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Trio Infernale: Jon Cryer als Duckie (l.), Molly Ringwald als Andie Walsh und Andrew McCarthy als Blane McDonnagh.
Trio Infernale: Jon Cryer als Duckie (l.), Molly Ringwald als Andie Walsh und Andrew McCarthy als Blane McDonnagh.(Foto: imago stock&people)

Sex im Titel, Zoff ums Ende: Die dunkle Seite von "Pretty in Pink"

Von Nina Jerzy

"Pretty in Pink" wird 30: Da kommen unweigerlich Erinnerungen an einen Föhnwellen-Prinzen und ein taffes Aschenputtel mit rosa Kleid auf. Der Film an sich ist nicht so gut gealtert. Dafür offenbart er heute erstaunliche Abgründe.

Hach, "Pretty in Pink". Für Menschen eines gewissen Alters sind die drei Worte wie Nostalgie-Nougat. Was einem spontan dazu einfällt: die arme Anti-Barbie Andie (Molly Ringwald) mit dem abgefahrenen Modestil, ihr tragisch-verliebter Sidekick Duckie (Jon Cryer) und der verträumte Oberschichten-Traumprinz Blaine (Andrew McCarthy). Am 28. Februar 1986 kam "Pretty in Pink" in die US-Kinos. Das Wiedersehen zum 30. Jubiläum zeigt leider: Im Gegensatz zu "The Breakfast Club" ist dieses Werk von John Hughes nicht so gut gealtert. Dafür wird rückblickend deutlich: "Pretty in Pink" ist mitnichten so unschuldig, wie man es im Gedächtnis hatte.

Gab es in den 80ern jemanden, der nicht in Molly Ringwald verknallt war?
Gab es in den 80ern jemanden, der nicht in Molly Ringwald verknallt war?(Foto: imago stock&people)

Der erste Abgrund tut sich im titelgebenden Lied auf. Drehbuchautor Hughes borgte den Namen seines Films von der englischen Rockband The Psychedelic Furs. Deren 1981 erschienener Song ist als Neuaufnahme zu Beginn und im Abspann zu hören. Während auf der Leinwand wilder Sex den verkommenen Snobs vorbehalten ist und Andie und Blaine höchstens keusche Küsse tauschen, erzählt das Lied eine völlig andere Geschichte. Darin geht es nämlich eigentlich um ein Mädchen, das mit vielen Typen schläft und von denen für ein Flittchen gehalten wird, wie Sänger Richard Butler mal klargestellt hat.

Gar nicht jugendfrei

Folgerichtig bezieht sich der eben noch so unschuldige Titel keineswegs auf ein rosafarbenes Outfit wie Andies selbstgeschneidertes Kleid für den Abschlussball, sondern ist eine Metapher für nackte Haut. Aber hey, diese Art inhaltlicher Taubheit zugunsten einer Ohrwurm-Melodie und eines eingängigen Titels erfreut sich auch heute noch anhaltender Beliebtheit. Schließlich ist bei den Kids' Choice Awards eines US-Senders für den Nachwuchs zwischen 8 und 17 Jahren dieses Jahr eine Lobeshymne auf Kokainkonsum ("Can't Feel My Face" von The Weeknd) nominiert.

Rückblickend wird ein Erfolgsrezept des 2009 im Alter von 59 Jahren gestorbenen Hughes deutlich. Er nahm seine Charaktere ernst und gab sich nicht bloß mit billigen Schlagworten zufrieden. So kommt es, dass Hughes und Regie-Debütant Howard Deutch eine überraschend aktuelle Geschichte über die Gräben zwischen Reich und Arm in den Vereinigten Staaten (natürlich mit jeder Menge Hollywood-Patina) erzählen. Andy ist zwar nicht gerade bettelarm. Ihr depressiver Vater (Harry Dean Stanton) vertrödelt aber jeden Tag im Bett oder mit der Bierdose in der Hand und trauert seiner Frau nach, die Ehemann und Tochter hat sitzen lassen.

Cryer machte seinen Weg - später bei "Two and a Half Men".
Cryer machte seinen Weg - später bei "Two and a Half Men".(Foto: imago stock&people)

In einer Szene ist Andies treuer Freund Duckie in seinem Zimmer zu sehen, wie er sich nach seiner heimlichen Herzensdame verzehrt. Dem erwachsenen Zuschauer fallen plötzlich die Matratze auf dem Boden, der schmuddelige Teppich und die harsche Beleuchtung wie von einer nackten Glühbirne an der Decke auf. Das hier sind Kinder, die von Beginn an für jeden Erfolg im Leben hart kämpfen müssen.

Unmoralisches Ende mit Geschmäckle

Manchmal aber siegt Hollywood. Hughes und Deutch hatten ursprünglich einen ganz anderen Ausgang geplant, nachdem der rückgratlose Blaine auf Drängen seines besten Freunds Steff (James Spader) Andie hat sitzen lassen. Das Ende beim Abschlussball sollte eigentlich ganz Andie und dem treuen Duckie gehören - ob als Freunde oder doch endlich als Paar, wäre der Fantasie der Zuschauer überlassen geblieben. Zumindest die Mitglieder des Testpublikums wollten davon aber nichts wissen und quittierten den Schluss mit Buhrufen. Auf Druck des Studios musste lange nach Ende der Dreharbeiten ein neues Ende her. Das fühlte sich nicht nur inhaltlich ziemlich übers Knie gebrochen an (Regisseur Deutch bezeichnete die Änderungen gar als "unmoralisch"). Andrew McCarthy hatte mittlerweile für eine andere Rolle deutlich abgenommen und sich den Kopf rasiert - die Perücke, die er in den Schlussszenen trägt, hätte ihre eigene Goldene Himbeere für die abscheulichste Requisite des Jahres verdient.

Nach Ansicht Ringwalds war das ganze Schlamassel irgendwie auch Cryers Schuld. Dessen Duckie fiel dem Teenie-Star nämlich zu schwul aus. Ringwald hatte ursprünglich Robert Downey Jr. für die Rolle vorgeschlagen und keinen Hehl aus ihrer Meinung gemacht, dass ein Ende mit ihm beim Testpublikum nicht durchgefallen wäre. Cryer erhielt für seine nachhaltig verletzten Gefühle jedoch Genugtuung. Während er mit der Sitcom "Two and a Half Men" zum hochbezahlten Star aufstieg, verschwanden die "Brat Pack"-Mitglieder Ringwald und McCarthy weitgehend in der Versenkung. Es zeigt sich: Nicht nur in Schulfilmen triumphieren am Ende die Außenseiter. Gut, abgesehen von Ekelpaket Steff. Dessen Darsteller James Spader rockt noch heute - und das ganz ohne Toupet.

Quelle: n-tv.de

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