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Was trägt der Schotte unter seinem Kilt?
Was trägt der Schotte unter seinem Kilt?(Foto: Prokino Filmverleih)

Ach, diese Schotten ...: "Angels' Share": Ein Schluck für Engel

Von Thomas Badtke

Alkohol ist auch keine Lösung, wie es heißt. Wenn es um schottischen Whisky geht, aber schon. Der richtige Single Malt zur rechten Zeit kann dein Leben von Grund auf ändern. Diese Erfahrung macht der Glasgower Kleinkriminelle Robbie, als er sich auf den Weg macht, den teuersten Whisky der Welt zu stehlen. Lacher sind da programmiert.

"Angels' Share" bezeichnet den Anteil des Whiskys, der bei der Reifung im Fass jedes Jahr verdunstet. Zwei Prozent sind es in der Regel.
"Angels' Share" bezeichnet den Anteil des Whiskys, der bei der Reifung im Fass jedes Jahr verdunstet. Zwei Prozent sind es in der Regel.(Foto: Prokino Filmverleih)

Ach, diese Schotten. Man muss sie einfach lieben. Sie lehrten uns, was Freiheitsliebe bedeutet und wie man für sie kämpft. Sie lehrten uns, hart im Nehmen zu sein und den Kopf dennoch immer oben zu behalten, den Blick geradeaus, besseren Zeiten entgegen. Sie lehrten uns, dass man auch mit Säcken dudeln kann, dass lotrecht fallender Regen etwas Schönes ist, ebenso wie tiefschwarze Seen. Den Schotten haben wir Haggis zu verdanken, der selbst einem Pfälzer Saumagen schwer bekommt - und den Whisky. Das sagen zumindest die Schotten. Die irren Iren sehen das etwas anders und führen ihren Kilbeggan Irish Whiskey ins Feld, "from the oldest Distillery of the world, established 1757". Na und, sagen die Schotten, verweisen auf eine Urkunde eines schottischen Mönches aus dem 15. Jahrhundert und schenken sich einen bernsteinfarbenen Drum Highland Malt ein und prosten sich zu: "Slàinte mbath!" Und schon ist aller Streit vergessen. Das "Uisge Beatha" - "Wasser des Lebens" - verbindet eben, im Großen wie im Kleinen.

Im Kleinen lernt der arbeitslose Jugendliche Robbie (Paul Brannigan; "Under The Skin") diese fast magische Wirkung des Whisky kennen. Egal, was er anpackt, er landet in Schwierigkeiten. Zugegeben, er hatte keine leichte Kindheit: Seine Familie trägt seit mindestens einer Generation eine Privatfehde mit einer anderen Glasgower Kleinkriminellen-Familie aus, Vater schlägt auf Vater ein, Sohn auf Sohn. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Das Problem dabei: Robbie ist von den Kämpfen gezeichnet. Sein Gesicht sieht aus wie das von Bastian Schweinsteiger. Und so verwundert es nicht, dass irgendwann das Maß voll ist. Robbie landet in Joggingbuxen und Sweater mal wieder vor Gericht.

Eine Kleinfamilie mit Zukunftsplänen: Dafür setzt Robbie seine Freiheit aufs Spiel.
Eine Kleinfamilie mit Zukunftsplänen: Dafür setzt Robbie seine Freiheit aufs Spiel.(Foto: Prokino Filmverleih)

Nur Leonie (Siobhan Reilly) rettet ihn vor dem Knast. Sie ist seine Freundin, stammt aus relativ gutem Haus - und ist hochschwanger von Robbie. Der feierlich vorgetragene Appell von dessen Verteidigerin erwärmt das richterliche Herz und statt Gefängnis warten 300 Sozialstunden auf Robbie.

Dort trifft er auf Albert (Gary Maitland), einen geistig nicht ganz auf der Höhe scheinenden, aber dennoch extrem liebenswerten Kerl mit Glasbausteinen als Brillengläsern; auf Mo (Jamsin Riggins), ein kleptomanisch veranlagtes Mädchen; auf Rhino (William Ruane) und auf den Sozialarbeiter Harry (John Henshaw; "Looking For Eric"). Der hat ein Auge auf Robbie, vielleicht weil er ganz tief in sich glaubt, dass Robbie ein gutes Herz und deshalb eine zweite Chance verdient hat. Harry bekommt auch den Kampf, den Robbie mit der Familie von Leonie tagtäglich ausfechten muss, hautnah mit.

Harry gibt Robbie eine zweite Chance.
Harry gibt Robbie eine zweite Chance.(Foto: Prokino Filmverleih)

Robbie wird von Leonies Vater, einem zwielichtigen Glasgower Klubbesitzer, der mit seinem aufgemotzten SUV zwar einen auf Geschäftsmann macht, aber dennoch mit Bomberjacke und Glatze eher wie ein englischer Fußball-Hooligan aus den blutigen 1980er Jahren aussieht, zusammengeschlagen, mit dem Hinweis: Leonie und das Neugeborene sind tabu. Robbie sei eh ein Verlierer, kriege nichts auf die Reihe, geschweige denn einen Job.

Robbie scheint daran zu zerbrechen. Er steht kurz davor aufzugeben, aber Harry hält zu ihm. Er hört ihm zu, schenkt ihm zur Geburt seines Sohnes einen Whisky aus. "Einen ganz besonderen", sagt er. Springbank, 32 Jahre. "Der schmeckt aber scheiße!" - sind Robbies Worte, als er den edlen Tropfen auf einen Zug hinunterkippt. Harrys nüchterne Erwiderung: "Nein, der schmeckt nach Rhabarber."

Whisky ist die Lösung aller Probleme

Robbie und Harry: Einer hat ein Näschen für das "Lebenswasser".
Robbie und Harry: Einer hat ein Näschen für das "Lebenswasser".(Foto: Prokino Filmverleih)

Um den Gruppenzusammenhalt und die soziale Kompetenz von Robbie, Albert und Co. zu fördern, schleppt Harry die junge Meute in eine Destillerie. Dort erfahren sie so einiges über das schottische Nationalgetränk, das heilige "Wasser des Lebens", und über die Whisky-Produktion. Dort hören sie auch das erste Mal vom sogenannten "Angels’ Share" ("Engelstropfen"), jenem bei der Whiskylagerung verdunstenden Anteil, der den Engeln gewidmet wird. Das darf bei keiner ordentlichen Whisky-Tour fehlen. Albert lernt zudem, dass man seine Nase nicht zu tief in den Maischebehälter stecken sollte. Auch das gehört zu jeder echten Whisky-Tour durch Schottland. Es wird viel gelacht und am Ende auch probiert. Robbie fällt dabei durch seine feine Nase auf. Mo wenig später, weil sie einige Whisky-Miniaturen hat mitgehen lassen.

Das Tasting und der Destillerie-Besuch haben Robbies Interesse am Whisky geweckt. Er fängt an, Bücher zum Thema zu lesen. Und als ihn Harry zu einer Whisky-Messe nach Edinburgh einlädt, sagt er mit Freude ja. Auch die restlichen drei der Gruppe fahren mit, auf eigene Einladung. Am Ende des Seminars nimmt Robbie an einer Blind-Verkostung teil und errät den ausgeschenkten Whisky - fast. Er schwankt zwischen Cragganmore und Glenfarclas, entscheidet sich aber dann für den Falschen der beiden - im Gegensatz zum Fassmeister, dem "Master of Quaich", der durch die Verkostung führt. Dennoch wird der Whisky-Händler Thaddeus (Roger Allam) auf Robbies Gespür aufmerksam und gibt ihm seine Karte. Was aber noch wichtiger ist: Die Gruppe erfährt, dass es demnächst eine Versteigerung geben soll. Eine Auktion eines seltenen Fasses Whisky. Gewissermaßen der letzte Whisky seiner Art.

Hat etwas von der "Olsenbande": Robbie und seine Freunde machen sich auf in die Highlands.
Hat etwas von der "Olsenbande": Robbie und seine Freunde machen sich auf in die Highlands.(Foto: Prokino Filmverleih)

Die Gruppe ist sofort angefixt. Sie bekommen heraus - Mo hat den Fassmeister die Informationen gestohlen -, wo und wann die Auktion stattfinden wird. Und sie staunen über den möglichen Preis: Eine Million Pfund wird als Erlös erwartet. Jetzt sieht Robbie seine Chance für ein besseres Leben für sich und seine kleine Familie gekommen: Mit ein paar Flaschen dieses teuersten Whiskys der Welt wäre er alle Sorgen los. Und so macht er sich wenig später mit seinen drei Freunden und in die schottische Nationalkleidung, den Kilt, gekleidet auf in die Highlands, zu der kleinen Destillerie Balblair am Dornoch Firth. Denn dort liegt der goldgelbe, bernsteinfarbene Schatz. Aber bis Robbie ihn in Händen hält, müssen er und seine Freunde noch so manches Abenteuer bestehen und dabei ist die schottische Polizei das kleinste der Probleme.

Den Film muss man auskosten

Regisseur Ken Loach und seine Hauptdarsteller bei den Dreharbeiten
Regisseur Ken Loach und seine Hauptdarsteller bei den Dreharbeiten(Foto: Prokino Filmverleih)

Ach, diese schottischen Filme. Man muss sie einfach lieben. Schaut man sich den Trailer zu "Angels‘ Share" an, erwartet man eine typisch schwarzhumorige Komödie. Das ist der Film auch, aber die Pointen liegen nicht am Boden herum, die Lacher sind wohlgesetzt. Vor allem am Beginn ist "Angels‘ Share" mehr kritische Gesellschaftsstudie. Ein Jugendlicher, von Eltern und Staat alleingelassen; die schiefe Bahn, von der er kein Entkommen sieht. Der Hoffnungsschimmer eigene Familie, der sich schnell als weiteres Problem herausstellt. Wenn Regisseur Ken Loach ("The Wind That Shakes The Barley") so weitergemacht hätte, wäre "Angels‘ Share" niemals bei den Filmfestspielen von Cannes mit dem "Preis der Jury" ausgezeichnet worden und Loach selbst hätte dafür nicht die Lorbeeren geerntet, die "warmherzigste und schönste Komödie seiner Laufbahn" gedreht zu haben.

"Angels' Share" erhielt den Preis der Jury bei den Filmfestspielen von Cannes.
"Angels' Share" erhielt den Preis der Jury bei den Filmfestspielen von Cannes.(Foto: Prokino Filmverleih)

Loach hat sich aber gegen die harte Tour entschieden. Er hat dem Film eine zweite Chance gegeben, indem er Robbie eine gab. Und der nutzt sie. Nicht wie in einem Hollywood-Blockbuster mit Pauken und Trompeten, sondern mit kleinen Ecken und Kanten - typisch schottisch eben. Das macht Robbie sympathisch, obwohl er einen Jungen im Film fast totgeschlagen hätte. Er bereut, steht wieder auf, krempelt sein Leben um und geht seinen Weg. Er beißt sich durch. Er ist wie ein typischer schottischer Whisky: Anfangs etwas derb, kann er im Mund auch schon einmal brennen, aber im Abgang ist er dann samtig weich, schmiegt sich an und ergießt sich wärmend der Kehle hinab.

Loachs Film basiert nicht auf wahren Begebenheiten. Aber er könnte! Der Plot ist durchaus realistisch und Loach selbst fast ein Whisky-Liebhaber ("Whisky ist nichts, was man nur hinunterkippt, um sich abzuschießen. Er ist etwas, das man auskostet."): Ein vielleicht nicht einmal mehr halbvolles Fass (vielmehr ein Fässchen) Whisky, irgendwo in einem alten Lagerhaus gefunden? Das ist durchaus möglich. Allein in der einst größten Distillerie Schottlands, Tomatin, lagerten in den 1970er Jahren mehr als 320.000 Fässer Whisky - da kann man auch einmal eines übersehen.

Und auch der im Film genannte Preis, der den gefundenen Whisky zum teuersten der Welt macht und damit Robbies Interesse weckt, ist nicht aus der Luft gegriffen: Dem Fachblatt "Der Whisky-Botschafter" zufolge erwarb ein US-Amerikaner erst jüngst die Dalmore Constellation Collection, eine Sammlung von insgesamt 21 Flaschen Dalmore Whisky aus den Jahren 1954 bis 1992. Eine Flasche davon kann bis zu 20.000 Pfund kosten, die Collection, von der es weltweit nur neun komplette gibt, wechselte für fast 160.000 Pfund den Besitzer. Der wiederum besitzt mittlerweile eine Whisky-Sammlung im Wert von geschätzten rund 2 Millionen Dollar.

"Angels‘ Share" ist alles in allem eine Hommage an das wunderschöne Schottland. Er ist eine Hommage an den ganz besonderen Menschenschlag, der dort lebt. Er ist aber auch eine Hommage an den Whisky, das "Wasser des Lebens". Und er ist deshalb ein Muss für alle Whisky-Fans - und solche, die es werden wollen! Noch ein Tipp: Sollten Sie einmal in die Verlegenheit des teuersten Whiskys der Welt kommen, knapsen sie sich drei Flaschen ab: eine zum Hinstellen, eine zum Tauschen - und eine zum Trinken mit Freunden. Slàithe mbath!

Quelle: n-tv.de

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