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Schokolade und Wein - ein verführerisches Duett.
Schokolade und Wein - ein verführerisches Duett.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Verflixter Verführer: In der Hand von Ghrelin

Von Heidi Driesner

Ghrelin ist keine Hauselfe bei Harry Potter oder ein Hobbit wie Frodo - aber ähnlich geheimnisvoll und klitzeklein. Und verdammt mächtig. Ghrelin verführt uns, macht uns glücklich. Also her damit? Die Einladung will gut überlegt sein, denn Ghrelin hat eine dunkle Seite. Lust und Leid liegen dicht beisammen.

An die Zeit der Schmetterlinge im Bauch können Sie sich sicher erinnern oder - noch besser - bei Ihnen flatterts gerade mächtig: rosarote Brille, stets ein leichtes Grinsen im Gesicht, Wolke 7 und so. Wie schön für Sie! Spötter und unromantische Menschen allerdings winken ab, für sie ist das wunderbare Verliebtsein nur ein Hormoncocktail, der manches Hirn auf Erbsengröße schrumpfen lässt.

Testosteron und Östrogen, Melatonin und Serotonin, Adrenalin, Insulin und noch einige andere - Hormone haben uns fest im Griff. Mit wem wir ins Bett gehen, ist allerdings nicht nur "hormongesteuert", sondern hängt auch vom eigenen Willen ab (wenigstens ein bisschen). Deshalb ist die Entschuldigung "hormonbedingt" für einen Seitensprung eine ziemlich blöde Ausrede.

Auch ein Tango ist verführerisch und seit 2009 sogar Weltkulturerbe.
Auch ein Tango ist verführerisch und seit 2009 sogar Weltkulturerbe.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Was stimmt ist die Tatsache, dass die Chemie in uns eine zentrale Rolle spielt. Damit unsere zig Billionen Zellen, aus denen wir bestehen, reibungslos funktionieren, müssen die Abläufe koordiniert werden - und zwar durch das Nerven- und das Hormonsystem. Während die Nerven ihre Befehle als elektrische Impulse geben, sondert das Hormonsystem biochemische Botenstoffe ab - die Hormone. Sie gelangen im Blut an ihren Einsatzort und steuern lebenswichtige Funktionen wie Kreislauf, Atmung und Stoffwechsel. Sie lassen uns wachsen, bestimmen unsere Entwicklung zu Mann oder Frau, regeln die Fortpflanzung, machen uns glücklich oder traurig, beeinflussen unseren sozialen Kontakt. Ohne unsere Hormone sind wir ein Nichts! Diese winzigen Moleküle lassen uns mitunter verrückte Dinge tun und können sogar die Aktivität des Großhirns als wertende Instanz deutlich reduzieren - zum Beispiel beim Sex … 

Zwar ahnen Mediziner schon in weit zurückliegenden Jahrhunderten, dass es im menschlichen Körper Botenstoffe als Informationsvermittler für die Organe gibt, entdeckt werden die Hormone aber erst Anfang des 20. Jahrhunderts durch die englischen Physiologen Ernest Henry Starling und William Maddock Bayliss. 1905 schlägt Starling den Namen Hormon vor für diese Substanzen, die von Drüsenzellen aus ins Blut gelangen und andere Organe zur Aktivität anregen (griechisch "hormao"- ich treibe an). Seit den gut 100 Jahren der wissenschaftlichen Entdeckung der Hormone werden deren mannigfaltige Wirkungen auf den Organismus ebenso fieberhaft erforscht wie die Möglichkeit, ihre Produktion durch synthetische Hormone zu ersetzen. Die bisher spektakulärste Entwicklung dürfte wohl die Anti-Baby-Pille sein. Aber auch ganz neue therapeutische Möglichkeiten erschließen sich zum Beispiel durch Insulin oder Cortisol.

Das Schlankmacher-Hormon

Und noch immer werden, seit 1901 das Adrenalin isoliert und später nach den Erkenntnissen von Starling und Bayliss als Hormon erkannt wurde, immer weitere dieser körpereigenen Stoffe entdeckt.

Erst 2012 wird ein Hormon entdeckt, das den Fettabbau fördert. Die US-amerikanischen Forscher nennen ihre Entdeckung nach der griechischen Götterbotin Iris "Irisin".  Irisin, auch Sporthormon genannt, wird nach sportlicher Betätigung von den Muskelzellen gebildet, regt den Stoffwechsel an und fördert den Fettabbau, indem es ungesunde weiße Fettzellen in Energie liefernde braune umwandelt. Zudem verbessert das Hormon die Blutzucker- und Insulinwerte.

Die Wissenschaftler hoffen, auf der Basis von Irisin ein Medikament gegen Diabetes entwickeln zu können. Und welch positive “Nebenwirkung” wenn es gelänge, daraus eine Schlankheitspille zu zaubern, die ohne menschliches Zutun überschüssiges Fett abbaut. Ein Traum für alle Bewegungsmuffel: auf der Couch liegen und abnehmen!

Das Speisekarten-Hormon

1999 wird ein Hormon isoliert, das von der Magenschleimheit freigesetzt wird und seine Wirkung im Gehirn entfaltet. Es spielt im Stoffwechsel eine zentrale Rolle und beeinflusst sehr viele unterschiedliche Prozesse wie Hunger und Sättigung, Sucht, Schlaf, Stimmung. Aus der Tatsache, dass dieses Stoffwechselhormon sogar über die Produktion von Wachstumshormonen mitentscheidet, leiten die Wissenschaftler seinen Namen ab: Ghrelin. Das ist ein Akronym für Growth Hormone Release Inducing - die Freisetzung von Wachstumshormonen einleitend.

Italienisches "Dolce vita" - wer kann da widerstehen?
Italienisches "Dolce vita" - wer kann da widerstehen?(Foto: picture-alliance/ dpa)

Ghrelin beeinflusst die Hirnregionen, die Appetit auslösen und steuert zusammen mit Leptin und Cortisol das Hunger- und Sättigungsgefühl. In Publikationen wird Ghrelin mitunter als Hunger-Hormon bezeichnet, mein Kollege Bernhard von Oberg aus Dithmarschen nennt es lieber "Speisekarten-Hormon", denn Ghrelin verführt zum Essen. Wenn Ihnen schon beim Lesen der Speisekarte oder beim Betrachten von Fotos in Kochbüchern im wahrsten Sinne des Wortes das Wasser im Munde zusammenläuft, hat Ghrelin Sie fest im Griff.

Die Stimulation der Nahrungsaufnahme durch Ghrelin ist Thema vieler Studien. Vor dem Essen steigt der Ghrelinspiegel, danach sinkt er wieder. Gleichzeitig verlangsamt Ghrelin aber die Fettverbrennung, dadurch kann das Körpergewicht steigen. Forscher haben beobachtet, dass bei Übergewichtigen der Ghrelinspiegel nach dem Essen nicht absinkt. So bleibt möglicherweise ein Sättigungsgefühl aus. Auch die Zusammensetzung der Nahrung beeinflusst die Ghrelinsekretion: Nach kohlenhydratreicher Kost sinkt der Ghrelinspiegel innerhalb einer Stunde ab, nach fettreicher Kost dauert das Absinken dreimal so lange. Eiweißreiches Essen lässt den Ghrelinspiegel sogar noch ansteigen. Dieses Stoffwechselhormon könnte Arzneimittelforscher auf den Weg zu neuen Medikamenten gegen Adipositas und deren Folgeerkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes und Arterienverkalkung bringen.

Ghrelin wirkt aber nicht nur auf den Hypothalamus, der Hunger und Durst steuert, sondern auch auf das Belohnungszentrum im Gehirn. Die Prozesse in diesem Areal werden mit der Entwicklung von Esssucht und Alkoholismus in Zusammenhang gebracht. Forscher sprechen daher Ghrelin auch eine Schlüsselfunktion für die Alkoholsucht zu.

Ghrelin macht uns also glücklich - leider aber auch dick und süchtig. Neben dieser wenig beliebten Eigenschaft kann der Botenstoff aber auch zu positiven Effekten führen. Studien zeigen nämlich, dass Ghrelin Angstgefühle und Depressionen dämpft. Danach treibt Stress den Ghrelinspiegel in die Höhe, wodurch die Angst kleiner und der Mut größer wird. Der höhere Ghrelinspiegel wiederum führt dazu, dass Menschen in belastenden Situationen mehr essen als nötig: "Frustessen". Und da sind wir wieder bei dick und glücklich.

Wenn sich inzwischen bei Ihnen genügend Appetit eingestellt hat, geben Sie Ihrem Ghrelin etwas Leckeres zu futtern, denn ein bisschen Verführung darf schon sein:

Kotelett unter der Haube

Zutaten (4 Pers):

4 Schweinekoteletts
80 g Roquefort
1 altbackenes Brötchen
1 EL Semmelmehl
½ Bd Petersilie
1 EL Mehl
Salz, Pfeffer, Öl

Zubereitung:

Das Brötchen in kaltem Wasser einweichen, danach ausdrücken und zerpflücken. Den Käse reiben und die Petersilie fein hacken. Das ausgedrückte Brötchen mit der Petersilie, den Semmelbröseln, frisch gemahlenem Pfeffer und dem Käse locker vermengen.

Etwas Öl erhitzen, die Koteletts salzen, in Mehl wenden und in dem Öl von beiden Seiten in kurzer Zeit knusprig braten. Dann die Käsemasse auf die Fleischscheiben häufen und die Koteletts 10 bis 15 Minuten grillen, bis der Käse eine goldbraune Farbe annimmt.

Auf gedünstetem Blattspinat angerichtet und mit Salzkartoffeln serviert macht dieses Essen garantiert glücklich - und nicht allzu dick.

Viel Erfolg wünscht Ihnen Heidi Driesner.

Quelle: n-tv.de

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