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"Nach drei Tagen hatte ich das Gefühl: Es geht" - Josef Hader bei der Arbeit an "Wilde Maus".
"Nach drei Tagen hatte ich das Gefühl: Es geht" - Josef Hader bei der Arbeit an "Wilde Maus".(Foto: Petro Domenigg / Majestic)

Hader über Ängste und Tragik: "Den Figuren darf es ruhig schlecht gehen"

Als junger Kabarettist hat der Österreicher Josef Hader einmal gelästert, für das deutsche Publikum müsse ein  Künstler gar nicht lustig sein, sondern klug. Der mittlerweile 55-Jährige hat schon immer eher den Bauch als den Kopf angesprochen, ob als Kabarettist oder später als Schauspieler. Nun hat er mit "Wilde Maus" sein Regiedebüt vorgelegt - die Geschichte eines Musikjournalisten (gespielt von Hader), der erst seinen Job und dann sich selbst in Lügengeschichten und einem unbeholfenen Rachefeldzug verliert. Im Interview mit n-tv.de spricht Josef Hader über die lange Anlaufzeit zu seinem Regiedebüt, über Pannen beim Dreh und das Schöne in all der Tragik.

n-tv.de: In "Wilde Maus" schleicht sich so eine leise Brutalität ein, die typisch ist für österreichische Filme. Hatten Sie keine Lust, bei ihrem Regiedebüt mal etwas Schönes zu erzählen?

Josef Hader: Da wäre ich vollkommen überfordert, wie ich irgendwas machen könnte, wofür man Eintritt verlangen soll. Das kann ich mir nur langweilig und fad vorstellen. Den Figuren darf es ruhig schlecht gehen. Ich finde den Film ohnehin sehr schön. Er hat für mich eine angenehme Mitte zwischen Komödie und Tragödie. Das wollte ich bewusst ausbalancieren. Vielleicht entsteht dieser Eindruck von Brutalität, weil der Film nie wertet. Alles passiert einfach so, nicht einmal im Vordergrund, es passiert ständig alles Mögliche auf verschiedenen Ebenen, was nicht in Ordnung ist.

Was immer wieder fürchterlichen Fremdscham produziert. Am schlimmsten sind die Dialoge zwischen dem Musikkritiker Georg und seiner Freundin Johanna, die ein Kind von ihm will und nicht einmal weiß, dass er entlassen wurde.

Ja, die reden alle aneinander vorbei. Aber so entsteht auch Komik - weil keiner wirklich weiß, was mit dem anderen gerade los ist. Komik beruht darauf, dass wir nichts oder nur sehr wenig voneinander wissen. Dass wir im Grunde relativ allein sind. Und daraus entsteht auch Tragödie.

Was glauben Sie, in welcher Stimmung gehen die Leute aus "Wilde Maus"?

Für mich hat der Film schon irgendwie ein Happy End. Am Schluss erzählt er davon, dass wir - trotzdem wir uns belügen und aneinander vorbeireden -, dass wir es trotzdem wieder miteinander versuchen.

Der Hauptcharakter will sich an seinem Chef rächen, der ihn entlassen hat. Als sie sich im Showdown gegenüber stehen, geht es nur um die Frage: Wer hat angefangen? Besteht unser Leben am Ende aus nichts als Kinderkram?

Die ganze Rachegeschichte ist tatsächlich kindischer Männerkram. Im Finale wollte ich den Konflikt zwischen diesen beiden Männern herunterbrechen auf Schulhofniveau. Sie raufen ja wie Schuljungen. Unser Stuntkoordinator hat so brutale Sachen vorgeschlagen, ich wollte aber, dass es eher tollpatschig aussieht. Beim Ton haben sie gesagt: Da muss viel mehr Atmung rein, viel mehr Geräusche. Ich wollte aber diese stumme Verbissenheit bewahren, wie ich sie vom Schulhof in Erinnerung habe.

Er arbeitet ein bisschen wie ein Bergsteiger.
Er arbeitet ein bisschen wie ein Bergsteiger.(Foto: Lukas Beck / Majestic)

Sie haben sich seit 20 Jahren mit der Idee getragen, ihren ganz eigenen Film zu machen - Drehbuch schreiben, Hauptrolle spielen, Regie führen. Warum hat es so lange gedauert?

Ich habe immer wieder ein Drehbuch angefangen und nach zwei Fassungen die Freude daran verloren. Wenn ich es mir nach einem Jahr wieder angeschaut habe, hat mir die Hälfte nicht mehr gefallen. Den Rest habe ich als Steinbruch verwendet für die Brenner-Filme, für Fernseh-Filme und Kabarett-Programme. Aber ich habe nie was fertig gemacht. Und dann wurde Wolfgang Murnberger und mir eine Förderung verweigert, da hatte ich richtig Wut im Bauch und habe die freie Drehzeit genutzt, endlich dieses Drehbuch fertig zu schreiben. Dann habe ich mir eine Filmfirma dazu genommen, so weit war ich noch nie gekommen. Das ist wunderbar, die geben einem Struktur, setzen Termine, dann läuft es viel besser.

Brauchen Sie Druck?

Seit der Schulzeit schon. Im Kabarett läuft es einfacher, da hat man einen Premierentermin. Ich brauchte auch das Honorar für den Film nicht dringend, als Kabarettist lebe ich vom Kabarett, dadurch fehlte mir auch erst einmal der Druck.

Der Rapper Maeckes, der als Gast im Film auftritt, hat einmal etwas Interessantes über Sie gesagt: Er finde es so bemerkenswert an Ihnen, dass Sie keine Angst hätten. Stimmt das?

Ich habe viel Angst - aber nicht die Angst, die einen lähmt. Eher die Angst, die mich dazu bringt, mir genau zu überlegen, wie ich etwas mache. Ich habe mal gehört, dass die besten Bergsteiger Angst haben. Und die überleben auch, weil sie alles viel genauer vorbereiten und machen. Ich bin einer, der sich immer das Schlimmste vorstellt, was passieren kann.

Was wäre denn das Schlimmste, das mit "Wilde Maus" hätte passieren können?

Großstädter im Midlife-Wahnsinn: Hader in "Wilde Maus".
Großstädter im Midlife-Wahnsinn: Hader in "Wilde Maus".(Foto: Wega Film / Majestic)

Ganz einfach: Dass es ein richtig schlechter Film wird. Konkret hatte ich Angst, dass ich meine Rolle schlecht spiele, weil ich so beschäftigt bin mit Regieführen. Und dass der Film nachher nicht zum Schneiden ist. Beim Film kann wahnsinnig viel schief gehen. Am Buch habe ich zwei Jahre gearbeitet und viele haben es gelesen und ihre Meinung gesagt, und die Schauspieler fanden es auch gut. Und dann sind plötzlich acht Wochen Dreh, und es kann jeden Tag eine Szene richtig schief gehen. Jeden Tag kann alles hin sein. Aber - und das sage ich als einer, der als Kabarettist seine Sicherheit daraus bezieht, alles alleine zu machen - die größte Sicherheit habe ich bekommen von allen, die mitgearbeitet haben. Von der ersten Besprechung bis zum Dreh und Schnitt und Ton hatte ich immer das Gefühl: Das sind die richtigen Leute. Ab einem gewissen Moment ist man so geborgen in einem Team, das geht ganz rasch. Nach drei Tagen hatte ich das Gefühl: Es geht.

Am Ende sind Sie dieses Mal aber allein verantwortlich.

Klar, ich krieg' auf die Mütze, wenn's schlecht wird. Und es ist auch was schiefgegangen, aber es war immer wer da, der mir gesagt hat: Das geht schon.

Was ist denn schiefgelaufen?

Die Anfangsszene haben wir vollkommen vergurkt. Wir wollten auf einer Terrasse an der Donau drehen. Und wir standen da oben, der Wind hat geblasen und wir konnten überhaupt nicht spielen. Die Szene war richtig scheiße, weil wir (die Hauptfigur und seine Kollegin, gespielt von Nora von Waldstätten, Anm. d. Red.) dastanden wie zwei vollkommen verlorene Menschen. Wir wollten zeigen, wie es dem Georg vor der Entlassung geht. Aber der hat da schon ausgeschaut wie entlassen. Ich habe die Szene im Schnitt weggelassen und mit der Cutterin eine Lösung gefunden, wie wir es anders erzählen können. Nach einer Probevorführung hat der Produzent gesagt: Irgendwie schade, dass die Szene nicht drin ist. Und ich sage: Die ist einfach schlecht. Und er: Dann drehen wir die nochmal. Ich habe gedacht, ich hör‘ schlecht. Ich kenne keinen Produzenten, der so etwas sagt. Der Hauptgrund, warum ich mich so sicher gefühlt habe, war dieser Produzent. Der hat immer nur gesagt: Josef, ich liebe Schwierigkeiten, wenn sie rechtzeitig auftauchen. 

Nun, da Ihr erster Film als Regisseur fertig ist - welche Rolle spielt es noch für Sie, wie er ankommt?

Das ist eine gute Frage. Die Tatsache, dass ich den Film gemacht habe und keine große Katastrophe passiert ist, ist schon einmal ein sehr befriedigendes Gefühl. Allerdings würde ich nicht gern einen Film gemacht haben, in den keiner reingeht. Schon weil ich dann keinen zweiten machen kann. Außerdem hatte ich ja ganz bestimmte künstlerische Absichten, wenn die keiner erkennt, bin ich klarerweise auch deprimiert. Also ist es letztlich schon sehr wichtig. Irgendwann hat man sich dann von der Tatsache erholt, dass man es getan hat. Irgendwann hört man auf, stolz darauf zu sein, sondern will dann noch etwas anderes: dass Leute etwas rausnehmen.

Mit Josef Hader sprach Christian Bartlau

Wilde Maus läuft ab Donnerstag, 9. März, in den deutschen Kinos

Quelle: n-tv.de

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