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So sehen Heldinnen aus: Katniss alias Jennifer Lawrence.
So sehen Heldinnen aus: Katniss alias Jennifer Lawrence.(Foto: Studiocanal)

Neue Helden fürs Jugendzimmer: "Die Tribute von Panem" kämpfen im Kino

von Volker Probst

"Twilight" war gestern. Jetzt kommen "Die Tribute von Panem". Der Mystery-Thriller schickt sich an, Teenies rund um den Globus scharenweise in seinen Bann zu ziehen. Doch tatsächlich kann der Streifen auch bei einem Publikum jenseits des Zahnspangen-Alters punkten.

Und? In letzter Zeit mal "Bravo" gelesen? Nein? Aber vielleicht Ihr Sohn oder Ihre Tochter. Deshalb wundern Sie sich nicht, wenn Ihr pubertierender Sprössling demnächst womöglich Bogenschießen als neues Hobby entdeckt, eine seltsame Vogel-Brosche trägt (der Vogel ist ein sogenannter Spott-Tölpel, aber das nur am Rande) und von Katniss oder Peeta schwärmt. Und vor allem nicht, wenn Ihr Kind quengelt, dass es ganz, ganz dringend Geld fürs Kino braucht. Denn: "Die Tribute von Panem" sind los. Und nicht nur Dr. Sommer weiß, dass sie nach "Harry Potter", "Twilight" und den "Vampire Diaries" als nächster heißer Anwärter auf Mystery-Thron und Fantasy-Zepter in den Jugendzimmern dieses Planeten gehandelt werden.

In Panem treffen sich Comic und Realismus.
In Panem treffen sich Comic und Realismus.(Foto: Studiocanal)

Das ist keine Zauberei. Aber auch Vampire und Werwölfe sucht man in der Welt von Panem vergebens. Stattdessen ist "The Hunger Games" - der erste Teil der Panem-Trilogie - eher eine Mixtur aus "Gladiator", der "Truman Show" und "Highlander". Mit dem Unterschied, dass die Geschichte nicht im antiquierten Rom handelt, sondern irgendwann in der Zukunft. Gekämpft wird nicht im Lederröckchen, sondern in schicker Outdoor-Kluft. Die Arena ist kein Amphitheater, sondern ein weitläufiges Freigelände. Die Gladiatoren sind keine muskelbepackten Mannsbilder, sondern Mädchen und Buben im Teenager-Alter. Ihre Jagd aufeinander verfolgen nicht nur ein paar Zuschauer auf den Rängen, sondern das gesamte Fernsehpublikum von Panem. Eine Jagd bis aufs Blut. Und alle gegen alle. Denn: Es kann nur einen geben. Oder eine.

"Panem" statt "Twilight"

Diese eine könnte die 16-jährige Katniss sein, dargestellt von Jennifer Lawrence. Ironischerweise. Schließlich hatte sich die Schauspielerin, die zuletzt als "Mystique" im jüngsten "X-Men"-Streifen in Erscheinung trat, seinerzeit vergeblich um eine Rolle in den "Twilight"-Verfilmungen beworben. Dennoch wollen Lawrence und ihr Vampiretten-Gegenüber Kristen Stewart nichts von einem Konkurrenzkampf wissen. Und auch "Panem"-Regisseur Gary Ross, der die Rollen in seinem Film wohl bewusst nicht mit Jungstars aus der "Twilight"-Garde besetzte, versteht die Vergleiche zwischen den beiden Sagas nicht. Schließlich seien sie inhaltlich doch gänzlich verschieden.

Überspannt sie den Bogen? Nein, Lawrence verkörpert Katniss glaubwürdig.
Überspannt sie den Bogen? Nein, Lawrence verkörpert Katniss glaubwürdig.(Foto: Studiocanal)

Stimmt. In Panem sieht es nämlich so aus: Auf den Trümmern des durch Kriege und Naturkatastrophen zerstörten Nordamerikas hat sich ein neues Reich gegründet. Sein Zentrum ist das dekadente Kapitol, das mit harter Hand über das versklavte Volk in den Distrikten regiert. Drangsaliert wird die Bevölkerung nicht zuletzt dadurch, dass jeder Distrikt in jedem Jahr ein Mädchen und einen Jungen zu den sogenannten "Hunger Games" entsenden muss - ein grausames Spektakel, das sich die Machthaber zur Züchtigung ersonnen haben. Schließlich hatten die Massen einst versucht, sie mit einer Revolution zu stürzen.

In Distrikt 12 trifft es in diesem Jahr Katniss, die sich freiwillig meldet, um ihre im Losverfahren eigentlich ausgewählte kleine Schwester vor dem "Spiel" auf Leben und Tod zu bewahren. Gemeinsam mit ihrem männlichen Pendant Peeta (Josh Hutcherson) wird sie zum Kapitol verfrachtet, wo die beiden mit 22 weiteren Jugendlichen aus den anderen Distrikten auf ihren bevorstehenden Überlebenskampf vorbereitet werden. Katniss hat einen Trumpf - sie kann mit Pfeil und Bogen umgehen. Dennoch: Als es ernst wird, stellt sich für sie wie alle anderen die Frage, wie lange sie durchhalten kann, ehe sie von einem Konkurrenten gemeuchelt oder von Hunger und Infektionen dahingerafft wird. Manche der unfreiwilligen Gladiatoren bilden vorübergehende Allianzen. Und auch Katniss findet in der kleinen Rue (Amandla Stenberg) und Peeta Verbündete. Doch am Ende darf höchstens eine oder einer von ihnen überleben. Das besagen schließlich die Regeln der "Hunger Games". Oder?

Tuntig überzeichnet wie im Comic

Keine Frage: Schon allein von der Anlage her hat "Die Tribute von Panem" weitaus mehr Tiefgang als etwa "Twilight". Statt in Liebesduselei und Kitsch zu ertrinken, werden hier fundamentale Themen angerissen: Armut und Reichtum, Oben und Unten, Gut und Böse, Menschlichkeit und Barbarei. Und nicht nur das. Besonders gekonnt hält die Geschichte modernen Gesellschaften den Spiegel vor, als das eigentliche Gemetzel noch gar nicht begonnen hat. Ehe sie vor den Augen des Landes aufeinandergehetzt und reihenweise fallengelassen werden, werden die "Tribute" im Kapitol voll Zynismus gefeiert wie Popstars. Ein Schelm, wer sich dabei an so manches reale Fernsehformat erinnert fühlt.

Bereits die Romanvorlage der US-Amerikanerin Suzanne Collins war ein bombastischer Erfolg. Man muss kein allzu großer Prophet sein, um auch der Verfilmung von "The Hunger Games" rosige Zeiten an den Kinokassen vorauszusagen. Und das nicht nur wegen des Marketing-Rummels um den Streifen. Regisseur Gary Ross hat eine durch und durch gelungene Leinwand-Adaption des literarischen Stoffs in intensiven Bildern vorgelegt. Die tuntige Überzeichnung der bourgeoisen Kapitol-Bewohner verleiht der Szenerie einen Comic-haften Charakter, der Assoziationen zu "Batman" oder gar "A Clockwork Orange" hervorruft. Dem gegenüber stehen die krass realistischen und beinahe an Konzentrationslager erinnernden Aufnahmen in den unterdrückten Distrikten. Das Schauspiel-Ensemble, zu dem etwa auch Donald Sutherland, Stanley Tucci und Rock-Beau Lenny Kravitz gehören, versteht es, gekonnt zwischen den Extremen zu balancieren. Der Soundtrack mit Bands und Künstlern wie Arcade Fire, Kid Cudi oder The Decemberists tut sein Übriges.

Klar, insbesondere beim Entwurf der Beziehung zwischen Katniss und Peeta rutscht der Film hier und da schon in Teenie-Klischees ab. Und es gibt es in dem Streifen auch manche Länge, die nicht hätte sein müssen, man in der Gesamtschau dann aber doch verzeiht. Insofern: Wenn Ihr Kind demnächst um Geld fürs Kino quengelt, können Sie es ihm ruhig geben. Und vielleicht gehen Sie ja einfach auch mit.

"Die Tribute von Panem" läuft ab sofort in den deutschen Kinos.

Quelle: n-tv.de

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