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Gregorius kommt der Optikerin Mariana (Martina Gedeck) näher.
Gregorius kommt der Optikerin Mariana (Martina Gedeck) näher.(Foto: 2013 Sam Emerson / Concorde Filmverleih)

Ein quälender "Nachtzug nach Lissabon": "Haben Sie je geliebt?"

Von Markus Lippold

Ein Bestseller macht noch keinen guten Film. Das zeigt sich immer wieder - und nun auch beim "Nachtzug nach Lissabon". Es geht um die Suche nach der eigenen Identität und die portugiesische Salazar-Diktatur. Doch trotz Starbesetzung enttäuscht der Film mit flachen Dialogen, allzu einseitig dargestellten Helden und aufgesetzten Gefühlen.

Ein Mann spielt gegen sich selbst Schach, nachts, in einer dunklen, mit Büchern vollgestellten Wohnung. Er ist das Ebenbild eines eremitischen Grüblers, ein schrulliger Typ, der sich den letzten Teebeutel aus dem Müll fischt, um ihn noch einmal zu verwenden. Die Brille ist alt und hängt schief im Gesicht. Sein ganzer Gestus wehrt sich vehement dagegen, von einem Mann in den besten Jahren zu sprechen.

Jeremy Irons gibt den Berner Lehrer Raimund Gregorius.
Jeremy Irons gibt den Berner Lehrer Raimund Gregorius.(Foto: 2013 Sam Emerson / Concorde Filmverleih)

Die Gestalt spiegelt sich im Beruf, beides scheint miteinander zu verschmelzen: Raimund Gregorius (Jeremy Irons) lehrt alte Sprachen an einer Berner Schule. Mit seiner Klasse diskutiert er über Marc Aurel, den Philosophen auf dem römischen Thron. Doch etwas ist anders an diesem Tag. Auf dem Weg zur Schule hat Gregorius eine Frau vom Selbstmord abgehalten und sie danach mit in die Klasse gebracht. Als sie verschwindet, bricht auch der Lehrer Hals über Kopf auf.

Doch die Frau ist weg, nur ein Buch bleibt von ihr zurück: "Um ourives das palavras" (Ein Goldschmied der Worte) von Amadeu Inácio de Almeida Prado. Und ein Zugticket nach Lissabon. Angetan von dem Buch steigt Gregorius selbst ein - er nimmt den "Nachtzug nach Lissabon", um mehr über den Autor zu erfahren.

Europäische Starbesetzung

Dieser Ausbruch eines in sich zurückgezogenen Mannes könnte eine spannende Reise sein, in ein neues Leben, zu sich selbst. Es könnte auch eine aufschlussreise Spurensuche nach den Überresten des "Estado Novo" António de Oliveira Salazars sein. Jener Diktatur, die zwischen den 1920er und 1970er Jahren Portugal mit Terror und Gewalt überzog. "Nachtzug nach Lissabon" könnte eine überzeugende Literaturverfilmung sein, die europäische Geschichte mit persönlicher Identitätssuche verbindet.

Immerhin gibt es schöne Bilder aus Portugal.
Immerhin gibt es schöne Bilder aus Portugal.(Foto: 2013 Sam Emerson / Concorde Filmverleih)

Stattdessen ist die Adaption des Bestsellers von Pascal Mercier (hinter dem sich der Schweizer Peter Bieri verbirgt) seicht und oberflächlich, unglaubwürdig und enttäuschend. Immerhin: Die Bilder aus Portugal, die Regisseur Bille August ("Pelle, der Eroberer", "Das Geisterhaus") und Kameramann Filip Zumbrunn einfangen, sind schön anzuschauen. Und die Schauspieler überzeugen durch zurückhaltendes Spiel. Neben Jeremy Irons fährt der Film dabei ein europäisches Staraufgebot auf, zu dem Charlotte Rampling, Lena Olin, Martina Gedeck, Christopher Lee, Bruno Ganz und August Diehl gehören.

Doch deren gute Leistungen können nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Konstrukt des Streifens vorn und hinten nicht stimmt. Das beginnt bereits bei der Sprache. Alle Figuren sprechen - teils mit Akzent - Englisch, bemühen sich aber gleichzeitig, die Namen möglichst portugiesisch klingen zu lassen. Das ergibt eine verbale Inkonsequenz, die der Stimmung des Films schadet.

"Der Einsamkeit stellen"

Hinzu kommt jedoch ein grundsätzliches Unverständnis für die Motivation der Hauptfigur. Dem Zuschauer bleibt es ein Rätsel, warum sich ein Philosophielehrer so angezogen fühlt von einem Buch eines portugiesischen Arztes. Zumal es so bedeutungsschwangere Sätze beinhaltet wie: "Alles, was wir tun, tun wir aus Angst vor Einsamkeit." Und: "Wenn wir zu uns selbst reisen, müssen wir uns unserer Einsamkeit stellen." Wo ein Roman durch innere Monologe noch die Möglichkeit bietet, Beweggründe zu erläutern, muss der wesentlich komprimiertere Film scheitern.

Kämpfen gegen Salazar: Amadeu (Jack Huston) und sein bester Freund Jorge (August Diehl).
Kämpfen gegen Salazar: Amadeu (Jack Huston) und sein bester Freund Jorge (August Diehl).(Foto: 2013 Sam Emerson / Concorde Filmverleih)

In Portugal angekommen, sucht Gregorius nach dem Autoren dieser so heiß geliebten Zeilen. Er findet dessen abweisende Schwester (Charlotte Rampling) und erfährt, dass der Arzt und Autor (in jungen Jahren dargestellt von Jack Huston) seit Jahrzehnten tot ist. Doch über eine charmante Optikerin (Martina Gedeck) erfährt er trotzdem mehr über Amadeu und taucht in eine Dreiecksgeschichte während der Salazar-Diktatur ein, die in Rückblenden erzählt wird. Damals wehrte sich Amadeu gegen das Regime, zusammen mit seinem besten Freund Jorge (jung: August Diehl, alt: Bruno Ganz) und dessen Freundin Estefania (jung: Mélanie Laurent, alt: Lena Olin). Bis Amadeu und Estefania sich näherkommen und die Freundschaft zerbricht.

Ein leuchtender Held

Wie Gregorius der Vergangenheit auf die Spur kommt, wirkt allerdings höchst konstruiert. Und das nicht nur, weil alle Protagonisten - abgesehen von Amadeu - noch leben und wie selbstverständlich in ihren alten Häusern wohnen. Traumwandlerisch flaniert der Schweizer Lehrer durch die schönsten Orte Lissabons, führt tiefgreifende Gespräche mit den Überlebenden ("Haben Sie je geliebt?"), sammelt da und dort ein Puzzleteil auf und setzt sie lückenlos zusammen. Amadeu wird dabei immer mehr zu einer leuchtenden Heldengestalt: Er wird Arzt, weil niemand Schmerzen empfinden soll, kämpft gegen die Diktatur, hilft aber auch Salazars Folterknechten, wenn sie verletzt am Boden liegen.

Vielleicht hätte es dem Film gutgetan, diese Spurensuche in den Hintergrund zu rücken und mehr Zeit darauf zu verwenden, die Jahre der Salazar-Diktatur zu zeigen. Zwar werden Terror und Folter dargestellt, doch die politischen Zusammenhänge bleiben blass. Die Verfilmung des Romans "Erklärt Pereira" mit Marcello Mastroianni, die eben diese Jahre behandelt, macht das wesentlich besser. Und auch Bille August hat das mit der erfolgreichen Verfilmung von "Das Geisterhaus" am Beispiel Chile bereits gekonnt durchexerziert. Hier gelingt ihm das gar nicht. Das ist sehr schade, weil gerade die Zeit des "Estado Novo" in Deutschland kaum bekannt ist. Der Film vergibt hier eine große Chance.

Stattdessen folgt der Film Gregorius dabei, wie er - angestachelt durch die Zeilen und das Schicksal von Amadeu - eine neue Sicht auf das Leben gewinnt. Wie er sich der Optikerin auch emotional langsam annähert, nachdem sie ihm mit neuer Brille zu einer neuen Sicht verholfen hat. Das ist nett anzuschauen, langweilt aber zusehends, weil Amadeu viel zu einseitig als Held dargestellt wird und weil der Film mit seinen glatten Sätzen und aufgesetzten Gefühlen nie an wirklicher Tiefe gewinnt.

"Nachtzug nach Lissabon" startet am 7. März in den deutschen Kinos.

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Quelle: n-tv.de

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