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Zwei Gladiatoren - die gierige Meute im Stadion und an den Bildschirmen geifert.
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Donnerstag, 19. Oktober 2017

Wenn der "Ice-Borg" schmilzt: "Borg/McEnroe" entführt nach Wimbledon

Von Sabine Oelmann

Auch wenn Sie Sportfilmen gegenüber skeptisch sind: "Borg/McEnroe" ist eine Ausnahme. Großartiger Film! Angucken! Sverrir Gudnason und Shia LaBeouf sind Asse auf dem Centrecourt. Auch wenn man weiß, wie es ausgeht - spannend bis zum Schluss.

"Tennisspieler sind Kinder, neurotisch und glücklich, abhängig von ihrem Spiel, dem Gewinn eines Satzes oder dem erleichternden Moment, wenn man ein Mensch sein kann außerhalb von Turnieren, Interviews oder Training." Dieser Satz gilt nicht Boris Becker, sondern dem anderen großen Tennisspieler, der mit dem Doppel-B gepunktet hat, lange vor Beckers Zeit: Björn Borg. Er stammt von seiner dritten Exfrau Loredana Bertè und nach allem, was sie in ihren Memoiren über ihre nur drei Jahre währende Ehe mit Borg schrieb, ist das noch der netteste Satz. Sie hat ihn gehasst am Ende, ihm Drogenmissbrauch und Prostituiertenbesuche attestiert - wenn man sich den jungen Björn Borg anschaut, eine kaum zu glaubende Beschreibung.

Perfekt bis ins Detail ...
Perfekt bis ins Detail ...

Borg, der in die Geschichte eingegangen ist als "Ice-Borg", war ein an Coolness kaum zu überbietender Spieler. Seine Emotionen, zumindest auf dem Tenniscourt, behielt er für sich, sein Gesicht verriet keine Regung, schon gar keine Erregung. Er schien nicht zu schwitzen, er rastete kaum aus, seine langen blonden Haare saßen auch nach den härtesten Matches wie mit "Drei Wetter Taft" befestigt unter seinem klassischen blau-weiß-roten Frottee-Stirnband.

Seine Schlagtechnik revolutionierte das Tennisspiel. Jungs und Mädchen wollten sein wie er. Und sie wollten Tennis spielen. Borg löste eine wahre "Borg-Mania" aus. Borg war auch ein Posterboy, ein Modefreak. Dementsprechend wurde er vermarktet, anfänglich von der Model-Agentur IMG. Seine natürliche Eleganz und sein sportlicher Körper waren seiner Zeit voraus. Wenn die anderen Tennisspieler noch in der Bar saßen, tranken und rauchten und Mädchen anbaggerten, war Borg schon lange wieder auf seinem Hotelzimmer und dachte über Taktik nach. Machte Kraftübungen, ging laufen. Er stimmte sich mental auf sein Spiel ein, als an Yoga, Meditation und andere Bewusstseinsübungen im Profisport noch gar nicht zu denken war; er war anders als die anderen Spieler. Er heiratete recht früh und er ließ sich auch bald wieder scheiden. Diverse Male in seinem Leben. Doch darum geht es in dem Film ja nicht.

Tuva Novotny als seine Verlobte Mariana Simionescu, ebenfalls Tennisspielerin, und Stellan Skarsgard als sein Trainer und Motivator.
Tuva Novotny als seine Verlobte Mariana Simionescu, ebenfalls Tennisspielerin, und Stellan Skarsgard als sein Trainer und Motivator.

"You cannot be serious!"

Zurück zum Kinofilm, denn da trifft er, Borg, der arme Junge aus Stockholm, auf McEnroe. John McEnroe, das Bübchen aus wohlhabendem Haus, bekannt für seine Wutausbrüche. Der das Tennisspiel dann in der ersten Hälfte der Achtzigerjahre dominieren sollte. McEnroe ist der totale Kontrast zu Borg: emotional, laut, unberechenbar, cholerisch geradezu, ein angry young man. Er wirft mit dem Schläger und pöbelt die Schiedsrichter an. "You cannot be serious!" brüllt er, wenn er sich im Recht sieht. Also quasi immer.

Gudnason ist 39 Jahre alt - und spielt den 24-jährigen Borg mit großer Lässigkeit.
Gudnason ist 39 Jahre alt - und spielt den 24-jährigen Borg mit großer Lässigkeit.

Was den Film schwierig machen könnte - "Borg/McEnroe" dreht sich ausschließlich um das traditionsreichste Tennisturnier, die Wimbledon Championships und da auch nur um dieses eine Spiel der Giganten - ist ein Riesengewinn. Und zeigt eindringlich, unter welchem Druck Borg stand. Für den besten Tennisspieler der damaligen Zeit soll es nämlich DER Triumph werden. Björn Borg (unverschämt gut gespielt von Sverrir Gudnason) kann zum fünften Mal den Titel holen. Jedoch hat seine lange, schon im Kindesalter begonnene Karriere Spuren hinterlassen. Obwohl er erst 24 Jahre alt ist, fühlt Borg sich erschöpft und ausgebrannt, leidet unter Ängsten.

Davon ist John McEnroe (großartig großmäulig: Shia LaBeouf) noch weit entfernt. Der 20-jährige aufstrebende Star will Borg vom Thron stürzen und ist fest entschlossen, Wimbledon zu gewinnen. Doch mehr und mehr fühlt er sich, ebenso wie Borg, als wäre er in einem Käfig gefangen. Medien, Fans und Verbände stilisieren den Zweikampf immer weiter hoch: der coole Borg gegen den verzogenen McEnroe.

Es heißt, McEnroe wäre sehr einverstanden mit LaBeouf in seiner Rolle: "Wir sind beide verrückt":
Es heißt, McEnroe wäre sehr einverstanden mit LaBeouf in seiner Rolle: "Wir sind beide verrückt":

Nach und nach müssen die beiden Gegner erkennen, dass ausgerechnet ihr größter Rivale der einzige sein könnte, der versteht, was sie durchleiden. Und das ist Janus Metz, dem dänischen Regisseur, hervorragend gelungen, obwohl das Darstellen und Nacherzählen von Sportereignissen im Kino zu den schwersten Disziplinen gehört. Man fiebert mit, obwohl man - wie bei "Titanic" - das Ende bereits kennt. Wimbledon gilt als eines der größten Sportereignisse weltweit. Und Borg und McEnroe waren die Popstars der Sportwelt. Überzeugend unterstützt werden die beiden Hauptdarsteller von Stellan Skarsgård als Borgs Trainer und Mentor.

Man tritt zusammen bei Charity-Spielen auf: McEnroe (mit seinen Töchtern) und Borg.
Man tritt zusammen bei Charity-Spielen auf: McEnroe (mit seinen Töchtern) und Borg.(Foto: Reuters)

Respekt und Liebe

Auf der aktuellen Rekordweltrangliste der Herreneinzel steht McEnroe auf dem sechsten, Björn Borg auf dem achten Platz. Beide haben nach ihrer aktiven Karriere im Tenniszirkus immer wieder versucht, Fuß zu fassen, McEnroe erfolgreicher als Borg. Beide sind eng miteinander befreundet. Das spiegelt sich vor allem in dem Satz "Wenn du deinen größten Gegner verlierst, verlierst du auch einen Teil deiner selbst" am deutlichsten wider, den McEnroe über den Rücktritt Björn Borgs 1983 gesagt hat.

Noch eine Anmerkung zu den beiden großen Doppel-Bs des Tenniszirkus': Bereits 1996 musste Björn Borg in Schweden Insolvenz anmelden - und das trotz eines geschätzten Vermögens von 80 Millionen US-Dollar. Heute ist er als Geschäftsmann wieder erfolgreich. Ist das nicht gut zu wissen, Boris??

"Borg/McEnroe" läuft ab dem 19. Oktober in den deutschen Kinos.

Quelle: n-tv.de

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