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Kleine Freiheit: Barbara auf dem Fahrrad.
Kleine Freiheit: Barbara auf dem Fahrrad.(Foto: Christian Schulz)

"Freiheit ist die einzige, die fehlt": "Barbara" zeigt Feinheiten aus der DDR-Provinz

von Markus Lippold

Es ist Sommer auf dem Land. André mag Barbara, die fühlt sich auch zu ihm hingezogen. Die Sonne scheint, man kocht Ratatouille. Nur die Freiheit fehlt. Es ist Sommer in der DDR. Barbara wird von der Stasi schikaniert, das Misstrauen ist allgegenwärtig, sie will nur noch weg. Der großartige Film "Barbara" von Christian Petzold erzählt vom Alltag in einer Diktatur.

- "Ist sie das?
- "Ja. Sie wird keine Sekunde zu früh kommen. Sie ist eben so."
- "Wie ist sie?"
- "Wenn sie sechs Jahre alt wäre, würde man das "Schmollen" nennen."

Mit Respekt vor den fachlichen Kompetenzen fängt es an: Barbara und André.
Mit Respekt vor den fachlichen Kompetenzen fängt es an: Barbara und André.(Foto: Christian Schulz)

Barbara schmollt aber nicht, wie der zynische Stasi-Offizier meint, sie steht unter Beobachtung. Es ist die DDR, 1980. Nachdem sie einen Ausreiseantrag gestellt hat, wird Kinderärztin Barbara (grandios: Nina Hoss) zwangsversetzt. Aus der Berliner Charité in ein Provinzkrankenhaus an der Ostsee. Dort wird sie von der Stasi überwacht. Die kommt mit dem schwarzen Auto, jedes Motorengeräusch lässt Barbara zusammenzucken. Sie weiß, dass dann ihre schäbige Wohnung wieder einmal durchsucht wird. Immer dabei: die Frau mit den Gummihandschuhen. Stasi-Offizier Schütz (Rainer Bock), der seine Macht arrogant ausspielt, scheint es fast zu genießen, dass Barbara sich Leibesvisitationen unterziehen muss.

"Hier kann man nicht glücklich werden"

Barbara ist allein hierhergekommen. Ihre Inhaftierung habe sich zersetzend auf ihren Freundeskreis ausgewirkt, heißt das in der Stasi-Sprache. Auf ihrer neuen Arbeitsstelle bleibt sie distanziert, sie kapselt sich ab. Sie wirkt so kühl und abweisend, dass es schmerzt. Kein Wunder, denn sie gedenkt nicht, zu bleiben. Barbara hält nichts mehr in diesem Land. "Hier kann man nicht glücklich werden", sagt sie an einer Stelle zu ihrem Freund aus dem Westen, den sie ab und zu sieht. Er will sie rausholen aus der DDR, bereitet ihre Flucht vor.

Unter Beobachtung: André und Stasi-Offizier Schütz.
Unter Beobachtung: André und Stasi-Offizier Schütz.(Foto: © Piffl Medien)

Mit dem Fahrrad, das sie im Keller findet, fährt Barbara durch die schöne Landschaft: Sie versteckt das Westgeld, das ihr Freund ihr zukommen lässt, im Wald trifft sie sich heimlich mit ihm. Das Fahrrad ist eine kleine Freiheit. Barbara spürt den Wind, der an der Küste kräftig und geräuschvoll weht. Sie fährt gegen ihn an, sie lässt sich nicht unterkriegen.

Das Rauschen des Windes bleibt in Erinnerung. Jene Klänge, aber auch Farben gehören zu den Feinheiten, die den wunderbaren Film "Barbara" von Christian Petzold ausmachen: die Schritte auf dem Krankenhaus-Linoleum, die kräftigen Farben von Tomaten, Zucchini und Auberginen. André (Ronald Zehrfeld), Barbaras Kollege und Vorgesetzter, macht Ratatouille daraus. Nichts ist natürlicher als das. Auch in diesem Land.

"Huckleberry Finn" in der DDR

Doch Barbara will raus. Nur André lässt sie zögern. Schnell merkt sie, dass er Bescheid weiß, dass er Berichte für die Stasi schreiben soll. Doch er reagiert mit Offenheit, was Barbara verwirrt. Kann sie ihm vertrauen? An den Blicken zwischen Barbara und André erkennt man, wie sich ihr Verhältnis langsam wandelt, wie die Distanz bröckelt, anfangs gegen ihren Widerstand.

Regisseur Christian Petzold mit Nina Hoss.
Regisseur Christian Petzold mit Nina Hoss.(Foto: Christian Schulz)

Barbara ist beeindruckt von Andrés Fachkompetenz. Auch er arbeitet nicht freiwillig in dieser Klinik am Rande der Republik. André imponiert, wie sich Barbara um Stella (Jasna Fritzi Bauer) kümmert, die mit einer Hirnhautentzündung eingeliefert wird. Sie kommt aus dem Werkhof Torgau, dem berüchtigten Erziehungsheim für Jugendliche. Barbara, die ihren Beruf liebt,  liest ihr Mark Twains "Huckleberry Finn" vor, die Geschichte einer Flucht aus der Sklaverei. Auch Barbaras Flucht rückt näher. Da merkt sie, dass sie vielleicht doch etwas zurücklassen müsste in diesem Land.

Es könnte so einfach sein: André mag Barbara, sie taut langsam auf. Wäre da nicht der Staat, der seine Bürger in Unfreiheit leben lässt. Wären da nicht das Misstrauen, die Lügen, die ständigen Blicke nach möglichen Beobachtern, die denunzierende Nachbarin. "Barbara" zeigt, wie perfide die Staatssicherheit auch in der Provinz funktionierte, weitab von jenem Berlin aus "Das Leben der Anderen" mit seinen Künstlern und Ministern. Das ist einer der Verdienste des Films von Petzold, der für seine Regie Goldener Bär geht nach Italien .

Das Zucken im Mundwinkel

Ein anderer Verdienst ist, dass Petzold nicht auf das große Drama setzt. Hier steht der Alltag im Mittelpunkt, zu dem auch der Beruf gehört, die Ratatouille und die Liebe. Daraus bezieht dieser ungemein atmosphärische Film seine Spannung. Es ist Sommer auf dem Lande. Alles läuft etwas langsamer, fast schon lakonisch. Geduldig folgt die Kamera Barbara zu Fuß oder auf dem Fahrrad. Man ist es kaum noch gewohnt, dass Menschen in einem Film auch laufen können. Das ist noch so ein Detail.

Die Hauptrolle hat Petzold wieder mit Nina Hoss besetzt, mit der er schon viermal zusammenarbeitete, zuletzt in "Yella" und "Jerichow". Für ihre Leistung in "Yella" erhielt Hoss den Silbernen Berlinale-Bären. Und auch diesmal gehörte sie wieder zu den Favoritinnen - zu Recht. Fein nuanciert stellt Hoss den langsamen Wandel dar, den Barbara durchmacht, ihre Zerrissenheit zwischen dem kleinen Glück und dem perfiden System. Ein Zucken der Mundwinkel, ein Blick können alles sagen. Es ist eine Glanzleistung.

Ihr zur Seite steht Ronald Zehrfeld. Sein André hat sich scheinbar mit dem System abgefunden, mit der Unfreiheit. Dabei träumt er davon, Rembrandt zu sehen in Den Haag. Er ist gestrandet, genau wie Barbara, aber er geht anders damit um. Es ist ein schönes Paar. Wären da nicht dieser Staat, diese Unfreiheit, dieses Misstrauen.

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Quelle: n-tv.de

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