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Sängerin, Song-Contest-Gewinnerin und Frau mit eigenem Kopf: Loreen.
Sängerin, Song-Contest-Gewinnerin und Frau mit eigenem Kopf: Loreen.(Foto: A. Aschberg / Warner Music)

"Anders als der Rest": Die rätselhafte Loreen

"Euphoria", eine schwarz gekleidete Frau, ein mysteriöser Auftritt. In Baku verzauberte Loreen ganz Europa. Nun legt die Gewinnerin des Eurovision Song Contests mit "Heal" ihr erstes Album vor. n-tv.de geht im Interview dem Schwedenrätsel auf den Grund. Eins ist klar: Loreen hat was zu sagen.

n-tv.de: Rund fünf Monate sind seit deinem ESC-Sieg vergangen. Genug Zeit, die Ereignisse zu realisieren und sacken zu lassen - oder ist immer noch alles total "Euphoria" für dich?

Loreen: Ich habe realisiert, was passiert ist. Außerdem war ich in dem Sinne nie euphorisch. Euphorie ist ja ein Geisteszustand, … ein berauschter Geisteszustand. (lacht) So war ich nie drauf. Aber natürlich war es fantastisch.

Du hast in Baku ja auch wirklich abgeräumt - ganze 18 Länder, darunter auch Deutschland, gaben dir die volle Punktzahl. Wie fühlt es sich an, wenn du dir die Bilder jetzt noch einmal ansiehst?

Das ist schon sehr bewegend. Ich habe das alles analysiert - einschließlich mir selbst. Ich sehe, wie glücklich ich war und wie froh darüber, dass so viele Menschen dasselbe empfunden haben. Dass sie etwas mochten, dass anders war - denn mein Auftritt war anders als der Rest. Als ich an dem Abend da stand und die Punkte bekam, war ich aus so vielen unterschiedlichen Gründen glücklich. Kennst du dieses Gefühl, dass man zugleich lachen und weinen möchte?

An ihr kam in Baku niemand vorbei.
An ihr kam in Baku niemand vorbei.(Foto: Jimmy Backius / Warner Music)

Ja, ich denke schon.

So ging es mir. (lacht)

Was hast du denn in den fünf Monaten seit dem ESC gemacht? Warst du nur unterwegs oder konntest du dich auch mal erholen?

Nein, eigentlich habe ich seitdem nur gearbeitet. Und ich habe vieles gleichzeitig gemacht. Ich war auf der ganzen Welt unterwegs, war aber auch mit meinem Album und den ganzen anderen kreativen Dingen darum herum - wie zum Beispiel den Videos - beschäftigt.

Dein Album "Heal" ist gerade in Deutschland erschienen. Wie würdest du es selbst beschreiben?

Es ist ein sehr dynamisches und leidenschaftliches Album. Und es ist sehr persönlich. Viele Leute haben mich gefragt, warum ich für das Album so lange gebraucht hätte. Und ich habe geantwortet: "Na, wegen euch." Ich wollte nichts ohne Qualität veröffentlichen. Heutzutage ist es so einfach, nur irgendeinen Song - bla bla blubb - rauszuhauen, um Geld zu machen. Aber ich möchte nicht, dass Menschen, die mein Album kaufen, ihre Zeit oder ihr Geld verschwenden. Also habe ich zu meinem Label "Nein" gesagt. Ich wollte, dass das Album so gut wie möglich wird. Und das braucht seine Zeit.

Ich habe gelesen, die Plattenfirma sei besorgt gewesen, dass das Album womöglich nicht kommerziell genug ausfallen würde. Trifft das zu?

Nein, zumindest nicht auf das Team um mich herum. Sie sind von dem Album alle ganz begeistert. Von daher ist das ein Gerücht, denke ich. Aber es stimmt schon: Das Album ist etwas düsterer als "Euphoria". Das war es, was ich mit persönlich gemeint habe. Es gibt sehr viele kommerzielle Künstler da draußen - mit Songwritern, Produzenten und anderen kreativen Menschen um sie herum, die sie entwerfen. Für mich dagegen ist es sehr wichtig, dass ich mich selbst entwerfe. Mir soll niemand sagen, wie sich ein Song anhören oder wie ich aussehen soll. Aber natürlich darf sich jeder seine eigene Meinung bilden. Das gehört zu den Bürgerrechten. (lacht)

"Jetzt bin ich der Hippie mit der schwarzen Kleidung."
"Jetzt bin ich der Hippie mit der schwarzen Kleidung."(Foto: Valter Frank / Warner Music)

Dass du eine Frau mit eigenem Kopf bist, konnte man schon in Baku sehen. Nicht nur wegen deines Auftritts, sondern auch, weil du dich als eine von wenigen Künstlern vor Ort getraut hast, die Menschenrechtsfrage in Aserbaidschan zu thematisieren. Dafür gab es Lob, aber von einigen auch Kritik. Würdest du rückblickend alles wieder genauso machen?

Auf jeden Fall - und noch mehr. Wenn ich zurückschaue, plagt mich eher das Gewissen: "Du hättest noch mehr tun können." Für mich war klar: Entweder befasse ich mich mit dieser Frage oder ich reise erst gar nicht nach Baku. Ich habe die Menschen dort getroffen. Und ich habe ihre Unterdrückung gespürt. Ihre Angst lag förmlich in der Luft. Sie sagten zwar, sie würden keine Hilfe wollen. Aber man musste sie nur ansehen, um zu erkennen, dass jemand für sie das Wort ergreifen muss. Dort werden Frauen unterdrückt. Von den Homosexuellen mal ganz zu schweigen.

Du hast dich in Baku auch mit Oppositionellen getroffen. Das bedurfte ja auch etwas Mut …

Ich wusste, dass ich als Teilnehmerin unter einem gewissen Schutz stehe. Aber zeitweise war es nicht ganz ungefährlich. Ich durfte nicht einmal das Hotel verlassen. Und der Präsident hat mich nicht zu seinem Empfang eingeladen - wegen "meines Verhaltens", wie es hieß. An diesem Abend habe ich das erste Mal gefeiert. Ich habe zu jedem gesagt: "Weißt du, was das bedeutet? Ich bin nur eine einzelne Person mit meinem Team. Aber wir haben es geschafft, diesen großen Präsidenten da oben anzukratzen. So schlimm, dass er uns nicht zu seiner Party einlädt. Das ist großartig!" (lacht)

Im Booklet deiner CD widmest du das Album allen, die ihr Leben für die Menschenrechte riskieren. Hat dich dieses Thema schon vor deinem Aufenthalt in Baku beschäftigt oder bist du erst dort damit in Berührung gekommen?

Das hat mich schon immer beschäftigt. Ich bin in Schweden geboren, aber meine Eltern stammen aus Marokko. Das ist ein armes, von der Religion bestimmtes Land. Dort werden Homosexuelle auch diskriminiert. Und dort haben Frauen auch nicht die gleichen Rechte wie Männer. Diese Dinge haben also immer irgendwie in mein Leben hineingespielt. Und ich habe sie nie begriffen. Früher konnte ich nicht wirklich etwas tun. Aber ich bin überzeugt: In dem Moment, in dem man eine Möglichkeit findet, auf Veränderungen hinzuwirken, muss man diese nutzen.

Du wurdest in Stockholm geboren, aufgewachsen bist du jedoch im rund hundert Kilometer entfernten Västeras …

Ja, auf dem Land.

Das Thema Menschenrechte trieb Loreen schon vor Baku um.
Das Thema Menschenrechte trieb Loreen schon vor Baku um.(Foto: Warner Music)

Västeras hat doch auch mehr als 100.000 Einwohner …

Wir haben aber nicht im Zentrum gewohnt, sondern außerhalb. Für uns war das schon Land.

Du bist also ein Landei …

(lacht) Man könnte mich ein Naturkind nennen, ja.

Lebst du noch immer dort?

Nein, nein. Jetzt lebe ich dort, wo ich mich zum Schlafen hinlege. Jetzt bin ich der Hippie mit der schwarzen Kleidung. Der dunkle Hippie. (lacht)

Västeras ist für verschiedene Dinge berühmt. Jedes Jahr findet dort zum Beispiel ein Treffen von Fans amerikanischer Autos statt. Außerdem hat dort 1947 der erste Laden von "Hennes & Mauritz" (H&M) eröffnet …

Ja, davon habe ich gehört.

Kaufst du bei H&M ein?

Ja, tatsächlich arbeite ich jetzt sogar mit ihnen zusammen. Wir entwerfen gemeinsam einige Teile.

Ich frage das deshalb, weil du in einem anderen Interview erklärt hast, dass du es liebst, Schuhe und Unterwäsche zu kaufen. Ich würde es nicht wagen, dich nach deiner Unterwäsche zu fragen, aber nach deinen Schuhen schon. Wie viele Paar besitzt du?

Schuhe sind für mich wie Kunstwerke. Aber ich schmeiße sie auch weg. Und inzwischen leihe ich mir auch welche, weil ich nicht so viele besitzen will. Ich mag kein materialistisches Zeug. Ich will sie nur tragen und habe kein Bedürfnis, sie zu besitzen. Aber wenn du mich fragst, wie viele Paar Schuhe ich gerade zu Hause habe, egal, ob es meine sind oder nicht, dann würde ich sagen … 40, 50 vielleicht.

Das sind ja gar nicht sooo viele …

Nicht wahr, das sind nicht so viele - habe ich ja gesagt.

Ihr Album "Heal" ist soeben erschienen.
Ihr Album "Heal" ist soeben erschienen.(Foto: A. Aschberg / Warner Music)

Dass du trotz deines Faibles für Schuhe beim Song Contest ausgerechnet barfuß aufgetreten bist, birgt aber schon eine gewisse Ironie …

Auf der Bühne barfuß zu sein, hatte eine symbolische Bedeutung. Es ging mir darum, so natürlich wie möglich zu sein. Ich wollte keins von diesen schicken, teuren Kleidern tragen, keine High Heels und nichts von dem, was man von mir als Frau erwartet hätte. Ich habe meine Haare nicht gekämmt und ich trug kaum Make-up - etwas Eyeliner, das war's. Ich wollte wissen, welchen Effekt das haben würde, wie die Menschen darauf reagieren und ob sie einen Draht dazu finden würden.

Das haben sie offensichtlich …

Ja. Und das hat mich so glücklich gemacht. Das sagt einiges über uns aus und darüber, wonach wir uns vielleicht sehnen.

Du hast auch erklärt, dass du nicht wirklich ein Party-Girl bist und zudem keinen Alkohol trinkst. Warum? Weil du ihn nicht verträgst oder weil du ihn aus Überzeugung ablehnst?

Nein, ich habe schon auch mal ein Glas Wein getrunken. Und auch in meiner Familie wird getrunken. Aber tatsächlich hat Alkohol erst sehr spät in mein Leben Einzug gehalten. Von daher habe ich mich nie wirklich an ihn gewöhnt. Ich fühle einfach nichts, wenn ich Alkohol im Körper habe. Der Körper ist wie taub, wenn du mit jemandem sprichst oder jemand dich berührt. So geht es mir zumindest, ohne zu wissen, wie es bei anderen ist. Und ich mag dieses Gefühl, nichts zu fühlen, nicht. Seit mir das klar geworden ist, trinke ich nicht mehr.

Du trinkst nicht, du gehst nicht gern auf Partys, du hast, soviel ich weiß, auch keinen Fernseher. Was machst du in deiner Freizeit?

Ich verbringe Zeit mit meinen Freunden. Und wenn nicht, dann bin ich wirklich auch gerne allein zu Hause. Dann male ich, meditiere oder gehe in den Wald. Ich bin gern in der Natur. Und ich liebe es, zu reisen. Vor zwei Jahren zum Beispiel hatte ich am Tag vor Silvester das Bedürfnis, einfach loszufahren. Da rief ich eine Freundin an: "Pack deine Sachen. Wir fahren runter nach Zürich - jetzt!" Sie fragte: "Warum das denn?" Und ich sagte ihr: "Weil ich an Silvester auf einem Berg stehen will." Also sind wir den ganzen Weg bis Zürich gefahren. (lacht) Und ich stand auf dem Berg!

Ein Couch-Potato? Jedenfalls ist Loreen auch gern einfach nur zu Hause.
Ein Couch-Potato? Jedenfalls ist Loreen auch gern einfach nur zu Hause.(Foto: A. Aschberg / Warner Music)

Dass du keinen Fernseher hast, ist auch wieder etwas skurril. Schließlich hast du deine Musik-Karriere nicht nur bei einer TV-Casting-Show namens "Idol" begonnen, du hast danach auch für kurze Zeit im Fernsehen moderiert …

Ja - und ich war so mies darin. Richtig mies. Echt beschissen. (lacht) Das Ding ist: Als ich bei "Idol" mitgemacht habe, war ich total grün hinter den Ohren. Ich hatte keine Ahnung davon, wie die Musik- und Unterhaltungsindustrie läuft und wirklich Angst davor. Diese Phase war sehr schwierig für mich. Unterbewusst bin ich dem wohl begegnet, indem ich gelernt habe, wie die ganze Sache funktioniert. Das fing damit an, dass ich vor der Kamera gearbeitet habe. Das konnte ich aber nicht ausstehen. Deswegen habe ich nach ein paar Wochen gesagt: "Bye Bye, ich mache das nicht …"

… und hast dann als TV-Produzentin gearbeitet ...

Ja, das hat sich dann in gewisser Weise einfach so ergeben. Eine gute Freundin von mir ist Regisseurin. Sie hat mir viel in Sachen Regiearbeit und Fernsehen beigebracht. Und so bin ich dann in die Arbeit beim Fernsehen reingerutscht. Aber im Endeffekt glaube ich, dass es mit Kontrolle zu tun hatte. Ich wollte wissen, wie Reporter denken und wie Fernsehen läuft. Weil ich es interessant finde, aber auch wegen "Idol" - weil ich ein Kontrollfreak bin. (lacht)

Von der Vergangenheit zur Zukunft. Dank dir wird der nächste Song Contest natürlich in Schweden stattfinden, genau genommen in Malmö. Einige spekulieren, dass es dort vielleicht doch eine Reunion von ABBA geben könnte. Hältst du das für möglich?

Ich kann nur sagen, dass die Leute es sicher zu schätzen wüssten - so wie es auch bei Roxette war. Aber das Wichtigste wäre, dass sie Lust darauf und Spaß daran hätten. Dann … warum nicht?

Unsere Song-Contest-Gewinnerin von 2010, Lena, hat 2011 ja versucht, ihren Titel zu verteidigen. Könntest du dir das für dich in Malmö auch vorstellen?

Nein, weil ich nicht an Wettbewerbe glaube - auch wenn ich weiß, dass sich das ein wenig verrückt anhört. Ich habe den Song Contest nicht als Wettbewerb gesehen, solange wir nicht dort standen und es an die Punktevergabe ging. Bis dahin ging für mich alles nur um den Auftritt und darum, Kunst zu schaffen - für euch da draußen. Es ist schwierig, mit Musik gegeneinander anzutreten. Man kann nicht sagen, dass ein Musikstil richtig oder falsch ist, weil es um Geschmack geht. Und da hat nun einmal jeder seinen eigenen.

Mit Loreen sprach Volker Probst

Das Album "Heal" von Loreen bestellen

Quelle: n-tv.de

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