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Britisch-indische Kolonialpracht: Lord und Lady Mountbatten bei Amtsantritt in Indien.
Britisch-indische Kolonialpracht: Lord und Lady Mountbatten bei Amtsantritt in Indien.(Foto: Tobis Film)
Donnerstag, 10. August 2017

Lord Mountbattens harte Aufgabe: Als die Briten Indien freigaben

Von Andrea Beu

Am 15. August 1947 entließen die britischen Kolonialherren Indien in die Unabhängigkeit. Gleichzeitig zerfiel es in die Länder Pakistan und Indien. Hochdramatische Geschichte, in "Der Stern von Indien" spannend und emotional umgesetzt.

Vor 70 Jahren, in der Nacht vom 14. zum 15. August 1947, entließen die britischen Kolonialherren in Person von Lord Louis Mountbatten, dem letzten Vizekönig Indiens, das Land in die Unabhängigkeit. Die Briten verloren damit ihre wichtigste Kolonie. Zugleich wurde - nach bürgerkriegsähnlichen Unruhen - der Subkontinent in das mehrheitlich muslimische Pakistan und das säkulare Indien geteilt. Was bis heute nachwirkt: Die politische Situation zwischen Pakistan und Indien ist immer noch angespannt und konfliktreich.

Lady Edwina Mountbatten bringt frischen Wind in den Palast.
Lady Edwina Mountbatten bringt frischen Wind in den Palast.(Foto: Tobis Film)

Was nach Geschichtsbuch klingt, sind hochdramatische Ereignisse, die Millionen von Leben beeinflussten und grundlegend änderten und Hunderttausende Todesopfer forderten. Die britische Regisseurin Gurinder Chadha ("Kick it like Beckham") greift im Film "Der Stern von Indien" diese historischen Vorgänge auf und macht daraus ein spannendes und gefühlsstarkes Drama - "nach wahren Begebenheiten". (Der Originaltitel lautet "Viceroy's House", also "Haus des Vizekönigs".)

Große Veränderungen

Bilderserie

Man sieht, wie Lord Mountbatten (Hugh Bonneville, "Downton Abbey", "Paddington") im März 1947 sein Amt als letzter Vizekönig Indiens antritt und verkündet: "Ich wurde zum letzten Oberhaupt von Indien ernannt und ich werde diese Aufgabe mit großem Stolz erfüllen." Seine Frau Edwina (Gillian Anderson, "Akte X", "American Gods") steht ihm dabei äußerst tatkräftig und sympathisch bodenständig zur Seite und meint: "Das sollten wir nicht verpatzen." Ihr politischer Einfluss ist natürlich gering, schließlich ist sie nur die Gattin, aber sie gibt Ratschläge und zu vielem ihre Meinung ab und führt in ihrem neuen "Haushalt", ebenjenem Haus des Vizekönigs, neue Regeln ein, die nicht selten zu Irritationen, Entsetzen und hochgezogenen Augenbrauen führen. So verkündet sie etwa: "Von nun an werden mehr Inder - und zwar aller Glaubensrichtungen - an unserem Tisch Platz nehmen". Sie ist der Meinung: "Wir können vieles ändern - wir müssen es!"

Die Mountbattens mit Gandhi, dem gewaltfreien Kämpfer.
Die Mountbattens mit Gandhi, dem gewaltfreien Kämpfer.(Foto: Tobis Film)

Jenseits dieser Bestrebungen, im Palast einiges umzukrempeln, knallt es im Land gewaltig. Im Sommer 1946 hatte der Kongresspolitiker Mohammed Ali Jinnah (Denzil Smith) die Moslems in Britisch-Indien aufgerufen, sich für einen eigenen Staat - Pakistan - einzusetzen. Nun, 1947, spitzen sich die Konflikte zwischen den ethnischen Gruppen Britisch-Indiens, zwischen Hindus, Sikhs und Moslems immer weiter zu. "300 Millionen Hindis und Sikhs wollen ein geeintes Indien, 100 Millionen Moslems wollen das nicht", wird Mountbatten die Lage geschildert. Sein nüchterner Kommentar: "Neue Nationen werden selten friedlich geboren."

"Indien ist wie ein Schiff in Flammen"

Die Mountbattens mit ihrer kleinen Armee an Bediensteten.
Die Mountbattens mit ihrer kleinen Armee an Bediensteten.(Foto: Tobis Film)

Mountbatten ist gegen die Teilung des Riesenreichs, er wehrt sich lange dagegen und auch Ghandi (Neeraj Kabi), der seit den 1930er-Jahren für die Unabhängigkeit seiner Heimat gekämpft hat, beschwört ihn: "Wir sind Brüder mit einer gemeinsamen Seele. Uns nach Religionen zu trennen, ist gegen den Willen Gottes! Sie können unmöglich ein Herz in zwei Teile zerteilen und erwarten, dass es weiterschlägt!" Seine Frau Edwina mahnt: "Wir kamen, um Indien die Freiheit zurückzugeben, nicht um es zu zerstören!" Doch die interreligiösen Konflikte nehmen kein Ende, Tausende verlieren bei Ausschreitungen ihr Leben, "Indien ist wie ein Schiff in Flammen" gibt ein Offizier die Situation im Land wieder.

Am Ende scheint es keine andere, keine bessere Lösung zu geben - das Land wird geteilt und damit auch Familien. Jeder Einwohner Britisch-Indiens muss erklären, zu welchem Staat er künftig gehören will; Millionen von Menschen sind gezwungen, ihre Heimat zu verlassen und sich getrennt nach religiöser Zugehörigkeit in den neuen Staaten anzusiedeln. Zwei unermesslich große, nicht enden wollende Trecks ziehen los - Hindus und Sikhs über die neue Grenze in östliche Richtung, Moslems Richtung Westen.

Emotionale Ebene

Jeet und Aalia - sie gehören zusammen und werden doch auseinandergerissen.
Jeet und Aalia - sie gehören zusammen und werden doch auseinandergerissen.(Foto: Tobis Film)

Die Teilung betrifft natürlich auch den Palast des Vizekönigs mit seinen 500 Bediensteten und dem umfangreichen Hausstand - jeder muss sich für ein Land entscheiden, alles wird prozentual geteilt: das Geschirr, das Besteck, die Instrumente des Orchesters ... Dabei wird der ganze Irrsinn des Unterfangens deutlich und das ist zum Teil sogar komisch - aber nicht mehr, wenn der Film auf die persönliche Ebene geht und zeigt, was die Teilung für einzelne Menschen bedeutet. Da wird "Der Stern von Indien" sehr emotional und tränenreich - denn es geht um ein unglücklich verliebtes Paar: den Hindu Jeet (Manish Dayal) und die muslimische Angestellte Aalia (Huma Qureshi). Sie werden getrennt, Aalia muss mit ihrer Familie nach Pakistan; ihre zarten Gefühle zueinander finden ein jähes und brutales Ende. Werden sie sich wiederfinden? Wie geht es mit Indien weiter?

Die beiden Königskinder und ihre Liebesgeschichte stehen in dem Politdrama für die Möglichkeit, für die Hoffnung, dass doch Angehörige verschiedener Religionen miteinander auskommen können - wenn schon nicht gleich in Liebe verbunden, so können sie sich aber wenigstens mit Respekt begegnen. Angesichts der derzeitigen religiös begründeten Konflikte auf der Welt ein sehr aktuelles Thema, opulent verfilmt. Große Bilder, große Emotionen, großartige Darsteller.

"Der Stern von Indien" lief auf der Berlinale 2017 außer Konkurrenz und kommt am 10. August in die deutschen Kinos.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

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