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Rapper Psy zeigt seinen berühmten Pferdetanz.
Rapper Psy zeigt seinen berühmten Pferdetanz.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Sensationsrapper Psy: Gangnam Style erobert die Welt

Von Johannes Musial

Aus dem Stand stürmt der südkoreanische Rapper Psy mit seinem Song "Gangnam Style" die internationalen Charts. Die ganze Welt tanzt nun den Pferdetanz - und die südkoreanische Tourismusindustrie hofft auf gute Geschäfte. Dabei geht es Psy um etwas ganz anderes.

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Jung, gutaussehend, draufgängerisch, all das ist der Südkoreaner Park Jae-Sang nicht. Er ist leicht untersetzt, hat ein rundliches Gesicht, ist schon jenseits der 30 und wenn er redet, dann zurückhaltend und zögerlich. Und trotzdem ist er der Shooting-Star der Musikwelt, er ist dafür verantwortlich, dass sich Menschen in diesen Wochen im Pferdetanz bewegen.

Über 600 Millionen Mal wurde sein Video zum Song "Gangnam Style" auf Youtube angesehen, seit es vor rund drei Monaten hochgeladen wurde. Millionen Menschen haben "Mag ich" angeklickt, Weltrekord. Und doch ist er, der unter dem Namen Psy auftritt, für viele noch ein Unbekannter. Ein Unbekannter jedoch, der bereits an der Spitze der deutschen Charts stand.

Ein Song geht um die Welt

Die Geschichte des auffällig unauffälligen Südkoreaners ist die eines kometenhaften Aufstiegs. Der 34-Jährige hat bereits das sechste Album veröffentlicht, sein großer Erfolg aber kam erst jetzt, in der Welt der Bits und Bytes. Der Begriff "Internetphänomen", so exzessiv er auch benutzt wird, ist ihm auf den Leib geschneidert. Kein Song zuvor ging so schnell um die Welt, Twitter quillt über vor lauter Mitteilungen über den "Gangnam Style".

In Südkorea tanzt auch die Polizei den Gangnam-Style.
In Südkorea tanzt auch die Polizei den Gangnam-Style.(Foto: dpa)

"Gangnam Style" ist ein typischer Club-Beat, einfach, eingängig und gnadenlos tanzbar. Nichts Bahnbrechendes, nichts, was es nicht schon mal gegeben hätte. Und doch hat der Song Millionen Menschen infiziert und setzt seinen Siegeszug durch die Gehörgänge der Welt fort. Psy tourt durch die USA, tanzt mit Ellen DeGeneres und Britney Spears und gibt in seiner Heimat ein Konzert vor 80.000 Menschen.

Selbst UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon hat sich Ban steht auf "Gangnam Style" und Psys Musik als Mittel zur Völkerverständigung gelobt: "In dieser Zeit der Instabilität und Intoleranz können wir die Musik nutzen, um uns besser zu verstehen."

Doch woher kommt der Erfolg? Und was steckt hinter dem besungenen und betanzten "Gangnam Style"?

Mit Pferdetanz an die Spitze

Ein Blick auf das schillernde Video zur Hitsingle: Psy tanzt in grell-edlem Outfit durch Seoul und schüttelt sich dabei in den wildesten Tanzbewegungen, simuliert das Reiten auf einem Pferd oder das Werfen eines Lassos. Sein Motto: "Edel anziehen, billig tanzen". Der Pferdetanz scheint der Schlüssel zu seinem Erfolg zu sein, dafür verantwortlich, dass Psy, zumindest für den Moment, in die vorderste Reihe der Musikwelt katapultiert wurde. Tausende ahmen den Tanz mittlerweile nach und stellen ihre eigenen Videos ins Netz.

Der Song wird gefeiert und zu dem Song wird gefeiert. Dabei ist es genau das, was "Gangnam Style" kritisiert: die materielle Scheinwelt. Südkorea ist eine Gesellschaft im Kaufrausch. Das liegt auch daran, dass die Regierung in der asiatischen Wirtschaftskrise in den 90er Jahren kräftig den Konsum angekurbelt hat. Jeder erwachsene Südkoreaner hat heute im Schnitt fünf Kreditkarten und jeder Haushalt eine Verschuldung von 155 Prozent des verfügbaren Einkommens. Zum Vergleich: Ein Durchschnittshaushalt in den USA hatte vor dem Platzen der Immobilienblase 2007 eine Verschuldung von 138 Prozent.

Das Herz der Opulenz

Zu einem Dankeschön-Konzert in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul kamen 80.000 Fans.
Zu einem Dankeschön-Konzert in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul kamen 80.000 Fans.(Foto: dpa)

Gangnam selbst ist ein wohlhabendes Viertel in Südkoreas Hauptstadt Seoul. Es ist ein Produkt der rasanten Industrialisierung des asiatischen Landes und wurde in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus dem Boden gestampft. Früher wurden in Gangnam Birnen und Reis geerntet, heute schlägt hier das Herz Südkoreas. Als der Wirtschaftsboom in den 60er und 70er Jahren einsetzt, wird aus dem Acker fruchtbarer Boden. Mittlerweile sind die Immobilienpreise die höchsten im ganzen Land, der Quadratmeter Wohnraum kostet etwa 7000 Euro.

Die Reichen und Schönen, die Nouveaux Riches und solche, die dazugehören wollen, leben hier. Gangnam versammelt die opulente Glitzerelite Südkoreas. Es gibt Luxusgeschäfte, Schönheitskliniken und jede wichtige Firma hat zumindest eine Dependance in Gangnam.

Die, die nicht dazugehören, schauen auf zum Reichtum, Status und Lifestyle der Noblesse und verachten sie gleichzeitig. Gangnam selbst beweihräuchert sich im eigenen Materialismus und lebt den "Gangnam Style".

Schein oder Nichtschein

Rapper Psy kennt diese Welt, er gehört dazu. Als Millionärssohn wird er in Gangnam geboren, wächst dort auf und studiert in den USA. Aber er ist nie nur der angepasste Thronfolger reicher Eltern. 2001 erscheint sein erstes Album und sofort steht der Neuling im Rampenlicht, wegen "unangemessenen Inhalts" bekommt er eine Geldstrafe. Kurz darauf wird der Künstler beim Marihuana-Rauchen erwischt, es folgt die nächste Zahlungsaufforderung. Als ein Jahr später seine zweite Platte erscheint, erneut Kritik. Aufgrund des anstößigen Inhalts darf sie nicht an unter 19-Jährige verkauft werden.

Mit "Gangnam Style" schafft er nun den Durchbruch, der vor ihm keinem koreanischen Popkünstler gelang, und alle Kontroversen sind vergessen. Er schafft auch den Spagat zwischen Erfolg und Kritik. In der Eingangsszene seines Videos scheint er am Strand in der Sonne zu liegen, eine gutaussehende Dame fächelt ihm Luft zu. Kurz später die Erkenntnis: Er befindet sich auf einem Spielplatz. Ähnliche Szenen durchziehen das ganze Video. Er sitzt dann auf einer Toilette statt auf einem edlen Stuhl, schwimmt in einem öffentlichen Pool statt im Meer. Ein Wandel zwischen Utopie und Wirklichkeit. "Gangnam ist das Beverly Hills von Korea. Das Musikvideo mit all den Situationen sieht nicht aus wie Beverly Hills. Aber: 'Ich habe den Beverly-Hills-Style'", sagte Psy dem US-Sender ABC.

Ähnlich verhält es sich mit dem Songtext. Nur ein Beispiel: Er singt übers Kaffeetrinken. Unspannend, sollte man denken. Die südkoreanische Bloggerin Jea Kim, die sich auf ihrer Seite "My Dear Korea" intensiv mit dem Song auseinandersetzt, erklärt den Hintergrund: "In Korea gibt es einen Witz über Frauen, die zum Mittag Ramen (Nudelgericht, Anm. d. Red.) für 1,50 Euro essen, aber dann vorbehaltlos vier Euro für einen Starbucks-Kaffee ausgeben."

Man kann "Gangnam Style" als buntes, spaßiges Potpourri sehen oder aber als nuancierte Gesellschaftskritik. Die Welt ist begeistert, so oder so. Ob aus dem One-Hit-Wonder Psy aber auch dauerhaft einer der ganz Großen wird, bleibt abzuwarten. Die südkoreanische Tourismusindustrie drückt die Daumen, sie rechnen bereits jetzt mit steigenden Besucherzahlen.

Quelle: n-tv.de

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