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Greyerzer, französisch Gruyère, ist eine von etwa 400 Schweizer Käsesorten.
Greyerzer, französisch Gruyère, ist eine von etwa 400 Schweizer Käsesorten.(Foto: imago stock&people)

Blick über den Tellerrand: Hosenknöpfe kann man essen

Von Heidi Driesner

Wozu soll man versuchen, in einem so scheußlichen Land wie Amerika zu leben, wenn es Frankreich, die Schweiz und Italien gibt? Das fragte sich einst ein liberaler, weltoffener und freiheitsliebender Nobelpreisträger aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

Amerika ist derzeit wieder mal in aller Munde, zumeist leider aus ziemlich unschönen Anlässen, und ich meine nicht die gourmetfeindlichen Hot Dogs, Hamburger oder Gummi-Adler bei KFC. Für einen wirklich sehr berühmten Amerikaner, dessen Neugier und Hunger nach Erfahrungen wir viele schöne Werke verdanken, war America keinesfalls first: Ernest Hemingway. Kosmopolit und Bonvivant, aber auch unverbesserlicher Macho und Trinker. Heute wird zwar Hemingways schriftstellerisches Werk trotz Pulitzer- und Literaturnobelpreis distanzierter gesehen, dennoch gehören seine Erzählungen zum literarischen Erbe sowohl in der Neuen als auch in der Alten Welt. Und das wird auch so bleiben.

Ernest und Hadley Hemingway im Januar 1922 in Chamby.
Ernest und Hadley Hemingway im Januar 1922 in Chamby.(Foto: Wikipedia/John F. Kennedy Library)

Seiner Experimentierfreude, seiner Offenheit für nationale und regionale Spezialitäten haben wir wunderbare Beschreibungen auch europäischer Gerichte zu verdanken. Frankreich, Italien, Spanien, die Schweiz - was Hemingway dort auch erlebte, immer wieder machte er die Geschehnisse am Essen, Trinken und Genießen fest. Vor allem Paris war für ihn ein Fest fürs Leben. Das Berlin der Zwanziger fand er dagegen grauenhaft: "Berlin ist eine vulgäre, hässliche, mürrisch zügellose Stadt." Das hat sich zum Glück geändert, Ende vergangenen Jahres kam Berlin in einer Studie der Reiseplattform "GoEuro" zu den beliebtesten europäischen Reisezielen immerhin auf Platz drei hinter Barcelona und Prag. Kulinarisch ist die deutsche Hauptstadt zwar immer noch nicht top, aber auch da tut sich einiges. In dieser Kategorie machen wie zu Hemingways Zeiten Barcelona, Madrid und Paris das Rennen.

1922 fuhr der Amerikaner mit dem Ruf eines Haudegens und Draufgängers mit seiner ersten Frau Hadley (es folgten noch drei) ins schweizerische Chamby, um Skifahren zu lernen. In einem Brief an Katy Smith, eine Jugendfreundin aus seinem Geburtsort Oak Park, schrieb er: "Wir wohnen in einem Chalet, das von einem englischsprechenden Schweizer namens Gangwisch betrieben wird; wir frühstücken im Bett und dann gibt’s noch zwei riesige Mahlzeiten. Seine Frau ist eine prima Köchin, und wir zahlen für eine Mahlzeit wie Roastbeef, pürierter Blumenkohl, Bratkartoffeln, eine Suppe vorher und Blaubeeren mit Schlagsahne hinterher ganze zwei Dollar am Tag ... Wozu soll man versuchen, in einem so scheußlichen Land wie Amerika zu leben, wenn es Paris und die Schweiz und Italien gibt." Chamby liegt in der Französischen Schweiz – ob Hemingway diesen Ort deshalb wählte? Dieser Teil der Schweiz liefert der Küche jedenfalls die elegantesten Gerichte.

Wenn unsereins an die Schweizer Küche denkt, fallen zuerst die Begriffe Fondue und Raclette, Käse und Schokolade. Je nach Vorlieben dann auch Birchermüesli, Cordon Bleu, Zürcher Geschnetzeltes und Rösti. Der versierte deutsche Schweiz-Urlauber weiß selbstverständlich längst, dass Rösti leckere kleine Kartoffelpuffer sind, aber "Röööschti" ausgesprochen werden, und Gschwellti nicht geschwollene Füße vom Wandern sind, sondern kleine Pellkartoffeln. Aber oft genug weiß man nicht so recht, was da alles drin steckt in dem Gericht, da hilft nur, wie weiland Hemingway neugierig zu sein und draufloszuprobieren.

So sollten "Totenbeinli" nicht abschrecken, sondern zum Naschen verführen, das ist nämlich eine süße Leckerei aus Haselnüssen und Mandeln aus Graubünden. "Hosechnöpf" sind keine Hosenknöpfe, wohl aber genauso hart. Deshalb heißen diese Eiweiß-Bonbons aus dem Aargau auch "Geduldszeltli",weil man viel Geduld aufbringen muss, ehe sie im Mund zergehen. "Cholera" ist nichts Ansteckendes, jedenfalls in der schweizerischen Küche, sondern eine Walliser Blätterteigpastete mit Birnen, Äpfeln, Kartoffeln, Speck, Zwiebeln und Käse. Den überbackenen herzhaften Toast "Alpenglühn" bekommt man als Imbiss fast überall in der Schweiz. Und zum "Schunggebegräbnis" geht in der Baseler Umgebung niemand auf den Friedhof, sondern in eine Gaststätte, um diese gebackenen Schinkennudeln zu genießen. Hemingway hatte jedenfalls an Chäs und Schpätzli, Schwömm und Wii garantiert seine helle Freude (zur Sicherheit: Käse, Spätzle, Pilze und Wein).

Chässüppli

Zubereitung:

Zutaten (4 Pers):

1 l Geflügel- oder Rinderbouillon
60 g Butter
1 Zwiebel
3 Esslöffel Mehl
2 Eigelb
2 EL Sahne
100 g Greyerzer oder Emmentaler
½ Bd Schnittlauch
Salz, weißer Pfeffer aus der Mühle, geriebene Muskatnuss

Butter zerlassen und die gehackte Zwiebel darin glasig andünsten. Mit dem Mehl bestäuben und anschwitzen, bis die Schwitze goldgelb ist. Langsam die Brühe unter Rühren hinzufügen, mit einem Schneebesen schön glatt rühren und zum Kochen bringen. Etwa 10 Minuten auf ganz kleiner Flamme sieden lassen. In der Zwischenzeit den Schnittlauch in feine Röllchen schneiden und den Käse reiben.

Die Suppe vom Herd nehmen und etwas abkühlen lassen. Die Eigelbe mit der Sahne leicht verrühren und damit die Suppe verfeinern. Die Suppe nicht mehr aufkochen! Mit Salz, Pfeffer und einer Prise Muskat abschmecken. Die Suppe in 4 Suppentassen oder -schüsselchen portionieren und mit dem frisch geriebenen "Chäs" und den Schnittlauchröllchen bestreuen.

Guten Appetit - und bleiben Sie weltoffen, Ihre Heidi Driesner.

Quelle: n-tv.de

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