseitig kräftig salzen und behutsam pfeffern. Die Eier mit der Sahne mit einer Gabel verschlagen. Die Kürbiskerne im Mixer hacken und mit den Bröseln mischen.

Die Schnitzel in Mehl wenden, überschüssiges Mehl abklopfen, durch die Eiermasse ziehen, etwas abtropfen lassen und zum Schluss in das Bröselgemisch legen. Die Bröseln von den Seiten auf die Oberfläche schaufeln, dann vorsichtig umdrehen. Die Panade aber nicht andrücken, sie geht sonst in dem heißen Fett nicht so schön auf. Die panierten Schnitzel auf Küchenkrepp legen. In reichlich Fett in einer Pfanne bei Mittelhitze knusprig braten, dabei das Bratfett immer wieder von den Seiten auf die Fleischoberfläche schöpfen. Mehrmals behutsam wenden. Zu Ende des Bratvorgangs etwa 1 EL Butter wegen des Geschmacks in das Öl geben. Die Schnitzel auf Küchenkrepp abtropfen lassen.

Tipp: Noch luftiger und lockerer wird die Panade, wenn keine fertig gekauften Semmelbrösel verwendet werden, sondern wenn man sie selbst herstellt: Einfach altbackene Kaiserbrötchen im Mixer zerkleinern. Stilecht werden Wiener Schnitzel (auch die "steierischen" mit Kürbiskernen) in einer Fritteuse bei 180 Grad ausgebacken. Es geht aber auch in einer Pfanne, nur zu wenig Öl sollte wirklich nicht drin sein. Statt Pflanzenöl und Butter kann man auch Butterschmalz zum Ausbacken nehmen.

Guten Appetit wünscht Ihnen Heidi Driesner. Und bleiben Sie humorvoll!

Quelle: n-tv.de

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