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Julian (Ryan Gosling) ist ein Suchender.
Julian (Ryan Gosling) ist ein Suchender.(Foto: Tiberius Film)

"Only God Forgives" mit Ryan Gosling: Hauen und Stechen

Von Markus Lippold

Gott hat ein Schwert und der Teufel eine Sonnenbrille. Beide fechten in Bangkok einen Kampf aus. Mittendrin ein Sohn mit Mutter-Komplex. Nach dem fantastischen "Drive" gehen Regisseur Nicolas Winding Refn und Hauptdarsteller Ryan Gosling auf existenzielle Sinnsuche. Das ist sehr blutig.

Dumpfe Paukenschläge empfangen die Zuschauer in der Düsternis. Ein Schwert gleitet langsam über die Leinwand, die keine Farben außer Rot und Schwarz zu kennen scheint. Es ist eine Warnung: Wer sitzen bleibt, ist selber schuld. Dieser Film ist keine leichte Kost.

Beziehungsstatus: kompliziert - Julian und seine Freundin.
Beziehungsstatus: kompliziert - Julian und seine Freundin.(Foto: Tiberius Film)

Ein Ruf eilt "Only God Forgives" von Regisseur Nicolas Winding Refn voraus, seit er bei der Uraufführung auf dem Filmfestival von Cannes gleichzeitig Standing Ovations und Buh-Rufe bekam: Er sei gewalttätig und so blutig, dass selbst gestandene Filmkritiker die Vorstellung verlassen mussten, meinten die einen. Er sei ein formales Meisterwerk, die anderen.

Die Vorfreude auf den Film ist wohlbegründet: Die Hauptrolle in "Only God Forgives" spielt Ryan Gosling ("The Place Beyond the Pines"). Mit dem hatte Winding Refn vor zwei Jahren den ungemein atmosphärischen und dichten Film "Drive" gedreht, der völlig zu Recht gefeiert wurde und für den Winding Refn in Cannes den Regiepreis erhielt. Der neue Film der beiden ist nun zwar keine Fortsetzung, aber die Erwartungen nach dem Indie-Hit "Drive" sind natürlich besonders hoch.

Mutter Crystal - die Personifikation des Teufels.
Mutter Crystal - die Personifikation des Teufels.(Foto: Tiberius Film)

Besonders hoch war aber auch der Anspruch, den sich Winding Refn, der diesmal auch das Drehbuch verfasste, selbst stellte: Er wollte Antworten auf existenzielle Fragen finden. Ihm ging es darum, "einen Film über einen Mann zu machen, der Gott herausfordern will" und der auf der Suche nach etwas ist, an das er glauben kann. Diese Suche zwingt ihn in den Konflikt zwischen einem Mann, der glaubt Gott zu sein, und eine teuflische Frau. Alle drei lässt Winding Refn aufeinanderprallen, in Bangkok, einer Stadt, die für den Regisseur magisch und spirituell zugleich ist.

Eine blutrünstige Lady Macbeth

Das Bild, das der Film von der thailändischen Metropole zeichnet, ist allerdings düster, schließlich spielt er hauptsächlich nachts und im Rotlichtviertel - Rot und Schwarz sind die bestimmenden Farben. Inmitten dieses Viertels führen die US-amerikanischen Brüder Julian (Gosling) und Billy (Tom Burke, "The Hour") einen Kickbox-Club, der die Fassade für Drogengeschäfte und Prostitution abgibt.

Chang ist schnell bei der Waffe.
Chang ist schnell bei der Waffe.(Foto: Tiberius Film)

Doch ihre Geschäfte geraten in Gefahr, als Billy eine junge Prostituierte ermordet. Die Polizei ist ratlos, wie sie mit dem Fall umgehen soll und ruft den erfahrenen Lieutenant Chang (Vithaya Pansringarm, "Hangover 2"). Der greift zu einem unorthodoxen Mittel: Er lässt den Vater der Prostituierten auf Billy los, der bald tot neben der Prostituierten liegt. Und Chang geht noch einen Schritt weiter: Weil der Vater nicht auf seine Tochter achtgegeben hat, schlägt er ihm einen Arm ab. Es ist eine ganz eigene Art der Rechtsprechung des selbst ernannten Racheengels Chang.

Bei Billys Familie ruft dessen Tod natürlich ebenfalls Rachegefühle hervor. Die Mutter der beiden, Crystal (beängstigend: Kristin Scott Thomas), kommt nach Bangkok, um sich um die Angelegenheit zu kümmern. Einerseits beauftragt sie Julian, gnadenlose Rache zu nehmen. Doch weil der Sohn zögert und in den Vorkommnissen eine Art höherer Gewalt sieht, setzt sie noch weitere Killer auf Chang an. Der lässt sich das freilich nicht bieten und beginnt seinen eigenen Rachefeldzug - mit dem Schwert.

Chang begibt sich auf einen Rachefeldzug.
Chang begibt sich auf einen Rachefeldzug.

Vielleicht ist es ja nur Zufall, dass die Geschichte des Dänen Winding Refn an Shakespeares Hamlet erinnert: Julian ist ein Suchender, der seine Handlungen stets hinterfragt, in Zweifel zieht. Sterben? Schlafen? Er irrlichtert durch die Gänge seines Kickbox-Clubs, hat Visionen und wirkt weltabgewandt - seine sexuellen Fantasien erfüllt er sich auf unorthodoxe Weise. Spätestens mit dem Eintreffen seiner Mutter gerät Julian vollends aus der Bahn. Denn Crystal fordert von ihm die Rache, gegen die er sich sträubt. Wieder scheint Shakespeare auf: Kristin Scott Thomas, vollkommen gegen ihre sonstigen Rollen besetzt, gibt eine blutrünstige, teuflische Lady Macbeth.

Formale Meisterschaft

Zwischen Mutter und Sohn offenbart sich ein höchst komplexes Verhältnis, geprägt von einem Ödipus-Komplex, Andeutungen von Inzest-Erotik und dem mysteriösen Tod des Vaters. Einen mit bizarrem Witz gespickten Höhepunkt findet das während eines Essens: Da fabuliert Crystal in Gegenwart von Julians Freundin über die Penis-Größen ihrer Söhne.

Allerdings ist "Only God Forgives" nicht nur ein Familiendrama. Es ist auch ein (philosophischer) Actionfilm. Und so läuft alles auf das Aufeinandertreffen von Julian und Chang zu. Bis sie sich finden, fließt erst mal viel Blut und der Film ist nicht zimperlich darin, das auch zu zeigen. Überhaupt ist die Gewaltdarstellung sehr explizit. Während dies allerdings bei Tarantino oder in den gerade so angesagten Horror- und Zombiefilmen ironisch übersteigert wird, bleibt "Only God Forgives" hier einfach nur brutal, existenziell. Zumal die Motivationen der Figuren, wenn überhaupt, nur sehr schwach angedeutet werden. Das betrifft nicht nur den Mord an der Prostituierten, sondern vor allem den brutalen Chang, den selbst ernannten Racheengel.

All die schönen, durchkomponierten Bilder, das Spiel mit Rot und Schwarz, die Schläge und das Grollen im Hintergrund, die dissonanten Töne, die fabelhaften Schauspieler (allen voran die brillante Kristin Scott Thomas, während Gosling kaum in Erinnerung bleibt), kurzum: die formale Meisterschaft - sie kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Film die Erwartungen nicht erfüllen kann. Ihm fehlt die Atmosphäre von "Drive", ihm fehlt das Leben. Die Aussage des Films will existenziell sein, kann dies aber nicht in Bilder umsetzen. Jede Bewegung, jede Handlung wird so sehr mit Bedeutung aufgeladen, dass die Schauspieler davon erdrückt werden: Sie laufen langsam und betrachten sinnierend ihre Hände, als erweitere das ihre Spiritualität. Da ist der unfreiwillige Humor nicht weit. "Only God Forgives" ist zwar kein schlechter Film, er wird sicher sein (Genre-) Publikum finden, eine existenzielle Offenbarung ist er aber nicht.

"Only God Forgives" startet am 18. Juli in den deutschen Kinos.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

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