Unterhaltung
(Foto: REUTERS)
Samstag, 06. November 2010

1962 bis 1990: Das Universum Dylan

Manfred Bleskin

Es war einmal ein völlig unbekannter Sänger, der mit Gitarre und Mundharmonika zur Stimme einer Generation wurde. Ein Märchen? Keineswegs.

"Once upon a time", so fangen im Englischen die Märchen an. Ja, es war einmal ein völlig unbekannter Sänger, der eine Gitarre, eine Mundharmonika samt "neckless" mit sich herumschleppte und in Radioshows Moderatorinnen damit beeindruckte, dass er imstande war, das widrige Nackengestell für die Mundharmonika trotz der Kälte im Studio problemlos an- und abzulegen. Und der dann zu dem US-Volkssänger wurde, der das Erbe von Woody Guthrie und Hank Williams annahm, weiterführte und zur Stimme einer Generation wurde.

"Folksinger’s Choice" ist der Mitschnitt einer Sendung, für welche die Moderatorin Cythia Goodings in der linken New Yorker FM-Station WBAI verantwortlich war. Dylan singt, was das Zeug hält: Den Hobo-Song "(I Heard That) Lonesome Whistle” von Hank Williams, "Smokestack Lightning” von Chester Burnette, das später zu einem Standard britischen R & B-Bands wie den Yardbirds werden sollte. Und die anklagende Eigenkomposition "The Death Of Emmett Till" über einen afroamerikanischen Jugendlichen, der 1955 mit einer Weißen geflirtet haben soll und von zwei Rassisten ermordet wurde.

Musikgeschichtliches Zeitdokument

Nur Stimme, Gitarre und Mundharmonika: Bob Dylan 1963.
Nur Stimme, Gitarre und Mundharmonika: Bob Dylan 1963.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Und natürlich auch einen Song seines großen Vorbilds Woody Guthry: "Hard Travellin'" über einen Mann, der während der Großen Depression quer durchs Land zieht um Arbeit zu finden. Kurzum: Ein musikgeschichtliches Zeitdokument aus einer Zeit, in der der spätere Meister an seinem ersten Album arbeitete. Dazu gleich mehr. Und vielleicht noch dies: wie angenehm, eine Radiosendung zu hören, die nicht von Jingles, Station IDs und Station Voices unterbrochen wird.

Ein weiteres Zeugnis von der Genialität schon des jungen Dylan legen die "Wirtmark Demos" ab, die nach seinem ersten Musikverlag benannt wurden. Die als Number Nine der 1991 begonnenen "Bootleg Series" veröffentlichten zwei CDs enthalten Songs aus den Jahren 1962 bis 1964: Einige, die fragmentarisch nach ein paar Momenten enden. Andere, blechern klingend und durch Dylans Husten und undefinierbare Geräusche unterbrochen. Und wieder andere, die durchaus auch so auf Platte hätten erscheinen können.

Woher kommt die Poesie?

Mit dabei Songs, die später in die Alben Eingang fanden, und die erkennen lassen, wie sehr Mr. Zimmerman an sich gearbeitet hat, um sie noch perfekter klingen zu lassen: Das brandmarkende "Masters Of War", das abrechnende "Don’t Think Twice, It’s All Right", das aufrüttelnde "The Times They Are A-Changin'". Und die zynischen "Spanish Boots Of Spanish Leather". Und der unvergessliche "Mr. Tambourine Man". Und viele, viele Lieder, die leider in der offiziellen Diskografie keine Berücksichtigung fanden.

47 Stücke, allesamt Eigenkompositionen, bei denen man sich oft fragt, woher der junge Bengel, der doch noch gar nicht weit in der Welt herumgekommen war, eine solche Poesie entwickelte. Und woher der Typ die Energie nahm, von der vorgenannte Radiomoderatorin staunend sagte: Nur eine Stimme, eine Gitarre und eine Mouthharp und so ein Klang. Das beigefügte Informationsbüchlein soll sich der Interessierte gefälligst selbst durchlesen. Aber dies sei gesagt: Das Foto, vom lachenden, sich freuenden Bob Dylan mit den beiden Jungs, die sich auf Banjo respektive Gitarre jeweils neben ihm an Folkmusic versuchen, ist wohl das schönste, das es von Master Bob gibt.

Irgendwie spannend

40.000 Fans warten 1981 im Olympiastadion von Colombes auf einen Auftritt von Bob Dylan.
40.000 Fans warten 1981 im Olympiastadion von Colombes auf einen Auftritt von Bob Dylan.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Des Dylan Geschichtlichkeit zu belegen, wären schon diese Aufnahmen genug. Aber: "The Show must go on!" Und so kramten die "Masters Of Recording" die uralten Bänder wieder hervor, die dereinst als Vorlagen für die ersten Vinylscheiben herhielten. Viele mögen "Bob Dylan" (1962), "The Freewheelin' Bob Dylan" (1963), "The Times, They Are A-Changin'", "Another Side Of Bob Dylan" (beide 1964), "Bringing It All Back Home", "Highway 61 Revisited" (beide 1965), "Blonde On Blonde" (1966) und "John Wesley Harding" (1967) in ihrem Plattenschrank haben.

Doch wer nicht vom ersten Augenblick Dylanfan war, erwarb später zum Großteil in Stereo umgewandelte Platten. Auf der vorliegenden Ausgabe aber ist alles so, wie es war, als der Geist der Genius' noch über dem Wasser schwebte: Mikro, Stimme, Text, was für ein Text zumeist, eine Gitarre und die über die Schulter vor den Mund aufgebaute Mundharmonika. Wer weiß, ob es stimmt, dass John Lennon durch die hintergründige Poesie seines US-Kollegen inspiriert wurde, nicht mehr "nur" "love, love me do, you know I love you" zu singen, sondern in "In My Life" über den Sinn des Lebens nachzudenken oder in "Norwegian Wood", nur so aus Daffke, wie der Berliner sagt, ein Haus anzuzünden. Aber es könnte stimmen, sieht man sich die Zeitläufte der Begegnungen zwischen dem Genie aus Duluth/Minnesota und Liverpool/England an.

Banal, aber irgendwie spannend

Dylan seinerseits fand zu neuen Horizonten, als er seine Gitarre 1965 auf dem Newport Folk Festival an einen elektrischen Verstärker anschloss und Scheiben wie den wiederbesuchten Highway 61 aufnahm. Der Beatles-Einfluss mag hier eine nicht unbedeutende Rolle gespielt haben. Wer jedenfalls Dylans Evolution kompakt verfolgen will, der hat mit den "Original Mono Recordings" ein Kompendium, das seinesgleichen sucht. Und er/sie ist auch noch gleich im Besitz jenes Albums, das wohl zu den wichtigsten der Populärmusik gehört: "Blonde On Blonde".

Was haben wir damals gestaunt, als ein so atypisches Stück wie "Rainy Day Woman # 12 & 35" in die US Top Ten aufstieg. Die Edition ist so originalgetreu, wie es nur geht. Es finden sich, so auf "Bob Dylan", die damals auf der inneren Schallplattenhülle üblichen Werbehinweise: Johnny Horton, der Countrybarde, brachte es bei Dylans erster Schallplatte immerhin schon auf ein "Best Of …". Vielleicht banal, aber irgendwie spannend. Und die Animals hätten nicht ihren Welthit "The House Of The Rising Sun" gehabt, wenn sie damals nicht auf Dylans Bearbeitung dieses Traditional gestoßen wären.

In der in der Reihe "Original Album Classics" wieder aufgelegten Dylan-Ausgabe hat’s, bei allem Respekt, nicht die so fundamentalen Werke. Es reggaet ganz schön auf "Empire Burlesque", dem immerhin schon 23sten Studioalbum aus 1985. Sicher: Das damals gefällte Urteil über einen "Disco Dylan" ist zu hart. Aber Dylan ist da schon tanzbarer geworden. Hat jemand einmal probiert, zu "Maggie’s Farm" von der LP "Bringing It All Back Home" zu tanzen? Viel Vergnügen!

"Down The Groove" kam 1988 auf den Markt. Dummes Zeug, was der "Rolling Stone" damals von Dylans schlechtestem Album pinselte. Der Mann war wieder auf dem Weg zu seinen Ursprüngen, da gab’s sogar Boogie Woogie. Und "When Did You Leave Heaven" hatte autokongeniale Anklänge an "Like A Rolling Stone" von "Highway 61" Revisited.

Am Pophimmel festgenagelt

"Under The Sky” erschien 1990 und wurde von Dylan gemeinsam mit Don Was produziert, der ungezählte Sterne endgültig am Pophimmel festnagelte: Brian Wilson, die Stones, Ringo Starr und Solomon Burke selig. Um nur einige zu nennen. Und Dylan. Back to the roots, hieß es bei ihm von 1990 bis in die Jetztzeit. Bei "Unbelievable”, zum Beispiel, erkennt man die Verbeugung vor dem Altmeister Carl Perkins und dessen unvergessenen Riff aus "Honey Don’t" aus 1956, damals die Flipside der Single seines Nummer-1-Hits "Blue Suede Shoes".

Von "once upon a time" bis heute ist es eine ganz schön lange Zeit. Wer sich davon überzeugen will, dass alles doch kein Märchen ist, der hat jetzt Gelegenheit dazu.

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Quelle: n-tv.de

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