Unterhaltung
Ein Lächeln? Fehlanzeige.
Ein Lächeln? Fehlanzeige.

Das können nur Franzosen: Benjamin Biolay, Engel der Rache?

Von Sabine Oelmann

Das könnte für einige das schönste Album des Jahres werden! Es ist von vorne bis hinten gut, die Texte sind genial, die Melodien sind mitreißend und der Sänger ist so verdammt cool, wie schon lange keiner mehr cool war. Dabei singt er von den heißen Themen des Lebens: Liebe, Sex, Verzweiflung, Kummer, Vergebung. Und Rache.

Obwohl er jeden Grund hat, sich zu freuen.
Obwohl er jeden Grund hat, sich zu freuen.

Das ist ja wieder mal typisch französisch! Echt? Was ist denn typisch französisch? Camembert ist typisch französisch, ein schöner Bordeaux ist typisch französisch, die Côte d'Azur ist es auch, ebenso wie Brigitte Bardot und der Eiffelturm. Und das neue Album des Franzosen Benjamin Biolay zum Beispiel, das ist typisch französisch. Und ist es denn gut, typisch französisch zu sein? In diesem Fall unbedingt!! Das Enfant Terrible (er hasst diesen Ausdruck) des französischen Liedguts ist nämlich erwachsen geworden, und er ist gar kein so schrecklicher Erwachsener, wie man befürchten muss.

Erstaunlich uneitel für so einen Franzosen gibt es kein einziges Foto des Benjamin Biolay auf seinem Album-Cover. Und auch das liebevoll verrückt gestaltete Innenleben des Albums – wenn man denn auf old school steht – gibt keinen Hinweise auf den Herrn, vor dem schon viele Journalisten kapituliert haben. Aber das war einmal. Das war in einer Zeit, als er das Wort "Chanson" hasste, als er Ausschlag bekam bei dem Namen Jaques Brel, als er als Nachfolger von Serge Gainsbourg gehandelt wurde, als er mit der Tochter von Nationalheiligtum Cathérine Deneuve (und Marcello Mastroianni), Chiara Mastroianni, verheiratet war. Was ist also passiert in der Zwischenzeit?

Sein neues Album ist genial - keine Einzelmeinung.
Sein neues Album ist genial - keine Einzelmeinung.

Benjamin Biolay ist erwachsen geworden. Er hat zwei Victoires des la Musique erhalten, seine 2009er Tour (mit dem Album "La Superbe") durch Frankreich, Spanien und Südamerika war ausverkauft, er wurde zum Officier des Arts et Lettres ernannt. Und dieses Album ist für Erwachsene. Für Menschen, die gerne nichts bereuen, aber nicht gleich "Je ne regrette rien" trällern müssen deswegen. Für Menschen, die wissen, wie sich der schlimmste Morgen nach der schönsten Nacht anfühlt. Die wissen, was Monsieur Biolay meint, wenn er mit seinem ersten Lied auf dem Album "Aime mon Amour" aufmacht: großartig, der Gedanke, dass man dem nächsten Liebhaber seiner eben noch Liebsten wünscht, dass er sie "richtig" liebt. "Liebe meine Liebe" - das ist hymnisch in Zeiten, in denen fast jede zweite Ehe geschieden wird. Die Einsicht, dass man auch eine verflossene Liebe weiterliebt und ihr Liebe, wenn auch nicht die eigene, wünscht, ist irgendwie tröstlich.

Genießt das Leben!

Erwartet hätte das fast niemand von Benjamin Biolay, so beinahe weise zu wirken, waren seine letzten Alben und seine Haltung doch immer mehr oder weniger von der Hassliebe zu seinen Mitmenschen geprägt. Dieses Mal holt er sich Verstärkung, und die macht, dass seine Musik eine Mischung aus eben jenem Chanson - für den fast jede französische Musik ja gehalten wird - aus Elektro und Rap, HipHop und Rock ist. Für jeden etwas? Die, die ihn immer noch für den eitlen Fatzke halten, der die Musik seiner Landsleute mit "Dreck à la Jaques Brel"  bezeichnet hat, für die ist "Vengeance" nichts. Allein der Titel: Rache  ... woran und an wem will er sich denn rächen? Es geht gar nicht so sehr um die klassische Rache, erklärte er bereits. Es sei viel mehr der Wille zur Veränderung. Immer noch ein bisschen der "angry young man", freut sich Biolay über den Machtwechsel in Frankreich. "Sarkozy ist raus, das ist gut" war sein Kommentar dazu. Vor ungefähr einem Jahr wurde ihm eine Affäre mit Carla Bruni, mit der er vor Jahren einmal zusammengearbeitet hatte, angedichtet. Und als er auch noch in den Elysée-Palast eingeladen wurde und absagte, stand es eigentlich fest: Was erlaubt der Typ sich eigentlich? 

Dennoch wird sein neuestes Werk nun mit Lob überschüttet. Das ist auch gerechtfertig, denn es ist ja gut, egal, wie Monsieur Biolay sich in der letzten Zeit verhalten hat. Er singt mit entzückenden Frauen wie Vanessa Paradis ("Profite") und rät in dem Song, das Leben zu genießen, denn - merde - es ist verdammt kurz. Julia Stone zwitschert auf seinem Album den Titel "Confettis", der, so wie sie es betont, im Französischen durchaus zu doppeldeutigen Gedanken anregt, wenn man einfach nur so hinhört, glaubt man jedoch, augenblicklich tatsächlich Konfetti niederrieseln zu spüren und Mädchen zu sehen, die im Wind tanzen. Die Herren Carl Barat (ein Ex-Libertines-Mann) und der französische MC Orelsan sind auf seinem Rache-Feldzug mit von der Partie - und excusez-moi, Messieurs, aber die Erinnerung an Serge, Jaques und all die anderen ist gar nicht so schlimm!!

Seine Kindheit war nach eigenen Aussagen stinklangweilig - am Ende des Albums aber singt er, fast schon bürgerlich: "I swear, I will live  in the sun, with my wife, my lover, with my daughters and sons". Der Mann, der fast nie lächelt, immer eine Kippe im Mundwinkel hat und noch nach seiner Scheidung von Chiara Mastroianni in einem Song angedeutet hatte, "ab halb neun denke ich nur noch mit dem Schwanz", ist wohl auch etwas ruhiger geworden, und das tut "Vengeance" einfach gut.

Das sexy Video zu "Aime Mon Amour" gibt es hier

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Quelle: n-tv.de

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