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Stilleben mit Tontopf und Kartoffeln (1884): Vincent van Gogh war der erste europäische Maler, der die Knolle bildbeherrschend auf die Leinwand brachte.
Stilleben mit Tontopf und Kartoffeln (1884): Vincent van Gogh war der erste europäische Maler, der die Knolle bildbeherrschend auf die Leinwand brachte.(Foto: wikipedia)

Der Sitz des Bösen: Gutes setzt sich durch

Von Heidi Driesner

Wer oder was ist böse? Darunter versteht jeder etwas anderes. Eine klare Definition gibt es nicht; das Böse ist meist unfassbar. Wer jenseits von Gut und Böse ist, ist nicht mehr von dieser Welt. Wo aber lauert das Böse? Sehen Sie doch mal in Ihrer Kartoffelkiste nach.

Wo eigentlich sitzt "das Böse"? 1980 wusste das Ronald Reagan bei seinem Amtsantritt als US-Präsident ziemlich genau, denn seine Mission war der Kreuzzug gegen "das Reich des Bösen", wie er die damalige Sowjetunion nannte. Daraus ist ja nun nichts geworden. Reagan lebt nicht mehr, die UdSSR auch nicht - wo aber ist das Böse hin? Ist es in eine Taliban-Hochburg entschwunden? In atomare Sprengköpfe? Lauert es etwa in den Schürzentaschen niederträchtiger Waschweiber? Weit gefehlt! Das Böse an sich sitzt in der Kartoffel.

Bevor Sie sich nun aufraffen, panisch Ihre Essgewohnheiten zu überdenken und womöglich die gesunde Knolle vom Ihrem Speiseplan verbannen, bleiben Sie lieber ganz ruhig und entspannt, denn was einst böse war, ist heutzutage längst salonfähig.

Solanum tuberosum im Blumentopf

Alles, was neu ist, wird erst einmal argwöhnisch beäugt. Das geht auch der Kartoffel im Europa des 16. Jahrhunderts so. Lange ging man davon aus, dass der Engländer Francis Drake "Solanum tuberosum" nach Europa brachte, weil der Seefahrer die echte Kartoffel in Süd-Chile nicht nur gesehen, sondern möglicherweise auf seiner Rückreise von Südamerika mitgebracht hatte. Dafür gibt es allerdings keine Belege, wohl aber dafür, dass die Kartoffel schon in Europa war, als Drake 1580 in Plymouth anlegte. In England war die Kartoffel zu diesem Zeitpunkt tatsächlich noch unbekannt, nicht aber in Spanien: Das früheste Datum für die Existenz von Kartoffeln in Europa ist das Jahr 1573, als im Hospital De la Sangré in Sevilla Kartoffeln für die Kranken gekauft werden. Entsprechende Anmerkungen finden sich im Archiv des Krankenhauses. Vermutet wird, dass unbekannte spanische Mönche um 1550 Kartoffeln von Südamerika nach Spanien brachten.

Kartoffelblüten sind eine zarte Angelegenheit.
Kartoffelblüten sind eine zarte Angelegenheit.(Foto: Keith Weller unter cc-by-sa)

Die Verwendung in einem Krankenhaus zeigt, dass die "fremdländische" Pflanze in Europa zuerst als Arzneimittel gilt. Nur wenige botanisch Interessierte wissen überhaupt von ihrer Existenz; Jahrzehnte fristet die Kartoffel ein exotisches Dasein in Ziergärten. Keiner kennt den eigentlichen Zweck der unter der Erde wachsenden bräunlichen Knollen; es geht vielmehr um die Ästhetik der "bezaubernden Pflanze": Elizabeth I. von England bedankt sich bei Untergebenen, indem sie ihnen eine Kartoffelblüte ans Wams heftet. Und die französische Königin Marie Antoinette trägt mitunter einen Kranz zarter Kartoffelblüten im Haar.

Doch ein anderer Liebhaber edler Gartenkunst, Landgraf Wilhelm IV. von Hessen-Kassel, äußert sich bereits 1591 über den Geschmack von Kartoffeln: Er schickt Knollen aus seinem Lustgarten an den Kurfürsten Christian I. von Sachsen und schreibt dazu: "Wir überschicken Euer Liebden unter anderem ein Gewächs, so wir vor wenig Jahren aus Italien bekommen haben und Taratouphli genannt wird. Dasselbe wächst in der Erde und hat schöne Blumen, guten Geruch, unten an den Wurtzeln hat es viele tubera hängen; dieselben, wenn sie gekocht werden, sind gar anmutig zu essen."

Kartoffel am Pranger

Bis weit ins 18. Jahrhundert hinein bleibt die Kartoffel jedoch vorzugsweise Zier- und Gartenpflanze. Auf ihrem Weg zur Volksnahrung hat sie wie keine andere Kulturpflanze Vorurteile und Hass über sich ergehen zu lassen. Jahrhunderte lang währt der Streit über Wohl oder Wehe der Knolle.

Während einige in der Kartoffel die Wurzel allen Übels sehen, schwören andere auf deren Heilkraft. Gegen Rheuma trägt man eine getrocknete Kartoffelknolle um den Hals, gegen Zahnschmerzen stecken sich die Geplagten eine geschälte Knolle in die Tasche - natürlich auf der Seite, wo der Zahn wütet, sonst hilft’s ja nicht.

Anderen macht der Aberglaube zu schaffen: Eine werdende Mutter darf keine Kartoffeln essen, will sie eine leichte Geburt haben. Die Knolle wird als Verursacherin von Skrofulose, Rinderpest und Lepra verdammt. Die Kirche nennt die Kartoffel eine "Teufelswurzel": Weil die Kartoffel keine Erwähnung in der Bibel findet, sei sie der Sitz des Bösen. Dort steht übrigens auch nichts über Zucker, Tabak und Kaffee … Auch im alten Russland erlassen die Altgläubigen nach ihrer Trennung von der orthodoxen Kirche ein Speiseverbot für die Kartoffel, weil sie die Inkarnation des Bösen sei.

Noch um 1850 herum warnen der deutsche Philosoph Ludwig Feuerbach und der niederländische Physiologe Jakob Moleschott vor dem Kartoffelgenuss. Die Kartoffel sei ein unmenschliches und widernatürliches Lebensmittel, denn sie erzeuge nur "träges Kartoffelblut". Allein aus diesem Grund gibt Feuerbach den armen irischen Kartoffelessern keine Chance gegen ihre englischen Unterdrücker, weil nämlich das englische Blut durch Rindersteaks vor Tatkraft nur so strotze. Und Moleschott würde am liebsten die Kartoffel völlig vom gesamten Erdball verschwinden lassen. Das setzt sich zum Glück nicht durch.

Ungeschält, gepellt oder veredelt

Gemälde mit blühenden Kartoffelpflanzen sind selten. Wilhelm Trübners "Kartoffelacker in Weßling" (1876) ist so eine Rarität.
Gemälde mit blühenden Kartoffelpflanzen sind selten. Wilhelm Trübners "Kartoffelacker in Weßling" (1876) ist so eine Rarität.(Foto: wikipedia)

Kartoffeln werden heutzutage in unzähligen Variationen genossen. Schon um 1650 wussten einige neugierige Zeitgenossen, die essbaren Knollen vielseitig einzusetzen. In einem Buch aus jenen Jahren heißt es: "In den Küchen werden die Tartuffeln vornehmlich auf vielerlei Art zubereitet. Erstlich siedet man sie in Wasser mürbe, und wenn sie erkaltet, so zieht man ihnen die auswendige Haut ab. Alsdann gießt man Wein darüber und lässt sie mit Butter, Salz, Muskatblumen und dergleichen Gewürzen von neuem kochen, so sind sie bereit. Danach kann man sie mit Hühnern, Rind- und Kälberbrühe kochen und abwürzen oder sie auch an Hammelfleisch tun. Oder man schneidet die abgekochten Tartuffeln in runde Scheiben und bratet sie in der Pfanne. Oder viertens: Man schneidet Zwiebeln und tut Essig daran und lässt es also durchbraten."

Zwar dauert es 200 Jahre, ehe Kartoffelpflanzen die Felder in Europa in großem Umfang bedecken, doch der Siegeszug ist nicht aufzuhalten. Heute ist die Kartoffel einer unserer wichtigsten Nährstoff-Lieferanten und als Beilage oder eigenständiges Hauptgericht - mehr oder minder veredelt - von unseren Tellern nicht mehr wegzudenken.

Kartoffelgerichte sind keine Hexerei, machen mitunter aber viel her - zum Beispiel die italienischen Gnocchi. Das Wort lässt sich für deutsche Zungen schwerer aussprechen als Gnocchi ("Njocki") zu kochen sind. Sie schmecken am besten in Tomatensoße, mit Pesto oder zu Salbeibutter und Parmesan. Aber auch als Beilage zu Gegrilltem oder mit Käse gratiniert sind die "Nocken" ein Leckerbissen.

Gnocchi

Zubereitung:

Zutaten (4 Pers):

1 kg mehligkochende Kartoffeln
ca. 250 g Weizenmehl
1 - 2 Eier
Salz, geriebene Muskatnuss

Die Kartoffeln waschen und in Salzwasser gar kochen. Abgießen, pellen und noch heiß durch die Kartoffelpresse drücken. Die Masse etwas ausdampfen lassen.

Ei und Mehl zu den gepressten Kartoffeln geben und mit Salz und frisch geriebener Muskatnuss würzen. Alles zu einem geschmeidigen Teig verkneten. Falls der Teig klebt, noch etwas Mehl zugeben. Die Masse zu einem länglichen Laib formen, abdecken und eine Stunde ruhen lassen.

Auf einer bemehlten Arbeitsfläche den Laib in Streifen schneiden und jeden Streifen zu einer daumendicken Rolle formen. Diese Rollen dann in 1,5 cm breite Scheiben schneiden. Mit einem Gabenrücken oder dem Zeigefinger die Gnocchi auf beiden Seiten oder nur auf einer Seite flach drücken. Die fertig geformten Gnocchi abdecken und noch ein paar Minuten ruhen lassen.

Inzwischen Salzwasser aufkochen. De Gnocchi in das kochende Wasser geben und etwa 10 Minuten ziehen lassen. Sie sind gar, wenn sie an der Wasseroberfläche schwimmen.

Die Gnocchi abgießen, portionieren, mit gehobeltem Parmesan bestreuen und mit einem Klecks Pesto servieren. Oder als Beilage reichen.

Viel Freude mit den guten und überhaupt nicht bösen Kartoffeln wünscht Ihnen Heidi Driesner.

Quelle: n-tv.de

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