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Stacy Martin und Shia LaBeouf in "Nymphomaniac Volume I".
Stacy Martin und Shia LaBeouf in "Nymphomaniac Volume I".(Foto: Berlinale / Christian Geisnaes)

"Nymphomaniac" läuft auf der Berlinale: Fliegenfischen, Bach und Sex

Von Markus Lippold

Lars von Trier ist immer für einen Skandal gut. Dieser wurde auch erwartet, als er "Nymphomaniac" ankündigte. Doch der vermeintliche Hardcore-Porno wird auf der Berlinale gefeiert. Denn der Film erweist sich als differenziertes Drama um die Suche nach Balance.

Shia LaBeouf (vermutlich) kam mit Papiertüte zur Premiere.
Shia LaBeouf (vermutlich) kam mit Papiertüte zur Premiere.(Foto: AP)

Was wurde nicht vorher spekuliert. Ist es ein überlanger Porno in zwei Teilen? Eine völlige Selbstentblößung? Ein Skandal? Lars von Triers neuester Film "Nymphomaniac Volume I" erhitzte bereits im Vorfeld der Berlinale dermaßen die Gemüter, dass der Eklat eigentlich programmiert war.

Doch er blieb aus, als der Film nun seine Weltpremiere in der unzensierten Langversion erlebte. Den größten Skandal, das meiste Gerede, gab es nicht etwa über den Film, sondern über einen der Darsteller: Shia LaBoeuf. Der hatte zur Premiere zwar einen Smoking angezogen, über dem Kopf trug er jedoch eine Papiertüte. Auf der stand geschrieben: "I am not famous anymore." Jener Satz, den er seit Januar auch täglich twittert.

Schöne Grüße nach Cannes: Lars von Trier auf der Berlinale.
Schöne Grüße nach Cannes: Lars von Trier auf der Berlinale.(Foto: imago/Future Image)

Er ist also nicht mehr berühmt. Nun gut, vielleicht hat er nach den letzten Peinlichkeiten auch einfach genug vom Starrummel. Zuletzt musste er zugeben, für einen Kurzfilm beim Comic-Künstler Dan Clowes abgekupfert zu haben, und zwar nicht zu knapp. Und dann kündigte er via Twitter eine Auszeit an.

Aber gut, was LaBeouf da veranstaltete fällt wohl eher unter die Kategorie Skandälchen. Zumindest verglichen mit den Eklats, die Lars von Trier zuletzt fabrizierte. 2011 sorgte der Däne mit Nazi-Äußerungen für einiges Aufsehen - sie gipfelten schließlich in dem Satz: "Ich bin ein Nazi". Das Filmfestival schloss ihn daraufhin von der Veranstaltung aus.

Sex, Humor und nochmal Sex

Zur Berlinale kam von Trier deshalb mit einem kleinen Seitenhieb für die Franzosen: Auf seinem T-Shirt prangte nicht nur jene Goldene Palme, die für die Filmfestspiele von Cannes steht. Darunter stand auch noch: "Persona non grata - official selection", sinngemäß also: unerwünschte Person - offizielle Auswahl. Als der Film dann lief, spielten all diese Vorgeplänkel aber keine Rolle mehr. Vielmehr war das Publikum gespannt, was jener Streifen, über den schon so viel gesprochen wurde, denn nun wirklich zu bieten hat.

Bereits als Teenager lebt Joe (r.) ihre Sexualität voll aus.
Bereits als Teenager lebt Joe (r.) ihre Sexualität voll aus.(Foto: Berlinale / Christian Geisnaes)

Eines kann schon mal festgestellt werden: "Nymphomaniac" bietet Sex, Humor, nochmal Sex, Informationen über Bäume und zum Fliegenfischen, berührende Momente, Sex, erschreckende Szenen, Rammstein und Bach. Nur eines ist der Film nicht: ein Porno. Vielmehr ist er eine philosophisch angehauchte Reflexion über Lust, Liebe, Leid.

Im Mittelpunkt steht die junge Frau Joe (Charlotte Gainsbourg), die eines Tages von dem älteren Junggesellen Seligman (Stellan Skarsgård) aufgelesen wird - sie liegt blutüberströmt in einem Hinterhof. Er lädt sie zu sich ein, überlässt ihr sein Bett und bietet ihr Tee an. Dann erzählt Joe ihre Lebensgeschichte. Sie selbst sieht sich als schlechten Menschen, Seligman mag das nicht glauben - und er hört ihr geduldig zu.

Drei Stimmen: Joe vergleicht ihr Sexleben mit einer Cantus-firmus-Komposition.
Drei Stimmen: Joe vergleicht ihr Sexleben mit einer Cantus-firmus-Komposition.(Foto: Berlinale / Zentropa)

In den folgenden zweieinhalb Stunden, die die Langversion des ersten Teils umfasst, wird gezeigt, wie Joe als junges Mädchen (Stacy Martin) ihre Sexualität und ihre Sucht nach Sex entdeckt. "Wäre es ein Problem, wenn du mich entjungfern würdest" - so beginnt ihr erstes Mal, mit Jerôme (Shia LaBeouf), der ihr noch mehrmals über den Weg laufen wird.

Ansonsten allerdings verfolgt Joe die Regel, nie mit einem Mann zweimal zu schlafen. Viel Sex hat sie trotzdem: Mit einer Freundin wettet sie, wer auf einer Zugfahrt mehr Männer flachlegen wird. Der Gewinn: eine Packung Süßigkeiten. Auf diesem Weg entdeckt Joe ihre Macht als Frau und nutzt diese gegen andere, wie sie gegenüber Seligman gesteht.

Fibonacci und Cantus firmus

In mehreren Kapiteln wechselt der Film zwischen der Darstellung von Joes Lebensgeschichte und dem Gespräch mit Seligman hin und her. Dieser Dialog ist nicht nur der ruhende Pol des Films, er dient auch der Reflexion. Immer wieder stellen die Nymphomanin und der Intellektuelle Parallelen zwischen Lust und Kultur her: Mal ist es das Angeln oder das Schwarmverhalten von Fischen, mal sind es die Fibonacci-Zahlen und mehrstimmige Cantus-firmus-Kompositionen.

Die betrogene Ehefrau (Uma Thurman) sorgt für eine grotesk-witzige Szene.
Die betrogene Ehefrau (Uma Thurman) sorgt für eine grotesk-witzige Szene.(Foto: Berlinale / Zentropa)

Diese Vergleiche führen immer wieder zu philosophischen, aber auch sehr witzigen Stellen, die die sehr intensiven Darstellungen von Joes Sexleben ergänzen. Denn diese sind nicht nur sehr explizit (zumindest in der unzensierten Langversion), sie sind mitunter auch tragisch oder grotesk. So bekommen Joe und ihr verheirateter Liebhaber etwa Besuch von der betrogenen Ehefrau (Uma Thurman), die ihren Söhnen das "Hurerei-Bett" zeigen will, um sie auf das spätere Trauma als Scheidungs-Kinder vorzubereiten. Überaus berührend ist dagegen die Szene, in der Joes Vater (Christian Slater) im Delirium stirbt - zur Ablenkung schläft Joe dann im Keller der Klinik mit einem Pfleger.

Stehende Ovationen

War "Nymphomaniac" im Vorfeld teilweise als Hardcore-Porno angekündigt worden, entpuppte sich zumindest der erste Teil nun als Drama um die Suche einer Frau nach einer Balance im Leben. Zwar gibt es viele Sexszenen, pornografisch sind diese jedoch nicht. Vielmehr ergibt sich ein tragisches Porträt einer Frau, deren Leben von Gefühllosigkeit und Einsamkeit geprägt ist. Immerhin ist der Film der Abschluss des "Triptychons der Depression", das von Trier mit "Antichrist" und "Melancholia" begonnen hatte. Die Weltpremiere der Langfassung wurde denn auch vom Berlinale-Publikum mit stehenden Ovationen gefeiert.

Im Abspann des ersten Teils wird allerdings bereits deutlich, dass es in der Fortsetzung etwas heftiger zur Sache gehen dürfte. Dann erfahren die Zuschauer auch, wie die Geschichte von Joe weitergeht. Während sie im ersten Teil in den Rückblenden von Stacy Martin verkörpert wird, wird die ältere Rolle dann von Charlotte Gainsbourg gespielt.

"Nymphomaniac Volume I" startet am 20. Februar in den deutschen Kinos, der zweite Teil folgt am 3. April.

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Quelle: n-tv.de

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