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Jennifer Lawrence (Elissa) und Mark Thieriot (Ryan): zwei Jungstars mit viel Potenzial
Jennifer Lawrence (Elissa) und Mark Thieriot (Ryan): zwei Jungstars mit viel Potenzial(Foto: SquareOne Entertainment / Universum Film)

Psycho-Thriller oder Horror-Schocker?: "House At The End Of The Street"

Von Thomas Badtke

Eine aufmüpfige Tochter, ein Umzug mitten in die Provinz, ein schräger Nachbarsjunge und ein dunkles Geheimnis aus der Vergangenheit, das auf dem ganzen Ort zu lasten scheint - mehr braucht es eigentlich nicht, um einen sehenswerten Hollywoodfilm auf die Leinwand zu bringen. Nur scheiden sich an Mark Tonderais Film trotz Starbesetzung die Geister.

(Foto: SquareOne Entertainment / Universum Film)

Die Anfangssequenz schockt: Gezeigt wird ein Doppelmord in wackligen Bildern. Ein Kind ist der Täter, die Opfer sind die Eltern. Doch das Kind ist nicht bei sich, etwas scheint von ihm Besitz ergriffen zu haben, zu schrill ist die Farbgebung, die Umgebung scheint sich aufzulösen, scheint zu verschwinden, wie das Gewissen und die Seele des Kindes. Harter Tobak, aber so beginnt "House At The End Of The Street" des britischen Regisseurs Mark Tonderai. Ein waschechter Horror-Thriller erwartet den Zuschauer, möchte man meinen.

Aber der Beginn täuscht, danach geht es ruhiger, gesetzter weiter: Elissa (Jennifer Lawrence; "Winter's Bone", "Die Tribute von Panem", "Auf brennender Erde", Oscar-nominiert für "Silver Linigs") zieht mit ihrer Mutter Sarah (Elisabeth Shue, "Leaving Las Vegas", "Zurück in die Zukunft II/III", "Karate Kid") aus Chicago in die Provinz Pennsylvanias. Sarah braucht Abstand von ihrem Ex-Mann, einem Rockmusiker, und will mit ihrer Tochter einen Neuanfang. Einen Neuanfang, bei dem sie endlich die Mutter für Elissa ist, die sie schon immer sein wollte: fürsorglich, immer ein offenes Ohr für die kleinen und großen Probleme ihrer Tochter. Der Teenager wiederum ist erwachsener, als seine Mutter wahrhaben will, und hat seinen eigenen Kopf. Vom Leben in der Pampa hält die hübsche Blondine anfangs nicht viel, aber das neue Haus hilft: Es ist groß, geräumig und liegt idyllisch nahe an einem Waldrand, nur ein anderes Haus steht daneben.

Dieses Nachbarhaus ist aber auch der Grund, wieso ihre Mutter sich überhaupt den Umzug leisten konnte: Es ist heruntergekommen und war vor ein paar Jahren Schauplatz einer Familientragödie. Ein Mädchen soll dort seine Eltern bestialisch ermordet haben - und ist seitdem verschwunden. Angeblich treibt sie im angrenzenden Wald ihr Unwesen.

Jeder Mensch hat zwei Gesichter

Elissa schert sich nicht um das Geschwätz und die Schauermärchen ihrer neuen Klassenkameraden. Immerhin hat das Nachbarhaus einen Bewohner: Ryan (Max Thieriot; "Jumper", Wes Cravens "My Soul To Take") ist der einzige Überlebende des Familiendramas, weil er zur Zeit der Morde nicht im Haus war. Er lebt nun allein und zurückgezogen. Er meidet die Öffentlichkeit, die ihm nicht wohlgesonnen scheint - bis auf Elissa, die ein Auge auf den einzelgängerischen Sonderling geworfen hat. Erst recht, als er in einer regnerischen Nacht Elissa, die völlig durchnässt von einer aus dem Ruder gelaufenen Party kommt, mit seinem Auto aufgabelt und nach Hause fährt.

Elissas Mutter Sarah traut dem neuen Freund ihrer Tochter nicht über den Weg.
Elissas Mutter Sarah traut dem neuen Freund ihrer Tochter nicht über den Weg.(Foto: SquareOne Entertainment / Universum Film)

Ihre Mutter Sarah ist davon nicht begeistert. Sie traut Ryan nicht über den Weg, weiß aber nicht genau, warum. Nur ihre Instinkte sagen ihr, dass mit dem Jungen etwas nicht stimmt. Allerdings nimmt ihr neuer Job im Krankenhaus viel Zeit in Anspruch und so kann sie Elissas Treiben nicht wirkungsvoll unterbinden.

In der Zuneigung Elissas scheint der vom Schicksal gebeutelte Einzelgänger aufzublühen. Elissa und Ryan verbringen immer mehr Zeit miteinander, lernen sich kennen, schätzen und auch lieben. Er zeigt ihr einige wunderschöne Stellen im Wald - und vertraut sich Elissa an: Er habe seine Schwester Carrie-Ann über alles geliebt, aber einmal habe er nicht auf sie aufgepasst, gerade als sie schaukelte. Durch zu viel Schwung sei sie heruntergefallen, ihr Kopf schlug an einen Baum. Von diesem Zeitpunkt an sei nichts mehr so gewesen wie früher. Er hätte mit der Schuld nicht leben können und sei weggegangen.

Am Ende ist Elissa auf sich allein gestellt ...
Am Ende ist Elissa auf sich allein gestellt ...(Foto: SquareOne Entertainment / Universum Film)

Das ist Ryans offizielle Geschichte. Als er eines Tages vor der Schule auftaucht, von mehreren Jungs verprügelt wird und fliehen muss, erfährt Elissa eine andere: Sie folgt Ryan und hofft, ihn in seinem Haus zu finden. Doch statt Ryan findet sie etwas ganz anderes - das dunkle Geheimnis, das ihr neuer Freund die ganze Zeit zu schützen versucht hat. Trotz der jungen Liebe: Elissa schwebt nun in Lebensgefahr - und nicht nur sie.

Hitchcock für die nächste Generation?

Der britische Regisseur Mark Tonderai, der mit seinem Kinofilmdebüt "Hush" 2008 für Aufsehen auf den Filmfestivals weltweit sorgte und davor auch in kleineren Rollen als Darsteller - etwa in "Die vier Federn" - auftauchte, siedelt seinen neuen Film "House At The End Of The Street" nach eigener Aussage im Horrorgenre an. Der Beginn spricht auch dafür. Danach hat der Streifen aber nichts mehr mit klassischem Horror zu tun. Statt Blut fließen Tränen, statt Messer fliegen Worte, statt Monstern tauchen innerfamiliäre Probleme auf - und werden klassisch mit ausdiskutiert. Wie ist es, erwachsen zu werden? Das scheint das eigentliche Thema des Films zu sein. Und Tonderai wollte es sogar so: Er wollte einen Film mit Tiefgang, einen Thriller, der mit seinen gut hinterfütterten Charakteren auch ein wenig an Hitchcock erinnert, dabei aber ein deutlich jüngeres Publikum ansprechend.

Jennifer Lawrence Superstar? Sie bringt alles dafür mit.
Jennifer Lawrence Superstar? Sie bringt alles dafür mit.(Foto: SquareOne Entertainment / Universum Film)

Dass ihm das gelingt, liegt vor allem an den außergewöhnlich guten Hauptdarstellern und deren hervorragender Zusammenarbeit. Jennifer Lawrence kann trotz ihrer gerade einmal 22 Jahre bereits auf zwei Oscar-Nominierungen für ihre Rolle der Ree in "Winter's Bone" und aktuell für den Part der Tiffany in "Silver Linings" zurückblicken. Zudem wirkt sie in zwei Hollywood-Blockbusterreihen mit: "Die Tribute von Panem" und "X-Men: First Class". Wie ihre gleichaltrige und namhafte Schauspielkollegin Kristen Stewart, die mit der "Twilight"-Saga zu Weltruhm kam, spielt Lawrence aber auch weiter in Indie-Filmen. Lawrence stand bereits an der Seite von Hollywoodgrößen wie Charlize Theron und Kim Basinger ("Auf brennder Erde"), James McAvoy und Michael Fassbender ("X-Men: First Class") oder auch Bradley Cooper und Robert de Niro ("Silver Linings") vor der Kamera.

Lawrence: "Ich liebe Horrorfilme"

Die Lobeshymnen des Filmstabs von "House At The End Of The Street" verwundern deshalb auch nicht: "Schon im ersten Moment, in dem man Jennifer trifft, weiß man, dass dieses Mädchen eine sehr lange Karriere vor sich hat", sagt der Produzent des Films, Aaron Ryder, über Lawrence. "Sie ist außergewöhnlich. Sie wird ohne Frage ein absoluter Superstar und wir haben verdammtes Glück, dass wir sie für diese Rolle bekommen haben." Ryder muss es wissen. Er produzierte etwa "Prestige" mit Christian Bale und Hugh Jackman. Und als Produktionspräsident der Firma Newmarket gehen auch Filme wie Gore Verbinskis "The Mexican" mit Brad Pitt, Christopher Nolans "Memento" oder der Kulthit "Donnie Darko" auf sein Konto. Lawrence selbst überlegte vor ihrer Zusage für "House At The End Of The Street" nicht lange: "Ich liebe Horrorfilme", sagt sie, da sei die Entscheidung leichtgefallen.

Ist Mark Thieriot der "wiedergeborene" Newman?
Ist Mark Thieriot der "wiedergeborene" Newman?(Foto: SquareOne Entertainment / Universum Film)

Lawrence männlicher Gegenpart Max Thieriot fiel den Kritikern vor allem in Atom Egoyans Thriller "Chloe" an der Seite von Liam Neeson und Julianne Moore auf. In Tonderais Werk spielt er den Einzelgänger Ryan packend intensiv. Der Zuschauer merkt, dass da einer mit Charisma am Werk und voll bei der Sache ist. Thieriot ähnelt in seinem Aussehen und Schauspiel dem jungen Paul Newman.

Er sei fast "seine Wiedergeburt", so Thieriots Filmpartnerin Lawrence. Zudem sei er "sexy", weil er in den Pausen immer in seinem Caravan gesessen, Countrymusik gehört und Tabak gekaut habe. Wie gesagt: Die Chemie stimmt - und das überträgt sich halt auch auf die Leinwand.

Vielseitige Lawrence

Das scheint ein Lawrencesches Phänomen zu sein, denn auch bei dem bereits in den deutschen Kinos laufenden "Silver Linings" sticht diese Harmonie zwischen den Hauptdarstellern heraus, was vor allem an der Leinwandpräsenz der Hauptdarstellerin liegt. Ein Blick und der Zuschauer erkennt, welches schauspielerische Potenzial in Lawrence steckt. Selbst Robert de Niro, wie Lawrence für einen Oscar nominiert, kann das nicht toppen.

Dass die beiden Filme jetzt nahezu zeitglich in den deutschen Kinos laufen, ist reiner Zufall. Dem Zuschauer bietet sich so aber die Möglichkeit, die vielen Gesichter der Jennifer Lawrence vergleichen zu können. Sie kann den aufmüpfigen Teenie spielen, ebenso die trauernde Witwe. Sie kann Drama, und Horror-Schocker. Wobei genaugenommen "House At The End Of The Street" kein Horror-Schocker ist, dafür sind der Beginn und das Ende mit seinen zum Teil doch überraschenden Wendungen einfach nicht genug. Mit dem Prädikat "tiefgängiger Psycho-Thriller mit mehr als überzeugenden Hauptdarstellern" kann sich Tonderais Werk aber mehr als nur sehen lassen.

"House At The End Of The Street" startete am 17. Januar 2013 in den deutschen Kinos.

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Quelle: n-tv.de

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