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Mit Hannes Wader kann man sich gut über Gott und die Welt unterhalten. Vor allem die Welt.
Mit Hannes Wader kann man sich gut über Gott und die Welt unterhalten. Vor allem die Welt.

"Man denkt doch immer noch an Sex": Hannes Wader ist nah dran

Das Alter hat nichts damit zu tun, was oder wie man denkt. War man früher eine Schlaftablette, wird man es wohl immer bleiben. Und war man einmal leidenschaftlich, dann wird man auch das immer bleiben. Im Interview mit n-tv.de verrät der Liedermacher, was ihn noch immer umtreibt: es sind die Gedanken eines jungen Mannes.

Auf ihn wieder aufmerksam wurde man im Jahr 2012 wegen des Tribute-Albums zu seinem 70. Geburtstag. Da sangen junge Künstler seine alten Lieder in neuem Gewand – das gefiel nicht allen Kritikern, aber den jungen Künstlern gefiel es und vielen anderen ebenfalls - übrigens auch dem Meister selbst. Worüber spricht man nun also mit einem Mann, der den Deutschen schon immer gerne einen Spiegel vorgehalten hat, aus Anlass seines runden Geburtstags, wenn er gar nicht gerne darüber sprechen möchte? Das ist tatsächlich nicht so schwer, denn Hannes Wader gehört zu den interessantesten,  besten und witzigsten Gesprächspartnern des Jahres 2012.

n-tv.de: "Dass wir so lang leben dürfen" lautet der Titel Ihres aktuellen Albums - haben Sie solche Gedanken an Ihrem 70. Geburtstag gehabt?

Hannes Wader: Es kommt mir schon so vor, als ob das alles doch recht schnell gegangen ist. Zu schnell. Auch wenn man manchmal in bestimmten Phasen des Lebens denkt, es bewegt sich ja gar nichts weiter.

Der Meister hat mal wieder Musik gemacht.
Der Meister hat mal wieder Musik gemacht.

Persönlich? Oder in der Welt?

Persönlich eher. Von meinem Empfinden her.

Können Sie sich da an eine bestimmte Zeitspanne  erinnern, als Sie das gedacht haben?

Das ist keine bestimmte Zeitspanne, nein. Das kann plötzlich eintreten, und hat in meinem Fall aber Gott sei Dank nie besonders lange gedauert. Das Leben bewegt sich einfach in Wellen, auf und ab, mal schneller, mal langsamer.

Was machen Sie dann, wenn Sie das Gefühl haben, Sie sind in so einer Phase des Stillstands?

Kann zwar sein, dass es etwas gäbe, was mich dann weiterbringen würde, aber ich mache einfach nichts. Ich lass' es geschehen. Ich fall' dann zwar, und ich will auch nicht behaupten, dass ich depressiv bin, aber ich kenne solche Zustände, wo man antriebslos ist. Aber wenn man damit ein paar Erfahrungen hat, dann kann man es auch laufen lassen. (lacht)

Die vergehen von alleine? Heutzutage ist man ja eher ungeduldig mit solchen Stimmungsschwankungen. Man will, dass es schnell wieder vorüber ist.

Ich will eigentlich auch immer voran, vor allem, wenn ich einen Plan habe. Wenn ich einen Wunsch habe, dann soll der am besten sofort erfüllt werden - nicht in einer Stunde, nicht morgen, sondern jetzt! Diese Art ist allerdings auch nicht zuträglich für die eigene Stimmung. Vor allem kann man anderen Menschen damit ja tierisch auf den Wecker gehen, der Familie zum Beispiel … (lacht)

Wie haben Sie denn Ihren Geburtstag  gefeiert? Sie sagten, der 70. sei was Besonderes? Aber Sie wollten nicht besonders gefeiert werden.

Doch (lacht), ich werde gerne gefeiert!  Ich habe meinen 50. groß gefeiert, meinen 60., aber vor dem 70. wollte ich mich drücken, da bin ich mit meiner Frau nach Frankreich gefahren und wir hatten's schön! Und besonders, glaube ich, ist der 70. Geburtstag deswegen, weil man da nun wohl oder übel tatsächlich in das "Alter" eintritt, im Sinne von "alt sein". Früher war man ja schon mit 50 alt. In einer Lobesrede zum 50. Geburtstag des großen Philosophen Immanuel Kant haben seine Studenten eine Rede gehalten, die ist überliefert, und die beginnt mit den Worten: "Ehrwürdiger Greis" ...

Oh Gott …

… ja, (lacht), so war das damals. In ein paar Jahren oder Jahrzehnten wird man wohl erst mit 100 so richtig alt sein. Aber jetzt, bei mir, ist das definitiv mit 70 der Fall (lächelt), ich bin da auch noch nicht so ganz festgelegt. Aber ich finde es okay! Mit 70 will ich 70 sein dürfen, ich bin ein alter Sack! Und da möchte ich mich drüber freuen dürfen! Und dann will ich trotzdem noch probieren dürfen, was ich hinkriege und was ein Teenager vielleicht nicht hinkriegt.

Ihre Enkelkinder – informieren die Sie dann über musikalische Trends? Oder interessiert Sie das gar nicht?

Mit Leidenschaft und der Klampfe seit über 40 Jahren auf der Bühne ...
Mit Leidenschaft und der Klampfe seit über 40 Jahren auf der Bühne ...

Ich bin überhaupt nicht offen für Neues, aber das hat mit meinem Alter gar nichts zu tun. Ich war noch nie offen. Ich hab‘ auch früher zum Beispjel schon viel vergessen, aber jetzt, wo ich alt bin, frage ich mich natürlich, wenn mir ein Wort nicht einfällt: "Oh Gott, hat das mit meinem Alter zu tun?" Ich habe schon als junger Sänger meine Texte vergessen, die hab‘ ich mir dann vom Publikum vorsingen lassen (lacht). Ich hatte den Standpunkt, das sind schließlich meine Lieder, meine Texte, die kann ich vergessen, so oft wie ich will! Aber heute ist es gleich Alzheimer! Deswegen gestatte ich mir so etwas nicht mehr, ich vergesse keine Texte.  Aber jetzt habe ich doch glatt die ursprüngliche Frage vergessen ….

Kein Problem, alles beantwortet,  und statt die ganze Zeit zurückzugucken, können wir ja mal einen Blick nach vorne werfen. Darum: Was sind Ihre nächsten Pläne?

Ja, das hatte ich, ehrlich gesagt, so auch noch nie. Ich habe gar keine Pläne. Oder doch: Ich werde demnächst ein neues Haus beziehen. Und das muss auch noch umgebaut werden. Das wird eine spannende Angelegenheit, da kann es schnell mal um Leben oder Tod gehen.

Wie bitte, wieso denn das?

Ach, ich habe ja in der Vergangenheit auch schon Häuser gebaut oder bauen lassen. Das kann schon anstrengend werden mit dem Architekten oder den Handwerkern. Und das tu' ich mir in meinem hohen Alter auch nochmal an (lacht)

Finde ich gut. Was sagen Sie zu dem Tribut, den Ihnen junge Künstler gesungen haben? Haben Sie da Lieblinge?

Ja, da komme ich nochmal darauf zurück, dass ich nicht offen bin, das ist ja alles hinter meinem Rücken passiert. Meine Plattenfirma hat, ohne dass ich das wusste, junge Leute, die meine Enkel sein könnten, meine Lieder singen lassen. Da war ich doch wie vom Donner gerührt. Mit der Betonung auf gerührt. So eine Aktion aber zwingt mich doch dazu, mich mit dem zu befassen, was man heute macht, um nochmal auf Ihre Frage zurück zu kommen.  Aber zum Glück war das alles ganz wunderbar!

Hatten Sie Angst, dass man Ihre Lieder "verhunzen" könnte?

Schon, aber die jungen Leute haben das echt toll gemacht, ich bin sehr glücklich damit.

Ich fand einige Interpretationen großartig. Wie erklären Sie sich diese Zeitlosigkeit?

Ich freu' mich, dass meine Texte oder meine Lieder  so zeitlos anmuten. Aber wissen Sie was? Ich kann es nicht erklären, ich muss es ja nicht, ich will es auch nicht (lächelt). Weil – man entlässt das Werk in die Öffentlichkeit und dann muss jeder für sich was damit machen, oder eben nicht. Ich habe da keinen Einfluss mehr drauf, ich muss es loslassen.

Was motiviert Sie heute, Lieder zu machen?

Ich habe immer mal wieder was gemacht, oder auch alte Kamellen, die ich rauskrame, wie zum Beispiel "Les Feuilles Mortes" - das war damals schon alt. Aber das hat mich noch nie gejuckt, alte  Lieder zu übernehmen. Bei manchen Liedern habe ich mir geradezu ein Versprechen gegeben: Das Lied wirst du mal in Deutsch singen, Hannes!“ und dann mache ich das eben jetzt, 40 Jahre später. Ich bin mir selbst gegenüber doch ganz zuverlässig. Darüber habe ich aber vergessen, in den letzten sechs Jahren etwas Eigenes zu machen. Da muss sich allerdings etwas angestaut haben, denn als meine Plattenfirma auf mich zukam und sagte, ich solle mal ein paar neue Lieder schreiben, hatten die dann alle Überlänge (lacht). Ich konnte gar nicht mehr aufhören zu schreiben. Ein Lied ist 10 Minuten lang, das "Lied vom Tod" hat 21 Strophen.

Auf der DeLuxe-Version noch fünf mehr sogar …

Verspricht sich manchmal selbst etwas ...
Verspricht sich manchmal selbst etwas ...

… ja, da hatte ich so eine Freude daran. Aber ich hab‘ noch welche zu Hause im Giftschrank liegen.

Irgendwann werden die doch auch rausgekramt, oder?

Ja, wahrscheinlich (lacht).

Jedenfalls singen Sie gerne Lieder von Ihren Vorbildern, wer war das?

Weil wir gerade darüber gesprochen haben, über "Les Feuilles Mortes", Yves Montand natürlich. Aber meine eigentlichen Vorbilder sind andere, im Deutschen vor allem Franz-Josef Degenhardt, mein inzwischen verstorbener Freund und Kollege, der als Erster auf sich aufmerksam machte mit solchen Liedern und solchen Texten. Dann natürlich George Brassens aus Frankreich, der hat mich sehr stark beeinflusst, obwohl ich gar kein Französisch konnte, …

... dann war das eine Bauchsache?

Ja! Aber als ich mir dann die Texte hab‘ übersetzen lassen, war ich vollkommen fassungslos, wie man so was singen kann. Und da wusste ich: Das will ich auch machen. Oder sterben.

Da gab es keine Alternative mehr, keine anderen Berufswünsche?

Nachdem ich Brassens gehört habe nicht mehr. (lächelt) Ich habe noch Grafik studiert in Berlin, aber das hab ich dann so auslaufen lassen. Zu meinen Vorbildern gehört übrigens natürlich noch Bob Dylan, das reicht dann aber auch.

Hat man mit 70 die gleichen Probleme/ Gedanken, wie mit 20 oder 40 oder 50? Von Menschen ab einem gewissen Alter glaubt man ja, dass die ganz großen Dramen in Sachen Liebe durch sind … das scheint aber so nicht zu sein, wie in letzter Zeit auch eine Reihe von Filmen aufzeigt.

Ganz nah dran und dann auch noch gleich in den Top20 ...
Ganz nah dran und dann auch noch gleich in den Top20 ...

Ich glaube, man ist nie ganz fertig mit seinen Fragen oder durch mit allen Themen. Nicht mal mit der Sexualität! (lacht) Das ist ja ... also, ... ich nehme mal Sexualität als Beispiel, weil man immer denkt, das gehört zur Jugend, und dann muss sich das auch mal "verläppern". Tut's auch, aber es gibt Beispiele, wo das nicht gilt. Goethe hat einem 17-Jährigen Mädel noch einen Heiratsantrag gemacht, der alte Bock (lacht), das finde ich ungeheuerlich (lacht), da sollte man vielleicht doch drauf verzichten. Die meisten anderen Dinge bleiben nun mal virulent, alles geht ein bisschen langsamer, aber manches vergeht eben nicht. Auch Empfindungen, wie Zorn, Wut oder Enttäuschung, Furcht vorm Verlassen werden, die Angst vorm Sterben! Es kommt immernoch was dazu, es wird nicht weniger!!!!

In einem Interview sagten Sie: Der Tod kann mich mal. Ich habe keine Patientenverfügung, keine Ahnung, ob ich verbrannt werden will oder nicht … was sagt Ihre Frau denn dazu? Wann regelt man denn was?

Ja, ich habe wirklich nichts geregelt. Ich habe dieses Lied geschrieben und musste laut lachen, während ich das "Lied vom Tod" schrieb, ich konnte gar nicht mehr aufhören. Weil mir so viele Ideen kamen. Die mit dem Robespierre zum Beispiel, wie er sich der Guillotine entziehen wollte und es aber nicht hingekriegt hat. Das war ein großes Vergnügen.

Ist das dann Ihre Art, die Dinge zu regeln?

Ja, wahrscheinlich. Und was steckt dahinter? Panische Todesangst. Das ist mir aber so was von sch... egal, solange mir nur was einfällt. Und dann bin ich auch gerne von morgens bis abends tot.  (lacht) Hauptsache, ich hab' was zu lachen.

Worüber lachen Sie denn sonst?

Ach, hauptsächlich über dummes Zeug und schlechte Witze. Die lieb' ich über alles. Wenn man über einen blöden Witz lacht, ist er doch gut, oder? Ich lach' auch heimlich über frauenfeindliche Witze.

.... ?

Nein, war ein Scherz! Unter die Gürtellinie dürfen sie gerne gehen, das wohl schon.

Ich kann leider keine Witze erzählen.

Schade. Ich bin tatsächlich recht einfach zu amüsieren. Aber es fällt mir wie anderen so leicht, oder auch so schwer, über mich selbst zu lachen. Ich weiß gar nicht, ob ich das so gut kann, ich neige eher dazu,  mir etwas übel zu nehmen. Aber ich strebe es an, mich selbst eher ulkig zu finden, mal sehen, ob ich das auf meine alten Tage noch hinkriege.

Welche Musik mögen sie denn gerne hören?

Ich höre schon auch mal Pop-Songs, aber im Großen und Ganzen höre ich wenig Musik im Radio. Das macht mich sogar manchmal richtig aggressiv, dieses Gedudel, da könnte ich Amok laufen. So bin ich ja eigentlich gar nicht (lächelt). Musik entspannt mich übrigens nicht. Ich liebe aber die Oper, und Sinfonien. Und natürlich Country-Songs.

Das hört man auf dem neuen Album.

Ja, das sollte nicht dezidiert so sein, aber es lässt sich wohl nicht verleugnen. Mein dänischer Freund Nils Tuxen, der spielt Pedal-Steel-Gitarre, und das ist nun mal der der Sound der mit Country assoziiert wird.  Er ist der Beste in Europa, das ließ sich also nicht vermeiden. Was ich allerdings festgestellt habe ist - ich muss mit meinen Songs nicht mehr die Welt retten.

Finden Sie die Menschen heute unpolitisch?

Jein. Es sind ja ganz krass andere Umstände, die heute herrschen. Seit den 60er Jahren hat sich soviel geändert. Und es scheint so, als wäre damals ein Aufbrauch gewesen, der sich durch die protestierende Jugend über den Globus verbreitet hätte, das stimmt schon, das gibt es heute nicht. Das liegt meines Erachtens aber nicht an der Jugend, sonder daran, dass eine Beliebigkeit der Wichtigkeiten gegeben ist, verstehen Sie, es prasseln so viel Informationen auf uns ein, unablässig, wie soll man das alles verarbeiten? Die Probleme sind auch so verzahnt: Die Energiekrise mit der Bankenkrise mit der Klimakrise, alles hat miteinander zu tun. Man muss sich etwas ausspicken. So wie die Piraten, die wollen mich und meinesgleichen bestehlen und um meine Urheberrechte betrügen. 

Das regt Sie auf ...

Naja, jetzt gerade habe ich halt Lust, mich aufzuregen. Aber sonst ...

 

Mit Hannes Wader sprach Sabine Oelmann

"Nah dran" ist seit August 2012 im Handel.

Quelle: n-tv.de

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