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Barbara Sukowa als Hannah Arendt.
Barbara Sukowa als Hannah Arendt.(Foto: Heimatfilm)

Hannah Arendt einfühlsam gewürdigt: Denken, auch wenn es wehtut

Von Katja Sembritzki

Für Hannah Arendt ist der Eichmann-Prozess in Jerusalem ein Wendepunkt in ihrem Leben. Ihre Theorie von der "Banalität des Bösen" löst einen Sturm der Entrüstung aus und wird noch heute kontrovers diskutiert. Jetzt setzt die Regisseurin Margarethe von Trotta der streitbaren Denkerin mit einem berührenden Film ein Denkmal.

Im Jahr 1961 steht in Jerusalem ein Monster vor Gericht. Darüber jedenfalls ist sich die Mehrheit der anwesenden Reporter einig. Denn in dem Glaskasten, der extra für den weltweit aufsehenerregenden Prozess in das Tribunal gebaut worden war, sitzt der Mann, der während des Nationalsozialismus den Mord von sechs Millionen Juden organisiert hatte: Adolf Eichmann, der "Spediteur des Todes".

Arendt (Sukowa) verfolgt vom Pressesaal aus den Eichmann-Prozess in Jerusalem.
Arendt (Sukowa) verfolgt vom Pressesaal aus den Eichmann-Prozess in Jerusalem.(Foto: Véronique Kolber)

Eine Frau aber teilt die Ansicht ihrer Kollegen nicht. Die deutsch-amerikanische Publizistin Hannah Arendt nimmt als Beobachterin für den "New Yorker" am Prozess teil und kann den Dämon in Eichmann nicht erkennen. Im Gegenteil: Sie sieht einen "Hanswurst", der nur um seiner Karriere im NS-Staat Willen Befehle ausgeführt hatte, einen Niemand, der unfähig war, selbst zu denken.

Arendt, die als Jüdin selbst vor den Nazis aus Deutschland fliehen musste, ist entsetzt. Wie passen die brutalen Verbrechen, an denen Eichmann beteiligt war, und die Mittelmäßigkeit dieses Bürokraten zusammen? Die Professorin hat nur noch ein Ziel: Sie will verstehen, auch wenn das heißt, "dahin zu denken, wo es wehtut".

Zwei Jahre lang studiert sie tausende Seiten von Prozessakten, recherchiert, diskutiert – und kommt zu dem Schluss, dass gerade gedankenlose Menschen wie Eichmann unvorstellbare Grausamkeiten hervorbringen können. Ihre Formulierung von der "furchtbaren 'Banalität des Bösen', vor der das Wort versagt und an der das Denken scheitert" löst vor allem in Israel, Deutschland und den USA einen Sturm der Entrüstung aus. Ihr wird vorgeworfen, einen der Drahtzieher des Holocausts zu verteidigen. Mit Drohungen wie "Fahr zur Hölle, du Nazihure" wünscht man ihr den Tod, enge Freunde wenden sich von ihr ab. Aber sie lässt sich nicht beirren, bleibt ihrem Standpunkt treu und veröffentlicht gegen alle Widerstände ihr Buch "Eichmann in Jerusalem", das auch heute noch ebenso grundlegend wie umstritten ist.

Zehnminütige Rede beeindruckt

Das Leben der Hannah Arendt bietet viele Momente, die Filmemacher durchaus reizen können. So zum Beispiel die Liebe der jungen Studentin zu ihrem Lehrer, dem Philosophen Martin Heidegger, der für sie auch dann nicht an Faszination verlor, als er mit den Nazis kooperierte, oder auch ihre Flucht aus einem französischen Internierungslager und die anschließende Emigration in die USA.

Aber es sind die vier Jahre rund um den Eichmann-Prozess, die nicht nur zu einem Wendepunkt in Arendts Biografie werden und die Publizistin schlagartig ins Licht der Öffentlichkeit katapultieren. Ihre Gedanken beeinflussen nach wie vor die theoretische Auseinandersetzung mit Macht, Gewalt und Moralverfall im 20. Jahrhundert. Daher ist es nur konsequent, dass Regisseurin Margarethe von Trotta ihren "Hannah Arendt"-Film auf genau diese Zeitspanne beschränkt.

Arendts (Barbara Sukowa, 2. v. re) sogenannter ‚tribe’, ihr engster Freundeskreis (von li nach re).: Heinrich Blücher (Axel Milberg), Charlotte von Beradt (Victoria Trauttmansdorff), Lore Jonas (Sascha Ley), Lotte Köhler (Julia Jentsch), Hans Jonas (Ulrich Noethen).
Arendts (Barbara Sukowa, 2. v. re) sogenannter ‚tribe’, ihr engster Freundeskreis (von li nach re).: Heinrich Blücher (Axel Milberg), Charlotte von Beradt (Victoria Trauttmansdorff), Lore Jonas (Sascha Ley), Lotte Köhler (Julia Jentsch), Hans Jonas (Ulrich Noethen).(Foto: Heimatfilm)

Aber es stellt sich die grundsätzliche Frage: Kann man über die Entwicklung einer These, über die geistige Arbeit einer der großen Denkerinnen des 20. Jahrhunderts einen Film drehen? Zwangsläufig müssen dabei einige Dimensionen unter den Tisch fallen – vor allem der heutige Blick auf ihre Theorie. Dass das Wagnis trotzdem gelingt, ist einer überragenden Leistung von Barbara Sukowa als Arendt zu verdanken. Sukowa, die auch schon in anderen Von-Trotta-Filmen ("Rosa Luxemburg", "Aus dem Leben der Hildegard von Bingen") in der Hauptrolle zu sehen war, verkörpert die unterschiedlichen Facetten der Philosophin perfekt: die kluge, mutige, manchmal arrogant wirkende, sarkastische, kettenrauchende Arendt, die ihre Ansichten ohne Wenn und Aber vertritt – wie die fast zehnminütige, fesselnde Rede vor überfülltem Hörsaal am Schluss des Filmes eindrucksvoll beweist; aber auch die verletzliche, zweifelnde und warmherzige Hannah.

Originalaufnahmen vom Eichmann-Prozess

Sukowa zur Seite steht ein großartiges Ensemble, dem es gelingt, die Welt der Philosophin lebendig werden zu lassen, etwa bei den regelmäßigen Treffen mit ihren Freunden und Bekannten, darunter Hans Jonas (Ulrich Noethen), Begleiter seit Studienzeiten, der nach der Veröffentlichung ihrer Thesen mit Arendt bricht, und Lotte Köhler (Julia Jentsch), ihre rechte Hand und spätere Nachlassverwalterin. Ihr Mann Heinrich Blücher (Axel Milberg), außerehelichen Vergnügungen nicht abgeneigt, ist Arendts wichtigster Diskussionspartner und Ratgeber, der ihr auch dann, als sie von allen Seiten angegriffen wird, zur Seite steht – ebenso wie ihre Freundin Mary McCarthy (sehr tough: Janet McTeer), mit der sie beim Billardspielen über die ganz großen Gefühle philosophiert. Nur die kurzen Rückblenden, die ihr Liebesverhältnis zu Heidegger (Klaus Pohl) reflektieren, wirken seltsam überflüssig.

Bewusst entschied sich das Regieteam dagegen, Eichmann von einem Schauspieler verkörpern zu lassen. Von Trotta wählt stattdessen Originalaufnahmen aus dem Prozessverlauf. Der Zuschauer hört Eichmann reden, in simplen, grammatisch oft schiefen Sätzen; er sieht, wie Überlebende versuchen, ihre Geschichte zu erzählen, aber unter der Last der Erinnerung ohnmächtig zusammenbrechen; wie Zuhörer aus dem Saal geleitet werden müssen, weil sie nicht anders können, als ihren Schmerz und ihre Wut herauszuschreien.

"Hannah Arendt" ist kein Film, von dem man sich einfach berieseln lassen kann. Es ist ein Film, der den Zuschauer fordert. Ein Film, den man gesehen haben muss. Denn das Vermächtnis der Hannah Arendt ist zeitlos: selbst denken, seine Meinung kritisch hinterfragen und für seine Position einstehen.

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Quelle: n-tv.de

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