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Belén Fabra spielt Valerie Tasso.
Belén Fabra spielt Valerie Tasso.(Foto: 3L Vertriebs GmbH & Co. KG)

Auf der Suche nach dem nächsten Höhepunkt: Das "Tagebuch einer Nymphomanin"

Von Thomas Badtke

Valerie Tasso kennt keine Hemmungen. Seit sie mit 15 ihr Faible für Sex entdeckt hat, will sie nur das eine und davon immer mehr. Sie nimmt sich, was sich bietet, um ihre unbändige Lust zu stillen. Von Höhepunkt zu Höhepunkt wird Val eines klar: Sex ist ihr Leben.

Val mit ihrer Großmutter Marie in der ländlichen Idylle, wo sie aufgewachsen ist.
Val mit ihrer Großmutter Marie in der ländlichen Idylle, wo sie aufgewachsen ist.(Foto: 3L Vertriebs GmbH & Co. KG)

Selbst ist die Frau. Das lernt Valerie Tasso (Belén Fabra) sehr früh. Sie ist 15, als sie am 17. Juli 1993, genau um 2.46 Uhr ihre Unschuld verliert. Sie ist enttäuscht über den Augenblick, den man sein ganzes Leben nie wieder vergessen wird. Irgendwie hat sie sich das alles anders vorgestellt. Als sie schon geht, kommt sie ins Grübeln: Wieso machen wir's nicht gleich noch einmal? Gesagt, getan. Von da an ist ihre Lust auf Sex, ihr Verlangen nach Männern geweckt. Als sie mit ihrer Oma Marie (Geraldine Chaplin) darüber spricht, hat diese nur einen Rat für sie: "Genieße das Leben in vollen Zügen."

Und das tut Val. Die Jahre verfliegen und so auch ihre Affären. Die Männer geben sich bei Val die Klinke in die Hand. Daran ändert sich während ihres Studiums nichts, und als sie 13 Jahre nach ihrem "ersten Mal" nach Barcelona zieht, hat sie auch nicht vor, etwas an ihrem Sexualleben zu ändern. Sie genießt ihre Unersättlichkeit. Bei den Männern kommt diese aber nicht immer gut an. Steht für sie anfangs noch das Unbekannte, das Rätselhafte an Vals Verlangen im Vordergrund, verfliegt das beim dritten oder vierten Mal Sex in einer Nacht sehr schnell. "Du willst ja immer nur vögeln", ist ein Satz, der sich Val ins Gedächtnis brennt. Feste Beziehungen gibt es in ihrem Leben nicht, nur schnelllebige Affären.

Auf ihre Freundin Sonia kann sich Val immer verlassen.
Auf ihre Freundin Sonia kann sich Val immer verlassen.(Foto: 3L Vertriebs GmbH & Co. KG)

Val, die sich aber dennoch "wie jede normale Frau" nach Nähe und Geborgenheit sehnt, beginnt an sich zu zweifeln. "Stimmt etwas mit mir nicht?", fragt sie sich immer wieder. Sie fühlt sich alleingelassen von den Männern, seelisch völlig ausgebrannt, erledigt. Auch die Worte ihrer Oma und ihre beste Freundin Sonia (Llum Barrera) können ihr nicht helfen.

Die Liebe ihres Lebens

Da schlägt das Schicksal urplötzlich zu: Val lernt Jaime (Leonardo Sbaraglia) kennen. Und irgendetwas ist anders bei ihm: Sie verspürt ein Kribbeln in der Magengegend, wenn sie sich sehen. Wenn er sie berührt, ist es, als ob tausende Schmetterlinge sie sanft forttragen. Es dauert Wochen, bis sie das erste Mal miteinander schlafen. Vals Freundin Sonia kann es nicht glauben: Val hat sich tatsächlich in einen Mann verliebt. Dieses Gefühl hält sogar an, als der Sex zur Enttäuschung wird. "Er kommt wie die Feuerwehr", verrät Val Sonia. Dennoch schwebt sie auf Wolke sieben und will sich dieses Gefühl auch für immer behalten.

Mit Jaime sieht für Val anfangs alles rosarot aus. Doch das ändert sich schnell.
Mit Jaime sieht für Val anfangs alles rosarot aus. Doch das ändert sich schnell.(Foto: 3L Vertriebs GmbH & Co. KG)

Doch Jaime verändert sich in der Beziehung. Er ist extrem eifersüchtig, stellt Val nach, taucht bei ihr auf der Arbeit auf, weil er vermutet, dass ihr Chef sie anbaggert. Er ist launisch, unberechenbar, aggressiv. Er nimmt Koks - und irgendwann ist es soweit: "Jetzt fickst du nur für mich. Jetzt gehörst du mir!", schreit er und er schlägt Val. Doch statt sich von ihm zu trennen, wie es ihr Sonia rät, bleibt Val bei ihm, erträgt seine Launen. Doch nach und nach merkt sie, dass auch sie sich verändert. Sie ist nicht mehr die Val von früher. Sie zieht sich zurück, verkriecht sich. Val ist wieder mit den Nerven am Ende. Sie denkt an Selbstmord und fühlt sich als sexuelles Wrack. Dann stirbt ihre Oma Marie.

Val erinnert sich an den Rat von ihr, das Leben in vollen Zügen zu genießen. Und sie zieht einen Schlussstrich. Sie verlässt Jaime und nach mehreren Monaten ohne Orgasmus, "regt sich mein Körper wieder", gesteht sie mit einem Lächeln im Gesicht ihrer Freundin Sonie: "Ich bin wieder hungrig!" - und kurz darauf stürzt sie sich in einen neuen Job: Sie wird Edelprostituierte.

Immer wieder wird Val von Selbstzweifeln geplagt.
Immer wieder wird Val von Selbstzweifeln geplagt.(Foto: 3L Vertriebs GmbH & Co. KG)

In der Welt des bezahlten Sex‘ kann Val das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden. Endlich kann sie auch ihre sexuellen Grenzen austesten und ausreizen. Es dauert nicht lange und sie wird zu einer der beliebtesten und am häufigsten gebuchten Edelprostituierten der Stadt. Doch tief in ihrem Inneren verspürt Val noch immer auch den Wunsch nach einem normalen Leben, einer Beziehung zu einem liebevollen Mann. Sie will eine Ehe, Familie, Kinder. Und am Ende ist es wieder das Schicksal, das ihr mit einem grausamen Fingerzeig den Weg dahin ebnet.

Schauspielerische Klasse

"Tagebuch einer Nymphomanin" ist auf DVD und Blu-ray bei 3L Vertriebs GmbH & Co. KG erschienen.
"Tagebuch einer Nymphomanin" ist auf DVD und Blu-ray bei 3L Vertriebs GmbH & Co. KG erschienen.(Foto: 3L Vertriebs GmbH & Co. KG)

"Tagebuch einer Nymphomanin" ist die Verfilmung des autobiografischen Romans von Valerie Tasso, eines Bestsellers, der nicht nur in Frankreich, wo Tasso geboren wurde und aufwuchs, sondern auch in Spanien, wo Tasso lange Jahre studiert und gearbeitet hat, für Aufsehen, Schlagzeilen und Furore gesorgt hat. Regisseur Christian Molina, der 2004 mit dem Horrorfilm "Rojo Sangre" auf sich aufmerksam machte und diesem Genre auch mit "11-11-11" treu blieb, wagt sich mit der Verfilmung von Tassos Leben auf ein neues Gebiet vor - und es ist ihm gelungen.

Der Film, der wegen des Themas ganz schnell hätte in eine Softporno-Ecke abdriften können, überzeugt dank der einfühlsamen Regiearbeit Molinas: Er zeigt Hochglanzbilder, setzt dezente musikalische Effekte. Der Film wirkt dadurch nie billig oder obszön und steht so in einer Reihe mit "Room in Rome" oder auch "Sleeping Beauty".

Topbesetzung für die Rolle der Valerie Tasso: Belén Fabra.
Topbesetzung für die Rolle der Valerie Tasso: Belén Fabra.(Foto: 3L Vertriebs GmbH & Co. KG)

Noch mehr punktet der Film aber durch die hervorragende Besetzung. Tasso spielt die mehrfach für den Gaudi Award, den katalanischen Filmpreis, nominierte Belén Fabra. Sie - äußerlich eine Mischung aus einer jungen Helen Hunt und Julia Roberts - tut dies so überzeugend, dass sie auch für "Tagebuch einer Nymphomanin" für diese Auszeichnung vorgeschlagen wurde. An ihrer Seite steht mit Leonardo Sbaraglia ein Gewinner des Goya, des spanischen Filmpreises. Zudem konnte Molina die große alte Dame und Golden-Globe-Gewinnerin Geraldine Chaplin für die Rolle von Tassos Großmutter gewinnen. Viel mehr geht in diesem Bezug nicht.

Neben der aufbrausenden Rolle Sbaraglias sticht vor allem Fabra als Tasso heraus. Anfangs noch die Unschuld vom Lande, die sich mit ihrer Großmutter ganz beiläufig über Sex unterhält, später die eingesperrte Ehefrau und danach die laszive Edelprostituierte: Fabra geht in der Rolle Tassos auf. Man sieht ihr die Freude am Spiel an. Der Zuschauer wird mit ihr gewissermaßen erwachsen, wenn sie nach dem Sinn in ihrem Leben sucht, nach Entschuldigungen für das, was sie ist: Eine Frau, die ihren Sextrieb einfach ausleben will, dafür Kritik und Unverständnis erntet und fast daran zerbricht.

Fabra alias Tasso zeigt, dass das eigene Leben zu genießen, egal, was andere denken oder sagen, im Vordergrund von uns allen stehen sollte. Einen Weg einschlagen und den im Auge behalten und durchziehen, das lernt der Zuschauer von Tasso und eben auch Fabra. Auch Schicksalsschläge können im Nachhinein etwas Positives haben. Das zeigt auch der Schluss des sehenswerten Films, als Tasso nach dem Selbstmord einer Freundin im Bordell aussteigt. Hier endet der Film, Valerie Tassos Leben aber nicht. Sie arbeitet als Autorin und Sextherapeutin und lebt zurückgezogen mit ihrer Familie auf dem Land. Sie genießt das Leben noch immer in vollen Zügen, da wo sie einst damit begonnen hat.

 

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Quelle: n-tv.de

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