Unterhaltung
"Hier regiert die POLIZEI!" Adriano, Mazinga, Cobra, Negro (v.l.n.r.)
"Hier regiert die POLIZEI!" Adriano, Mazinga, Cobra, Negro (v.l.n.r.)(Foto: Universal Pictures)

"Ihr Drecksbullen, ihr seid alles Schweine": "A.C.A.B. - All Cops Are Bastards"

Von Thomas Badtke

Das Akronym "A.C.A.B." gibt es seit den 1970er Jahren. Von England aus hält es Einzug in die Fußballstadien Europas. Doch längst ist es über sie hinausgewachsen, vor allem in Italien. Dort steht die Polizei mit ihren Schilden, Schutzhelmen und Schlagstöcken als letzte Bastion zwischen Staatgewalt und Staatshass. Ein Funke genügt.

Das Motto der Bereitschaftspolizei: Nur in der Gruppe sind wir stark.
Das Motto der Bereitschaftspolizei: Nur in der Gruppe sind wir stark.(Foto: Universal Pictures)

Böller, Bengalos, Krawalle, Ausschreitungen: In Deutschland wird über die "zunehmende Gewalt" rund um das "Stadionerlebnis Fußball", wie der Deutsche Fußball-Bund und die Deutsche Fußball-Liga ihr Positionspapier dazu nennen, diskutiert. Drohszenarien werden von Verbands- und Ligaseite aufgebaut, die Fans haben Angst um ihre Stehplätze. Auch weil DFB und DFL die Premier League als Vorbild im Kampf gegen die angeblich zunehmende Gewalt in und um die Fußballstadien ins Feld führen. Und in Englands Stadien gibt es keine Stehplätze mehr. Die Fans sitzen friedlich auf ihren Plastiksitzen und klatschen den Teams auf dem Rasen artig Beifall. Ausschreitungen? Flaschenwürfe? Tätliche Angriffe gar auf Spieler? Nicht in der Premier League - dafür aber in Liga zwei, wie das Yorckshire-Derby Sheffield gegen Leeds jüngst zeigte: Ein Fan stürmt auf den Rasen und schlägt auf Sheffields Torwart ein. Der kontert nach dem Spiel und fordert, dass der Angreifer "für Jahre, nicht nur für Monate" hinter Gitter müsse. Und: "Wenn wir solche Dinge nicht stoppen, kann es dazu führen, dass es einen Toten geben wird."

"A.C.A.B." ist das Akronym für "All Cops Are Bastards".
"A.C.A.B." ist das Akronym für "All Cops Are Bastards".(Foto: Universal Pictures)

Einen Toten wie beispielsweise 2007 in Italien, als die Polizei einen Anhänger von Lazio Rom erschossen hat. Danach gab es zahlreiche gewalttätige Ausschreitungen von Fußballfans und der Polizei. Das Wort Rache machte die Runde. Fans verschiedenster Vereine schlossen sich zusammen, ihr neuer gemeinsamer Gegner war die italienische Polizei, genauer die Bereitschaftspolizei, denn: "A.C.A.B. - All Cops Are Bastards".

Cobra im Stadion: Früher war er da als Fan, jetzt muss er dort arbeiten.
Cobra im Stadion: Früher war er da als Fan, jetzt muss er dort arbeiten.(Foto: Universal Pictures)

Dieses Akronym gibt es seit den 1970er Jahren. Erfunden haben es die Engländer. Aber längst ist es in nahezu jedem europäischen Fußballstadion zu Hause, auch beim AS Rom. Cobra (Pierfrancesco Favino; "Buffalo Soldiers 44", "Illuminati") weiß das. "Ich hatte als Junge nur den AS Rom im Kopf", sagt der bullige Mann. "Na super, jetzt kommst du sogar kostenlos rein!", lautet die lakonische Antwort seines Gegenübers. Cobra ist Bereitschaftspolizist. Einer der ganz Harten, einer, der bereits beim G8-Gipfel 2001 in Genua dabei war und dort eines der schwärzesten Kapitel seines Lebens erlebt hat, über das er nicht mehr sprechen will. Auch Carletto (Andrea Sartoretti, "Mission Impossible 3"), sein Gegenüber, war bei den Auseinandersetzungen mit linken Gruppierungen, bei den Straßenschlachten dabei, die Carlo Giuliani, einen jungen Demonstranten, das Leben gekostet haben. Carletto ist aber nicht mehr im Dienst, sein Trommelfell ist geplatzt, er ist dienstunfähig. Trotzdem zählt er noch irgendwie zur Truppe, zur Bruderschaft, genau wie der in Scheidung lebende Negro (Filippo Nigro), der alte Mazinga (Marco Giallini) und neuerdings auch der junge Adriano (Domenico Diele). Ihr Motto lautet: "Stark sind wir nur gemeinsam. In der Gruppe. Ohne die Gruppe sind wir nichts." Und danach handeln sie auch.

Angepöbelt, zum Teil bespuckt: Irgendwann platzt einem da der Kragen.
Angepöbelt, zum Teil bespuckt: Irgendwann platzt einem da der Kragen.(Foto: Universal Pictures)

Sie räumen Sozialwohnungen, wenn die Gemeinde es will. Sie überwachen Ausweisungen illegaler Flüchtlinge. Sie sorgen bei Fußballspielen dafür, dass die Randale und Ausschreitungen nicht überhandnehmen. Sie stehen als letzte Bastion der Staatsgewalt mit Schlagstöcken, Schutzhelmen und Schilden demonstrierenden Arbeitern gegenüber. Jederzeit bereit, zuzuschlagen. So wie Adriano an seinem ersten Tag: Eine Demo gerät außer Kontrolle, weil ein Polizist sich nicht länger anspucken lassen will. Adriano zieht den Schlagstock und prügelt los, seine Kollegen machen mit. Es gibt Verletzte. Nach dem Einsatz lautet das süffisante Lob Cobras für Adriano: "Bravo Schnuller, dein erster Tag im Dienst und schon zwei Arbeitern den Schädel eingeschlagen." Aber Adriano wird nun akzeptiert und ist wenig später ein Teil der Gruppe.

Ex-Bereitschaftspolizist Carletto: Offiziell darf er nicht mehr mitmischen.
Ex-Bereitschaftspolizist Carletto: Offiziell darf er nicht mehr mitmischen.(Foto: Universal Pictures)

Er merkt, dass alle der Kameraden so ihr Päckchen zu tragen haben: Cobra steht mal wieder vor Gericht, weil er einem Fußballfan bei einem Einsatz die Zähne ausgeschlagen hat. Mazinga verliert seinen Sohn gerade an eine Neonazi-Bande. Negro kämpft mit seiner aus Kuba stammenden Frau um das Sorgerecht für seine kleine Tochter Carolina. Carletto hängt in seiner glorreichen Vergangenheit fest - und Adriano selbst? Seine Mutter soll ihre Wohnung räumen, aber in der ihr zugewiesenen, viel zu kleinen Bleibe leben noch Immigranten.

Es sind diese klein anmutenden Probleme, die bei den Einsätzen immer wieder hochkochen und sich über den Schlagstock ihren Weg in die Gesellschaft bahnen. Adrianos Freund, ein Politiker, verspricht für seine Mutter schnelle Hilfe. Es bleibt bei dem Versprechen. Negro wird, nachdem er seine Tochter wegen einer kleinen privaten Räumungsaktion der Gruppe im Polizeipräsidium erst abgegeben und dann vergessen hat, das Besuchsrecht für seine Tochter entzogen. Mazinga wird bei einem Einsatz am Rand des Serie-A-Spiels AS Rom gegen SSC Neapel von einem Tifoso niedergestochen. Das ist der Tropfen, der das berühmte Fass zum Überlaufen bringt.

Mazingas Sohn und Negro: Das hätte tödlich enden können.
Mazingas Sohn und Negro: Das hätte tödlich enden können.(Foto: Universal Pictures)

Cobra schwört seinem Kumpel und Kameraden am Krankenhausbett: "Ich werde sie finden. Und dann regeln wir diese Sache gemeinsam." Es geht schneller als gedacht. Carletto, der noch Verbindungen in die Ultra-Szene der Roma hat, findet heraus, dass der Messerstecher kein Napoli-Fan war, sondern ein Römer, der sich verkleidet hatte. Die Spur führt zu einer rechtsradikalen Jugendbande. Als Cobra und seine Männer dort "privat" vorbeischauen und losprügeln, schlägt Negro fast Mazingas Sohn tot, der auch zu den Neonazis gehört. Der Mantel des Schweigens wird darüber ausgebreitet, schließlich ist er der Sohn eines "Bruders" - und "einen Bruder lässt man nicht im Stich. Niemals."

Allerdings ist es Mazingas Sohn, 16 Jahre alt, ein Mörder - denn er hat drei Ausländer abgestochen. Adriano plagen Gewissensbisse. Cobra hat ihn an seinem ersten Tag nach dem Grund gefragt, warum er Polizist geworden sei. Am Gehalt von 1400 Euro könne es ja nicht liegen. Adriano hatte damals geschwiegen. Jetzt weiß er den Grund: "Ich wollte einen ehrlichen Job machen. Und Polizist ist ein ehrlicher Beruf. Deswegen bin ich bei der Polizei!" Adriano bleibt keine Wahl ...

Realitätsnähe, die weh tut

"A.C.A.B. - All Cops Are Bastards" ist bei Universal Pictures auf DVD und Blu-ray erschienen.
"A.C.A.B. - All Cops Are Bastards" ist bei Universal Pictures auf DVD und Blu-ray erschienen.(Foto: Universal Pictures)

"A.C.A.B. - All Cops Are Bastards" ist ein knüppelharter, vor Gesellschaftskritik fast berstender, italienischer Film, der bereits mit seinen ersten Bildern im Gedächtnis bleibt: Die Bereitschaftspolizisten werfen sich zu den Klängen von "Seven Nations Army" von den White Stripes in ihre Montur und stellen sich mit grimmigen Blicken demonstrierenden wütenden Arbeitern.

Die fast in Schwarzweiß daherkommenden Bilder konterkarieren dabei die Realität, in der die Polizisten leben. Die Unterscheidung zwischen Gut und Böse fällt ihnen schwer - und das zeigt Regisseur Stefano Sollima, Sohn der Regielegende Sergio Sollima ("Sandokan", "Der Gehetzte der Sierra Madre") auch unverblümt. Egal, was sie machen, immer sind die Polizisten die Dummen. Sie werden von den illegalen Einwanderern angepöbelt, genauso wie von den Bewohnern der zu räumenden Häuser, den demonstrierenden Arbeitern oder den fußballverrückten und gewaltsuchenden Tifosi ("Ihr Drecksbullen, ihr seid alles Schweine"). Sie riskieren ihre Gesundheit für einen Staat, der sie schon längst vergessen hat. 1400 Euro brutto verdienen sie, 1800 mit Überstunden, 2000 mit einem kleinen Nebenjob, wie Cobra im Film erzählt. Und sich dafür Sonntag für Sonntag vollspucken und beschimpfen lassen?

Da muss man entweder schon länger dabei sein und sich mit den gesellschaftlichen Gegebenheiten arrangiert haben, oder ganz frisch bei der Truppe und noch mit Idealen ausgestattet. Sollima hinterfragt das kritisch. Seine Bilder schmerzen, sie wühlen auf, man kommt ins Grübeln. Italien ist nicht so weit weg ...

Das Dilemma der Polizisten, immer in Nachteil zu sein, sich nur verteidigen zu dürfen, erst zuschlagen zu dürfen, wenn man bereits angegriffen wurde, greift Sollima auch mit dem Score auf. Neben den White Stripes fährt er dazu noch Joy Divisions "New Dawn Fades", "Where Is My Mind" von den Pixies oder etwa das nachdenkliche "Snow" von den Chemical Brothers auf.

"A.C.A.B. - All Cops Are Bastards" ist kein Hooligan-Film, kein Streifen über Neonazis, auch nicht gewaltverherrlichend. Aber er ist auch kein Film für Zartbesaitete. Wenn Schlagstöcke in Nahaufnahme auf Gesichter und Schädel treffen, wenn Springerstiefel zum Einsatz kommen, ist das, was dabei herauskommt alles andere als schön. Aber so ist die Realität. In Italien. Kilometerweit von der farbenfrohen toskanischen Postkartenidylle entfernt. Hart. Direkt. Schmutzig. Eine Realität, wie man sie sich für Deutschland nie wünschen sollte. "A.C.A.B." unbedingt ansehen!

 

Bestellen Sie "A.C.A.B. - All Cops Are Bastards" bei amazon.de

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen