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Höhepunkt des Quedlinburger Weihnachtsmarktes ist der "Advent in den Höfen".
Höhepunkt des Quedlinburger Weihnachtsmarktes ist der "Advent in den Höfen".(Foto: picture-alliance/ dpa)

Die Durchquerung des Nichts: Meine Reise von B nach Q

Von Heidi Driesner

Ich bin Bahn gefahren; für einen Auto-Junkie ein abenteuerliches Unterfangen. Es ist eisig kalt, ein bisschen Schnee. Der fällt erst einen Tag später richtig dicke. So komme ich in den Genuss pünktlich fahrender Züge, wobei sich "Genuss" schnell relativiert. Die Durchquerung eines "Nichts" der DB überstehen nicht alle Reisenden.

Um den Nikolaustag herum macht die Wandergruppe meiner Schwester immer einen Ausflug zu einem der schönsten Weihnachtsmärkte Deutschlands. In diesem Jahr soll es Quedlinburg in Sachsen-Anhalt sein. "Jeweils am zweiten und dritten Adventswochenende lockt der 'Advent in den Höfen', für viele Besucher der eigentliche Höhepunkt der vorweihnachtlichen Zeit, in die UNESCO-Welterbestadt", heißt es auf www.quedlinburg.de. "Genießen auch Sie die heimelige Atmosphäre in zahlreichen Höfen mit ihrem breiten Angebot aus Kunst, Handwerk und Küche." Hört sich gut an und ich fahre mit.

Und zwar mit der Bahn. Schön bequem, weil organisiert. Nur einmal umsteigen in Magdeburg, man sitzt weich und warm, muss sich um nichts kümmern … Welch ein Irrtum!

Kein Zug weit und breit.
Kein Zug weit und breit.(Foto: picture alliance / dpa)

Ich sollte eigentlich gewarnt sein durch das Abenteuer meiner Freunde Moni und Peter, die im Oktober in Altenburg unbedingt Verwandte besuchen wollten. Da gab es keine Eiseskälte, laut DB-Servicezentrum auch keine Baustellen. Um es kurz zu machen: Es gab Bahn-Baustellen und unregelmäßigen Schienenersatzverkehr. Peter hatte als Diabetiker seine liebe Mühe, irgendwo im Nirwana der Deutschen Bahn sein Spritzbesteck zur Anwendung zu bringen.

"Vielen Dank für Ihre Engelsgeduld"

All das hatte ich wohl vergessen, als ich in Berlin-Alexanderplatz auf dem Bahnsteig warte. Mein RE 1 von Frankfurt (Oder) nach Magdeburg hat elf Minuten Verspätung, weil er auf einen Anschlusszug warten muss. Kein Problem, alles verständlich. Bei jeder Durchsage eine freundliche Entschuldigung der Stimme im Bahnhofslautsprecher. Meine Schwester und ich haben oben im Doppelstockzug Sitzplätze, das Gros der Gruppe steigt erst am Bahnhof Zoo ein und hat weniger Glück. Immer wieder leuchtet auf der Info-Tafel im Zug auf: "Vielen Dank für Ihre Engelsgeduld."

Und der Weihnachtsverkehr hat noch gar nicht begonnen.
Und der Weihnachtsverkehr hat noch gar nicht begonnen.(Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb)

Dann hat meine Schwester den Morgenkaffee gefiltert und muss mal. Sie entschwindet nach vorn in Fahrtrichtung zum angezeigten WC. Zur Erinnerung: Das heißt water closet, zu deutsch Wasserklosett. Als ich schon überlege, wie man in einem Zug eine Vermisstenmeldung aufgibt, taucht sie wieder auf - von hinten, mit hochgekrempelten Hosenbeinen und auch ansonsten leicht ramponiert. Einzelheiten dürfen Sie sich selbst ausmalen, seien Sie nicht zu zaghaft dabei. Zum Glück habe ich für derlei wasserlose Gefahrenmomente und fürs Überleben bei Vogel- und Schweinegrippe ein Fläschchen mit Desinfektionslösung im Rucksack.

Bis Magdeburg hat der Zug die Verspätung fast aufgeholt. Umstieg in den Harz-Elbe-Express (HEX). Wieder Glück: Wir ergattern Sitzplätze! Gefühlte Tausende um uns herum nicht. Irgendwann bedeckt mich eine aus dem Gepäcknetz rutschende, nicht ganz saubere und müffelnde Männerjacke, dem neben mir um die Wette schniefenden Pärchen biete ich nach nervenden 15 Minuten Rotzhochziehen ein Päckchen Papiertaschentücher an (Gott sei Dank, sie nehmen’s) und ich versuche, das über einen Kinderwagen hinweg lautstarke Genörgel zweier Männer über die blöden Touristen, die unbedingt wie sie auch nach Quedlinburg wollen, zu ignorieren.

Nun muss ich mal … Im Gegensatz zum RE 1 verdient das Örtchen im HEX den Namen WC. Auf dem Hin- und Rückweg durch die Menschenmassen bleibt ein Jackenknopf auf der Strecke; kein Problem, Schwund ist schließlich überall.

Menschliche Bedürfnisse in der Welterbestadt

In Quedlinburg spuckt das Bähnle seine Fracht aus. Das Harzstädtchen ist allerliebst; das finden außer uns die gefühlten Tausenden aus dem Zug auch und weitere, die mit Bussen angereist sind. Da es inzwischen fast Mittag ist, wir schließlich schon um 7.44 Uhr losgefahren sind, entern wir sofort eine Gaststätte. Das ist eine gute Idee, wir finden zwei Plätze, sitzen und essen gut. Später, als alle anderen vor den Restaurants und Cafés lange Schlangen bilden, sehen wir uns die vielen kleinen Weihnachtsmärkte in 24 Höfen zwischen den historischen Fachwerkhäusern an. Dann muss der Glühwein raus …

Für den, der muss und nicht darf, ist das wirklich der "Vorhof zur Hölle".
Für den, der muss und nicht darf, ist das wirklich der "Vorhof zur Hölle".(Foto: Dieter Jäger/pixelio.de)

Am zweiten geschlossenen Toilettenwagen geben wir auf. In einem Hotel garni lassen wir uns vom Zettel an der Tür "Keine öffentlichen Toiletten" (der klebt fast überall im ansonsten gastfreundlichen Quedlinburg) nicht abschrecken und fragen höflich an der Rezeption, ob … Wir fliegen raus, bevor wir unsere Bitte vollständig ausgesprochen haben. Irgendwann kommt wieder ein mobiles WC; diesmal geöffnet und wir reihen uns in die Schlange der Bedürftigen ein. Danach wagen wir kaum noch, an den Weihnachtsmarktständen etwas zu essen und zu trinken.

Unsere Idee, außerhalb der City auf dem Weg zurück zum Bahnhof ein Café mit freien Plätzen zu finden, erweist sich als Wahnwitz. Also bleibt zweieinhalb Stunden vor Abfahrt des Zuges nur der Bahnhof. Egal, raus aus der Kälte, sitzen, eine Toilette … So blöd können auch nur Großstädter denken. In der Provinz, und mag sie auch noch so welterbewürdig sein, braucht die DB keinen Bahnhof (so ein paar doofe Reisende mitunter schon). Lohnt sich nicht, aus die Maus, wozu gibt’s Automaten. Schon von weitem sehen wir, wie verzweifelte Reisende an den Türen rütteln, die keine Klinken mehr haben. Drinnen menschenleer, aber es brennt ein funzliges Licht. Zu betreten ist dieser "Wartesaal" nur an der Rückfront des Gebäudes - wenn man Glück hat. Wir haben keins, denn samstags ist hier um 14.30 Uhr Sense. Unter den Öffnungszeiten der Satz "Toiletten befinden sich in der Innenstadt".

Im rechten Teil des Bahnhofsgebäudes hat hinter zugezogenen Gardinen eine "Flippothek" ebenso geöffnet wie 100 Meter links vom Bahnhof ein Fünf-Sterne-Spielcasino. Wir wollen aber nicht spielen, wir müssen mal. Kalt ist uns außerdem. Die Rettung: Nah beim Bahnhof ein Hotel. Zettel an der Tür: "Keine öffentlichen …" Aber wir wollen ja auch sitzen und Kaffee trinken. Es wird uns Asyl für eine Stunde gewährt, dann wird das Restaurant geschlossen, weil gewischt und fürs Abendessen eingedeckt werden muss. Um 17 Uhr stehen wir wieder auf dem eiskalten Bahnsteig. Bis zur Ankunft und Abfahrt des HEX um 18.33 Uhr bilden bibbernde Reisende Grüppchen; die außen Stehenden dürfen auch mal in die etwas wärmere Mitte.

Im Nichts der Deutschen Bahn

Der Zug ist pünktlich und übervoll, die Rückfahrt ähnelt der Hinfahrt. Bis auf eine Kleinigkeit: Das Nichts. In das fallen Inhaber von diversen Tickets des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg (VBB). Die unternehmungslustigen Rentner aus der Wandergruppe meiner Schwester sind fast alle Inhaber eines Abo-Tickets "65plus". Das endet auf der Strecke nach Magdeburg in Wusterwitz, das Regio-Hoheitsgebiet in Sachsen-Anhalt beginnt erst in Genthin. Dazwischen, so belehrt uns der Fahrkartenkontrolleur, rollt der Zug durch "ein Nichts". Das kostet 3,40 Euro und muss an die Deutsche Bahn nachgezahlt werden. Der diensteifrige junge Mann hat alle Hände voll zu tun mit dem Nachkassieren.

Eine Reise nach Quedlinburg lohnt sich aber dennoch.
Eine Reise nach Quedlinburg lohnt sich aber dennoch.(Foto: Grit/pixelio.de)

In Genthin, der letzten Station in Sachsen-Anhalt vor dem Nichts, steigen drei fröhliche Jungs ein: ‘Ne Menge Metall im Gesicht und zwischen sich einen Bierkasten. Die drei sind nicht betrunken, nur lustig und bringen die Rentner zum Lachen. Sie sind Inhaber eines Brandenburg-Tickets und sollen ebenfalls je 3,40 Euro zur Durchquerung des DB-Nichts bezahlen. Das wollen sie nicht, Bier will der Schaffner nicht. Alle lachen, aber ziemlich schnell ist Polizei da. Die Jungs lassen nicht mit sich reden, Schaffner und Polizei sich nicht erweichen und so fliegen die drei raus aus dem Zug. Da haben wir alle das Nichts schon durchquert und sind im Land Brandenburg. Zu sehen ist auch da nichts: Keine Spur von einem Bahnhof, nur ein zugiger Bahnsteig, schwarze Nacht und Eiseskälte. Da stehen nun die drei mit ihrem Bierkasten; drinnen im Zug helle Empörung bei den Rentnern. Erinnerungen werden laut, wie Bahnbeamte auch schon Kinder ohne gültigen Fahrschein aus dem Zug geworfen haben. Es nutzt nichts, der Zug fährt ohne die Bierkasten-Jungs weiter. Sie müssen zwei Stunden ausharren, dann kommt wieder ein Zug nach Berlin. Den dürfen sie dann getrost benutzen, denn sie sind ja schon im Brandenburgischen. Auf der Hinfahrt waren wir übrigens auch durch das Nichts der Deutschen Bahn gerollt, geht ja nicht anders, da musste komischerweise niemand die 3,40 Euro bei der Kontrolle berappen. Das verstehen wohl nur DB-Spezialisten.

Meine Schwester und ich erreichen Berlin kurz nach 22 Uhr, ohne richtig aufgetaut zu sein. In meinem Inneren kreist ein Mantra: Katze, Klo, Wanne, Grog, Bett. Zu Hause angekommen ändert sich die Reihenfolge der "K"s zu meinen Gunsten, den Grog schütte ich im heißen Badewasser liegend in mich hinein. Im Bett taucht vor meinem inneren Auge die in warnendem Rot leuchtende Info-Tafel aus dem RE 1 auf: "Wir bedanken uns für Ihre Treue … Ihre DB Regio Nordost", und ich schlafe mit dem beruhigenden Wissen ein, dass ich nie zu den Getreuen der Bahn gehören werde.

Quedlinburg ist dennoch eine Reise wert, aber besser nicht mit der Bahn und nicht unbedingt zur Adventszeit. Und wenn Sie dort übernachten, haben Sie auch immer ein WC zur Hand. In sehr guter Erinnerung bleiben mir die Freundlichkeit und das gute Essen in dem einzigartigen "Café Roland":

Graubrotfladen mit Birne und Ingwer

Zubereitung:

Zutaten (pro Person):

1 Graubrotfladen
2 EL Creme fraiche "Kräuter"
2 EL gehackter roher Schinken
1 Stück frischer Ingwer
1 Birne
3 Scheiben Bacon
3 Scheiben Schnittkäse
Pfeffer, Paprika

Aus einer Brotmischung nach Vorschrift Teig herstellen und gehen lassen. Den Teig zu Fladen formen; pro Fladen etwa eine Teigmenge wie für ein Doppelbrötchen verwenden. Die Fladen auf ein mit Backpapier ausgelegtes Backblech legen, überall mit einer Gabel einstechen und zugedeckt an einem warmen Ort noch einmal etwa 30 Minuten gehen lassen.

In der Zwischenzeit die Creme fraiche mit Pfeffer und Paprika kräftig abschmecken. Den Schinken fein würfeln, die Birne schälen, vierteln und die Viertel quer in größere Stücke teilen. Den Ingwer in Scheiben oder in kleine Stücke schneiden.

Die Fladen im vorgeheizten Backofen bei 220 Grad etwa zehn Minuten backen. Kurz aus dem Ofen nehmen: Creme fraiche auf den Fladen verteilen (einen Rand freilassen), darauf die Schinken-, Birnen- und Ingwerstücke häufen. Alles gut mit Schnittkäse abdecken, darauf mittig locker den Bacon platzieren. Bei gleicher Temperatur weitere zehn bis zwölf Minuten backen.

Guten Appetit, warme Füße und einen schönen dritten Advent wünscht Ihnen Heidi Driesner.

Quelle: n-tv.de

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