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Die Rolle der Rebecca in "Rückkehr nach Montauk" musste sich Nina Hoss erstmal erschließen.
Die Rolle der Rebecca in "Rückkehr nach Montauk" musste sich Nina Hoss erstmal erschließen.(Foto: Wild Bunch Germany 2017)

Nina Hoss als Projektionsfläche: "Ich stelle mich zur Verfügung"

Nina Hoss macht, wovon so viele träumen: Film, Fernsehen, Theater - und das seit vielen Jahren. Erfolgreich. Auch im Ausland ist man auf die 41-Jährige aufmerksam geworden. Anton Corbijn besetzte sie in seinem Film "A Most Wanted Man", seit zwei Staffeln gehört sie zum Cast der Serie "Homeland". Jetzt spielt sie eine Hauptrolle im neuen Film von Volker Schlöndorff. Der Meister der Literaturverfilmungen hat sich nach "Homo Faber" erneut ein Werk seines Freunds Max Frisch vorgenommen. Basierend auf dessen autobiografischem Werk "Montauk" hat er seine ganz eigene Geschichte von der Liebe geschaffen. "Rückkehr nach Montauk" erzählt von zwei gescheiterten Liebenden, die sich nach Jahren wieder annähern. n-tv.de hat mit Nina Hoss über ihre nicht ganz einfache Rolle in dem Film gesprochen und, weil sie während der Dreharbeiten in den USA gelebt hat, auch über Donald Trump, na klar.

n-tv.de: Sie haben ein besonderes Talent, um Ihre Schönheit herumzuspielen. Sie verleugnen sie nicht, aber es gelingt Ihnen, dass sie nicht zum wesentlichen Merkmal Ihrer Figuren wird. Bedeutet Ihnen gutes Aussehen nichts?

Nina Hoss: Ich weiß gar nicht so genau, ob das ein bewusster Vorgang ist. Ich bin niemand, der vor jedem Take nochmal in den Spiegel guckt. Ich muss mich darauf verlassen, dass das aussieht, wie es aussehen muss. Ich muss mich mit anderen Dingen beschäftigen. Ganz unwichtig ist Aussehen allerdings nicht. Man kreiert ja eine Figur.

In "Rückkehr nach Montauk" ist es eine Anwältin.

Rebecca ist eine erfolgreiche Frau, die in einem dieser riesigen Hochhäuser von New York ihr Büro hat und mit Investmentbankern zusammenarbeitet. Da muss man natürlich eine gewisse Statur haben, eine gewisse Respekt einflößende Ausstrahlung, eine Souveränität. Darüber denke ich nach. Dabei geht es aber nur um die Figur und nicht darum, wie ich wirke. Ich stelle mich zur Verfügung.

Rebecca wird von ihrem Gegenüber Max wie ein Bild verehrt. Sie muss als Projektionsfläche herhalten. Ist das nicht erst einmal eine frustrierende Rolle?

Ja! Als ich das Buch gelesen habe, dachte immer: (senkt die Stimme verschwörerisch) "Oh Gott, was macht man denn mit der?" Erst am Schluss zeigt sich: Max ist nicht die Tragödie ihres Lebens gewesen. Er hat Rebecca verletzt, aber er ist nicht das größte Problem. Indem sie ihm das sagt, entzieht sie sich seinem Zugriff - und sie konfrontiert ihn mit seiner Eitelkeit. Bis dahin muss ich Max' Fiktion natürlich als Projektionsfläche bedienen, aber eben nur bis zu dem Punkt, an dem Rebecca sich ihr Leben zurückholt.

Teilweise ist das ganz schön unbefriedigend mit anzusehen …

Rebecca und Max lassen in "Rückkehr nach Montauk" alte Gefühle aufleben.
Rebecca und Max lassen in "Rückkehr nach Montauk" alte Gefühle aufleben.(Foto: Wild Bunch Germany 2017)

Rebecca war vielleicht 17, als sie mit Max zusammen war, eine Studentin. Weiß der Teufel, was ihr Verhältnis mit dem Vater war. Vielleicht war das nicht so gut, also hat sie eine neue Vaterfigur gesucht. Sie hat in Max jemanden gefunden, der ein unglaubliches Wissen hat, der charmant ist, der Geschichten erzählen kann - das hat ja einen Charme. Jemand, der reden kann. Sprache kann was ganz Verführerisches haben. Allerdings redet er 20 Jahre später immer noch dasselbe. Es ist fast erschreckend, dass jemand nicht weitergegangen ist. Und dann fällt einem erst auf: Ich kann dich leider sehr schnell entlarven in all dem.

Das entzaubert auf jeden Fall alle Vorstellungen von irgendwelchen vergrabenen Geschichten, von denen man dachte, dass sie irgendwann nochmal Bedeutung gewinnen würden …

Ha! (lacht laut auf) Naja, das ist vor allem in der Konstellation so. Max ist einfach wirklich sentimental. Aber irgendwas ist ja da auch dran. Ist das vielleicht gar nicht so eine schlechte Idee, dass man mit 60 sagt: "Was soll's?" Im Leben kann man immer wieder neu ansetzen.

Was halten Sie denn von dem Konzept, Sachen zu bedauern, die man getan hat - oder eben auch nicht?

Bedauern ist keine Kraft, finde ich. Rebecca erlebt an Max' Seite eine Wendung. Da kommt was raus und dann geht das Leben weiter. Ich habe nicht das Gefühl, diese Frau vergeht. Max hingegen steht am Ende ganz schön bedröppelt da. Er muss mal über sich selber nachdenken. (lacht)

Volker Schlöndorff, der Regisseur, und Max Frisch waren befreundet. Hat sich das bei den Dreharbeiten gezeigt oder gibt es Momente im Film, in denen diese Beziehung unmittelbar spürbar ist?

Max Frisch war nicht unbedingt der Lieblingsautor von Nina Hoss.
Max Frisch war nicht unbedingt der Lieblingsautor von Nina Hoss.(Foto: imago/snapshot)

Während des Drehens eigentlich nicht so sehr. In den Vorgesprächen, wenn wir zusammensaßen und uns über die Geschichte unterhalten haben, dann habe ich diesen großen Respekt und die Verehrung von Volker für Max Frisch gespürt. Dass er sich bei der Umsetzung Freiheiten erlaubt hat - das kann man vielleicht nur, weil man mit jemandem befreundet war. Er hat die Geschichte zu seiner eigenen gemacht.

Wie vertraut war Ihnen das Werk von Max Frisch?

Ich kannte "Homo Faber" und "Andorra". Aus "Andorra" hatte ich sogar mal eine Szene eingeübt für die Schauspielschule zum Vorsprechen. Aber Max Frisch war für mich in erster Linie immer Schullektüre. Er war kein Autor, der mich wahnsinnig begleitet hat.

"Montauk" haben Sie erst gelesen, als es an die Dreharbeiten ging?

Ja, das habe ich tatsächlich dann gelesen. Das kannte ich vorher nicht.

Man hat über den Stoff gesagt, dass er eigentlich nicht zu verfilmen ist, weil er wahnsinnig versatzstückartig geschrieben ist. Und dann ist da natürlich diese Sprache von Max Frisch, die man ja auch irgendwie fürs Kino adaptieren muss. Worin bestand hier die Herausforderung?

Die Menge an Text im Drehbuch. So einen Film habe ich lange nicht gesehen. Da hatte ich erstmal Respekt vor. Eigentlich finde ich, Film darf nicht so viel mit Theater zu tun haben. Auf der anderen Seite hatte das Skript so eine literarische Qualität. Der gerecht zu werden, war für mich die größte Herausforderung. Sonst erzähle ich gerne Figuren, die ganz viel über die Augen reden. Die Dinge, die man wirklich sagen möchte, sagt man ja oft gar nicht. Man erspürt die eher.

Und bei "Rückkehr nach Montauk" wird vor allem eine Menge geredet …

Man muss lange zuhören. Es hat mich wirklich interessiert, ob das aufgeht.

Sie haben "Rückkehr nach Montauk" in New York gedreht, kurz danach die sechste Staffel der Serie "Homeland". Fühlen Sie sich dort mittlerweile zu Hause?

Nina Hoss an der Seite von Hauptdarstellerin Claire Danes in Staffel fünf von "Homeland".
Nina Hoss an der Seite von Hauptdarstellerin Claire Danes in Staffel fünf von "Homeland".(Foto: Showtime)

Ich würde sagen: Ich hab' da mal gelebt. Ich habe Freunde gefunden. Und ich habe ein Gespür für diese Stadt bekommen, ich kenne mich aus in New York.

Sie waren dort, als Donald Trump zum Präsidenten gewählt wurde. Am Tag darauf sind Sie beim Women's March mitgelaufen. Wie war es, die Ereignisse vor Ort mitzubekommen?

Es war aufregend. Aber es war auch ganz wichtig für mich, zu dieser Zeit da zu sein. Ich habe die deutsche Presse verfolgt, aber eben auch die amerikanische. Und ich habe festgestellt: "Oh Gott, also, wenn ich jetzt in Deutschland wäre und nur das lesen würde, was ich da zu lesen bekomme, würde ich wahnsinnig Angst kriegen."

Was war anders in New York?

Dort konnte man spüren: Da ist eine ganz große Gegenkraft da. Und das hat mich beruhigt. Ich habe damals in der Nähe vom Union Square gewohnt. Fast jeden Tag startete entweder von dort oder vom Washington Square aus ein Marsch. Das war neu und das war wichtig. Amerika ist nicht Trump - nicht nur.

Sie sind ja wahrscheinlich mit politischem Bewusstsein aufgewachsen, auch durch Ihren Vater Willi Hoss, Mitgründer der Grünen.

Meine Generation hatte die 90er als Jahre der Entwicklung. Das war eine Zeit, in der es allen unwahrscheinlich gut ging. Man wollte nur noch Spaß haben. Dass für den eigenen Wohlstand andere ausgebeutet wurden, hat man sich nicht angeguckt. In dieser Phase hat meine Generation absolut nicht gelernt, sich zu organisieren. Es wird politisch unwahrscheinlich viel geredet, aber es kommt nicht wirklich dazu, dass sich Leute organisieren, um ihrer Meinung demokratisch Ausdruck zu verleihen und damit etwas zu bewirken - so wie ich das jetzt in Amerika erlebt habe. Die nachfolgende Generation macht das besser, die startet ganz anders los.

Schauspieler benötigen ja schon von Berufs wegen eine präzise Beobachtungsgabe. Haben Sie das Gefühl, sich intensiver mit der Welt und den Menschen darin zu beschäftigen?

Wir Schauspieler beschäftigen uns permanent mit Emotionen. Wir beobachten und saugen auf, was Erlebnisse mit uns machen oder mit unseren Freunden. Selbst wenn man Filme guckt: Man ist permanent wachsam. Erst neulich habe ich mit einer Freundin darüber gesprochen, die auch Schauspielerin ist. Sie hatte plötzlich ein Elternteil verloren. Alle sagen einem (senkt besorgt die Stimme): "Ja, aber ganz wichtig ist, dass du das nicht verschließt und du den Emotionen Lauf lässt." Man hört sich das an und denkt: "Ja, ja. Das weiß ich." (lacht) Als Schauspieler hat man keine Angst vor Emotionen. Man hat nicht das Gefühl, man kommt in ein Trauma. Das ist manchmal anders mit Freunden, die keine Schauspieler sind.

Und ist die emotionale Überlegenheit im Umgang mit Nicht-Schauspielern ein Vorteil oder ein Nachteil?

Das ist keine emotionale Überlegenheit. Ich ermutige andere, sich von diesen engen Strukturen zu befreien. Ich biete eine Plattform. Man muss zeigen können, wie es einem geht. Man muss es nicht permanent aufgrund von Etikette zurückhalten. Das ist vielleicht etwas, das man als Schauspieler so herschenken kann. Ist gesünder, glaube ich.

Mit Nina Hoss sprach Anna Meinecke.

"Rückkehr nach Montauk" startet am 11. Mai in den deutschen Kinos.

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Quelle: n-tv.de

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