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Die alten Posen sitzen: Chris Cornell wird in zwei Jahren 50.
Die alten Posen sitzen: Chris Cornell wird in zwei Jahren 50.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Die grandiose Rückkehr von Soundgarden: Grunge ist nicht tot!

Von Christian Rothenberg

Comebacks versprechen Kohle und befriedigen die Gier nach altem Ruhm. Die Gefahr der Blamage ist riesig. Doch der Rücktritt vom Rücktritt muss nicht misslingen. Soundgarden, die einst mit Nirvana den Grunge erfanden, kehren jetzt nach fünfzehnjähriger Pause zurück. Als wäre nichts gewesen.

Soundgarden anno 1994: 18 Jahre später sind alle vier - Matt Cameron, Chris Cornell, Kim Thayil, and Ben Shepherd - auch wieder mit von der Partie.
Soundgarden anno 1994: 18 Jahre später sind alle vier - Matt Cameron, Chris Cornell, Kim Thayil, and Ben Shepherd - auch wieder mit von der Partie.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Es ist keine Liebe auf den ersten Blick. Die Kassette, auf der handschriftlich und in Großbuchstaben einfach nur Soundgarden steht: Ich bekomme sie 1995 von einer Klassenkameradin. Sie hat die Kassette für mich aufgenommen. Doch ein 13-Jähriger ist undankbar und ungeduldig. Nach einem Durchlauf verschwindet das "Tape" wieder zwischen vielen anderen. Die Zeit vergeht. Nirvana sind allmählich tot, Green Day und Bad Religion nicht dasselbe. Augen und Ohren suchen neue Musik.

Jahre später, Soundgarden haben sich längst aufgelöst, fällt mir die alte Kassette wieder in die Hände. Ich höre sie einmal, viermal, zehnmal: Die Musik wächst bei jedem Hören. Ich muss wieder an das Mädchen denken. Kassetten hört längst keiner mehr, also kaufe ich die CDs. Neue Soundgarden-Platten kommen nicht mehr nach, also muss ich die alten hören. Und jedes Mal werden sie besser. "Black Hole Sun", "Blow Up the Outside World", "Pretty Noose" und "Spoonman" – Songs für die Ewigkeit. Und für die höchste, aber nicht minder pathetische Kategorie: die einsame Insel.

Ich mache Abitur, studiere. Versuche Hip-Hop, versuche Electro. Das Internet verdrängt die CD. Es gibt plötzlich so viel Musik, wie man in einem ganzen Leben gar nicht hören kann. Aber egal, was auch Neues kommt: "Superunknown" und "Down On the Upside" von Soundgarden stehen im CD-Regal ganz vorne. Und dann passiert es: Nach Jahren treffe ich sie wieder. Auf einem Klassentreffen gestehe ich es dem Mädchen, die inzwischen eine Frau ist. Ihre Kassette von damals: In meinem Leben hätte etwas gefehlt, wenn ich sie nicht bekommen hätte. Danke, sage ich in verdutzte Augen. Sie kann sich gar nicht erinnern. Es ist an einem Abend im November 2012, eine Woche, bevor das erste Soundgarden-Album seit 16 Jahren erscheint.

Metall, Hardrock und Punk - viele Einflüsse prägen das Gitarrenspiel von Kim Thayil.
Metall, Hardrock und Punk - viele Einflüsse prägen das Gitarrenspiel von Kim Thayil.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Ich bin aufgeregt, als ich die CD in den Player lege, die Kopfhörer überstreife. Ist jetzt der Moment gekommen, in dem Soundgarden ihr Denkmal innerhalb von 51 Minuten zertrümmern? Sänger Chris Cornell hat daran schon fleißig gearbeitet. Mit einem unnachahmlichen Weichspül-Soul-Black-Music-Potpourri hat er zumindest seins schon ordentlich ramponiert. Auch Michael Schumacher wäre wohl besser nie in die Formel 1 zurückgekehrt. Ein Comeback will wohlüberlegt sein. Rockbands nehmen manchmal Meisterwerke auf, mit denen alles gesagt ist. Die sie selbst gar nicht mehr übertreffen können. Nicht ohne Grund haben sich Soundgarden 1997 getrennt. Aufhören, wenn's am schönsten ist, ein Ende in Würde anstatt ein jahrelang jämmerliches Dahindümpeln: Kapitulation ist manchmal die bessere Lösung. Wenn man dann doch irgendwann zurückkehrt, steht viel auf dem Spiel. Dabei geht es nicht nur um viel Geld, sondern auch um die Ehre.

Psychedelisch und betörend

Betätigte sich während der 15-jährigen Bandpause am umtriebigsten: Chris Cornell veröffentlichte sieben Alben, vier allein und drei mit seiner neuen Band Audioslave.
Betätigte sich während der 15-jährigen Bandpause am umtriebigsten: Chris Cornell veröffentlichte sieben Alben, vier allein und drei mit seiner neuen Band Audioslave.(Foto: picture alliance / dpa)

Es ist ein bisschen wie 1995. "King Animal" schmilzt nicht sofort im Mund. Der schmissige und selbstreflexive Opener "Been Away Too Long", das unruhige "By Crooked Steps" und das melodische "Bones Of Birth" spielen sich sofort in Erinnerung. Die übrigen Stücke plätschern dagegen unbeholfen und glanzlos daher. Soundgarden im Jahr 2012 – vieles ist vertraut und bekannt, aber es verlangt auch nach Gewöhnung. Anstrengung für die, die immer noch in den 90ern festhängen.

Aber wer wartet schon 16 Jahre auf ein Album und legt es dann nach dem ersten Hören weg? Dieser Fehler soll kein zweites Mal geschehen. Die Geduld wird belohnt. Tatsächlich wächst "King Animal" unglaublich schnell. Vor allem im Mittelteil liegen die schönsten Perlen versteckt. Klangen die Stücke zunächst noch uninspiriert und karg, stecken hier tatsächlich die großen Melodien. Das träumerische "A Thousand Days Before" lockt durch den ständigen Wechsel zwischen sanften und harten Passagen immer wieder auf falsche Fährten. In "Blood On The Valley Floor" tänzeln die Stakkato-Riffs von Gitarrist Kim Thayil um den verwegenen Gesang Cornells herum. Die unwiderstehliche Midtempo-Nummer "Attrition" ist betörend und birgt Soundgardens großes Geheimnis: Mit jedem Hören öffnen sich mehr Feinheiten.

Grunge, dieses verflixt-geniale Gemisch aus Punk, Rock und Metall: Es ist plötzlich so lebendig, wie in den 90ern. Cornell trifft genau die Tonlage, die er 1997 verlassen hat. Die Kreisch-Einlagen aus seiner Solo-Zeit hat er glücklicherweise abgelegt. Zweiter wesentlicher Motor des Unternehmens Wiedervereinigung sind die psychedelischen Riffs von Kim Thayil. Vor allem die beiden sorgen dafür, dass 2012 drin ist, was drauf steht. Ein Wiedersehen mit alten Bekannten. Ein tiefer Blick in die Augen, ganz ohne Befremdnis. Die alten Gefühle, Mist, sie sind immer noch da. Wenn viel Zeit vergeht, steigen die Erwartungen ins Unendliche. Soundgarden zucken da nur cool mit den Schultern. Na und?!

Quelle: n-tv.de

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