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Wanderer zwischen den Welten: Gary Marlowe. (Foto: © Andrea F. Kaiser)
Wanderer zwischen den Welten: Gary Marlowe. (Foto: © Andrea F. Kaiser)

Verkaufe niemals deine Seele: Gary Marlowe, Komponist

Gary Marlowe erzählt im Interview mit n-tv.de, warum es ihn immer wieder in die Ferne zieht, was aber home sweet home bedeutet und was die Guerilla in den Voralpen macht. Der Berliner arbeitet momentan an Musik für Ulrich Tukurs neuen Kinofilm "Headhunter". Außerdem gibt es eine sorgfältig ausgewählte Sammlung seiner besten Filmmusiken.

Wo kommt eigentlich die Musik her, die wir hören, wenn wir einen Film sehen? Und warum berührt uns das bei einigen Gelegenheiten mehr als bei anderen? Der Filmmusiker Gary Marlowe erzählt über seinen spannenden Alltag zwischen Alpen und Los Angeles, zwischen der Idee im Kopf und dem fertigen Sound aus einem legendären Studio, und warum der Kreis sich manchmal an Stellen schließt, mit denen man früher nie gerechnet hätte.

Intime, minimalistische Stücke auf  Liveinstrumenten, avantgardistisches Sounddesign und elegante Orchesterparts sind das Markenzeichen des Komponisten, der  im internationalen Filmgeschäft tätig ist. Unter den 30 Stücken auf seiner neuen CD "Ultra Violet" finden sich Kompositionen aus den Thrillern "Lautlos" und "Heiße Spur" oder der Charlotte-Link-Verfilmung "Das Echo der Schuld", preisgekrönte Musik wie aus dem Argentinisch-Kanadischen "A Place Called Los Pereyra" und als "Bonus Track" ein Titel von Gary Marlowes eigener Band "spleen".Das finale Mastering des Albums wurde in den legendären Abbey Road Studios in London vorgenommen.

n-tv.de: Gary, erzähl‘ uns , bevor wir über dein neues Album sprechen, ein bisschen aus deinem Leben. Du bist ein unruhiger Geist, oder? Ich meine damit zum Beispiel deine doch recht häufigen Umzüge, von Berlin nach München/ Starnberg, Venedig, jetzt wieder in die Berge – was treibt dich da? Bzw. was treibt dich von einem traumhaften Ort wie Venedig an den nächsten traumhaften Ort in die Berge?

Ich bin zwar durchaus ein "Wanderer", aber gar nicht mal so unruhig. Im Gegenteil. Was Orte betrifft, bin ich einfach sehr offen und empfänglich für Plätze, an denen irgendetwas mit mir spricht - nenne es eine Energie, ein Feeling. Ich bin extrem sensibel für Orte. Du kannst sicher sein, dass ich immer, überall, durch irgendetwas den besten Spot finde, egal wo. Liegt mir anscheinend im Blut. Mein Wohnort ist mir - wie meine Arbeitsumgebung - überaus wichtig. Nicht nur zur Inspiration, sondern allgemein für mein Leben. Mag sein, dass ich deshalb immer an Orte gezogen bin, an denen andere sonst Urlaub machen.

Hast du einen Lieblingsort?

Prinzipiell sehe ich mich durchaus im reinsten Sinne als Weltbürger. Wenn der Ort gut zu mir ist, mag ich ihn, und komme bestimmt auch wieder, da bin ich eher langweilig. Natürlich gibt es einige besondere Orte, die für mich wichtig sind - spirituell oder anderweitig. Los Angeles zum Beispiel mag ich in begrenzten Dosen, trotz allem Bullshit, den es da gibt. Aber ich habe da meine Dauer-Interimslocation, in Venice , ein Gartenhaus unter einem Magnolienbaum, und mein Surfboard wartet da immer auf mich ... das ist schon klasse. Überhaupt, California... ich finde Big Sur - bis auf das fürchterlich kalte Wasser - extrem schön. Und sonst... in der Toskana habe ich ein Lieblingsplätzchen.

Warum jetzt Schleching? Die Beschaulichkeit der Berge - inspiriert dich das mehr als das laute Treiben in der Großstadt?

Großstadthype ist für einen geborenen Berliner ja eher albern. Kennt man ja alles. Nein, ich brauche kein Gewusel, sondern Lebensqualität, und für mich heißt das: Meer oder Berge. Bei meinem jetzigen Wohn- und Arbeitsort bin ich auf zweierlei Ebenen glücklich: Ich habe an das Haus wunderbare Kindheitserinnerungen, da haben meine Großeltern gewohnt. Und komischerweise fühle ich dort sowas wie "Wurzeln". Kannte ich gar nicht. Das ist einfach "mein" Dorf, definitiv. Die zweite Ebene hat mit meiner Arbeit zu tun - ich habe mir ein Traum-Studio mit Bergblick gebaut, das auch für andere buchbar ist, und habe gleichzeitig die Möglichkeit, einfach mit Schneeschuhen oder dem Snowboard aus der Gartentür zu verschwinden. Alles hier, direkt vor der Haustür.

Was war ausschlaggebend für dich, Musik zu machen – du hattest ja durchaus auch andere Talente, z.B. das Zeichnen.

Hmmm, Talente sind so eine Sache. Ich sehe das pragmatisch - das sind ja nicht meine Meriten, sondern ich habe einfach Glück gehabt. Viele verschiedene Talente zu haben kann auch ein Fluch sein. Man muss lernen, sich zu entscheiden.  Andere Begabungen helfen einem zwar immer wieder - ich habe beispielsweise das Artwork und die Fotos meiner neuen CD komplett selbst gemacht (dann allerdings von einer professionellen Art Director korrigieren lassen). Aber Musik ist das, was ich am allerbesten kann. Hoffe ich zumindest. Und ich BIN Musik. Meine Gedanken - alles - ist Musik. Hat allerdings ein bisschen gedauert, bis ich gelernt habe, entsprechend zu fokussieren - denn in Musik ist natürlich auch ein großes Risiko enthalten, heute mehr denn je.

Kann man sagen, dass du dir deine Träume erfüllt hast?

Noch lange nicht! Ich habe ja noch so viele. Im Ernst: Ich bin ab einem gewissen Zeitpunkt sehr konsequent meinen Weg als Künstler gegangen, und habe bisher genau das gemacht, was ich immer machen wollte. Aber ich finde, das ist ein ständiger Entwicklungsprozess - ich arbeite daran, und hoffe einfach ganz blauäugig, dass es weiterhin immer besser wird.

Hast du dich als Jugendlicher manchmal missverstanden gefühlt? Von deinen Eltern, deiner Umwelt, deinen Freunden?

Da kommen wir wieder aufs Talent zu sprechen. Wer vielfach begabt ist, wirkt auf andere leider zwangsweise abgehoben oder arrogant. Da ist nichts zu machen. Wenn einem manches total leicht fällt, wofür andere heftigst arbeiten müssen, ruft das auch Neid hervor. Heute bin ich da sicher etwas reflektierter als in meinen Teenie-Jahren, und kann auch die anderen besser verstehen. Damals war das eher schwierig, und hat bei mir vermutlich gern mal zum radikalen Überfliegen geführt.

Was war das Verrückteste, was du je gemacht hast - außer dich in einem Paket zu Weihnachten selbst zu verschenken, wie mir zu Ohren gekommen ist ...

(lacht) Also, das war schon okay - die Dame war es definitiv wert ... "Verrückt" ist ja bloß eine Frage der Definition. Ein Beispiel: Ich mache als Snowboarder auch gern Erstbefahrungen - nicht zum Angeben, denn da sieht dich ja normalerweise eh keiner, sondern nur für mich selbst. Ich suche mir einen Run, wo garantiert noch keiner vor mir runtergefahren ist. Wer das von außen sieht, sagt vielleicht "Der ist doch nicht ganz dicht" ...

... stimmt ...

... oder Schlimmeres. Ich sehe das aber ganz und gar nicht so. Ich komme danach heim, fühl' mich saugut, und alles ist bestens.

Du hast eine beträchtliche Instrumentensammlung – wann hast du damit angefangen? Was sind deine Lieblinge?

Gary Marlowe in seiner ehemaligen Wahlheimat Venedig. (Foto:© Ernst Hofacker)
Gary Marlowe in seiner ehemaligen Wahlheimat Venedig. (Foto:© Ernst Hofacker)

Ich habe mich sogar gebremst! Sonst müsste ich bald noch ein Haus nur als Instrumentenmuseum bauen ... Leider gibt es immer mal wieder eine alte Gitarre in irgendeinem Schaufenster, die ruft: "Kauf mich! Kauf mich!"  Aber da muss irgendwann mal die Vernunft siegen. Ein Liebling ist ganz bestimmt mein Steinwayflügel. Der ist von 1926 und sieht aus wie neu, hat vor allem einen einzigartigen Klang. Ich bin ganz sicher, dass dieser Flügel für mich gebaut worden ist. Der hat auf mich gewartet. Den konnte ich mir nur leisten, als mir meine Mutter nach dem Tod meines Großvaters etwas Geld aus dem kleinen Erbe gab. Sie hat es damals sehr richtig gesehen: Meinem Opa hätte der Flügel auch total gut gefallen. Jetzt steht er jedenfalls in seinem Haus. So schließt sich der Kreis.

Wer sind deine Vorbilder?

Ich versuche ja, mich immer mehr von "Vorbildern" freizumachen ... Aber es gibt natürlich Leute, auf die ich einfach total stehe, die mich inspirieren. Morricone ist auf seine Art ein Gott. Kein Wenn und Aber. Und es gibt Künstlerkollegen, die mich sehr inspirieren - und die ich das Riesenglück hatte, persönlich kennen zu lernen und so auch von der menschlichen Seite her zu sehen.

Eine kleine Auswahl bitte ...

Alberto Iglesias, Gustavo Santaolalla, Alexandre Desplat, David Arnold und Eliott Goldenthal gehören beispielsweise dazu. Auch Hans Zimmer übrigens - dem gebührt mein ganz großer Respekt. Und sollte ich jemals erwachsen werden, möchte ich gern irgendwann mal so sein wie Gustavo. Den habe ich - mit zwei Filmmusik-Oscars in der Tasche - eine Bühne so entfesselt rocken sehen, dass ich mir nur wünschen kann, da jemals hinzukommen.

Erzähl' bitte etwas von deinen aktuellen Projekten: Zuerst von der neuen CD – was für eine Sammlung verbirgt sich dahinter – "The Best Film Scores"  - um welche Filme handelt es sich?

Multinstrumentalist und Komponist
Multinstrumentalist und Komponist

Das ist die Quintessenz meiner bisherigen Arbeit. Ich habe mir bei der Auswahl extrem viel Mühe gegeben, damit ein Album entsteht, das mich einerseits als Künstler repräsentiert, andererseits aber auch einfach nur ein toll anzuhörendes, gutes Album ist - egal, ob der Hörer auch nur einen dieser Filme je gesehen hat. Filmmusik funktioniert leider oft nicht besonders gut ohne die betreffenden Bilder - denn dafür ist sie ja auch nicht erschaffen worden. Ich trete mit meinen Aufnahmen ja bewusst ganz in den Dienst des Gesamtwerkes, des Films - wer da vorab auf reine Tonträger-Veröffentlichung schielt, macht sicher keine gute Filmmusik. Daher galt meine Mühe der Auswahl - die muss entertaining sein - und der Tonqualität. Und da war für mich nur das Maximum gut genug - inklusive Audio-Renovierung von Prince´s langjährigem persönlichen Toningenieur, HM Buff, und dem finalen Mastering in den legendären Abbey Road Studios - wo ja alle meine Lieblingsplatten entstanden sind, von den Beatles über Pink Floyd bis zu Keane.

Wie gehst du vor, wenn du Filmmusik komponierst? Hast du sofort Musik im Kopf, wenn du Bilder siehst?

Immer. Und immer ist es anders. Es gibt kein Rezept. Ich habe irgendwann gemerkt, dass meine Musikvorstellung stets ein visuelles Element hat - daraus hat sich ganz natürlich ergeben, dass ich in Musik für Bilder meine ideale Ausdrucksform gefunden habe.

Wie sehr richtest du dich nach den Wünschen der Filmemacher. Oder steht das gar nicht zur Diskussion?

Ich bin als Künstler sehr eigen, denn ich weiß ganz genau, was ich tue. Mir geht es um künstlerische Inhalte und sonst gar nichts. Mancher mag das eventuell als "schwierig" empfinden - totaler Quatsch. Ein Regisseur muss in der Lage sein, mit mir auf Augenhöhe zu sprechen, und von denen lerne ich auch ungemein viel. Ich liebe Regisseure, die meine Kompetenz in meinem Bereich akzeptieren und schätzen - genau so, wie ich ja ihre außerordentliche Kompetenz hochhalte. Die geben mir dann sogar oft "Carte Blanche", den künstlerischen Freifahrtschein. Und dann wird es erst richtig gut.

Ein weiteres Projekt ist ein neuer Film, für den du gerade komponierst  ...

Ja, ich hatte gerade nachgezählt und kam auf fünf neue Projekte gleichzeitig. Irre. Aber so ist das bei mir - du hast ein halbes Jahr Pause, fängst schon an nervös zu werden, logischerweise, und dann kommen auf einmal alle gleichzeitig an. Momentan arbeite ich an einem wunderschönen Liebesfilm von Marcus O. Rosenmüller. Für uns beide ein Debut, denn wir sind ja eher als Spezialisten für psychologische Dramen und Thriller gesetzt.

Kannst du mir etwas zum Schleching Guerilla Ensemble erzählen? Hast du das musikalische Bergvolk um dich versammelt?

Absolut! Die Idee war: Ich bin nach Schleching gezogen, und wusste, da gibt es ein paar ganz herausragende lokale Musiker. Also war klar - ich spiele ja die meisten Instrumente immer selbst, dann habe ich als Orchester das fantastische Orchestra Sinfonica di Trieste, mit denen ich immer die Orchesterparts in Italien aufnehme - aber was mir zusätzlich schon lange vorschwebte, waren so richtig eigenartige, lokal geprägte Gruppen und Kapellen, mit denen ich etwas ganz Neues machen könnte. Und die habe ich jetzt. Das Schleching Guerilla Ensemble ist ein Nukleus von alpinem Bläserensemble plus Klavier und Gitarre, der je nach Projekt erweiterbar ist - immerhin bietet Schleching ja über 350 im Verein registrierte Musiker, da ist einiges Talent dabei. Und warum muss ich unbedingt nach USA, Italien oder anderswo gucken, wenn es im eigenen Tal so eigenständige Künstler gibt? Ich finde das sehr, sehr spannend.

Du hast neulich von zwei weiteren Filmen gesprochen ...

Der Musiker, der nicht oft tanzt, aber dafür, wo es nur geht, spielt. (Foto: © Jeffrey DeChaussé)
Der Musiker, der nicht oft tanzt, aber dafür, wo es nur geht, spielt. (Foto: © Jeffrey DeChaussé)

Ja, momentan bin ich in den letzten Zügen eines Liebesfilms fürs Fernsehen, dann gibt es einen interessanten Social Spot. Außerdem einen herausragenden Kurzfilm des hochbegabten Regisseurs von "1949", Paul Florian Müller; und dann noch einen weiteren sehr schönen Kurzfilm, "Escape!".

Bist du ein guter Netzwerker?

Guck' mal bei Facebook.  Blablabla mag ich jedenfalls nicht.

Welche Musik hörst du zum Entspannen?

Gar keine. Wenn ich richtig entspannen will, mache ich Yoga, seit ewigen Jahren schon, oder gehe in die Berge. Ich höre lieber der Natur zu.

Wann tanzt du?

Selten, komischerweise. Nur, wenn ein Stück mal so richtig rockt. Und keiner ernsthaft hinsieht.

Was ist dein Tipp für junge Musiker, wie kann man erfolgreich werden, ohne seine Seele zu verkaufen?

Ganz einfach: Verkaufe deine Seele nicht. Niemals.

Mit Gary Marlowe sprach Sabine Oelmann

Ultra Violet ist ab dem 30.11. im Handel

Quelle: n-tv.de

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