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Lena (Emma Watson) und Daniel (Daniel Brühl) geraten in Santiago in die Straßenunruhen während des Militärputschs in Chile.
Lena (Emma Watson) und Daniel (Daniel Brühl) geraten in Santiago in die Straßenunruhen während des Militärputschs in Chile.(Foto: Majestic / Ricardo Vaz Palma)

Sex mit Kindern und Zwangsarbeit: Colonia Dignidad, die deutsche Sekte

Von Andrea Beu

Unfassbare 40 Jahre lang treibt die streng abgeschottete Sekte Colonia Dignidad in Chile ihr grausames Unwesen. Diktator Pinochet lässt dort foltern - und die deutsche Botschaft hilft mit! Kann die Flucht daraus überhaupt gelingen?

Chile, Herbst 1973: Auf den Straßen der Hauptstadt Santiago demonstrieren hunderttausende Menschen - sie protestieren gegen General Augusto Pinochet und seinen Militärputsch gegen den sozialistischen Präsidenten Salvador Allende. Aktiv dabei: der Deutsche Daniel (Daniel Brühl), der auf Kundgebungen Flugblätter verteilt, anfeuernde Parolen ruft, auf den Demonstrationen fotografiert und ein Plakat für Salvador Allendes Partei sozialistische Unidad Popular (UP) entwirft.

Seine Freundin Lena (Emma Watson) ist Stewardess und gerade in Santiago gelandet. Nur wenige Tage bleiben ihnen, bevor ihr Flug zurück geht - zwischen Nacktkochen, Sex und den Tag genießen ist aber immer noch Zeit für politische Aktionen. Lena bewundert Daniels Fotos und begleitet ihn auf eine abendliche Versammlung, auf der sein Plakat für die UP enthüllt wird. Und genau das wird ihm zum Verhängnis: Am nächsten Tag werden Lena und Daniel bei einer Razzia auf der Straße verhaftet, ins berüchtigte Stadion von Santiago gebracht, ein Denunziant verrät Daniel, der wird anschließend vom chilenischen Geheimdienst verschleppt.

"Kolonie Würde"

Aber wohin? Lena ist verzweifelt. Die deutsche Botschaft hilft ihr nicht, Daniels Studentengruppe auch nicht, immerhin erfährt sie, dass er wohl in die Colonia Dignidad gebracht wurde, zu deutsch: Kolonie Würde. Wer oder was ist das? Der Leiter des Amnesty-International-Büros in Santiago, Niels Biedermann (Martin Wuttke), klärt sie unter erschwerten Bedingungen auf, da er abgehört wird: Die Colonia Dignidad ist eine streng abgeschottete deutsche Sekte unter dem Deckmantel eines wohltätigen Vereins und Landwirtschaftsbetriebs. Lenas Idee, dort freiwillig einzutreten, um Daniel zu finden, hält er für kompletten Irrsinn - man käme zwar rein, aber nicht mehr raus.

Lena meldet sich am Tor der streng abgeschirmten Sekte.
Lena meldet sich am Tor der streng abgeschirmten Sekte.(Foto: Majestic / Ricardo Vaz Palma)

Sie tut es trotzdem - und erfährt nach ihrer Aufnahme und einer furchteinflößenden, kritischen Befragung sogleich, wie recht der Amnesty-Mann hatte. Und wie viel krasser, als sie sich es vorgestellt hatte, es dort zugeht ... 16 Stunden täglich harte Zwangsarbeit, körperliche Züchtigung, karge Kost, strenges Verbot privater Gespräche, keinerlei Privatsphäre. Hinzu kommt religiös verbrämte seelische Folter, Gehirnwäsche, Unterdrückung von Sexualität, Emotionen und menschlichen Bindungen. Zugleich sexueller Missbrauch durch Sektenführer Paul Schäfer (Michael Nyqvist) an kleinen Jungen. Grausamkeiten hinter biederdeutscher Fassade, mit blitzsauberer Trachtenkleidung und deutschem Liedgut.

Männer von Frauen, Eltern von Kindern getrennt

Und hinter einer Fassade angeblich strengen Glaubens - der Laienprediger Schäfer lässt sich Pius (Lateinisch für der Fromme, Gottesfürchtige) nennen und stellt sich als der Hirte dar, der die Regeln für seine Schäfchen aufstellt. Zu ihrem Wohle natürlich. Und die Regeln sind härter als "Ora et labora", denn die Zeiten für Ora (beten) sind gestrichen, damit mehr Zeit für Labora (arbeiten) bleibt. Zudem wachsen Babys schon drei Monate nach der Entbindung ohne ihre Mütter auf, die Eltern leben nicht mit ihren Kindern zusammen, auch Frauen und Männer sind streng voneinander getrennt.

Lena vor der "Herrenversammlung", vom Sektensadisten Schäfer öffentlich gedemütigt wegen unsittlichen Verhaltens.
Lena vor der "Herrenversammlung", vom Sektensadisten Schäfer öffentlich gedemütigt wegen unsittlichen Verhaltens.(Foto: Majestic / Ricardo Vaz Palma)

Frauen und Männer getrennt? Ein Schock für Lena. Wie soll sie so Daniel finden? Es gibt nur zwei Möglichkeiten, aufs andere Geschlecht zu treffen: die sogenannte "Bunte Reihe", wenn hoher Besuch kommt - etwa General Pinochet, zu dem Schäfer enge Verbindungen hat - und die versammelte Colonia herausgeputzt Fähnchen schwenkt und Liedchen trällert. Oder die weitaus unangenehmere Variante: bei der "Herrenversammlung". Dabei werden Frauen, die gegen die Regeln verstoßen haben - etwa mit einem Gespräch über Privates - vor allen Männern in einer Art Tribunal erst von Schäfer mit Worten gequält, beschimpft, erniedrigt und anschließend von der gesamten Versammlung halbtot geprügelt.

Nichts für schwache Nerven

Nicht nur diese Szenen sind nichts für schwache Nerven. Auch was sich in den Tunneln unter der Colonia Dignidad abspielt: harte Folter, wehrlose, fast nackte Menschen, blutige Gesichter, Stromstöße an Kopf und Genitalien ... die Bilder sind schwer zu ertragen. Denn Pinochet lässt dort politische Gegner foltern, um aus ihnen Informationen und Denunziationen herauszupressen. So kam auch Daniel dorthin - nach der "Behandlung" blieb er, so scheint es zumindest, körperlich und geistig verkrüppelt zurück, für einfache Arbeiten taugt er aber noch.

Daniel entdeckt die Tunnel unter der Colonia Dignidad, in denen auch er gefoltert wurde. Eignen sie sich als Fluchtweg?
Daniel entdeckt die Tunnel unter der Colonia Dignidad, in denen auch er gefoltert wurde. Eignen sie sich als Fluchtweg?(Foto: Majestic / Ricardo Vaz Palma)

So begegnen sich Lena und Daniel doch noch und planen gemeinsam zu fliehen - ein schier aussichtsloses Unterfangen. Denn in den etwa vier Jahrzehnten des Bestehens der Colonia Dignidad ist schließlich nur fünf (!) Menschen die Flucht von dort gelungen. Und wer es bis zur deutschen Botschaft in Chile geschafft und dort Schutz gesucht hatte, wurde von den Botschaftsmitarbeitern wieder zur Sekte zurückgebracht. Nicht nur diese Tatsache schockiert - schließlich beruht der Film "Colonia Dignidad - Es gibt kein Zurück" auf wahren Begebenheiten. Was wieder zeigt: Nichts ist krasser als die Realität, schlimmer kann man es sich nicht ausdenken, was Menschen Menschen antun. "Auch wenn unsere beiden Hauptfiguren erfunden sind, ist das, was ihnen und den anderen Figuren widerfährt, historisch verbrieft, bis hin zu den einzelnen Dialogen Schäfers", so Regisseur und Oscar-Gewinner Florian Gallenberger. Denn er hatte es  tatsächlich geschafft, ehemalige Mitglieder der Colonia zu treffen - sie ermöglichten ihm so genaue Einblicke in den grausigen Alltag der Sekte, in die Strukturen dieses Staates im Staate.

Man erfährt zwar wenig Persönliches über Daniel und Lena - was bringt den Deutschen nach Chile, warum engagiert er sich dort politisch, woher kennen sie sich, wie lange sind sie schon ein Paar - aber die Konstellation funktioniert trotzdem. Man fiebert und bangt und leidet mit ihnen, bewundert Lena für ihren Mut, sich freiwillig in die Hände der Sekte zu begeben, ihre Freiheit zu opfern, um bei Daniel zu sein und ihn rauszuholen. Egal, wie hoffnungslos das Unterfangen auch sein mag.

Emma Watson hat sich schon seit Längerem von der "Harry Potter"-Maus zur ernst zu nehmenden jungen Frau entwickelt; hier überzeugt sie als starke Liebende, die viel auf sich nimmt, um ihren Freund zu retten und dabei clever agiert. Michael Nyqvist spielt Paul Schäfer fies und sadistisch - warum der Sektenführer so eine große Wirkung auf seine Anhänger hatte, bleibt dem Zuschauer jedoch verschlossen. Daniel Brühl darf sich vom Politaktivisten zum Dämling zum Superhelden wandeln, bleibt insgesamt aber blasser als Emma Watson.

So ist ein äußerst spannender Thriller entstanden - so spannend, dass man am Ende fast in den Vordersitz beißt - der es schafft, ein brisantes politisch-historisches Thema unterhaltsam zu inszenieren. Solche Filme sind in Deutschland ja bisher eher selten.

"Colonia Dignidad - Es gibt kein Zurück" läuft ab 18. Februar 2016 in den deutschen Kinos.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

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