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Sohn Christian erlebt beim Militär Drill und Menschenverachtung - und er trifft eine Entscheidung.
Sohn Christian erlebt beim Militär Drill und Menschenverachtung - und er trifft eine Entscheidung.(Foto: Universum Film)

"Der Turm" und das Leben mit dem Kompromiss: Farbe bekennen im grauen Einerlei

Von Markus Lippold

Mein Arztkittel, mein Telefon, mein uneheliches Kind: In der DDR kann man es sich gut einrichten, trotz Mangelwirtschaft. Es gibt nur einen Haken: Gewinnen kann man nicht. Irgendwann kommt die Frage: dafür oder dagegen? Die Verfilmung des Romans "Der Turm" von Uwe Tellkamp geht der Frage nach, ohne Erbarmen.

Dafür oder dagegen? Die Frage steht mehr als einmal im Raum, sie schwebt unsichtbar über allen Köpfen. Ausgesprochen wird sie allerdings nur einmal. Dafür oder dagegen? Das ist keine einfache Frage, hier in der DDR, Anfang der 80er Jahre. Das Land ist marode, es fehlt an allen Ecken und Enden. Während unter dem Weihnachtsbaum Mangelwirtschaft herrscht, übertrumpfen sich die Funktionäre gegenseitig mit hohlen Phrasen. Dafür oder dagegen? Das fragt sich irgendwann jeder. Wie weit kann man gehen, ohne seine Ideale zu verraten? Wie weit muss man gehen, um überleben zu können?

Richard Hoffmann (Liefers) will Karriere machen und muss sich dafür entscheiden.
Richard Hoffmann (Liefers) will Karriere machen und muss sich dafür entscheiden.(Foto: Universum Film)

Das sind die Fragen, die sich auch die Familie des Dresdner Oberarztes Richard Hoffmann stellt, in der sehr gelungenen Verfilmung des mit Preisen überhäuften Romans "Der Turm" von Uwe Tellkamp. Richard (im Film dargestellt von Jan Josef Liefers) lebt in der bürgerlichen Turmstraße der sächsischen Metropole, oben auf dem Elbhang im Weißen Hirsch. Hier gibt es kein Westfernsehen, aber bürgerliche Villen, obwohl sie diesen Namen nicht verdienen, so heruntergekommen sind sie. Auf die bürgerliche Fassade legt Richard trotzdem Wert, von der Hausmusik bis zum weihnachtlichen Kirchgang. Das bekommen vor allem sein Sohn Christian (Sebastian Urzendowsky), der im Internat lebt, und seine Frau Anne (Claudia Michelsen) zu spüren.

Zwischen den Stühlen

Anne weiß ja nicht, dass Richard trotz bürgerlicher Moral nebenbei noch eine Geliebte und eine Tochter hat. Die Stasi weiß das natürlich, und sie nutzt es aus. Bereits als jugendlicher Student hatte Richard eine Unterschrift geleistet und Berichte abgeliefert, auch über einen guten Freund und heutigen Kollegen. Die Stasi will den Kontakt nun wieder auffrischen. Der Verbindungsoffizier ist freundlich, wenn auch bestimmt. Sein Vorschlag scheint wie ein Angebot, nur kann man es schlecht ausschlagen. Richard, der Klinikchef werden will, muss sich entscheiden.

Familie Hoffmann feiert Weihnachten.
Familie Hoffmann feiert Weihnachten.(Foto: Universum Film)

Auch Richards Schwager Meno Rohde (Götz Schubert) ist hin- und hergerissen. Einerseits muss er als Lektor eines Dresdner Verlages die staatlichen Vorgaben beachten: Der Chef schickt ihn zu komplizierten Fällen, bei denen die Gefahr besteht, dass sie anecken. Doch nicht selten hat Meno die Schere schon im Kopf, weiß von vornherein, was gedruckt werden darf und was nicht. Andererseits fühlt sich der Intellektuelle vielen kritischen Autoren verbunden. Es ist ein Drahtseilakt, mit dem er zwischen den Stühlen landet, von den einen als mutlos verachtet, von den anderen als Büttel der Zensur verspottet.

Christian schließlich, Richards Sohn, will auch Arzt werden. Einerseits will er es damit seinem Vater recht machen und endlich dessen Respekt erringen, andererseits erfordert das Zugeständnisse an den Staat, dem Christian eigentlich kritisch gegenübersteht. Der Spagat wird zur Zerreißprobe, denn permanent muss er sich entscheiden: in der FDJ, gegenüber Freunden, vor allem aber bei der Nationalen Volksarmee. Denn die Verpflichtung für drei Jahre erleichtert den Zugang zum Studium. Die Dienstzeit wird für den passionierten Cellospieler zur Hölle. Doch dann stirbt ein Kamerad und Christian rebelliert gegen einen Offizier – mit ernsthaften Konsequenzen für sich, aber auch für seine Familie.

Grau wie der Himmel über Dresden

"Der Turm" erscheint als DVD und Blu-ray bei Universum.
"Der Turm" erscheint als DVD und Blu-ray bei Universum.(Foto: Universum Film)

1000 Seiten lang ist Uwe Tellkamps Roman über das Leben der Familie Hoffmann in der DDR der 80er Jahre. Fürs Fernsehen wurde der Stoff nun zu einem Zweiteiler verarbeitet, der gleichzeitig bei Universum auf DVD erscheint. Manches bleibt dabei auf der Strecke, muss gekürzt werden. Trotzdem gelingt Regisseur Christian Schwochow ein ungemein dichter und überzeugender Film über das ständige Leben mit dem Kompromiss in der DDR. Denn hier gibt es kein Gut und Böse, kein Schwarz und Weiß. Nein, die Realität ist grau wie der Himmel über Dresden.

Mangelwirtschaft, Repressionen und Parolen bestimmen das Leben. Die Gesellschaft ist bis zum Zerreißen angespannt, das Land wankt seinem Untergang entgegen. Kleine Freiheiten kommen da wie gerufen: Richard baut an einem Oldtimer, er hat seine Zweitfamilie, die er ab und zu besucht. Der ernste, introvertierte Christian hat seine Bücher und sein Cello - in der Schule muss er es in einem Abstellraum spielen. Kleine Widerstände werden gefeiert: Man fühlt sich wie ein Held, als ein fingierter Notruf die staatstragende Rede des Chefarztes unterbricht. Doch die Wahrheit lautet ganz anders: "Du kannst einfach nicht gewinnen - nie", heißt es an einer Stelle.

Starke Darsteller

"Der Turm" ist ein bitterer, aber sehr sehenswerter Film. Das wird vor allem im zweiten Teil deutlich. Während der erste Teil noch getragener daherkommt und vor allem zu Beginn stellenweise etwas zu langatmig gerät, wird das Tempo im zweiten Teil spürbar angezogen. Richard wird mit der Stasi konfrontiert, Christian geht zum Militär: Die Konflikte lassen sich nicht mehr ignorieren, jeder muss nun Farbe bekennen und die Konsequenzen ertragen. Es ist mitunter hart, dabei zuzuschauen, aber es gehört eben zur Qualität des Zweiteilers, dass er die Realität der DDR ohne Beschönigung in Erinnerung ruft.

Zusammengehalten wird der Film durch das starke Spiel der bis in die Nebenrollen sehr gut besetzten Darsteller, von denen Vater und Sohn - Jan Josef Liefers und Sebastian Urzendowsky - herausstechen. Aber auch das zurückhaltende Spiel von Claudia Michelsen als betrogener Ehefrau und Götz Schubert als Lektor ist sehr überzeugend, denn die inneren Konflikte ihrer Rollen werden in Mimik und kleinsten Gesten sichtbar. Vor allem die Rolle der Anne, die sich schließlich in der Widerstandsbewegung der Kirche engagiert, nimmt immer mehr Raum ein, je mehr Richard am System verzweifelt und Christian seinen eigenen Weg zu gehen versucht. Sie ist die eigentliche Heldin, die es schafft, die Frage nach dem Dafür oder Dagegen für sich konsequent und klar zu beantworten.

"Der Turm": DVD und Blu-ray erscheinen am 5. Oktober bei Universum; freigegeben ab 12 Jahren; Laufzeit 172 Minuten; Bildformat: 1,78:1; Ton: DD 5.1 (DVD) bzw. DTS-HD 5.1 (Blu-ray); Sprachen: Deutsch; 1 Disc.

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Bilderserie

Quelle: n-tv.de

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