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Edward Snowden (Joseph Gordon-Levitt) und Lindsay Mills (Shailene Woodley)
Edward Snowden (Joseph Gordon-Levitt) und Lindsay Mills (Shailene Woodley)(Foto: Universum Film)
Donnerstag, 22. September 2016

Furcht vor dem nächsten 9/11: Als Snowden die US-Hacker-Elite verriet

Von Roland Peters

Edward Snowden trat den größten Skandal des digitalen Zeitalters los. Nun hat Oliver Stone einen wichtigen Spielfilm über den Whistleblower gedreht. In den USA wollte niemand den Querulanten finanzieren. Also kam Stone nach Deutschland.

Edward Snowden war bei der US-Armee, ein überzeugter Republikaner, er fand vieles richtig, was nach 9/11 geschah: die Anti-Terror-Gesetze von Präsident George W. Bush, die Folterungen und ausgesetzten Menschenrechte, die Kriege, die sein Land führte. Überzeugungen bilden sich durch Erziehung, Erfahrung und Wissen. Manchmal werden sie neu ausgerichtet. Wie bei Snowden, der im Sommer 2013 die Massenüberwachung durch den US-amerikanischen Geheimdienst National Security Agency (NSA) öffentlich machte.

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Über diesen Gesinnungswechsel hat Oliver Stone, der politischste der großen US-Regisseure, einen Film gedreht. Er zeigt, wie Snowden (Joseph Gordon-Levitt) zu Corbin O'Brian (Rhys Ifans) im verhörartigen Vorstellungsgespräch, als der Ausbilder ihn trotz mangelnder fachlicher Qualifikation einstellt, sagt: "Sie werden es nicht bereuen." Und der es am Ende wohl doch tut. Er zeigt auch, wie Snowden zur Schlüsselfigur der Datensammelwut der Geheimdienste aufsteigt, weil er die entscheidende Software programmiert. Wie er dazu ausgebildet wird, mehr auf seine Sicherheitsstufe bei der NSA als auf Gesetze zu achten. Und wie er zum Kritiker seiner eigenen Arbeit wird, zum Whistleblower und letztendlich zur Ikone.

In den USA wollte niemand den Film finanzieren. Also ging Stone nach Deutschland und drehte ihn mit Hilfe deutscher Förderung. Hauptdrehort war München. Das Ergebnis ist inhaltlich schwere Kost, filmisch luftig verpackt. Nicht nur, dass Stone auch Laien verständlich machen muss, wie die Überwachungssoftware der US-Geheimdienste funktioniert; sondern auch, warum sie mindestens haarscharf an gesetzlichen Grenzen und maximal ohne Rücksicht auf sie eingesetzt wird.

Snowden (M.) mit Kollegen bei der NSA
Snowden (M.) mit Kollegen bei der NSA(Foto: Universum Film)

Stone verwebt verschiedene Erzählebenen: Eine zeigt Snowden im Hotelzimmer in Hongkong bei der Weitergabe der Geheiminformationen an die Journalisten des "Guardian", bevor er nach Russland flieht. Die Szenen sind anhand von Laura Poitras' Dokumentarfilm "Citizenfour" nachgestellt und wirken dadurch besonders authentisch. Wie es zu der Übergabe kommen konnte, wird vor allem in erzählerischen Rückblenden vorgeführt.

Die wichtigste Regel im Kampf

Snowden bricht sich bei der Armee die Beine, also geht er zur "härtesten Hackertruppe der Welt", um Cyber-Kriegsführung zu lernen. Ausbilder O'Brian erkennt das Talent des nüchternen Jungen und nimmt ihn unter seine Fittiche. "Das Schlachtfeld ist überall", schwört O'Brian die Nachwuchshacker ein: "Wenn ein nächstes 9/11 geschehen kann, seid ihr schuld." In Gesprächen unter vier Augen wird Snowden langsam klar, dass er sich auf etwas eingelassen hat, das er nicht vertreten will. "Verrate niemals deine Position", lehrt Freizeitjäger O'Brian ihn die wichtigste Regel im Kampf.

Ausbilder, Mentor, Gegenspieler: Corbin O'Brian (Rhys Ifans).
Ausbilder, Mentor, Gegenspieler: Corbin O'Brian (Rhys Ifans).(Foto: Universum Film)

Um Privatsphäre und Rechte geht es der NSA nicht, sondern nur darum, wer welche Sicherheitsstufe bekommt, um Zugang zu mehr privaten Daten und damit mehr Macht zu erhalten. "Das Einzige, was du beschützt, ist die Vormachtstellung deiner Regierung", sagt O'Brian, der wohl nicht zufällig Namensvetter des Antagonisten der Überwachungsdystopie "1984" ist. Über die Geheimdienstsuchmaschine XKeyScore findet Snowden einen Weg, einen Geschäftsmann mit Hilfe von Wissen über eine Liebelei seiner Tochter so unter Druck zu setzen, dass dieser mit der NSA zusammenarbeitet. Soziale Kontrolle unter dem Vorwand der Terrorbekämpfung.

Geschickt stellt Stone die Liebesbeziehung Snowdens zu seiner Partnerin Lindsay Mills (Shailene Woodley) als Ort der Verhandlung grundlegender Fragen dar: Was ist privat? Was ist politisch? Wer darf was davon wissen? Mills stellt von Anfang an die Fehlbarkeit des Regierungshandelns in den Mittelpunkt. Ein Zweifel, der bei Snowden erst mit dem Mehr an Wissen wächst. Langsam, aber sicher nähern sich die Ideen der Partner an, treibt sie aber in ihrer Beziehung auseinander, weil Snowden sich nicht mehr wohl fühlt in seiner Haut.

Als O'Brian herausfindet, dass Snowden die NSA-Software dafür genutzt hat, seine eigene Freundin auszuspionieren, droht er seinem Schützling - und sagt ihm etwas, das O'Brian nicht wissen kann, ohne selbst im Privatleben des Paares geschnüffelt zu haben. Auch bildlich ist in dieser Szene der Bezug zu George Orwell nicht zu übersehen. Snowden erfährt am eigenen Leib, dass das Private auch für den Staat längst zum Politischen geworden ist - und damit für ihn als Einzelperson und sein Umfeld erzwungenermaßen. Er entscheidet, die illegale Überwachung öffentlich zu machen.

Besonders beeindruckt, sagte Stone der "Zeit", sei er davon gewesen, dass Snowden erst 29 Jahre alt war, als er den NSA-Skandal lostrat. Der Whistleblower sagte im vergangenen Jahr, wie er das gängigste Argument für die Überwachung sieht: "Zu argumentieren, ich schere mich nicht um Privatsphäre, weil ich nichts zu verbergen habe, ist so wie zu sagen, freie Meinungsäußerung ist mir egal, weil ich nichts zu sagen habe." Stone hat dieses Argument filmisch untermauert.

"Snowden" läuft ab dem 22. September in den deutschen Kinos

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Quelle: n-tv.de

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