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Die 31. Dithmarscher Kohltage starten mit dem feierlichen Kohlanschnitt auf dem Hof von Hans-Jürgen Timm in Friedrichskoog.
Die 31. Dithmarscher Kohltage starten mit dem feierlichen Kohlanschnitt auf dem Hof von Hans-Jürgen Timm in Friedrichskoog.(Foto: © Dithmarscher Kohltage)
Samstag, 16. September 2017

Kohlschneider und Schwabenkinder: Sie kamen nicht bis nach Dithmarschen

Von Heidi Driesner

Alle Wege führen nach Rom? Mitnichten! Im Norden Deutschlands führen dieser Tage alle Wege wieder mal nach Wesselburen. Es gab aber auch Zeiten, da machte das hessische Büttelborn Wessenburen den Ruhm streitig.

Wenn's nach Augustus ginge, führten immer noch alle Wege nach Rom. Der Kaiser ließ nämlich im Jahre 20 v.Chr. auf dem Forum Romanum das "Milliarium Aureum" aufstellen, eine vergoldete Bronzesäule, auf der die Namen aller Hauptstädte der Provinzen des römischen Reiches mit ihrer jeweiligen Entfernung von Rom zu lesen waren. Jeder, der einst vor dieser Säule stand, hat vermutlich geglaubt, dass alle Wege nach Rom führen. Es heißt, dass aufgrund dieser irrigen Annahme das heute gebräuchliche Sprichwort entstanden sein kann.

Nun hat aber ein römischer Kaiser schon lange nichts mehr zu bestimmen und vom "Goldenen Meilenstein" ist heutzutage nur noch der Sockel übrig. Das norddeutsche Wesselburen stand garantiert nicht auf der Säule des Augustus', obwohl dessen Legionäre auch mal kurz bis an die Elbe kamen, bevor sie von Arminius in der Schlacht im Teutoburger Wald mächtig eins auf den Helm bekamen. Wesselburen entstand erst Jahrhunderte später im Marschland an der Nordseeküste. Dorthin führen derzeit alle Wege, natürlich gut ausgeschildert: Die Region Dithmarschen in Schleswig-Holstein lädt wie jedes Jahr zu ihren beliebten Kohltagen ein. 2017 starten die Festtage am 19. September auf dem Hof von Hans-Jürgen Timm in Friedrichskoog. Bis zum 24. September wird in ganz Dithmarschen gefeiert: Gaststätten laden zu köstlichen Entdeckungen ein, zahlreiche Markt- und Stadtfeste sowie Aktionen bereichern die Kohltage mit Musik, Wettkämpfen und Aktivitäten. Wer mehr über Europas größtes zusammenhängendes Kohlanbaugebiet, über die wohltuenden Eigenschaften, Ernte und Verarbeitung von Kohl oder über Brauchtum, Tradition und Geschichte erfahren will, ist auf alle Fälle im KOHLosseum (Rom lässt grüßen!) in Wesselburen gut aufgehoben. "Kohl-Papst" und Krautmeister Hubert Nickels lässt sich dort gerne über die Schulter gucken und erzählt so manche Anekdote.

80 Millionen Kohlköpfe wachsen jedes Jahr in der Region zwischen Hamburg und Sylt auf rund 3000 Hektar. "Wir sind die größten, aber nicht die ältesten", sagt Martin Kehl vom Schleswig-Holsteinischen-Heimatbund (SHHB) über das Dithmarscher Kohlanbaugebiet. Kohl wächst am besten auf Neuland, so konnten diese riesigen Felder auf feuchtem Marschboden entstehen, den die Dithmarscher dem Meer abgerungen haben. "Wo wir heute ernten, schwammen vor einigen Generationen noch die Plattfische herum", so Kehl. Auch das Seeklima mit viel Regen in den Sommermonaten und einer kräftigen Brise, die viele Schädlinge fernhält, kommt dem Kohl sehr entgegen. So gedeiht er hier nahezu ohne Pflanzenschutzmittel.

Gegenden wie die Pfalz oder das Elsass haben eine längere Tradition im Kohlanbau – und eine völlig andere. Die wandernden Krautschneider zum Beispiel, die in der Saison vor allem in Süddeutschland und Österreich von Hof zu Hof zogen, gab es zwischen Elbe und Eider nicht. Das Dithmarscher Erfolgsmodell kam erst auf der Stufe der industriellen Kohlverarbeitung zum Laufen. Hier waren es Frauen, die den Kohl an langen Bandstraßen putzten und hobelten. Die wohl bundesweit einzige erhaltene Kohlputzstraße mit neun Metern Länge steht im KOHLosseum, gleich neben den ausgestellten Handhobeln. Die natürlich wesentlich kleiner sind!

Migration und Kinderarbeit

Die Wege der historischen Krautschneider führten allerdings nicht bis nach Wesselburen. Ihnen geht es da vielleicht so wie mir: Von der Existenz dieser Wanderarbeiter wusste ich nichts. Auf deren Schicksal machte mich Bernhard von Oberg aus Heide aufmerksam, der immer eine gute Idee und viel Wissen hat, wenn es um Dithmarschen und den Kohl geht.

Fast ein Drittel der Talbewohner verdingte sich im Ausland, schrieb 1864 "Die Gartenlaube" über die Montafoner.
Fast ein Drittel der Talbewohner verdingte sich im Ausland, schrieb 1864 "Die Gartenlaube" über die Montafoner.(Foto: Wikisource/Die Gartenlaube 1864 )

Bevor die Verarbeitung der Kohlköpfe industrialisiert und Frauen am Band Fabrikarbeiterinnen wurden, war das Krautschneiden eine körperlich schwere Arbeit und damit Männersache. Wenn im Herbst die geernteten Krautköpfe darauf warteten, für den Winter haltbar gemacht zu werden, begann die Arbeit der Kohlschneider. Sie mussten das Kraut in die bereitgestellten Standfässer hobeln und mit den erforderlichen Zutaten versehen, damit sich aus ihm Sauerkraut bildet. Das Schneiden ging mit sechsmesserigen Hobeln vonstatten, die nichts mit den uns heute bekannten kleinen Küchenhobeln zu tun hatten. Damals waren das Riesendinger, die während der Reise von Hof zu Hof auf den Rücken geschnallt wurden. Die Krautschneider waren mit einem weiten Mantel oder einer Joppe und einem breitrandigen Filzhut bekleidet und führten Ledertasche oder Ranzen mit sich für die Werkzeuge und einen Kanten Brot. Insbesondere kamen die fahrenden Krautschneider aus dem Montafon, einer der ärmsten Gegenden Österreichs, wobei "fahren" nicht in der heutigen Bedeutung zu verstehen ist, denn Männer, Frauen und Kinder auf Wanderschaft gingen die sehr weiten Strecken zu Fuß. Nicht nur Wanderhobler, sondern auch Sensenhändler, Maurer, Zimmerleute, Hirten und Ährenleserinnen waren über Monate unterwegs, um sich Einnahmen außerhalb ihres kargen Gebirgstals zu erschließen. Der Begriff "Schwabenkinder" ist untrennbar mit der Geschichte der Montafoner Bevölkerung verknüpft und bis in unsere Zeit bekannt. Denn die Ärmsten der Armen mussten auch ihre Kinder nach Franken, Schwaben, in die Schweiz und andere Gegenden schicken, damit die Familie überleben konnte. Nicht selten waren schon Fünf- oder Siebenjährige auf Wanderschaft!

Seit der Restaurierung 1906 ziert der Sauerkrautmann den Eingang zum Historischen Rathaus in Büttelborn.
Seit der Restaurierung 1906 ziert der Sauerkrautmann den Eingang zum Historischen Rathaus in Büttelborn.(Foto: © Gemeinde Büttelborn)

Das Wandern prägte über Jahrhunderte das Montafon und erreichte im 19. Jahrhundert seinen Höhepunkt. Erst in unseren Tagen erfuhr diese Migrationsgeschichte eine späte internationale Ehrung: So wurde der Montafoner Dialekt, bei dem sich rätoromanische Wörter mit Walliser und Niederalemannischen Einflüssen mischen, von der UNESCO zum immateriellen Kulturerbe erklärt. Auch im hessischen Büttelborn erinnert noch heute ein "Sauerkrautmann" an die historischen Krautschneider. Mitte des 19. Jahrhunderts erlangte das landwirtschaftlich geprägte Büttelborn den Ruf einer "Weißkrautgemeinde". Im 1582 gebauten Historischen Rathaus von Büttelborn zieren 20 Handwerkswappen den Sitzungssaal und der hölzerne Sauerkrautmann schmückt heute über dem Eingang die Außenfassade. Die 1887 errichtete Sauerkrautfabrik in Büttelborn hatte allerdings nur 35 Jahre lang Bestand, die in Wesselburen dagegen arbeitete 130 Jahre. In dem Gebäude, in dem heute das KOHLosseum seinen Sitz hat, lief 1995 die letzte Büchse vom Band.

Auch mein Sauerkrautrezept ist "historisch", denn es stammt aus dem 19. Jahrhundert. Nach diesem einfachen Rezept wurde in der Familie meiner Oma das Sauerkraut zubereitet; ich habe es nur wenig verändert und durch die Zugabe von Gemüsepaprika etwas modernisiert – und ich finde, so schmeckt es noch besser! Für das Rezept verwende ich stets Sauerkraut aus dem Fass; Sauerkraut aus Büchsen, Gläsern oder irgendwelchen Beuteln ist einfach nicht mehr knackig, sondern meistens viel zu weich. Zumindest in Berlin/Brandenburg bekommt man frisches Spreewälder Sauerkraut aus dem Fass in Supermärkten und auf Wochenmärkten oder in Plastikbehältern im Kühlregal. Irgendeinen Vorteil muss man ja haben angesichts des Unvermögens, einen funktionierenden Flughafen zu bauen, den S-Bahnverkehr sommers wie winters zu gewährleisten oder das Straßenbaustellen-Verkehrschaos endlich mal in den Griff zu bekommen! Wenigstens das hiesige Sauerkraut ist einmalig lecker.

Omas Sauerkraut

Zubereitung:

Zutaten (4 Pers):

500 g Sauerkraut (am besten aus dem Fass)
80 g gut geräucherter fetter Speck
1 rote Paprikaschote
1 mittelgroße Zwiebel
5 Wacholderbeeren
1 Lorbeerblatt
3 Pimentkörner

Dem Sauerkraut Wacholder, Piment und Lorbeer zugeben und knapp mit Wasser bedeckt zum Kochen bringen. Auf kleiner Flamme köcheln lassen, bis das Kraut gar, aber noch bissfest ist. In der Zwischenzeit Zwiebel und Paprika putzen und würfeln. Den Speck in kleine Würfel schneiden und kross auslassen.

Das Kraut durch einen Durchschlag oder ein Sieb abgießen und gut abtropfen lassen. Zurück in den Topf geben und die Paprika- und Zwiebelwürfelchen untermengen. Mit dem ausgelassenen Speck übergießen und alles behutsam vermengen.

Mir schmeckt Omas Sauerkraut am besten zu Kassler- oder Krustenbraten.

Viel Erfolg beim Nachkochen und Spaß bei den Dithmarscher Kohltagen wünscht Ihnen Heidi Driesner.

Quelle: n-tv.de

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