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Die Knaben stehen gut im Kraut.
Die Knaben stehen gut im Kraut.(Foto: Kreis Dithmarschen)

Ein Bett im Kohlfeld: Hier sind Männer gefragt

Von Heidi Driesner

Der Herbst ist traditionelle Erntezeit für einheimisches Obst und Gemüse. Sollten Sie aber Männer auf einem Feld über einem Kohlkopf sitzen sehen, haben die ganz andere Sorgen, als die Ernte einzufahren. Steht der Wind günstig, können Sie sie stöhnen hören: "Hilf mir, oh Kohlkopf, zu neuer Kraft."

Da hilft kein Sträuben: Es wird Herbst! Nasser, kühler, dunkler … und bevor Sie sich Ihren Depressionen hingeben - man kann Herbsttage auch genießen. Die sonnigen "goldenen", die ja noch kommen sollen, ohnehin, aber auch die trüben, denn die laden ein zum Kuscheln. Heizung auf oder Kamin an, Rotweinreserven geplündert und … da fehlt doch noch etwas! Richtig: Wer schafft, braucht Kraft. Also nichts Dünnflüssiges, was Flügel verleiht. Der französische Meister der Feinschmeckerküche des 18. Jahrhunderts und Erfinder der Gastronomiekritik, Alexandre Balthazar Laurent Grimod de la Reynière, bringt es auf den Punkt: "Die beiden wichtigsten Dinge für eine gelungene Liebesbeziehung sind Herd und Matratze."

Wer hätte das gedacht: Auch Kohl ist hilfreich.
Wer hätte das gedacht: Auch Kohl ist hilfreich.(Foto: Gabi Schoenemann_pixelio.de)

Die Liste der Dinge, die nicht nur schmecken, sondern auch jene  gewissen Kräfte verleihen (sollen), ist lang. Aphrodisiaka, was soviel heißt wie "Liebesmittel", gibt es seit Urzeiten und bei allen Völkern. Es gibt kaum eine Pflanze, die nicht als "Liebeswunder" eingesetzt wurde, selbst einfaches Gras musste herhalten. Auch vor Tieren machte der Drang nicht halt, ganze Arten wurden ausgerottet, und werden es leider immer noch. Fledermaus- und Schlangenblut, Penis und Hoden von Hirsch, Pferd und Esel (!) und anderen armen Geschöpfen, Leopardenmark und Bärennieren, pulverisiertes Horn von Nashörnern - noch heute handeln Wilderer illegal damit.

Offensichtlich sind die Strafen nicht hoch genug, denn der Schwarzmarkthandel vor allem in Ostasien und im Orient blüht nach wie vor. Kellerasseln und Küchenschaben haben die Sammelorgien Sexbesessener ganz offensichtlich gut überstanden. Wer diese Insekten, getrocknet und pulverisiert, zu sich nimmt, braucht kein anderes Aphrodisiakum, heißt es heute noch in arabischen Ländern.

Von Ackerminze bis Zwiebel

Dabei ist es so einfach, lahme Lenden zu stützen. Der römische Enzyklopädist Cornelius Celsus, einer der wichtigsten Medizinschriftsteller seiner Zeit, empfiehlt für die Zubereitung eines "poculum amatorium" (Trank, gegeben, um Liebe zu erregen) Ackerminze, Thymian, Pfefferkraut, Ysop, Raute und Zwiebel. Der griechische Arzt und Anatom Galenos von Pergamon nennt außerdem als "samenspendend": Kohl, Spinat, Kichererbsen, Pastinaken, Rüben, Bohnen und Erbsen, Spargel, Lauch und Porree. Sie brauchen also nur in den Garten oder den Supermarkt zu gehen.

Oder aufs Feld: In Frankreich setzen sich lendenschwache Männer auf dem Feld über einen Weißkohlkopf und flehen: "Hilf mir, oh Kohlkopf, zu neuer Kraft." Es soll helfen … Alte Postkarten erzählen diese Geschichten über das Bemühen, einen Stammhalter zu zeugen. Um 1900 herum wurden sie verschickt, natürlich nur bei Erfolg. Franzosen warten also nicht auf Meister Adebar, sondern Madame und Monsieur statten ihrem Gärtner einen Besuch ab und kommen mit ihrem baby chou, dem Knaben aus dem Kohl, zurück. Jeunes filles, die Schwesterchen, werden übrigens vom Rosenstrauch abgepflückt.

Ob heute noch Franzosen auf dem Kohl sitzen, weiß ich nicht, aber es soll dort Männer und Frauen geben, die vertrauen immer noch auf eine befruchtende Wirkung des Krauts und legen bei passender Gelegenheit ein Kohlblatt unter das Kopfkissen.

Nach Kindbett und Hundebiss

Der Ursprung unserer Kohlköpfe bleibt im Dunkel; in Mitteleuropa wird Kohl erst seit dem Mittelalter angebaut. Jedoch berichteten schon die Geschichtsschreiber des griechischen und römischen Altertums von kultivierten Kohlpflanzen. Die alten Griechen verordneten den Frauen nach dem Kindbett Kohl als Stärkungsmittel. Umschläge mit Kohlblättern wurden auch gegen Krämpfe und Hundebisse eingesetzt. Plinuis behauptete, die Römer seien sechs Jahrhunderte ohne Ärzte ausgekommen, weil sie viel Kohl aßen. Gute Gründe, auf die Alten zu hören.

Die meisten Kohlarten haben viel Vitamin C. So weisen 100 g  Rosenkohl mit 114 mg kaum weniger Vitamin C auf als 100 g Paprika mit 140 mg - und toppen sogar noch die Zitrone (53 mg). Selbst Weiß- und Wirsingkohl müssen sich mit 30 bis 70 mg Vitamin C pro 100 g nicht verstecken. Zwar geht beim Kochen ein Teil des Vitamins verloren, aber eben nur ein Teil. Wer sein Gemüse nicht im Wasser kocht, sondern schonend über Dampf gart, kann den Verlust reduzieren. Außerdem enthalten im Kohl sind Vitamin B sowie die Mineralstoffe Kalium, Kalzium und Eisen.

Gemüsehändler in Dithmarschen: Kohlkopp gefällig?
Gemüsehändler in Dithmarschen: Kohlkopp gefällig?(Foto: Imago)

Drei Viertel des Kohls in Deutschland stammt aus heimischem Anbau und muss nicht importiert werden und schont wegen der kurzen Wege auch noch die Umwelt. Die Region Dithmarschen ist mit über 2800 Hektar Europas größtes, geschlossenes Kohlanbaugebiet, in dem jedes Jahr bei allerbestem Nordseeklima rund 80 Millionen Kohlköpfe gedeihen - statistisch gesehen kommt auf jeden Bundesbürger ein "Kohlkopp". Die natürlichen Voraussetzungen in den fruchtbaren Dithmarscher Seemarschen sind bis heute optimal: Die Bodenqualität ist hoch, die Niederschlagsmenge ausreichend und der Seewind macht es Kohlschädlingen schwer, in Dithmarschen zu landen und die Ernte zu gefährden. Im feuchten, milden Küstenklima gedeiht der Kohl fast ohne Düngemittel. Wer es in diesem Jahr nicht geschafft hat, bei den Dithmarscher Kohltagen sein Wissen zu erweitern und jede Menge leckere Kohlgerichte zu kosten, der sei auf kommendes Jahr vertröstet: Die 28. Dithmarscher Kohltage finden vom 16. bis 21. September 2014 statt. Bis dahin haben Sie jede Menge Zeit, Kohl an Bett und Tisch zu bringen, denn auch Lendenstarke sollten so ein Krautgericht nicht verachten:

Scharfer Kohl

Zutaten (4 Pers):

1 kleiner Weißkohlkopf
1 rote Zwiebel
2 Knoblauchzehen
3 cm frischer Ingwer
2 frische Chilis
5 getrocknete Chilis
1 EL grüne eingelegte Pfefferkörner
1 EL Salz
150 ml Apfelessig
ca. 50 g Zucker
ca. 5 EL Sesamöl

Zubereitung:

Den Kohl vierteln und von Strunk und dicken Blattrippen befreien. Sie benötigen 400 bis 500 g im geputzten Zustand. Die Kohlviertel in Streifen schneiden. Mit Salz bestreuen, vermengen und 4 bis 6 Stunden ziehen lassen, am besten mit einem Gewicht beschwert. Danach die Kohlstreifen abspülen, ausdrücken und in eine Schüssel geben. Die frischen Chilis entkernen und in feine Streifen schneiden. Zwiebel, Knoblauch und Ingwer putzen und alles in feine Scheiben schneiden. Die Pfefferkörner abspülen und mit einem Stößel leicht andrücken. Alle Zutaten unter den Kohl mengen.

In einer großen Pfanne oder einem Wok das Öl erhitzen. Die getrockneten Chilis darin braten, bis sie dunkel sind; dann herausnehmen. Das Öl über den Kohl geben. Den Essig erwärmen, den Zucker darin auflösen und über das Kraut gießen. Alles gut mischen und ein paar Stunden gut durchziehen lassen.

Viel Erfolg - auf dem Kohlfeld, in der Küche und danach - wünscht Ihnen Heidi Driesner.

Quelle: n-tv.de

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