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Was hat July gesehen?
Was hat July gesehen?(Foto: Senator)

"Paranormal Activity" war gestern: Found Footage aus Spanien: "Atrocious"

von Thomas Badtke

Am 4. April 2010 findet die Polizei eine Familie in ihrem Landhaus grausam ermordet auf. Die Beamten stellen 37 Stunden Filmmaterial sicher - aufgenommen von den beiden jugendlichen Kindern der Familie. Sie sind einer alten Legende auf der Spur: der Legende von Melinda.

Bereits zu Beginn weiß der Zuschauer bei "Atrocious", dass der spanische Film keine leichte Kost sein wird. Man liest zur Einstimmung: "Unser Geist ist wie ein Labyrinth, in dem sich jeder verirren kann." Danach kommt der Filmtitel und dann geht es auch schon los: Filmfetzen in schneller Bildfolge. Keine Chance, etwas zu erkennen. Angsterfülltes Geschrei, nicht identifizierbar ob Mann oder Frau. Jemand rennt, stürzt. Die Kamera fällt zu Boden, der Blick des Zuschauers hinterher. Wieder Bildfetzen, eine schrill tönende Alarmanlage. Ein Mädchen, das mit weit aufgerissenen und vor Angst gepeinigten Augen in die Kamera blickt. Ein Mann versucht sie zu beruhigen: "Sei still", flüstert er. Dann endet alles abrupt. Der Film spult schnell zurück - bis zu einem Hinweis: "Achtung, nationale Polizeibehörde". Schluss.

Die Polizei erhält einen Notruf und findet das Grauen - und 37 Stunden Videomaterial.
Die Polizei erhält einen Notruf und findet das Grauen - und 37 Stunden Videomaterial.(Foto: Senator)

Es ist der 4. April 2010. Spanien. In der Nähe des Küstenörtchens Sitges. Ein Anruf geht bei der Polizei ein. Der Mann sagt, er sei ein Freund der Familie Quintanilla, die in einem alten Landhaus in der Nähe ihre Ferien verbringt. Die Kinder sind tot. Grausam zugerichtet, wie er unter Schluchzen hervorpresst. Die Polizei rückt an und findet ein Schlachtfeld vor. Überall Blut. Aber keine Spur, wer oder was für dieses Gemetzel verantwortlich sein könnte. Lediglich 37 Stunden Videomaterial mit Familienaufnahmen stellen die Beamten sicher und versuchen sich so einen Reim auf das Ganze zu machen. Im forensischen Labor der spanischen Nationalpolizei arbeiten Videoexperten daran, einen chronologischen Ablauf der Ereignisse zu rekonstruieren:

Tödliche Osterferien

Dunkle Keller sind in Horrorfilmen immer zu meiden!
Dunkle Keller sind in Horrorfilmen immer zu meiden!(Foto: Senator)

Die fünfköpfige Familie Quintanilla verbringt samt Hund Rocky ihre Osterferien in ihrem alten Landhaus bei Sitges, dem Ort des bekannten spanischen Horror- und Filmfestivals, ganz in der Nähe Barcelonas. Die beiden jugendlichen Kinder Cristian (Christian Valencia) und July (Clara Moraleda) sind Videojunkies. Sie filmen einfach alles. Ihre Spezialität ist es, alten Legenden auf den Grund zu gehen und da ist die ansonsten für Jugendliche eher langweilige örtliche Umgebung - ausgenommen ein natürlich angelegter, aber verwitterter Irrgarten direkt vor der Haustür - genau das Richtige: In den angrenzenden Wäldern von Garraf soll die geheimnisvolle Melinda herumspuken.

Ein letzter Hilfeschrei ...
Ein letzter Hilfeschrei ...(Foto: Senator)

Die Legende von Melinda, so erfahren Cristian und July, ist eine sehr alte Geschichte, die von Generation zu Generation weitergegeben wird. Es heißt, Melinda sei der Geist eines Mädchens. Eines Mädchens, das sich verirrt hat und in einen Brunnen fiel. Ihre Leiche wurde nie gefunden. Von da an gehen die Meinungen auseinander: Die einen sagen, man solle ihr nie den Rücken zuwenden. Andere sagen, sie weise Verirrten in der Abenddämmerung den Weg. Wieder andere sagen, dass sich eigentlich ihre Mutter verirrt habe und wenn man in der Ferne ihr Klagen hört, stehe sie eigentlich genau hinter dir. Leute die glauben, sie gesehen zu haben, meinen, dass man den Klang ihrer Stimme nie wieder vergisst.

"Unser Geist ist ein Labyrinth …"

Nun ist Cristian Feuer und Flamme, der Legende auf den Grund zu gehen. Er und seine Schwester machen sich auf die Suche. Beginnen im Irrgarten zu filmen. Sie entdecken, verborgen im Gestrüpp, einen alten, tiefen Brunnen. Der Brunnen aus der Legende? Gleichzeitig ereignen sich jeweils in der Nacht seltsame Dinge. Die Kamera, auf das Fenster gerichtet, nimmt nicht auf. Rocky bellt immer wie verrückt. Eines Nachts ist der Hund dann weg. Cristian, July und ihre Mutter Debora (Chus Pereiro) suchen ihn - auch im Irrgarten. Sie finden ihn nicht. Erst am Tag entdeckt Cristian eine Blutspur, die zum Brunnen führt.

Debora hat ein dunkles Geheimnis: Sie besitzt zwei Persönlichkeiten.
Debora hat ein dunkles Geheimnis: Sie besitzt zwei Persönlichkeiten.(Foto: Senator)

Dann verschwindet plötzlich Jose, der kleine Bruder von Cristian und July spurlos, ebenfalls mitten in der Nacht. Mit Taschenlampen und Kamera bewaffnet, rennen die Geschwister los, ihrer Mutter hinterher, um ihn zu suchen. Wieder landen sie im Irrgarten. Ein Schrei ertönt. Ein Klagen. Cristian meint, es sei ein Hilferuf seiner Mutter. July ist sich da nicht so sicher. Sie soll Recht behalten.

Hommage schlägt Original

Was Regisseur Fernando Barreda Luna mit "Atrocious" auf die Beine gestellt hat, ist ein unheimlich spannender und beklemmender "Found-Footage"-Streifen, basierend auf dem von der Polizei sichergestellten Videomaterial. Das Regiedebüt des mexikanischen Filmemachers schafft es ohne Umschweife direkt auf eine Stufe mit Genre-Klassikern wie "Blair Witch Project" und "Paranormal Activity". Eine Hommage, die gelungen ist.

"Atrocious" ist bei Senator erschienen.
"Atrocious" ist bei Senator erschienen.(Foto: Senator)

Der Zuschauer sieht den Film aus der Sicht der Hauptprotagonisten. Dadurch und mit einfachen, aber effektiven und perfekt gesetzten Soundbites, spielt der Film extrem gekonnt mit den Erwartungen und Ängsten der Zuschauer. Spannungs- und Schockelemente liegen nah beieinander. Spätestens am Ende des Films ist der Zuschauer froh, wenn er das Licht angelassen, die Tür festverschlossen und den Satz vom Beginn des Streifens bereits wieder vergessen hat: "Unser Geist ist wie ein Labyrinth, in dem sich jeder verirren kann."

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Quelle: n-tv.de

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