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Donnerstag, 21. September 2017

"Schloss aus Glas": Eine miese Kindheit, aber ...

Von Anna Meinecke

Der Vater trinkt, die Mutter spinnt und immer wieder muss die Familie die Koffer packen. Jeanette Walls hatte keine leichte Kindheit. In ihrer Biografie "Schloss aus Glas" schildert sie nuanciert, weshalb die Zeit trotzdem auch von Liebe geprägt war. Nun kommt die Story ins Kino.

Das Kind steht in Flammen. Es ist noch nicht alt genug, um eine Schule zu besuchen, doch Hotdogs kochen kann es bereits - oder vielleicht eben doch nicht, denn es steht ja in Flammen. Das Kind ist Jeanette Walls. Es ahnt natürlich noch nicht, dass es sich einmal zur gefeierten Tratsch-Kolumnistin New Yorks aufschwingen wird, später zur Bestsellerautorin. Zu Beginn von "Schloss aus Glas" ist Jeanette Walls einfach ein Kind, das in unter objektiven Kriterien doch eher ungünstige Umstände geboren wurde.

Jeanettes Eltern sind Aussteiger. Vater Rex hangelt sich von Job zu Job zu Flasche. Mutter Rose Mary malt leidenschaftlich und vergisst darüber auch schon mal den Hunger der vier Kinder. Wenn die Geldeintreiber arg ungeduldig werden, packt die Familie ein paar Habseligkeiten zusammen und türmt. Wenn die Erwachsenen im Wahn sind, müssen die Kinder sich auch mal allein durchschlagen.

Der liebende Trinker

Es ist ein unstetes Leben, aber auch eins voller Liebe - irgendwie. Mit tiefschichtiger Härte schilderte die echte Jeanette Walls - ja, wahre Geschichte - in "Schloss aus Glas" ihre Kindheit und Jugend und ihre mühseligen Emanzipationsbestreben derweil und danach. Die Kinoadaption von Regisseur Destin Daniel Cretton wirkt deutlich weniger nuanciert. Mit Brie Larson, Woody Harrelson und Naomi Watts in den Hauptrollen ist der Film zwar exzellent besetzt, doch er verliert sich in Rückblenden und austauschbaren Dialogen über Stärke, Liebe, Unabhängigkeit.

Vater Rex hat seinen Kindern versprochen, ein Schloss aus Glas zu bauen, doch dazu kommt es nie.
Vater Rex hat seinen Kindern versprochen, ein Schloss aus Glas zu bauen, doch dazu kommt es nie.(Foto: Lionsgate)

Man kann "Schloss aus Glas" keine fehlende Ambition vorwerfen. Woody Harrelson ist als Rex Walls so irre dramatisch und durchaus auch irre gut, dass man bei jedem Klingeln eine Oscar-Nominierung erwartet. Im Film wird seine Figur dennoch zum Problem. Harrelsons Rex wird als irre dargestellt, doch ebenso als brillant. Unter Sternenhimmel wird er zum Poeten, er ist anti Rassismus, pro Nachhaltigkeit und unbedingt gewillt, seine Familie in ein besseres Leben zu führen. Eigentlich kein so schlechter Typ, oder? Eben doch.

Nicht nah genug am Abgrund

Rex Walls ist nämlich kein "Captain Fantastic". Was Viggo Mortensens Vaterhelden im Alternative-Lebensmodelle-Streifen des vergangenen Jahres von diesem hier unterscheidet, ist zum Beispiel dessen Alkoholismus. Statt seine Kinder zu Athleten zu formen, liegt Rex Walls besoffen auf dem Sofa oder daneben. Im Buch ist sein Terror präsent, der Film lässt sich Zeit damit, ihn zu offenbaren und kommt nie ganz da an, wo sich der tiefste Abgrund auftut.

Wenn Bries Larsons Jeanette als Erwachsene mit ihren Eltern aneinandergerät, geht es um entgegengesetzte Ideale. Sie bewegt sich mittlerweile in der Großstadtschickeria, Rex und Rose Mary sind obdachlos. Doch der Schmerz, der die Familie spaltet, rührt nicht von einem unterschiedlichen Wertesystem her. Das Leben der jungen Jeanette Walls war gesäumt von Gemeinheiten, Misshandlungen und Not. Der Film spielt das runter - als ließe sich Elend nicht auch die ein oder andere Freude zur Seite stellen. So verpasst "Schloss aus Glas" nicht immer, doch aber zu oft die Chance, ehrlich zu rühren.

"Schloss aus Glas" startet am 21. September in den deutschen Kinos.

Quelle: n-tv.de

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