Unterhaltung

Die kompletten Anfangsjahre: Elvis plaudert aus dem Nähkästchen

Von Manfred Bleskin

Zwei opulente wie liebevolle Ausgaben präsentieren die Aufnahmen des Wegbereiters des Rock and Roll von 1955 bis 1959 respektive 1956 bis 1961. Fundamentale Stücke wie "Heartbreak Hotel" finden sich da ebenso wie Alternativaufnahmen und Interviews. Dazu gibt es jeweils umfangreiche Begleitbüchlein.

Am 21. Oktober war es wieder soweit: In Shreveport im US-Bundessstaat Louisiana fand eine jener Veranstaltungen statt, die unter dem Namen "Louisiana Hayride" bekannt sind und zu den besten Countryshows in Nordamerika gehören. Just an jenem Ort, an dem Elvis 1954 in dem damals zunächst als Radioshow übertragenen Event zum ersten Mal im Hörfunk zu hören war. Diesmal hießen die Stars Gold & The Rush und The Coyotes. 1955 wurde die Veranstaltung im Fernsehen übertragen und der King hatte seinen ersten TV-Auftritt. Eine reichlich schrummelige Aufnahme von "It's Alright, Mama" findet sich hin und wieder auf Samplern, die auf der Frontseite verkünden, der 1935 in Tupelo/Mississippi Geborene wäre mit von der Partie.

Aus den Anfangsjahren

Nun haben sich zwei Plattenfirmen wieder die Arbeit gemacht, das Oeuvre der Anfangsjahre des  Meisters in extenso vorzustellen. Die Edition "Elvis Presley: "The Complete Sessions 1956-61" besteht aus acht CDs, "Elvis Presley: The King Of Rock'n'Roll - The Complete 50's Masters" ist mit fünf CDs in Form eines Bookset erschienen. Auf den ersten Blick schaut's wie ein Buch aus. Selbst auf den zweiten, denn das Bookset enthält tatsächlich ein Büchlein mit einer ausführlichen Diskographie und Fotos, das den Musikhorizont des geneigten Hörers wieder etwas erweitert. Das Bookset enthält seinem Namen gemäß auch so fundamentale Elvis-Aufnahmen aus 1955 wie "That's Alright", "Blue Suede Shoes", "Tutti Frutti" und "Baby, Let's Play House". Letzterer Song wurde später auch von dem leider so jung ums Leben gekommenen Buddy Holly nachgespielt. Das Original stammt – wie so viele beim "King" - von einem Afroamerikaner: Arthur Gunter hatte den Song ein Jahr vor Elvis' Coverversion aufgenommen. Seiner Nummer war nur ein lokaler Erfolg im Bundesstaat Tennessee beschieden. Elvis machte daraus im Juli 1955 einen fünften Platz in den nationalen Billboard Country Singles Charts. Die Zuordnung zur Countrymusic zeigt, dass der Rock and Roll sich erst peu à peu zu einer selbständigen Musikrichtung entwickelte. Die recht grausliche Textzeile "I'd rather see you dead, little girl, than to be with another man" inspirierte John Lennon übrigens zu seiner Komposition "Run For Your Life", das eben jene Zeile enthält.

Und die Prärie wackelt

Die 1956er Songs wurden aufgenommen, nachdem der spätere "King" von den lokalen Sun Records in Memphis/Tennessee zum Major RCA gewechselt war. Der weiße Truckdriver covert wie schon in seinem ersten Plattenjahr die nicht copyrightgeschützten schwarzen Vorlagen, dass die Prärie nur so wackelte. "Shake, Rattle & Roll", das 1954 von Big Joe Turner aufgenommen worden war und im Jahr darauf mit Bill Haley und seinen Comets zum Welthit wurde. Oder "Long Tall Sally", das wie "Tutti Frutti" von Little Richard stammt. "Long Tall Sally" fehlt übrigens bei den "Complete Sessions 1956-61". Dafür enthalten beide Editionen den Kracher "Ready Teddy", ebenfalls aus der Feder des kleinen Richard. Dafür fehlt "My Baby Left Me" in den "Complete 50's Masters". Zu Herzen gehend: "Old Shep", die Geschichte eines Jungen und seines Hundes. Auf den "’57 Sessions" findet sich dann ein Slow Rocker, wie ihn wohl kaum einer nachmachen kann: "Heartbreak Hotel". Im Bookset wird der Song jedoch richtig eingeordnet. Die Single erschien bei RCA am 27. Januar 1956. Die vorliegenden Editionen bieten den Vorteil, dass die Songs des Meisters zum Teil in verschiedenen Versionen offeriert werden. So wird von "Don’t Leave Me Now" auch als Take 2 geboten. Auf CD 5 des Bookset hat es dann zum Beispiel Alternativaufnahmen von besagtem "Old Shep" oder "King Creole" aus 1958.

Elvis wird "Everybody's Darling"

Das 57er Jahr hatte für Elvis mit dem Militärdienst begonnen, den er – so ganz im Gegensatz zum Medienbild vom Rebellen – als treuer Staatsbürger absolvierte. Das widerspiegelt sich auch in seiner Musik: Sie wurde glatter, akzeptabler auch für die Elterngeneration. "I Slipped, I Stumbled, I Fell" von der 1961er LP "Something For Everybody"– obzwar ein Rocker - klingt netter als frühere Aufnahmen. Der Sprung zum "Everybody's Darling" war geschafft.

Zum langsamen Wandel in Elvis' Interpretationen hatte auch beigetragen, dass seine Epigonen während seiner durch den Militärdienst bedingten Abwesenheit bis 1960 vor allem auf Weichgespültes setzten. Bei den "Complete '61 Sessions" taucht "I Slipped, I Stumbled, I Fell" gleich mehrmals auf: Als Ausschnitt aus Elvis' Filmen und dann endlich als "final track" des Albums "Something For Everybody". Beide Ausgaben bieten auch Interviews, in den Elvis aus dem Nähkästchen plaudert. Das Bookset wurde übrigens für einen "Grammy" in der Kategorie "Bestes historisches Album" nominiert. Zur Auszeichnung selbst hat's nicht gereicht. Was tut's: Im Verkauf schaffte es das Bookset zum Doppel-Platin-Status.

Kurzum: Beide Editionen ermöglichen einen tiefen Einblick in das Schaffen des Wegbereiters des Rock and Roll, bevor er auf die seichten Wellen der Beliebigkeit wechselte.

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Quelle: n-tv.de

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