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Harte Schale, weicher Kern: Sven Gillert (l.) und Hagen Stoll alias Haudegen.
Harte Schale, weicher Kern: Sven Gillert (l.) und Hagen Stoll alias Haudegen.(Foto: Christian Barz / Warner Music)

"Wir sind richtige Romantiker": Herz, Hirn, Haudegen

Manch einer könnte meinen, dass man ihnen lieber nicht im Dunkeln begegnen sollte. Doch die beiden Jungs von Haudegen strafen alle Bedenkenträger Lügen - mit ihrer Musik und im n-tv.de Interview. Mit Hagen Stoll, neben Sven Gillert ein Teil des Duos, wagen wir darin den Spagat zwischen Marzahn und dem Grunewald, Romantik und Hooligans, Bushido und Reinhard Mey.

n-tv.de: Mit "Schlicht & Ergreifend" und vor kurzem "En Garde" habt ihr bisher zwei Alben veröffentlicht. Mit beiden habt ihr es aus dem Stand in die deutschen Top Ten geschafft. Seid ihr selbst von eurem Erfolg überrascht?

Hagen Stoll: Teils teils. Natürlich wünschst du dir als Künstler, mal zu charten - einfach weil die Charterfolge ein maßgeblicher Parameter dafür sind, wie viele Menschen da draußen deine Platten kaufen. Erst letztens habe ich mich auf einem Konzert bedankt - für das Vertrauen, das die Menschen in uns legen, und dafür, dass sie ihr hart erarbeitetes Geld in unsere Musik investieren. Nur in dieser Hinsicht finde ich die Charts in irgendeiner Form relevant. Ansonsten mache ich unseren Erfolg aber nicht daran fest.

Das klingt sehr bescheiden …

Nun, ich meine: Ich mache seit 15 Jahren Musik. Mein großes Ziel war es, mit 30 eine Goldene Platte an der Wand zu haben. Das habe ich nicht geschafft. Dafür habe ich mit 33 Platin gemacht - zusammen mit Sido damals. Das Verhältnis ist okay. Dann mit dem ersten Haudegen-Album in die Top Ten zu gehen und mit dem zweiten in die Top 5, ist schon auch ein Erfolg. Und man fühlt sich sehr gut dabei.

Die beiden haben bereits eine längere musikalische Vergangenheit.
Die beiden haben bereits eine längere musikalische Vergangenheit.(Foto: Warner Music)

Wenn man euch nur sieht, ohne eure Musik zu kennen, dürften viele ziemlich überrascht sein, was für Töne ihr tatsächlich anschlagt. Wie gehen die raue Schale und der weiche Kern bei euch zusammen?

Dass wir Musik machen, die man uns nicht zutrauen würde, ist natürlich ein offenes Geheimnis. Klar gibt es Menschen, die denken: "Die Typen stehen bestimmt an der Tür." Genau diesen Überraschungseffekt zu nutzen, macht uns Spaß. Zugleich kennen wir es schon unser Leben lang, dass die Leute uns angucken und Vorurteile haben - weil wir volltätowiert sind und aus Marzahn kommen. Es ist egal, wohin du fährst - die einzige, bei der die Leute das lustig finden, ist Cindy aus Marzahn.

Und die kommt bekanntlich gar nicht aus Marzahn …

Ja, und wenn sie sagt, sie komme aus Marzahn, ist das halt lustig. Aber diese Lustigkeit trägt auch so eine hässliche Tragik in sich. Mit Blick darauf ist es uns sehr wichtig, mit unserer Vergangenheit auch zu spielen und so Vorurteile zu brechen: Auch in Marzahn wohnen ganz normale Menschen, die ganz normale Probleme haben.

Manche Menschen scheinen eure Gegensätze aber auch skeptisch zu machen - sie  brandmarken euch als "Produkt". Wie geht ihr damit um?

Das ist halt die Schlussfolgerung, die sie aus all dem ziehen, was medial gerade abgeht. Darauf kommen Leute ja nur, weil sie sich verarscht fühlen. Sie wissen mittlerweile darum, dass es Künstler gibt, die von Plattenfirmen gemacht werden. Man muss ja nur den Fernseher anschalten, um zu sehen, wie bei irgendwelchen Castingshows versucht wird, Stars zu machen. Aber mal ehrlich: Welche Plattenfirma castet sich zwei so Typen wie uns? Insofern finde ich das belustigend. Zugleich kränkt es mich aber auch ein wenig, schon allein, weil wir Qualitäten haben, die dem entgegenstehen. Wir schreiben zum Beispiel alle unsere Songs selbst. Und wenn du willst, dann schreibe ich dir einen Song in fünf Minuten.

Du hast deine musikalische Vergangenheit ja schon angesprochen. Früher haben du und Sven Rap-Musik gemacht. Als Joe Rilla warst du in der Hip-Hop-Szene auch kein Unbekannter. Wie kam es zu dem musikalischen Wandel, den ihr mit Haudegen vollzogen habt?

Als Künstler spreche ich von einer logischen Konsequenz. Ich habe den Hip Hop geliebt. Aber du merkst: Ich rede in der Vergangenheit. Der Hip Hop hat mir zu einer gewissen Zeit ein Netz gegeben, in dem ich mich kreativ entfalten konnte. Zu einer Zeit, in der ich verwirrt war, denn gerade die Nachwendezeit war für Jugendliche sehr verwirrend. Da war Hip Hop für mich da - mit all seinen Sachen, die damals noch existent waren, wie Breakdance, DJing, Rap, Graffiti. Ich habe schon in der Schule gern gezeichnet und habe ja mit Graffiti angefangen. Während andere Leute - auf Deutsch gesagt - Scheiße gebaut haben, habe ich nächtelang an meinem Schreibtisch gesessen und gemalt. Der Hip Hop war also die Kinderstube, in der sich der Säugling Joe Rilla auf allen Vieren austoben, entwickeln und auch gewisse Erfolge einfahren konnte, zum Beispiel, als ich für Aggro Berlin produziert habe. Aber dann habe ich gemerkt: Huch, der Säugling krabbelt die Sprossenwand hoch und kann auf einmal stehen. Es wird Zeit, die Kinderstube zu verlassen.

Mit Haudegen schlagen die beiden Musiker neue Töne an.
Mit Haudegen schlagen die beiden Musiker neue Töne an.(Foto: Erik Weiss / Warner Music)

Wie ist dir das bewusst geworden?

Ich habe meine letzte Hip-Hop-Tour 2007 gespielt. Als ich ins Publikum geschaut habe, waren da Kids dabei, die meine Kinder hätten sein können - ich habe ja selbst Kinder. Das war für mich die Crux. Ich habe mich im Hip Hop auf der Bühne unverstanden gefühlt. Ich habe gemerkt, dass das Publikum gar nicht versteht, was ich ihm mitteilen will. Anfangs war ich richtig sauer: Warum verstehen die mich nicht? Aber dann wurde mir klar, dass man ihnen gar keinen Vorwurf machen kann, weil sie nicht aus meiner Zeit kommen. Sie konnten mich gar nicht verstehen. Das machte mir deutlich: 'Du musst damit aufhören'. Aber zugleich war es keine Option, mit der Musik an sich aufzuhören - diese Leidenschaft lebt einfach in mir.

Wie kam es dann zu Haudegen?

Dazu hat Sven seinen Teil beigetragen. Er sagte: "Komm, dann lass uns doch singen." Da habe ich ihn erst einmal ausgelacht. Ey, ich wollte mein Leben lang singen! Ich habe gerappt, weil ich meinte, nicht singen zu können. Ich habe es mich nicht getraut. Im Hip Hop hat man sich alles getraut, nur nicht, über den Tellerrand zu gucken. Und plötzlich habe ich gemerkt: Wenn du ein Gefühl für etwas entwickelst, steht dir der Gesang extrem gut. Auch befreundete Jungs von mir meinten: 'Dicker, das ist dein Maßanzug. Warum hast du das nicht schon vorher gemacht?'.

Wie bewertest du die Hip-Hop-Szene heute?

Ich glaube, man kann mit ruhigem Gewissen sagen: Tupac und Notorious B.I.G. würden sich im Grab umdrehen. Wer Hip Hop aus den Zeiten der 90er kennt, hat mit der heutigen Rap-Szene nichts mehr am Hut - weil sie nur noch auf Klischees aufgebaut ist und Quatsch erzählt. Der Rap heutzutage vermittelt nichts mehr. Das Einzige, was er vermittelt, ist Hass, Gewalt und Attitüden wie Frauen- oder Schwulenfeindlichkeit. Das ist für mich ein absolutes Unding. Kunst kann nur überraschen, wenn sie sich selbst neu erfindet. In Deutschland hat es der Rap aber verpasst, sich neu zu erfinden. Er hat es versucht, zum Beispiel durch Leute wie Casper. Aber es hat nicht so funktioniert, dass der Hip Hop dorthin zurückfinden würde, wo er herkam.

Hagen Stoll verbindet mit Haudegen seine Freiheit - in Form von Flügeln.
Hagen Stoll verbindet mit Haudegen seine Freiheit - in Form von Flügeln.(Foto: Christian Bartz / Warner Music)

Schwer in die Kritik geraten ist Bushido. Wie stehst du dem gegenüber?

Bushido kam ja aus dem Aggro-Lager. Und seit er auf dem Plan ist, hat er extrem polarisiert. Er ist halt eine Art Migranten-Promi, der dementsprechend durch die Medien geschleift wird. Wenn ich es auf die Musik reduziere, tritt genau das ein, warum ich Rap nicht mehr hören kann - diese Titel, bei denen der Prolet dicke Eier zeigen will. Aber Bushido hat auch Titel, die sehr gut sind. Sie sind so gesellschafts- und sozialkritisch, dass ich sie verstehe. Sein Erfolg spricht ja nun auch Bände. Und ich bin so tolerant, dass ich sage, ich lasse ihm auch seine Zeit. Was diese ganze Bambi-Geschichte und so angeht, halte ich mich raus. Ich kenne ihn nicht persönlich und weiß nicht, wie seine Ansichten heute sind. Der Typ ist ja jetzt auch Vater. Und ich glaube, seitdem er Vater ist, sieht er die Dinge auch anders.

Bushido strebt ein Stück weit den Rückweg in die bürgerliche Gesellschaft an. In gewisser Weise ist das bei euch ja ähnlich …

Ja, in gewisser Weise. Allerdings haben wir in der Vergangenheit natürlich nicht die Titel veröffentlicht, die Bushido veröffentlicht hat. Ich glaube, er hat es da extrem schwer, weil sein Bild in der Öffentlichkeit gefestigt ist. Den Leuten plausibel zu erklären, dass alles anders ist und er sich verändert hat, wird für ihn ein extrem schwerer Weg. Bei uns ist das einfacher, weil wir nicht diese Popularität im Rap hatten.

Weg vom Rap - hin zu Haudegen. Als Einflüsse nennt ihr unter anderem Liedermacher wie Klaus Lage oder Reinhard Mey. Wie und wann seid ihr auf deren Musik gestoßen?

Die Liedermacherkultur war schon im Osten präsent. Wir hatten zum Beispiel Künstler wie Holger Biege. Ich habe ihn geliebt! Nahe gebracht wurde mir das durch die Eltern. Mein Vater ist sehr musikaffin. Er hat viel Musik gehört - Karat und andere Ost-Musik, die eigentlich nichts anderes war als das, was wir heute machen. Die Platte "Der blaue Planet" von Karat werde ich nie vergessen. Und Karats "Schwanenkönig" ist legendär. Wenn man Songs von uns hört, gibt es da schon Parallelen. Mittlerweile hört mein Vater nur noch Haudegen. (lacht) Er ist stolz auf seinen Sohn, was mich natürlich sehr freut.

Sven Gillert brachte den Gedanken an ein Schwert in das Leitmotiv der Band mit ein.
Sven Gillert brachte den Gedanken an ein Schwert in das Leitmotiv der Band mit ein.(Foto: Christian Bartz / Warner Music)

Auf "En Garde" gibt es mit "Tintenfass & Feder" auch ein Duett mit Reinhard Mey. Mey gilt nicht gerade als jemand, der leicht für eine Zusammenarbeit zu gewinnen wäre. Wie habt ihr ihn überzeugt?

Stimmt, er macht ja eigentlich mit niemandem etwas. Zumindest mit niemandem, der nicht aus seiner Zeit kommt. Ich hatte das Glück, Reinhard Mey kennenzulernen. Ende der 90er hatte ich im Hansa Tonstudio in Berlin mein eigenes kleines Studio. Um mir die Miete dafür zu finanzieren, habe ich das Hansa Tonstudio geputzt - jeden Morgen. Dabei habe ich viele Künstler kommen und gehen sehen. Einer von ihnen war Reinhard Mey, der Anfang 1998 sein Album "Flaschenpost" dort aufgenommen hat. Bei einem Kaffee sind wir ins Gespräch gekommen und hatten innerhalb kürzester Zeit ein sehr freundschaftliches Verhältnis. Irgendwann hat er mich gefragt, ob ich nicht etwas auf seinem Album machen möchte. Ich sagte: Ja, und du könntest doch auch etwas auf meinem Album machen. Deshalb habe ich tatsächlich schon 1999 einen Titel mit Reinhard Mey veröffentlicht - auf meinem ersten Joe-Rilla-Album "Zeitgeist" spricht er das Intro.

Und bei "Tintenfass und Feder" habt ihr die Freundschaft wieder aufgefrischt …

Ja, uns verbindet die Liebe zur Musik. Reinhard Mey ist für mich einzigartig und eine unfassbare Muse. Als wir das Lied geschrieben haben, habe ich ihn aus Spaß immer imitiert. Da kam die Idee, ihn einfach anzurufen. Das war dann eine Sache von drei Minuten. Ich habe ihm den Song geschickt, er hat reingehört und gemeint: "Das hätten meine Worte sein können." Er kam mit seiner Tochter im Studio vorbei und wir hatten dort einen super Tag. Ich glaube, ihm hat auch imponiert, dass ich dabeigeblieben bin.

Seht ihr euch mit Blick auf eure Herkunft als Vorbilder?

Für die Menschen aus der Gegend? Definitiv. Das ist auch spürbar. Wenn ich in Marzahn oder Hellersdorf auf der Straße oder im Einkaufszentrum bin, kommen die Leute zu mir. Sie kommen aber nicht, weil sie sich denken: 'Ah, da ist ein Star'. Sondern sie denken sich: 'Ah, da ist der Typ von uns, der es geschafft hat'. Die Leute gönnen uns das, weil wir nicht im Grunewald aufgewachsen sind und in unserer Jugend Tennis gespielt haben, sondern dort bei ihnen, mit lauter Hooligans um uns herum, in den 90ern. Sie sehen ein Stück weit ein Vorbild in uns, weil es ihnen zeigt, dass es eine Perspektive gibt. Nicht jeder kann Musik machen. Aber egal, welche Perspektive man für sich selbst entdeckt - es ist immer wert, an ihr festzuhalten.

Ihre Musik nennen die beiden selbst "Gossenpoesie".
Ihre Musik nennen die beiden selbst "Gossenpoesie".(Foto: picture alliance / dpa)

Ihr arbeitet in euren Texten sehr stark mit Bildern und Metaphern. Aber es gibt auch Texte, in denen ihr explizit werdet, zum Beispiel, wenn ihr in "So eine starke Frau" über die alleinerziehende Mutter singt, die mit 320 Euro im Monat auskommen muss, oder über die Rentnerin, die 450 Euro zum Leben hat. Das hat durchaus auch eine politische Dimension ...

Ja, aber ich würde uns nicht als gesellschafts- oder sozialpolitisch definieren. Wir sehen uns eher in einer Position wie deiner - wir machen eine Art Journalismus, sozusagen Journalismus aus der Gegend. Wir sind wie singende Reporter, die Probleme in der Gesellschaft aufzeigen. Wir tun das, ohne politisch zu sein. Aber jeder, der den Song "So eine starke Frau" hört, wird das Problem verstehen, dass eine alleinerziehende Mutter mit 320 Euro gar nicht auskommen kann. Oder eine Rentnerin mit 450 Euro. Im Verhältnis ist das sogar eine Frechheit. Ich sehe es zum Beispiel bei meiner Mutter. Sie hat im Krankenhaus als leitende Oberschwester Schicht gearbeitet. Mit was sie nach so vielen Jahren Arbeit zur Seite geschoben wird, ist eine Farce. Die Frage ist: Hängst du dich da politisch rein und versuchst, verrückt zu werden, weil du nicht weiter kommst, oder arbeitest du das so wie wir auf der Kunstseite auf.

Neben den Bildern benutzt ihr viele starke Worte - zum Beispiel Begriffe wie "Ehre" oder "Kampf". Wie würdest du den Wertekosmos von Haudegen beschreiben?

Wir benutzen diese Worte, weil wir hinter ihnen stehen. Eine Textzeile wie 'Ehre, wem Ehre gebührt' bedeutet: Wenn du einen geradlinigen Weg gehst und ein guter Mensch bist, dann steht dir auch zu, dass andere sagen: 'Du bist ein ehrenhafter Mensch, ein anständig-ehrenhafter Mensch'. Punkt. Wir sind uns bewusst, dass das durch geschichtliche Einflüsse in Deutschland für Verwirrung sorgt. Dass man aufschreckt, sobald man Worte wie Ehre oder Stolz in den Mund nimmt. Das tut halt weh, weil Deutschland diese Geschichte hat. Aber ich komme aus einer Generation, die ihren ganz eigenen Krieg geführt hat.

Was meinst du damit?

Den Nachwendekrieg. Ich habe meinen ganz eigenen Kampf gekämpft und kann mit dem Ersten oder Zweiten Weltkrieg auch nichts anfangen. Ich stehe dort in keiner Schuld. Mein Großvater hat einen polnischen Hintergrund und war in deutscher Gefangenschaft. Er hat mir den Krieg plausibel geschildert. Natürlich war das eine Riesenscheiße, die damals passiert ist. Völkermord, der Holocaust - alles furchtbare Sachen. Aber wie verarbeitest du das als Kind? Indem du, wie es viele in Marzahn gemacht haben, den Arm wieder hebst und 'Ausländer raus' schreist? Nein, ich war das genaue Gegenteil. Ich bin der Typ, der für Hip Hop in den Bordstein gebissen hat - weil ich 'Negermusik' gehört habe. Ich habe mich in meiner Form gerade gemacht. Das war mein Kampf.

Na, fällt Ihnen an diesem Bild etwas auf?
Na, fällt Ihnen an diesem Bild etwas auf?(Foto: Warner Music)

Immer wieder tauchen bei euch die Worte "Flügel und Schwert" auf. Welche Bedeutung haben sie für euch?

Das kam, als es darum ging, wie wir überhaupt heißen wollen. Den Namen hatten wir sehr schnell. Wir haben uns gefragt, wie uns unsere Großväter genannt haben. Auf dem Zettel stand: Steppkes, Piefkes und Haudegen. Das Wort Haudegen war so stark, dass wir uns dafür entschieden haben. Und wiederum das erste, was ich mit Haudegen verbinde, ist meine Freiheit. Zu tun und zu lassen, was ich für richtig halte, ist für mich ein unfassbarer Wert. Ich bin mein eigener Chef. Meine Entscheidungen sind frei. Und diese Freiheit symbolisieren für mich Flügel. In Svens Kopf ging wahrscheinlich das Gleiche vor. Er sagte: 'Um unsere Freiheit mussten wir unser Leben lang kämpfen. Und was steht für den Kampf? Klar, das Schwert'.

Ihr bezeichnet eure Musik selbst als "Gossenpoesie". Das klingt ziemlich romantisch. Seid ihr eigentlich romantische Typen?

Voll. Richtige Romantiker sogar. Durch unsere Erfahrungen im Hip Hop wussten wir, dass man uns in irgendeiner Weise in eine Schublade stecken würde, wenn wir jetzt Rockmusik mit deutschen Texten machen. Deswegen wollten wir von vornherein unsere eigene Schublade aufmachen: Gossenpoesie. Wir kommen halt aus der Gosse. Und wir vermissen die Poesie. Die deutsche Sprache ist eine so schöne Sprache, mit der sich so schöne Bilder erzeugen lassen. Das wollen wir wieder ein Stück zurückholen und deutlich machen: Hier ist nicht alles nur platt, hier macht man sich auch noch Gedanken.

Das aktuelle Album von Haudegen heißt "En Garde".
Das aktuelle Album von Haudegen heißt "En Garde".(Foto: Warner Music)

Romantik hat immer auch etwas mit Sehnsucht zu tun. Wonach sehnt ihr euch?

Nach einem besseren Leben und danach, dass sich etwas ändert. Für uns und für unsere Kinder. Ich komme aus einem System, das Sozialismus hieß. In seinen letzten Ausläufern habe ich gespürt, woran es kaputtgegangen ist. Dann wurde ich von heute auf morgen in den Kapitalismus geschmissen. Und jetzt merke ich, was hier schiefläuft. Ich habe auch keine Lösung dafür. Ich stelle nur Thesen auf. Und ich wünsche mir, dass es etwas sicherer wird. Was bedeutet es, wenn man Romantik auf eine Beziehung anwendet? Man wünscht sich, dass das Gefühl, das man dem Menschen gegenüber hat, sicher ist. Wenn man das auf das Gesellschaftliche überträgt, dann ist das die Hoffnung, dass deine Kinder sicher aufwachsen, fernab von sämtlichen Kriegen und Meinungsverschiedenheiten zwischen den Glaubensrichtungen.

Die Fans sehnen sich unterdessen wahrscheinlich bereits nach einem Nachfolger zu "En Garde". Habt ihr den schon im Visier?

Von der Sache her sind wir schon beim fünften Album. (lacht) Wir haben einen sehr hohen Output. Ich schreibe im Durchschnitt jeden zweiten Tag drei oder vier Songs. All das, was wir zu sagen haben, ist noch lange nicht ausgesprochen. Dazu reichen auch keine zwei Alben. Das dritte planen wir gerade. Mit "Schlicht und Ergreifend" haben wir das getan, was wir vermisst haben. Mit "En Garde" haben wir uns gefunden. Wir sind uns jetzt gewiss. Wir wissen, dass es da draußen viele Menschen gibt, die uns verstehen. Jetzt ist die Frage, was man daraus macht.

Vergangenes Jahr habt ihr in Berlin ein Weihnachtskonzert gegeben. Dieses Jahr wiederholt ihr dieses Ereignis am 13. Dezember in Leipzig. Was ist das Besondere daran?

Zusammenzukommen. Aus der Verantwortung, die wir den Menschen gegenüber verspüren, ergibt sich, dass wir nicht nur singen wollen. Oder nur reden. Ich will auch etwas tun, etwas ändern, eine Geste dalassen. Und die Geste zu Weihnachten ist es, jedes Jahr ein Konzert zu veranstalten, das "Weihnachten mit der Familie" heißt. Wir betrachten die Menschen, die Haudegen hören und lieben, nicht als Fans. Es geht um mehr, um ein Lebensgefühl und eine Einstellung. Da ist keine Barriere zwischen Publikum und denen, die auf der Bühne stehen. Die Menschen brauchen nicht mehr hochzugucken. "Weihnachten mit der Familie" passiert auf Augenhöhe.

Und wie verbringst du Heiligabend?

Mit meiner Familie, meiner Freundin, meinen Kindern und meiner geschiedenen Frau. Wir haben so eine Patchwork-Familie. Mit ihr werde ich ganz normal Weihnachten feiern - mit Weihnachtsbaum, einem Weihnachtsmann, Geschenken und dem ganzen Pipapo.

Mit Hagen Stoll sprach Volker Probst

Das Album "En Garde" von Haudegen bestellen

Haudegen geben am 13. Dezember 2012 ein Weihnachtskonzert in Leipzig. Zudem sind sie Anfang 2013 auf Tour: Frankfurt (29.01.), Heidelberg (30.01.), Köln (31.01.), Magdeburg (01.02.), Chemnitz (02.02.), Augsburg (04.02.), Stuttgart (05.02.), Osnabrück (13.02.), Oberhausen (14.02.), Kiel (15.02.), Lübeck (16.02.), Rostock (17.02.), Potsdam (19.02.)

Quelle: n-tv.de

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