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Der Stuxnet-Virus ist das Thema von Alex Gibneys Berlinale-Beitrag "Zero Days". Der Titel bezieht sich darauf, dass der Virus ohne Zutun des Nutzers aktiviert wird - man ist keinen einzigen Tag davor geschützt.
Der Stuxnet-Virus ist das Thema von Alex Gibneys Berlinale-Beitrag "Zero Days". Der Titel bezieht sich darauf, dass der Virus ohne Zutun des Nutzers aktiviert wird - man ist keinen einzigen Tag davor geschützt.(Foto: Berlinale)

Dokus auf der Berlinale: Europa ist schön, Stuxnet ist schöner

Von Markus Lippold

Dokus sind öde? Gar nicht! Zwei Oscarpreisträger stellen auf der Berlinale ihre neuen Filme vor. Michael Moore setzt dabei auf Humor und Vereinfachung, Alex Gibney auf Spannung und akribische Recherche.

Michael Moore konnte nicht kommen. Er kuriert gerade eine Lungenentzündung aus und war deshalb nicht dabei, als Mittwochabend im Berliner Friedrichstadtpalast sein neuer Dokumentarfilm "Where to Invade Next?" seine internationale Premiere erlebte. Er grüßte aber - im Bademantel - das Publikum per Videobotschaft. Alex Gibney dagegen war da - er stellte auf der Berlinale seine neue Doku vor: "Zero Days" läuft, anders als Moores Film, sogar im Wettbewerb.

Michael Moore erobert Europa - es geht ihm nicht um Öl, es geht ihm um Ideen.
Michael Moore erobert Europa - es geht ihm nicht um Öl, es geht ihm um Ideen.(Foto: Berlinale / Dog Eat Dog Films)

Eines eint beide Regisseure: Frühere Werke wurden mit einem Oscar ausgezeichnet. Moore bekam ihn für "Bowling for Columbine", seiner Abrechnung mit dem Waffenwahn in den USA. Gibney wurde für "Taxi zur Hölle" ausgezeichnet, der anhand eines unschuldigen afghanischen Taxifahrers die tödlichen Foltermethoden der USA im Krieg gegen den Terror thematisiert.

"Das müssen Sie genauer erklären!"

Doch beide Dokumentarfilmer haben ganz verschiedene Herangehensweisen. Das wird sehr deutlich, wenn man nun beide Filme auf der Berlinale sieht. Der eine - Moore - ist ein politischer Aktivist. Er hat sich etwa mit der US-Waffenlobby befasst, mit dem wirtschaftlichen Niedergang seiner Heimatstadt Flint, mit dem US-Gesundheitssystem und dem Irakkrieg. Stets war der Film dazu da, Moores politische Meinung zu vermitteln. Das wurde besonders bei seiner harschen Kritik an Präsident George W. Bush in "Fahrenheit 9/11" deutlich. Aber Moores Filme sind auch stets unterhaltsam, sie haben einen kindlich-nachfragenden, ironischen Blick. So vermittelt er nicht nur seine Botschaft, sondern schafft immer wieder auch beeindruckende Momente, etwa als er nach der Eröffnung eines Kontos bei einer US-Bank ein Gewehr als Prämie erhält.

Ähnlich geht er in seinem neuen Werk "Where to Invade Next?" vor. Moore stellt sich die Aufgabe, europäische Länder zu bereisen - sie zu erobern -, um von dort gesellschaftliche Errungenschaften in die USA exportieren zu können. Er freut sich über den bezahlten Urlaub in Italien, über die exzellente Kantinenversorgung in französischen Schulen, über kostenlose Unis in Slowenien oder die Erinnerungskultur in Deutschland. Dazu interviewt er Angestellte und Unternehmer, Strafgefangene und Polizisten, Politiker und einen Staatschef.

Zur Freude der Zuschauer spielt er immer wieder sein Erstaunen vor, wenn ihm die Interviewten von ihrem Alltag berichten: In Portugal wird man nicht verhaftet, wenn man Heroin nimmt? In Norwegen werden selbst Mörder milde behandelt? In Finnland haben Schüler keine Hausaufgaben? In Island sind mehr Frauen in Konzernspitzen zu finden als anderswo? In Deutschland bekommt man eine Kur bezahlt? "Das müssen Sie genauer erklären!" oder "Warum ist das so?", sind dann Moores ungläubige Nachfragen. Denn tatsächlich geht es ihm um die Kritik an den Zuständen in den USA, die er genüsslich vorführt: prügelnde Polizisten, eine Drogenpolitik, die Schwarze benachteiligt, ein schwach ausgeprägtes Gesundheitssystem und Fast Food in der Schule.

Zuspitzung und Populismus

Gibney hat hochrangige Militärs wie Michael Hayden interviewt, Ex-Chef von NSA und CIA.
Gibney hat hochrangige Militärs wie Michael Hayden interviewt, Ex-Chef von NSA und CIA.(Foto: Berlinale)

Ja, der Film macht Spaß, er ist sogar ungewohnt optimistisch. Wegen Moores frechem Auftreten, der Inszenierung seiner selbst und weil er besonders ungewöhnliche Beispiele ausgewählt hat. Aber auch, weil Moore seinem Prinzip treu bleibt und gnadenlos zuspitzt. Geradezu populistisch ist sein Vorgehen, nie das ganze Bild zu zeigen, sondern immer nur positive Aspekte herauszupicken. In Frankreich mag das Schulessen hervorragend sein, aber wie gerecht ist das Bildungssystem? Deutschland mag sich intensiv mit dem Holocaust auseinandersetzen, aber trotzdem nimmt der Antisemitismus zu. Und ist es wirklich so einfach, hierzulande eine Kur verschrieben zu bekommen?

Moore preist all die Errungenschaften, ohne aber tiefer in die Materie einzutauchen - wie er es in früheren Filmen durchaus machte. Er mag dabei zeigen, was an Europa so einzigartig und erhaltungswürdig ist, aber ein portugiesischer Drogenexperte weist ganz richtig darauf hin: Man kann besondere Aspekte eines Landes nicht einfach so exportieren. Dem bezahlten Urlaub seien harte Arbeitskämpfe vorausgegangen, erklärt ein italienischer Gewerkschafter. Und die Beiträge der deutschen Krankenkassen steigen bekanntlich. Ja, Moores Film ist sehr witzig, kritischen Zuschauern dürften aber so manche Aspekte seines Vorgehens bitter aufstoßen.

"We Steal Secrets"

Alex Gibneys Vorgehen wirkt indes durch und durch journalistisch: Er interviewt etliche Menschen, stellt Meinungen gegenüber und versucht so, ein Bild zu zeichnen, das sich seinem Thema möglichst objektiv und umfassend nähert. Hinzu kommen schnelle Schnitte, Spielszenen und vor allem Animationen, in denen Computercodes über die Leinwand flimmern. Diesen Stil hat er bereits in früheren Reportagen angewandt: Von ihm stammen Filme über den unter skandalösen Umständen Pleite gegangenen Energieriesen Enron, Missbrauch in der katholischen Kirche, Scientology sowie "We Steal Secrets" über Wikileaks und Julian Assange.

In "Zero Days" beschäftigt er sich nun mit dem Stuxnet-Virus, der vor einigen Jahren für großes Aufsehen sorgte. Mittlerweile gilt es als sicher, dass er von den Geheimdiensten der USA und Israels entwickelt wurde, um das iranische Atomprogramm zu sabotieren. Nur: Offiziell gibt es dafür keinerlei Bestätigung, noch nicht einmal Andeutungen. Gibneys Unmut darüber ist zu Beginn des Films deutlich zu spüren. Doch während Moore in seinen Filmen oft als meinungsstarker Protagonist auftritt, hält sich Gibney extrem zurück, überlässt fast alle Aussagen seinen Interviewpartnern: IT- und Sicherheitsexperten, Journalisten, Militärs wie dem ehemalige NSA- und CIA-Chef Michael Hayden und einer Schauspielerin, die Aussagen von CIA- und NSA-Whistleblowern wiedergibt.

Die Montage macht den Thriller

Die Komposition dieser Aussagen ist Gibneys eigentliche Kunst: Durch die Montage der Zitate wird aus "Zero Days" ein spannender Politthriller, der versucht, verschiedene Themenkomplexe miteinander zu verbinden. In knapp zwei Stunden geht es von der Entdeckung von Stuxnet, einem nahezu perfektem Virus, und dessen schwieriger Entschlüsselung über das iranische Atomprogramm bis zur Zukunft der Kriegsführung durch weltweite Cyberattacken. Dabei arbeitet Gibney eine Kernthese heraus: Durch den Einsatz von Stuxnet hätten die USA die Büchse der Pandora geöffnet, weil er den Gebrauch hochentwickelter Viren durch andere Länder rechtfertige - auch gegen die USA. Die Folge: eine unkontrollierte, massive Aufrüstung im weltweiten Cyberwar.

Ohne Frage ist Gibneys Film nicht nur akribischer recherchiert, er hat auch eine wesentlich stärkere These als jener von Michael Moore. Dafür bleibt das Ergebnis etwas unbefriedigend: Da sich kein Offizieller zu Stuxnet äußert, bleibt es bei Andeutungen und Aussagen von anonymen Insidern - wie dem Hinweis, dass Stuxnet nur ein kleiner Teil eines viel größeren Cyberangriffs gegen den Iran ist, genannt "Nitro Zeus". Aber Gibney geht es eben eher um Glaubwürdigkeit als Meinung. Er fordert die Zuschauer zum Mitdenken auf, auch wenn er dafür auf Moores Lockerheit verzichten muss.

"Where to Invade Next" startet am 25. Februar in den deutschen Kinos. Für "Zero Days" gibt es noch keinen Starttermin.

Quelle: n-tv.de

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