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Meister der Suspense: Alfred Hitchcock (Anthony Hopkins).
Meister der Suspense: Alfred Hitchcock (Anthony Hopkins).(Foto: 2012 Twentieth Century Fox)

Hopkins und der Meister des Suspense: Unter der Dusche mit "Hitchcock"

Von Markus Lippold

In seinen Filmen wimmelt es vor Mördern, Spionen und zwielichtigen Gestalten. Doch auch Alfred Hitchcock hatte so seine Eigenheiten: Er war obsessiv, voyeuristisch und mitunter sadistisch. Ein Film zeigt, wie er seine Schrullen und Macken während der Drehs zu seinem Meisterwerk "Psycho" auslebt. Zu spüren bekommen das seine Ehefrau und Scarlett Johansson - unter der Dusche.

Hitchcock ist fasziniert von Morden.
Hitchcock ist fasziniert von Morden.(Foto: 2012 Twentieth Century Fox)

Diese Duschszene. Eine blonde Schönheit, nackt und wehrlos. Ein Schatten nähert sich. Ein Messer wird sichtbar. Jemand sticht zu. Nochmal. Nochmal. Immer wieder. Die Frau schreit. In ihrem Gesicht spiegelt sich blankes Entsetzen. Doch niemand hört sie. Keiner wird ihr helfen. Sie wird sterben. Mitten im Film. Hartnäckig hält sich das Gerücht, dass jemand, der gerade jene Szene aus Alfred Hitchcocks Film "Psycho" gesehen hat, nicht so schnell unter die Dusche geht. So eindringlich ist das Gesehene, so schockierend. Tief haben sich die Szene, der Film und seine Figuren, aber auch der Regisseur ins kulturelle Gedächtnis eingegraben. Sie sind zu Ikonen geworden.

"Psycho" ist einer von Hitchcocks bekanntesten Filmen und wurde ein großer Publikumserfolg - auch dank einer geschickten Werbekampagne, für die der Brite sogar Deutsch sprach. Dem Regisseur brachte der billig gedrehte Streifen Millionen ein. Dass er dafür aber auch ein enormes Risiko in Kauf nehmen musste, dass er ihn nach der Absage des Studios privat finanzierte, dass der Film von Zensurbehörde, Kritikern, Psychologen und katholischer Kirche aufs Schärfste angegriffen wurde - das alles ist weniger bekannt. Doch es gehört ebenso zur Entstehungsgeschichte wie die Dramen, die sich hinter den Kulissen abspielten, und die Marotten von Hitchcock selbst.

Alma (Helen Mirren) ist nicht nur Ehefrau, sondern auch unverzichtbare berufliche Hilfe ihres Mannes.
Alma (Helen Mirren) ist nicht nur Ehefrau, sondern auch unverzichtbare berufliche Hilfe ihres Mannes.(Foto: 2012 Twentieth Century Fox)

Mit seinem Spielfilmdebüt "Hitchcock" beleuchtet nun Regisseur Sacha Gervasi die Entstehungsgeschichte von "Psycho". Nicht dokumentarisch, nicht mit einem historisch akribischen, einem psychologisch ausgefeilten oder einem filmtheoretisch peniblen Blick. Vielmehr locker, fast schon luftig-amüsant. Eher aus der Sicht eines Liebhabers von Hitchcocks Werk, mit dem Wissen um seine Macken und Marotten, derer es nicht wenige gab. Und mit der Gewissheit, dass Hitchcock nur so erfolgreich werden konnte, weil er eine Frau hatte, die zwar auch privat, vor allem aber beruflich eine unverzichtbare Hilfe war.

Das Ehepaar Hitchcock steht im Mittelpunkt des Films. 1959 ist der britische Regisseur (Anthony Hopkins) auf der Höhe seiner Karriere angekommen. "Der unsichtbare Dritte" mit Cary Grant und Eva Marie Saint ist ein großer Erfolg, ein Film, der das Publikum begeistert und Filmemacher inspiriert. Nur Hitchcock selbst wirkt gelangweilt. Er sucht nach einem neuen Stoff, einer aufregenden Geschichte, einem Schocker. Er wird fündig in dem Buch "Psycho" von Robert Bloch, der sich wiederum von dem realen Frauenmörder Ed Gein inspirieren ließ. Da sind genug Obsessionen im Spiel, um Hitchcock zu begeistern.

"Er beobachtet alles"

Zwischen zwei Frauen: Hitchcock mit Janet Leigh (Scarlett Johansson) und seiner Frau Alma Reville.
Zwischen zwei Frauen: Hitchcock mit Janet Leigh (Scarlett Johansson) und seiner Frau Alma Reville.(Foto: 2012 Twentieth Century Fox)

Der Brite kauft die Rechte an dem Buch - für geringe 9000 Dollar. Zudem kauft er nahezu die gesamte Auflage des Buches auf - niemand soll das Ende erfahren, bevor der geplante Film in die Kinos kommt. Doch sein Studio Paramount hält nichts von der Idee: Der Stoff ist den Bossen zu brutal, zu abstoßend und enthält zu viel Horror. Aber Hitchcock hat Blut geleckt: Er ist von sich und seinem Projekt so sehr überzeugt, dass er die Produktionskosten auf 806.000 Dollar zusammenstreicht und allein aufbringt, aus dem Privatvermögen. Seine Frau Alma (Helen Mirren) ist schockiert, schließlich hat ihr Mann das Haus als Sicherheit hinterlegt - und den Pool.

Der heftige Streit um den Film lässt die Bruchstellen der Ehe zu Tage treten. Alma, die großen Anteil an den Erfolgen ihres Mannes hat, ohne dafür genügend gewürdigt zu werden, erliegt den Avancen eines befreundeten Drehbuchschreibers (Danny Huston), der mit ihr an einem Skript arbeiten will. Hitchcock dagegen vergräbt sich zunehmend in sein Projekt, geht nicht nur an seine finanziellen, sondern auch seine körperlichen Grenzen. Er treibt die Dreharbeiten voran, immer in Sorge, das Budget einzuhalten - was übrigens einer der Gründe war, wegen denen "Psycho" Schwarz-Weiß gedreht wurde.

Hitchcock steht auf Blondinen: Zum Glück gibt es Janet Leigh.
Hitchcock steht auf Blondinen: Zum Glück gibt es Janet Leigh.(Foto: 2012 Twentieth Century Fox)

Auf dem Set gebärdet sich Hitchcock als überaus verschrobener Mensch, der seine schrulligen Macken und sexuellen Obsessionen ungeniert auslebt und seine Darsteller gerne manipuliert. "Er beobachtet alles", heißt es an einer Stelle. Das gilt etwa für das Loch in der Wand, durch das er die weiblichen Schauspieler in der Umkleide beobachtet. Die Hauptrolle hat natürlich eine blonde Frau bekommen - Janet Leigh (Scarlett Johansson) -, die damit die Nachfolge von Grace Kelly, Kim Novak und Eva Marie Saint antritt. Ihre Kollegin Vera Miles (Jessica Biel) kann sie nur warnen: Hitchcock ist besessen von seinen Hauptdarstellerinnen. Ehefrau Alma weiß das, und es besänftigt den Ehekrach nicht gerade. Zumal ihrem Mann langsam schwant, dass er einen Nebenbuhler haben könnte.

Aber "Psycho" nimmt ihn ganz in Beschlag: Zu den Eitelkeiten und Spielchen auf dem Set, zu denen auch der männliche Hauptdarsteller Anthony Perkins (James D'Arcy) gehört, gesellt sich ein weiteres Problem. Hitchcock bekommt zunehmend Ärger mit der Zensurbehörde. Die protestiert nicht nur gegen die Darstellung einer Frau im Büstenhalter, sondern auch die einer Toilette - "Psycho war dann auch der erste Hollywood-Film, der dies wagte. Nicht zuletzt sorgt natürlich die berühmte Duschszene für Ärger - das ist den Zensoren entschieden zu viel nackte Haut.

Unterdrückte Gefühle, Sadismus, Begierden

In seinen Träumen begegnet Hitchcock immer wieder dem Mörder Ed Gein (Michael Wincott).
In seinen Träumen begegnet Hitchcock immer wieder dem Mörder Ed Gein (Michael Wincott).(Foto: 2012 Twentieth Century Fox)

Wie diese Szene schließlich gedreht wird, wie Hitchcock seine Hauptdarstellerin dabei an ihre Grenzen treibt, gehört zu den stärksten Momenten von "Hitchcock", dem Biopic. Hier offenbaren sich all seine unterdrückten Gefühle, sein Sadismus, seine sexuellen Begierden. Hinzu kommen die Albträume, in denen er immer wieder dem Mörder Ed Gein begegnet und seltsam fasziniert von ihm ist. Zunehmend wird Hitchcock von Selbstzweifeln gequält, die anstrengenden Auseinandersetzungen zehren an seinen Kräften.

Doch trotz all dieser Abgründe, die immer wieder angedeutet werden: "Hitchcock" ist kein Psychodrama. Ganz im Gegenteil - die Schrullen des Regisseurs werden gefeiert. Seine stoische Gelassenheit, sein herber britischer Witz, seine allzu menschlichen Schwächen formen nicht das Bild eines Psychopathen, sondern eines mit Macken beladenen, leidenschaftlichen Regisseurs. Dass dies so charmant, so humorvoll rüberkommt, liegt vor allem an Anthony Hopkins, der hinter der mächtigen Gestalt seines Landsmanns fast gänzlich verschwindet und eine Glanzleistung abliefert. Sein Zusammenspiel mit Helen Mirren, ihre mit viel schwarzem Humor gewürzten Auseinandersetzungen, machen den Film äußerst sehenswert - beide hätte dafür eine Oscar-Nominierung verdient.

"Hitchcock" zerpflückt nicht das Innenleben seines Protagonisten, er baut ihm viel mehr ein liebevolles Denkmal. Dazu tragen auch die vielen Anspielungen bei, etwa wenn der Regisseur zu Beginn des Films direkt das Publikum anspricht, wie er es in seiner Fernsehserie "Alfred Hitchcock presents …" stets tat. Filmliebhaber werden ihre Freude daran haben. Und nicht nur die, schließlich gehört Hitchcock zu den größten Marken, die das Kino hervorgebracht hat. Er und jene berühmte Duschszene.

"Hitchcock" startet am 14. März in den deutschen Kinos.

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Quelle: n-tv.de

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