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Duo Infernale: Carolyn Niemczyk und Daniel Grunenberg alias Glasperlenspiel.
Duo Infernale: Carolyn Niemczyk und Daniel Grunenberg alias Glasperlenspiel.(Foto: Ben Wolf / Universal Music)

"Hesse würde sich im Grab umdrehen": Beweg' dich mit Glasperlenspiel

"Sooo süß!", lautet mancher Kommentar im Netz unter Videos von Glasperlenspiel. Stimmt schon, vor allem aber ist das Duo erfrischend bodenständig. Und seine Musik Marke deutscher Pop kann sich dabei allemal hören lassen. Das n-tv.de Interview mit den beiden Bandmitgliedern Carolyn Niemczyk und Daniel Grunenberg dreht sich jedoch nicht nur darum. Stattdessen geht es "echt" zur Sache.

n-tv.de: Auf eurer Internet-Seite sind Videos zu sehen, in denen ihr - in Anlehnung an euren Song "Echt" - Leute auf der Straße fragt, was für sie "echt" sei. Ich drehe den Spieß mal um: Was ist für euch echt?

Carolyn Niemczyk: Echt sind für mich Momente, in denen man keine Zweifel hat, loslassen kann und sich komplett wohl fühlt. Momente, in denen man weiß, dass man gerade genau das Richtige tut und am richtigen Platz ist. Momente, in denen alles stimmt - so, wie es ist. Das kann mit Freunden sein oder in der Familie. Ich glaube, in der heutigen Zeit geht das leider oft etwas verloren. Oft fühlt man sich nicht so richtig zu Hause und vieles wirkt verstellt oder wie Plastik.

Die Frage, was echt ist oder nicht, spielt im Castingshow-Zeitalter ja nicht zuletzt auch in der Musik eine gewisse Rolle. Warum seid ihr als Band echt?

Auch auf der Bühne stehen sie gemeinsam im Mittelpunkt.
Auch auf der Bühne stehen sie gemeinsam im Mittelpunkt.(Foto: Joachim Didier / Universal Music)

Daniel Grunenberg: Genau deshalb - weil uns Echtheit und Authentizität wichtig sind. Deswegen singen wir auch über Dinge wie Werte oder Freundschaft. Als wir mit der Musik angefangen haben, wollten wir auf jeden Fall sagen können: Das, was wir hier präsentieren, sind wir - vom ersten kleinen CD-Cover bis hin zum letzten Video. Das sind unsere Gedanken. Deshalb legen wir auch besonderen Wert darauf, an allen kreativen Prozessen beteiligt zu sein - egal, ob es um das Artwork, die Studioarbeit, das Songschreiben oder die Musikvideos geht.

Mal abgesehen davon macht ihr natürlich auch schon Musik, seid ihr 12 oder 13 seid …

Carolyn: Stimmt. Ich habe mit ungefähr 13 eine Band gesucht, bei der ich mitsingen kann. Da habe ich mich bei Daniels Band beworben - die waren ja schon 14.

(Allgemeines Gelächter)

Daniel: Yeah!

Carolyn: Anfangs waren wir teilweise noch bis zu zwölf Leute. Trotzdem war das eine lustige Zeit, in der wir in Schulen, auf Schüler- und Stadtfesten oder auch mal in der Kirche aufgetreten sind.

Daniel: Ich glaube, wir haben schon alles gemacht. Mittlerweile kennen wir uns echt schon seit neun Jahren. Und ich würde sagen, dass das alles ein sehr gesunder Lernprozess war und gesund gewachsen ist.

In jedem Fall wart ihr sehr jung, als ihr mit der Musik angefangen habt. Wie seid ihr dazu gekommen?

Carolyn: Ich habe schon immer gesungen - meine Mutter meint, schon bevor ich reden konnte. Mit sechs Jahren war ich in meinem ersten Kinderchor. Mit ihm haben wir so kleine Opern aufgeführt. Dann kam noch Gitarren- und Orgelunterricht hinzu, was mir am Anfang eigentlich keinen Spaß gemacht hat. (lacht)

Mit ihrem Song "Echt" stürmten Glasperlenspiel die Charts.
Mit ihrem Song "Echt" stürmten Glasperlenspiel die Charts.(Foto: Jörg Kundinger / Universal Music)

Welchem Kind macht das schon Spaß …

Carolyn: Ja, der Orgelunterricht war wirklich furchtbar. Aber grundsätzlich war das mit der Musik immer mein eigener Wunsch. Meine Eltern haben mich nie dazu gedrängt - außer beim Orgelunterricht, da war es anfangs so. Etwas später hatte ich dann auch noch einzelnen Gesangsunterricht. Ich hatte immer eine klassische Ausbildung und habe klassisch gesungen. Aber irgendwann habe ich mich dann auch für das Belting, den Pop-Gesang, interessiert.

Daniel: Ich glaube, die Initialzündung bei mir fand statt, als ich einen Michael-Jackson-Auftritt im Fernsehen gesehen habe. Das müsste die "History"-Tour gewesen sein. Auf jeden Fall weiß ich noch, dass das damals live auf Sat.1 übertragen wurde. (lacht) Das hat mich so gepackt, dass ich auch so tanzen wollte und versucht habe, das zu imitieren. Dann kamen natürlich meine Eltern dazu und meinten: Lerne doch erst einmal ein Instrument.

Wann habt ihr denn Hermann Hesses Roman "Glasperlenspiel" gelesen?

Carolyn: Oh, das war schon etwas später. Ich habe ihn auch nicht in der Schule lesen müssen, sondern bin durch eine Freundin darauf gekommen. Am Anfang fanden wir einfach nur, dass der Name schön klingt. Aber natürlich mussten wir den Roman dann auch mal lesen. Wie alt waren wir da?

Daniel: Ich denke, das war so Ende 2009, Anfang 2010. Und das war auf jeden Fall das schwierigste Buch, das ich je gelesen habe. Ich meinte zu Caro immer: "Und? Wie weit bist du? Ja, okay, scheiße …" Aber der Roman ist auch sehr spannend. Im Prinzip erklärt er eine Formel, die das Leben lebenswert macht. Anhand der Glasperlenspiel-Formel wird versucht, die Welt zu erklären. Damals habe ich noch Informatik studiert. Und als Programmierer versucht man ja quasi auch, die Weltprobleme in Formeln zu fassen. (lacht) Von daher fand ich das doppelt inspirierend.

Carolyn: Und es war interessant, den Roman für uns zu interpretieren. Einige Sachen haben wir tatsächlich als Parallele zu uns gesehen. Viele verstehen das oft falsch und meinen: "Oh Gott, Hesse würde sich ja im Grab umdrehen!" Aber natürlich wollten wir so ein Zeichen nie geben - wir wollten uns auf keinen Fall mit Herrn Hesse messen.

Als Baden-Württemberger wollen sie sich natürlich nicht mit Hesse messe(n).
Als Baden-Württemberger wollen sie sich natürlich nicht mit Hesse messe(n).(Foto: Ben Wolf / Universal Music)

Auch mit dem Songschreiben habt ihr schon in jungen Jahren angefangen. Eure ersten Lieder waren, so Daniel in einem anderen Interview, allerdings "katastrophal schlecht". Könnt ihr noch eine Textzeile wiedergeben?

Daniel: Klar, eine Textzeile war zum Beispiel "Wir suchen Helden".

Wie viele Akkorde hatte der Song denn?

Daniel: Ich glaube vier. Ich denke, ich könnte den sogar noch spielen.

Na, vielleicht als Zugabe bei euren Konzerten …

Daniel: Nein, lieber nicht! (lacht) Aber auch das war Teil dieses Lernprozesses. Als wir mit 15 oder 16 angefangen haben, eigene Songs zu schreiben, sind wir natürlich erst einmal mit Naivität an die Sache herangegangen. Aber das hat es auch irgendwie witzig gemacht.

Laut eurem Wikipedia-Eintrag wart ihr vor Glasperlenspiel in einer "Kirchen-Pop-Band". Im Rockbereich gibt es Bands, die sich explizit christlicher Rockmusik verschreiben. Die nennt man dann White Metal. Seid ihr White Pop?

Carolyn: Wir sind sicher nicht die Kirchen-Band von damals geblieben. Aber wir singen viel über die Dinge, die uns wichtig sind - zum Beispiel Werte wie Freundschaft, Ehrlichkeit und Authentizität. Woher das jetzt kommt, sei mal dahingestellt.

Daniel: Ich glaube, da schwingt vieles mit. Das sind auch die Themen, die mich mit Mitte 20 und Caro mit Anfang 20 beschäftigen. Wir nennen unser erstes Album gerne ein Tagebuch zum Tanzen, weil es darauf um Geschichten aus unserem Leben und Umfeld geht.

Michael Jackson als prägenden Einfluss hatten wir ja schon. Habt ihr noch andere musikalische Vorbilder?

Daniel: Ich würde nicht unbedingt von Vorbildern sprechen, sondern eher von Inspiration durch Musik, die man selbst hört. Wir lieben auf jeden Fall die elektronische Szene in England. Zu meinen Lieblingsbands gehören "The Ting Tings" oder "The XX". Und ich mag auch "La Roux" und Ellie Goulding sehr gerne. Mein Interesse an elektronischer Musik hängt sicher auch damit zusammen, dass ich schon immer sehr technikinteressiert war. Meine klassische Ausbildung mit der Musik zu kombinieren, fand ich sehr spannend. Deshalb haben wir uns auch für so einen Sound entschieden.

Carolyn hat es schon als kleines Kind zum Singen und zur Musik gezogen.
Carolyn hat es schon als kleines Kind zum Singen und zur Musik gezogen.(Foto: Joachim Didier / Universal Music)

Kommen wir nochmal zurück zu eurem Song "Echt". Das war nicht nur eure erste Single, ihr habt mit dem Song auch beim Bundesvision Song Contest 2011 den vierten Platz belegt. Danach müsst ihr doch auf Wolke Sieben geschwebt sein …

Daniel: Stimmt, das war super. Man kann schon sagen, dass nach dem Contest nichts mehr war wie davor. Wir haben gefeiert, als wäre es der erste Platz gewesen. Bis dahin kannte uns ja kein Mensch und die Konkurrenz war echt stark. Und danach ging es für uns steil bergauf. Wir haben Touren gespielt, waren auf Sommerfestivals und die Single ist gleich in die Top 10 eingestiegen. Richtig realisieren kann ich das alles noch immer gar nicht.

Mittlerweile seid ihr auch eine Werbekooperation mit einem Mineralwasser-Hersteller eingegangen. Wie sehr wägt man gerade als junge Band ab, ob man sich auf so etwas einlässt?

Daniel: Es war so, dass Volvic auf uns zugekommen ist. Sie haben uns gefragt, ob wir nicht Lust hätten, für ihr neues Produkt mal einen Song zu schreiben. Vielleicht würde der ja zu dem Wasser passen. Das war eine sehr nette Runde und wir haben uns dabei gar nicht groß verkopft, sondern gesagt: Ja, wir haben Bock darauf.

Carolyn: Das war jetzt auch nichts, zu dem wir nicht stehen könnten. Ja, klar, wenn wir jetzt irgendwelche Zigaretten promoten würden, wäre das etwas anderes. Aber Wasser ist ja nun kein schlechtes Produkt, sondern etwas aus dem alltäglichen Leben.

Ihr macht keinen Hehl daraus, dass ihr nicht nur auf der Bühne, sondern auch privat ein Paar seid. Ich hoffe mal, das hat sich nicht geändert …

(Allgemeines Gelächter)

Daniel: Nein.

Carolyn: Man ist gar nicht mehr gewohnt, dass da jemand nachfragt.

Normalerweise heißt es ja immer, dass man Berufliches und Privates trennen sollte. Aber bei euch läuft das Zusammenspiel offenbar ganz gut …

Daniel: Auf jeden Fall.

Ex-Informatikstudent Daniel hat seit jeher ein Faible für Technik.
Ex-Informatikstudent Daniel hat seit jeher ein Faible für Technik.(Foto: Rolf Haskamp / Universal Music)

Carolyn: Ich glaube schon auch, dass es gesund ist, das etwas zu trennen. Das ist bei uns natürlich nicht immer leicht. Aber wenn wir zu Hause sind, ist auch jeder mal nur mit seinen Freunden zusammen und unternimmt etwas für sich. Dadurch haben wir einen guten Ausgleich.

Daniel: Wir halten immer mit dem Umkehrschluss dagegen: Wenn ich überlege, dass ich eine Freundin irgendwo am See hätte, dann hätte sie mich in diesem Jahr wahrscheinlich gerade viermal gesehen. Das wäre sicher auch nicht gut.

In einer Ehe haben manche einen Ehevertrag, damit sie sich im Fall der Fälle zum Beispiel nicht um das gemeinsame Haus streiten. Euer Haus ist quasi die Band. Habt ihr so etwas auch?

Daniel: Ach, wir streiten uns nicht.

(Allgemeines Gelächter)

Carolyn: Never ever.

Eure ersten Tourneen habt ihr als Vorband absolviert, etwa von Ich + Ich. Inzwischen seid ihr schon einige Zeit allein unterwegs. Hat man die Buxe voller, wenn man für jemand anderen einheizen soll oder wenn man weiß, dass alle wegen einem selbst da sind?

Daniel: Definitiv im zweiten Fall. Als wir direkt nach dem Bundesvision Song Contest auf Tour gegangen sind, waren auf einmal die Häuser voll und alle kamen, weil sie unsere Songs gehört hatten. Und sie haben mitgesungen! Das ist schon krass. Das ist ja, was man sich als Musiker immer wünscht.

Carolyn: Beim eigenen Konzert steht man schon noch etwas mehr unter Druck mit der Hoffnung, dass es den Leuten gefällt. Und man fragt sich immer: Oh Gott, gebe ich gerade wirklich hundert Prozent?

Als Vorband kann es aber doch auch echt hart sein. Wenn man da den Leuten nicht gefällt, buhen sie einen vielleicht sogar aus …

Carolyn: Das ist uns zum Glück nicht passiert. Mit Ich + Ich hat das auch gut gepasst.

Daniel: Wir haben uns da auch wirklich immer Bands ausgesucht, von denen wir dachten, dass es passen könnte. Ich glaube, im Vorprogramm von Metallica wären wir auch ausgebuht worden. (lacht)

Sie können zwar Hochdeutsch, aber sonst auch nicht alles.
Sie können zwar Hochdeutsch, aber sonst auch nicht alles.(Foto: Universal Music)

Euer erstes Album "Beweg dich mit mir" ist inzwischen mehr als ein Jahr alt. Hattet ihr Zeit, an einem Nachfolger zu arbeiten?

Daniel: Ja, wir haben uns quasi direkt, nachdem das erste Album draußen war, hingesetzt. Wir haben ja so viel erlebt, so viele neue Leute kennengelernt und so viele Einflüsse mitbekommen, dass wir das alles sofort wieder in Songs gepackt haben. Wir waren schon in London und haben angefangen, die Platte zu produzieren. Mit dieser Umgebung geht für uns ein Stück weit ein Traum in Erfüllung. Die Szene, das Kreative, die Verbindung zwischen Musik und Mode - London gibt einem enorme Inspiration.

Wann soll das Album denn erscheinen?

Carolyn: Im kommenden Frühjahr.

Carolyn, du hast dein Abi in der Tasche, und Daniel, du hast dein Informatikstudium abgebrochen - dass ihr euch erst einmal voll und ganz auf die Musik konzentrieren werdet, steht fest, oder?

Carolyn: Ja. Für mich war das natürlich eine gute Situation. Ich war gerade mit dem Abi fertig, als das Angebot für den Plattenvertrag kam. Ich dachte mir, dass das wahrscheinlich die einmalige Chance sein würde, mich auszutoben und das zu machen, was ich schon immer machen wollte. Wir wissen natürlich alle, dass das Musikgeschäft nicht unbedingt das beständigste ist. Aber wir sind in jedem Fall froh, dass jetzt gerade machen zu können.

Zum Schluss muss ich natürlich noch auf eurer Herkunft herumreiten: Ihr kommt aus Stockach im schönen Baden-Württemberg …

Carolyn: Ich bin sogar aus Singen!

Daniel: Der Nachbarort …

Carolyn: Na, das ist ein bisschen größer als Stockach. Singen am Hohentwiel.

Wenn man euch singen und reden hört, klingt ihr durchaus einigermaßen hochdeutsch. Den Spruch "Wir können alles außer Hochdeutsch" habe ich eh nie geglaubt. Deshalb mal ehrlich: Was könnt ihr tatsächlich nicht?

Daniel: Ach, man kann so viel nicht.

Carolyn: Ich kann nicht gut Auto fahren. Und ich kann auch nicht gut mit Computern und Technik umgehen.

Daniel: Das kann ich wieder sehr gut. Da ergänzen wir uns. Das ist echt eine fiese Frage, was man nicht so gut kann. Ich bin da …

Carolyn: Du kannst nicht so gut kochen!

Daniel: Stimmt, genau! Darin bin ich eine komplette Niete. Das muss ich zugeben. Ich glaube, ich und Kochen, das wird nichts mehr.

Mit Carolyn Niemczyk und Daniel Grunenberg sprach Volker Probst

Glasperlenspiel sind in den kommenden Monaten weiterhin live zu erleben: Radolfzell (22. Dezember 2012), Bonn (31. Januar 2013), Frankfurt (1. Februar 2013), Dresden (2. Februar 2013), Saarbrücken (20. Februar 2013), Stuttgart (21. Februar 2013)

Quelle: n-tv.de

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