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Sie singt nicht jede Nacht Karaoke. Aber was war mit Zimmer Nummer 439?
Sie singt nicht jede Nacht Karaoke. Aber was war mit Zimmer Nummer 439?

Der Sommer kommt wieder: Anna Depenbuschs warme Gedanken

Von Sabine Oelmann

Wer jetzt - genau am Höhepunkt der weihnachtlichen Feierlichkeiten - die Nase voll hat von Schietwetter und Temperaturen um die null Grad, der muss eine Möglichkeit suchen, sich aus dem Winterblues hinauszukatapultieren. Musik kann da Wunder bewirken.

Eine Fototapete kann helfen. Ja, es muss nicht teuer sein, sich in sommerliche Stimmung zu versetzen, und das Genöle von "Ich war noch niemals in New York, ich war noch niemals auf Hawaii" ist dann auch ein für alle Male beendet. Eine CD von Anna Depenbusch dann vor der Tapete zu hören, wird den Winter-Blues vertreiben - wenn man kein Kamin-Typ ist. Egal, die 35-jährige Hamburgerin hatte es sich auch nicht einfach gemacht, so leichte Musik aufzunehmen, vor allem, wo doch das Vorgänger-Album "Die Mathematik der Anna Depenbusch" eher schwere Kost war.

Diese Hawaii-Romantik - genau ihr Ding.
Diese Hawaii-Romantik - genau ihr Ding.

Sie hatte gut zu tun, als sie ihr neuestes Werk im Herbst auf den Markt brachte: "Ich bin getingelt, von Dussmann zu Saturn zum Frühstücksfernsehen, habe überall gespielt und ich liebe es einfach, vor den Leuten zu spielen, auch wenn es immer wieder so unvorhersehbar ist", erzählt sie im Interview mit n-tv.de. Aber im Frühjahr geht es richtig los, da ist die Hamburgerin auf großer Tour: "In Berlin sind wir zum Beispiel im Tipi, in Hamburg im Sankt Pauli Theater, in München in der Freiheit, ich hab' mir nur schöne Orte zum Spielen ausgesucht", lacht sie.

Es war ein volles Jahr, ein aufregendes Jahr. Die Zusammenarbeit mit anderen Künstlern zu Hannes Waders 70. Geburtstag dieses Jahr hat ihr zum Beispiel viel Spaß gemacht: "Obwohl das so viel schlechte Kritiken bekommen hat", lacht sie. Aber das war toll und hat so Laune gemacht!" Also bei n-tv.de hat keiner ein schlechtes Wort darüber verloren, eher im Gegenteil. "Das ist super", freut sie sich. "Ich fand es toll, was wir alles aus den Liedern gemacht haben, jeder hat eine andere Note reingebracht", so Depenbusch. "Das war ein tolles Projekt." Und sie kann sich trösten, das fand der Altmeister auch, wie er in einem Interview mit uns verriet. Den kann man jedoch wenigstens in eine Schublade pressen - Liedermacher. Wo passt denn Anna da rein? "Das ist echt schwierig und ich versuche auch, mich gegen diese Schubladen-Sache zu wehren. Obwohl ich ein bisschen neidisch auf die Franzosen bin, denn sie haben dieses wunderbare Wort 'Chanson'. So was hätte ich gerne in deutsch, aber das gibt's nicht. Das ist eine ganz eigene Kultur, und man kann das auch nicht vergleichen mit dem Wort und den Inhalten eines 'Liedermachers'." Liedermacher, findet Depenbusch, klingt zu altertümlich und verstaubt, und das ist sie ja nun wirklich nicht. Schlager haut auch nicht hin.

Ich sing' lieber nur Deutsch

"Chanson beinhaltet so viel: Eine Epoche, eine Kultur, eine Zeit, und vor allem sehe ich da immer Frankreich vor mir, mit allem, was dazugehört. Immerhin habe ich ja nun den deutschen Chanson-Preis bekommen", lacht Depenbusch, "da kann ich mich ja auch mal Chansonnière nennen." Und französisch singen, wär' das nichts? "Oh nein, das will ich nicht, ich fühle mich mit dem, was ich mache, ja total gut und geborgen. In Deutsch kann ich mich richtig ausdrücken, in anderen Sprachen nicht."

In welche Schublade gehört sie den nun?
In welche Schublade gehört sie den nun?

Anna Depenbusch wirkt nicht wie eine, die ihre Songs am Reißbrett entwirft - bei ihr klingen die Lieder immer ein bisschen nach gelebten Geschichten. "Ja, die Idee für ein Lied hat immer eine Zündung in meinem Herzen", sagt sie. "Aber während des Arbeitsprozesses kommt eine ganze Menge Fantasie dazu", beschwichtigt sie. "Auch ein bisschen Handwerk und Erfahrung, und alle Geschichten habe ich nun wirklich nicht erlebt", lacht sie. Waaas? Sie hat keine besondere Beziehung zu Benjamin, Zimmer 439, und sie singt auch nicht jede Nacht Karaoke?  Sie lacht: "Nee. Aber es gibt um ein oder zwei Ecken immer eine Verbindung, das kann ich nicht leugnen. Ich suche die Inspiration nicht komplett außerhalb von mir, sagen wir mal so."

Wer oder was ist Anna Depenbuschs Inspiration denn? Der Look auf ihrem letzten Album ist eine Mischung aus Matrosen-Hawaii-Fifities-Elvis-Aloha. "Mir macht das Verkleiden Spaß", sagt sie, "und ich mag diesen Stil, der passt auch so super zu meiner Ukulele." Ach ja, die Ukulele, die hat sie extra gelernt für ihren "Sommer aus Papier". "Ich mag diesen Retro-Style und die gewisse Elvis-Romantik, die dazu gehört, aber ich bin froh, dass ich nicht in dieser Zeit gelebt habe", ergänzt sie. "Zum Beispiel bei 'Mad Men', da sehen doch alle echt toll aus, diese Anzüge und die Kleider, die Möbel, der ganz Stil, aber in der Zeit gelebt zu haben, vor allem als Frau, war bestimmt nicht der größte Spaß."

Durch die Bilder ruft Depenbusch ganz gerne Assoziationen hervor, die zu ihrer Musik passen: "Bei der 'Mathematik' waren es eher die Sixties, aber ich muss, bloß weil ich mich vielleicht optisch in einer Zeit bewege, noch lange nicht musikalisch in diesem Rahmen bleiben. Das klingt ein bisschen durcheinander, aber ich lasse mich einfach gerne aus vielen Richtungen inspirieren."

"Ich bin extrem"

Ukulele war gar nicht mal so schwer zu lernen ...
Ukulele war gar nicht mal so schwer zu lernen ...

Die Sängerin ist eine Frau der Extreme, das kann man schon so sagen: Nicht nur die Ukulele hat sie mal schnell gelernt, das ging ihr mit dem Klavier genauso, sie nimmt sich dann Auszeiten. Auch Momenten, in denen sie pleite war, sind Momente, aus denen die Künstlerin dann doch noch etwas zieht. "Ich bin schon extrem, ja, das kann man wohl so sagen, zumindest sehr leidenschaftlich. Für die Musik würde ich alles geben. Ich versuche, dynamisch zu bleiben, bunt, abwechslungsreich. Und vielleicht könnte das dann auch meine Linie werden, oder meintwegen auch meine Schublade."

Was war denn der Auslöser vor ihrem letzten Album? Davor waren es ja Momente und Situationen, in denen sie das Gefühl hatte, keine Luft mehr zu bekommen oder eben pleite zu sein. Was war es jetzt? "Naja, ich hatte eine Liaison mit einem Mann, der sehr viel gereist ist. Und ich immer mit. Da habe ich die schönsten Strände der Welt kennengelernt. Das war eine extreme Zeit, und es hatte auch (lacht) keine Zukunft. Aber es war genau das, was ich für mein Album gebraucht habe. Ich mag es, mich auf Dinge und Menschen einzulassen. Andere finden das schnell anstrengend, sie warnen mich und sagen dann, das alles hat doch keine Perspektive, aber muss doch auch nicht sein (lacht wieder)!"

Mit Mitte dreißig braucht man das auch nicht, oder? "Ich finde so ein Künstlerleben toll, diese Freiheit, dieses Ungebundene. Immer wenn ich mich irgendwo etabliert habe, dann gucke ich, was gibt es denn noch anderes?" Provozieren will sie deswegen noch lange nicht, sie ist eher Harmonie-bedürftig, fügt sie hinzu. "Ich bin eine typische Waage!" Depenbusch ist eine offene, junge und sehr wortgewandte Frau - schüchtert so  etwas das Gegenüber manchmal nicht ein? "Also mein großes Manko ist, dass ich nicht schlagfertig bin! Da kommt manchmal nichts von mir, wenn mich einer reizt. Ich mag es sehr gerne, wenn man sich offen begegnet. Aber allein durch meine Lieder bin ich doch ein offenes Buch, die erzählen doch echt viel von mir."

Ist Depenbusch eigentlich eine typische Hamburgerin? "Was ist denn typisch hamburgisch", überlegt sie. "Eher die Barbour-Jacken-Perlenkettchen-Fraktion oder die coolen Säue aus Sankt Pauli?" Sie sei weder noch, winkt sie ab. "Wenn ich aus meiner Wohnküche gucke, dann sehe ich die Kräne des Hafens. Das ist cool, das ist auch typisch hamburgisch. Ich fühle mich dem Hafen sehr verbunden. Ich hab' ganz sicher was Hanseatisches, so was Verbindliches, aber auch was Unaufgeregtes, vielleicht auch den eher unterschwelligen Humor", lacht sie. "Aber diese Schanzen-mäßige Coolness habe ich nicht", bedauert Depenbusch lachend. Ganz ehrlich: Mit so einer sympathischen Aussage ist sie schon wieder ganz weit vorne und nah dran an der Coolness. "Vielleicht bin ich eher ein Exot, auch wenn ich mich gerne mit anderen Musikern austausche, das klappt nämlich echt gut in Hamburg."

Anna Depenbusch geht am 30. Januar (Lüneburg) auf Tour und ist bis 13. März (Köln) unterwegs.

Quelle: n-tv.de

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