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Aufgetaucht: Renton (Ewan McGregor) in der "schlimmsten Toilette Schottlands" - eine der denkwürdigsten Szenen in "Trainspotting".
Aufgetaucht: Renton (Ewan McGregor) in der "schlimmsten Toilette Schottlands" - eine der denkwürdigsten Szenen in "Trainspotting".(Foto: imago stock&people)

"Trainspotting" wird 20: Die besten Köpfe unserer Generation

Von Markus Lippold

"Ich habe zum 'Ja'-Sagen 'Nein' gesagt." Stattdessen: Heroin. "Trainspotting" folgt einer schottischen Clique durch Sucht und Entzug, Schlägereien und Kriminalität. Das ist Kult - und soll nun eine Fortsetzung bekommen.

"Sag 'Ja' zum Leben, sag 'Ja' zum Job, sag 'Ja' zur Karriere!" Renton weiß, wie man durchs Leben kommt. Aber er hat sich anders entschieden: "Ich habe zum 'Ja'-Sagen 'Nein' gesagt." Renton hat etwas besseres gefunden. Etwas viel besseres. Renton nimmt Heroin, das ihm ein unbeschreibliches Gefühl beschert: "Nimm den besten Orgasmus, den du je gehabt hast, multiplizier ihn mal Tausend - und du bist noch nicht mal nah dran."

Die Clique: Sick-Boy, Renton, Tommy und Spud - nur Begbie fehlt.
Die Clique: Sick-Boy, Renton, Tommy und Spud - nur Begbie fehlt.(Foto: imago/United Archives)

Während Renton darüber nachdenkt, dröhnt Iggy Pop aus den Boxen: "Lust for Life". Die Gier aufs Leben hat Renton und seine Kumpel erfasst. Nur dass es ein ganz anderes Leben ist als das ihrer Eltern und das vieler Altersgenossen. Renton, Sick Boy und Spud nehmen Heroin. Begbie liebt blutige Schlägereien. Nur Tommy ist auf dem Fitness-Trip. So sieht es aus, das Leben der jungen Schotten, die gern über Fußball und James Bond diskutieren und ihre Drogensucht mit Kleinkriminalität und Wohlfahrt finanzieren.

"Cool Britannia" und Brit-Pop

Als "Trainspotting" vor 20 Jahren in den britischen Kinos startete, drei Jahre nach der Veröffentlichung des Romans von Irving Welsh, traf der Film den Zeitgeist. Er passte zu "Cool Britannia" und Brit-Pop. Der billig gedrehte Film und sein erfolgreicher Soundtrack waren ein einziger Ausbruch von Energie und spiegelten perfekt die Stimmung in der ersten Hälfte der 90er Jahre wieder. Diese schonungslose Direktheit kam nicht von ungefähr: Aus finanziellen Gründen wurden viele Szenen in nur einem Take abgedreht.

Begbie kommt man besser nicht blöd - vor allem, wenn es um viel Kohle geht.
Begbie kommt man besser nicht blöd - vor allem, wenn es um viel Kohle geht.(Foto: imago/EntertainmentPictures)

"Trainspotting" passte aber auch zur Erfolgswelle, auf der das Independentkino damals schwamm. Als "British Pulp Fiction" wurde der Streifen beworben. Doch anders als Tarantino und etwa Guy Ritchie mit "Bube, Dame, König, grAS" verzichtete Regisseur Danny Boyle auf Drogen-Chic und coole Gewaltdarstellungen. Zusammen mit Drehbuchschreiber John Hodge (der dafür eine Oscar-Nominierung erhielt) setzte er in der Tradition von Stanley Kubricks "Uhrwerk Orange" auf Satire und schwarzen Humor, auf Punk, Techno und Clubkultur. Hinzu kam eine gute Portion Kritik am Thatcherismus mit seiner Verelendung der Arbeiterklasse und der Innenstädte.

"Schlimmste Toilette Schottlands"

Heraus kam ein Kultfilm, der zu den besten britischen Streifen der letzten Jahrzehnte zählt. Und der etliche ikonische Szenen hervorbrachte: Etwa jene in der "schlimmsten Toilette Schottlands", in der Renton nach zwei Zäpfchen taucht. Selten hat das Kino ein besseres Bild für den Zwang eines Junkies nach dem nächsten Trip gefunden. Zumal die Surrealität der Szene danach noch gesteigert wird, als Renton statt durch eine Kloake durch ein azurblaues Meer taucht.

Renton lernt Diane kennen - dass sie noch zur Schule geht, merkt er erst am Morgen danach.
Renton lernt Diane kennen - dass sie noch zur Schule geht, merkt er erst am Morgen danach.(Foto: imago stock&people)

Entgegen der Meinung einiger Kritiker romantisiert "Trainspotting" den Drogenkonsum aber keinesfalls. Er zeigt ihn vielmehr in seiner ganzen Bandbreite: als eine Mischung aus Euphorie und Halluzination, Absturz und kalter Hässlichkeit. Selbst der Wahn des kalten Entzugs, den Renton später in seinem Kinderzimmer erlebt, umgeben von Eisenbahn-Tapete, wird dargestellt. Daneben wirkt jene Szene mit Spud, der seinen Darm in das Bett seiner Freundin entleert, geradezu banal.

Der Legende nach dachte Schauspieler Ewan McGregor während der Vorbereitung auf den Film darüber nach, selbst Heroin zu nehmen, um dessen Wirkung besser nachempfinden zu können. Doch auch ohne Drogen wurde der Darsteller von Renton zum Mittelpunkt des Films, nicht nur erzählerisch, sondern auch charismatisch.

Ein emotionales Wiedersehen

McGregor hatte bereits bei "Kleine Morde unter Freunden" mit Boyle zusammengearbeitet und erlebte durch "Trainspotting" seinen internationalen Durchbruch, der ihn zu Erfolgen mit "Star Wars" und "Der Ghostwriter" führte. Doch auch andere Darsteller brachen von hier zu erfolgreichen Projekten auf: Robert Carlyle strippte in "Ganz oder gar nicht", Kelly Macdonald spielte in "Boardwalk Empire" mit, Kevin McKidd wurde mit "Grey's Anatomy" zum Star.

Zumindest McGregor und Carlyle bekundeten schon vor Jahren ihr Interesse an einer Fortsetzung des Films. Genau wie Regisseur Boyle, der seit "Slumdog Millionär" Oscarpreisträger ist. Nach Jahren der Planung und nach einem verworfenem Drehbuchentwurf sollen nun Mitte diesen Jahres endlich die Dreharbeiten zu "T2" beginnen. Der Film soll lose auf einem weiteren Welsh-Roman basieren: "Porno", und 20 Jahre nach "Trainspotting" spielen.

Carlyle versprach den Zuschauern schon mal ein emotionales Widersehen, bei dem man eine Bilanz über das eigene Leben ziehen kann. Ja, was haben Renton und Spud, Sick Boy, Begbie und Diane aus ihrem Leben gemacht? Haben sie "Ja" gesagt zu Job und Karriere? Oder wird ihr Leben immer noch von Drogen, Gewalt und Kriminalität bestimmt? Angesichts von Terrorgefahr, Brexit-Diskussion und dem Wegbrechen der Mittelschicht ist ein neues "Trainspotting" jedenfalls bitter nötig: Einfach mal "Nein" sagen zum "Ja"-Sagen.

Quelle: n-tv.de

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