Unterhaltung
"In Zeiten des abnehmenden Lichts": Der alte Zausel hat Geburtstag. Das Büfẹtt ist eröffnet. Der Tisch steht - noch.
"In Zeiten des abnehmenden Lichts": Der alte Zausel hat Geburtstag. Das Büfẹtt ist eröffnet. Der Tisch steht - noch.(Foto: © Hannes Hubach X Verleih AG)

Jugend verloren, Zukunft auch: In Zeiten der sterbenden DDR

Von Andrea Beu

Im Herbst '89 bricht bei Wilhelms 90. Geburtstag nicht nur der Tisch zusammen, sondern die ganze Familie und kurz darauf der Staat. "In Zeiten des abnehmenden Lichts" endet mit der Frage: "Haben wir alles verdorben?" Dennoch gibt es viel zu lachen.

Ein besonderer Tag: Wilhelm Powileit (Bruno Ganz) wird stolze 90, kurz vor dem "Republikgeburtstag", dem 40. Jahrestag der nicht mehr ganz so stolzen DDR im Herbst 1989. Und alle kommen zum Ehrentag des hochdekorierten SED-Mitglieds: Familie, Nachbarn, Funktionäre. Der ABV (Abschnittsbevollmächtigter, der heutige Kontaktbereichsbeamte), Vertreter der Brigade "Wilhelm Powileit" aus dem Molkereikombinat Wiesengrund, die FDJ, die Stasi ...

"Bringt das Gemüse auf den Friedhof!"
"Bringt das Gemüse auf den Friedhof!"(Foto: Hannes Hubach X Verleih AG)

Die Pioniere singen Pionier- und Kampflieder, es ertönt "Seid bereit - Immer bereit!", der Ministerrat der DDR verleiht ihm den Stern der Völkerfreundschaft in Gold und alle bringen Blumen mit, die Wilhelm mit dem Satz "Bringt das Gemüse auf den Friedhof!" gleich an die Haushälterin Lisbeth (Gabriela M. Schmeide) oder an seine Frau Charlotte (Hildegard Schmahl) weitergibt. Beim ersten Mal ist der Satz noch witzig, beim zweiten Mal wird das Lachen dünner, ab dem dritten Mal gequält.

Alle außer Sascha

Fast alle kommen - außer Enkel Sascha (Alexander Fehling), der doch den Tisch fürs Büffet aufbauen muss, weil er das immer macht. Nur in diesem Jahr nicht, denn Sascha ist vergangene Nacht in den Westen abgehauen, wie so viele seiner Generation. Und so baut Wilhelm den Tisch schließlich selbst auf, zur Not mit Hammer und Nagel in der Tischplatte und es kommt, wie es kommen muss: Das alte Möbelstück bricht zusammen. Sehr symbolisch, das Ganze. Der Hammer, wie im DDR-Emblem mit Hammer, Zirkel und Ährenkranz (für Arbeiterklasse, Intelligenz und Bauern). Das Improvisieren, wie es in der DDR-Mangelwirtschaft gang und gäbe war. Und schließlich das Zusammenbrechen dessen, was die Alten aufgebaut haben, weil die Jugend wegläuft.

Kurt Umnitzer mit seinem Sohn Sascha bei ihrem letzten Treffen: "Denk dran, übermorgen ist Wilhelms 90. Geburtstag!"
Kurt Umnitzer mit seinem Sohn Sascha bei ihrem letzten Treffen: "Denk dran, übermorgen ist Wilhelms 90. Geburtstag!"(Foto: Hannes Hubach X Verleih AG)

Saschas Flucht in den Westen hängt wie ein Schatten über dem Fest; lange wird sie vor Wilhelm verheimlicht und muss doch irgendwann raus. Wie konnte das passieren? In so einer Familie aus Funktionären, aus Staatstreuen, aus alten verdienten Kämpfern, mit ihren Prinzipien und Privilegien? Die russische Frau von Wilhelms Stiefsohn Kurt (Sylvester Groth), Irina (Evgenia Dodina), sagt mit wodkageschwängerter Stimme in die Schockstarre nach der Nachricht von Saschas Verschwinden: "Wir verlieren die Jugend. Und wer die Jugend verliert, verliert die Zukunft." Die Verfilmung von Eugen Ruges Erfolgsroman "In Zeiten des abnehmenden Lichts", für den er unter anderem 2011 den Deutschen Buchpreis erhielt, endet mit dem Satz: "Haben wir alles verdorben?"

Genug Stoff für Mehrteiler

Kurt mit seiner Frau Irina, die Frau mit Feuer im Arsch und der heimliche Star des Films.
Kurt mit seiner Frau Irina, die Frau mit Feuer im Arsch und der heimliche Star des Films.(Foto: Hannes Hubach X Verleih AG)

Das Buch, für das Kino adaptiert von der Drehbuchautoren-Legende Wolfgang Kohlhaase, hätte durchaus genug Stoff für einen großen TV-Mehrteiler gehabt - die Handlung erstreckt sich schließlich über fast ein ganzes Jahrhundert, über mehrere Generationen: von Wilhelm Powileit und seiner Frau Charlotte über seinen Sohn Kurt und dessen Frau Irina, deren Sohn Sascha bis hin zu Urenkel Markus, zum Zeitpunkt von Urgroßvaters 90. Geburtstag 10 Jahre alt. Und sie erstreckt sich über Kontinente - von Wilhelms und Charlottes Exil in Mexiko über die DDR bis zum sibirischen Lager, in dem Kurt (mit seinem Bruder Werner, der dort umkam) lange Jahre inhaftiert war. Doch einen Fernsehmehrteiler wollte Regisseur Matti Geschonneck nicht - er wollte die Geschichte unbedingt im Kino erzählen, in einem Stück. Er hat sich auch gegen Rückblenden und Zeitsprünge entschieden - im Gegensatz zum Buch ist der Film chronologisch erzählt.

"In Zeiten des abnehmenden Lichts" läuft ab 1. Juni 2017 in den deutschen Kinos.
"In Zeiten des abnehmenden Lichts" läuft ab 1. Juni 2017 in den deutschen Kinos.

Zudem spielt sich fast die gesamte Handlung in Wilhelms und Charlottes Haus und der unmittelbaren Umgebung ab. Die kammerspielartige Situation bietet der großartigen Schauspielerriege denn auch eine perfekte Bühne, um ihr ganzes Können zu entfalten. Angefangen bei Superstar Bruno Ganz - der 76-jährige Schweizer ist genau der Richtige für die Rolle als alter, starrköpfiger Zausel, der einem trotzdem sympathisch ist; der unverbesserliche Linientreue, der Stalinist, der so grantig ist zu Frau und Stiefsohn, aber seiner rundlichen Haushälterin einen Hunderter ins Dekolleté steckt und der Pionierchorleiterin einen in die FDJ-Bluse - "für Eis".

Film der starken Frauen

Auch Hildegard Schmahl als seine Frau Charlotte - wunderbar in all ihren Facetten als verbitterte, aber doch sich treu kümmernde Ehefrau, als elegante Dame, die "das proletarische Du" mit ihrer Haushälterin missbilligt und versucht, Haus und Familie zusammenzuhalten. Unbedingt hervorzuheben: Sylvester Groth, der die tragische Gestalt Kurt mit großer Würde spielt - von Stiefvater Wilhelm verachtet wegen seines angeblichen Duckmäusertums beim "Holzfällen" in Sibirien (in grausamer Lagerhaft, in der sein Bruder umkam), mit seiner Frau Irina liebevoll verbunden, aber dennoch betrügt er sie mit ihrer "Freundin" Vera (Inka Friedrich). Ach, und Irina! Die Frau, leidenschaftlich, laut Wladimir Wyssozki hörend, dem Alkohol sehr zugetan, hat Feuer im Arsch, mischt die Familie richtig auf und ist der heimliche Star des Films. Evgenia Dodina, zur Kinopremiere im Berliner "International" am 28. Mai (die trotz des sommerlich heißen Wetters sehr gut besucht war) extra aus Tel Aviv angereist, bekam so auch besonders brausenden Beifall und begeisterte Pfiffe des Publikums.

Ihre Mutter Nadjeschda Iwanowna (Nina Antonowa) hingegen, die mit im Haus wohnt, bringt die Herzen der Zuschauer zum Schmelzen und alle zum Lachen mit ihren allgegenwärtigen Gurkengläsern und ihrem in die quälende Stille hinein angestimmten Lied "Wot kak" (von den Zuhörern freudig missverstanden als "Wodka"). Trotz der Hauptfiguren Wilhelm und Kurt ist "In Zeiten des abnehmenden Lichts" also durchaus ein Film der starken Frauen.

Und ein politischer Film, der große geschichtliche Ereignisse auf die familiäre Ebene holt. Er schafft zudem den Spagat zwischen der Kritik an den sozialistischen Hardlinern und dem Verständnis für die hehren Ideen, für die sie einst kämpften, unter großen persönlichen Opfern, in der Verbannung, im Exil, und die dann so scheiterten. Berührend, spannend, sehr sehenswert.

"In Zeiten des abnehmenden Lichts" hatte Weltpremiere bei der Berlinale im Februar und startet am 1. Juni 2017 in den deutschen Kinos.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen