Unterhaltung
Rock'n'Roll: Heino.
Rock'n'Roll: Heino.(Foto: Sony Music)

Hier kommt die Sonne: Heino, du coole Sau

Von Volker Probst

Heino covert Die Ärzte, Rammstein und Peter Fox - Skandal! Schon im Vorfeld seiner Veröffentlichung sorgte das "verbotene Album" der Volksmusik-Ikone ordentlich für Wirbel. Nun ist es raus. Und tatsächlich: Es schockt - beim blauen Enzian und der schwarzbraunen Haselnuss aber auch.

Als ich seinerzeit Zivildienst gemacht habe, betreute ich eine Frau, die war über 90. Trotz ihres hohen Alters hatte sie nach wie vor eine imposante Statur und war sogar größer als ich. Dafür war sie jedoch praktisch taub. Oder sagen wir: Sie war schwerhörig wie eine Bratpfanne. Die unschlagbare Putzessenz bestand ihrer Ansicht nach aus Wasser und Waschmittel. Also war man dazu verdonnert, ihr Bad mit einer entsprechenden Lösung, Lappen und Nagelbürste zu wienern. Doch das sind nicht die einzigen Gründe, weshalb mir diese Frau so gut in Erinnerung geblieben ist.

Nicht alles, was er aufgenommen hat, war wirklich koscher.
Nicht alles, was er aufgenommen hat, war wirklich koscher.(Foto: Sony Music)

Die alte Dame war NPD-Mitglied. Das erkannte man an den unterschiedlichen Postillen der Neonazis, die immer wieder neu fein säuberlich auf ihrem Wohnzimmertisch ausgebreitet lagen. Und die Dame liebte die Erbauung durch Volksmusik. Dank der NPD vermutlich nahestehender Verlage nannte sie eine schöne Batterie entsprechender Schallplatten ihr Eigen. Die legte sie bei meinen Besuchen gerne mal auf. Und weil sie ja schwerhörig war, tat sie das in der für sie notwendigen Lautstärke (ein Manowar-Konzert ist echt ein Witz dagegen).

So kam es dazu, dass man auf allen Vieren mit der in Waschmittellauge getunkten Bürste den Dreck aus ihren Badezimmerfugen schrubbte, während die Nazi-Oma in ihrem Ohrensessel versank und einem aus dem Wohnzimmer heraus Lieder wie "Hoch auf dem gelben Wagen" oder "Im Frühtau zu Berge" anbrüllten. Oder aber die Nationalhymne in allen drei Strophen. Gesungen von Heino. Hatte man als 19-jähriger Kriegsdienstverweigerer in jenen Tagen ohnehin schon eine gesunde Abneigung gegen den stahlblonden Schlagerbarden mit Gesichtsrollo, dann war spätestens dies der Zeitpunkt, ihn zu hassen. Und ihn sogleich mit der ganzen Nazi-Mischpoke in einen Sack zu stecken.

Marketing par excellence

Seit dieser Zeit sind ein paar Jährchen vergangen. Die meisten einstigen Schlagerfuzzis sind im heiligen Hitparaden-Nirvana oder den ewigen Jagdgründen der Baumarkt- und Einkaufscenter-Eröffnungen verschwunden. Jüngere Sänger deutschen Liedguts indes kamen und gingen wie die Jahreszeiten. Nur Heino, der war irgendwie immer da und zementierte sich endgültig als Marke, die wie Volkswagen, Aldi oder Klosterfrau Melissengeist aus Deutschland scheinbar nicht mehr wegzudenken ist. Und sei es nur in Form seiner ungeliebten Reinkarnation als "Der wahre Heino", der der echte Barde bekanntlich mit allen juristischen Mitteln den Garaus machte.

Sieht so eine Volksmusik-Ikone aus?
Sieht so eine Volksmusik-Ikone aus?(Foto: Sony Music)

Hinter dem "wahren Heino" verbarg sich damals mit Norbert Hähnel ein Buddy der Toten Hosen. Vermutlich auch der Grund, weswegen sich der echte Heino nun an ein Hosen-Cover nicht heran gewagt hat. Während er auf seinem Album "Mit freundlichen Grüßen", das soeben erschienen ist, so ziemlich jede deutsche Pop-Größe der vergangenen Jahrzehnte - von den Ärzten ("Junge") über Rammstein ("Sonne") bis hin zu Nena ("Leuchtturm") und Marius Müller-Westernhagen ("Willenlos") - nach seinem Gusto neu interpretiert, sucht man eine Coverversion von einem Hosen-Song vergebens. Ausgerechnet. Schließlich verbindet nicht nur die kontroverse Vergangenheit die Funpunk- mit der Volksmusik-Institution. Beide haben mit Düsseldorf auch die gleiche Heimatstadt.

Doch auch so sorgte die irre Grenzüberschreitung, die Heino mit der Veröffentlichung des Albums zu begehen scheint, schon im Vorfeld für mächtig Wirbel. Mit der Zugabe des Beinamens "Das verbotene Album" wurde die Publikation öffentlichkeitswirksam angeheizt. Die Ärzte und Rammstein gingen gegen die Neuaufnahmen ihrer Songs ohne ihre explizite Erlaubnis geradezu auf die Barrikaden, wurde verlautbart. Natürlich nur, um alsbald darauf das vehemente Dementi der beiden Gruppen auf diese Meldungen folgen zu lassen. Rechtlich bewegt sich der Volksmusiker mit seinen Coverversionen wohl in einer Grauzone. Da er Texte und musikalische Grundstruktur der Lieder nicht verändert habe, sei eine Zustimmung der Songschreiber und Originalinterpreten nicht nötig gewesen, heißt es. Über ihre Mitgliedschaft bei der Gema würden die Bands jedoch entschädigt und am Erfolg der Heino-Versionen finanziell beteiligt.

Meine Chill-Out-Area

Je größer das Brimborium, umso geringer ist eigentlich die Erwartungshaltung, wenn man die CD in den Schacht schiebt. Und umso mehr bleibt einem der Mund vor Staunen offen stehen, wenn die ersten Klänge von "Mit freundlichen Grüßen" aus den Boxen quellen. Beim blauen Enzian und der schwarzbraunen Haselnuss - das hat wirklich was.

Die E-Gitarren in den Originalversionen treten zugunsten von Akustikklampfen, Synthesizern, Bläsern oder Xylophonen in den Hintergrund. Diese Instrumentierung kleidet die Songs in ein völlig neues und dennoch erstaunlich schmissiges Gewand. Im Hintergrund säuseln Frauen, die einem vor dem geistigen Auge wie die jungen Hellwigs im Dirndl ihr ins Gesicht gemeißeltes Dauergrinsen entgegen recken, Worte wie "Junge" und "wenn du ihn darum bittest". Und über allem thront Heinos sonore Stimme, die sich spätestens bei "Ein Kompliment" von den Sportfreunden Stiller dazu anschickt, Rammsteins Till Lindemann den Rang abzulaufen. "Ich wollte dir nur mal eben sagen, dass du das Größte für mich bist-t-t-t-t" - teutonischer kann man den Text der Süddeutschen wahrlich kaum intonieren.

Wenn Heino dann noch bedeutungsschwanger Zeilen wie "Wenn man so will, bist du meine Chill-Out-Area" singt oder beim "Liebes Lied" der Beginner und "MfG" von den Fantastischen Vier gar zum Rapper mutiert, könnte man sich zugleich vor Lachen wegschmeißen. "Unser Beat hat Boom gemacht" - wer hätte gedacht, dass das nicht nur ein plumpes Versprechen und schnöder Marketingcoup sein würde. Nein, mein guter Heino, die drei Strophen des Deutschlandlieds und meine Folter damit verzeihe ich dir nicht. Trotzdem bin ich mit Blick auf dein "verbotenes Album" bereit, eins zuzugeben: Du bist echt 'ne coole Sau.

Das Album "Mit freundlichen Grüßen" von Heino ist ab sofort erhältlich. Hier können Sie es bestellen.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

Video-Empfehlungen
Empfehlungen