Unterhaltung

Rock mit Jahrhundertbotschaft : Jethro Tulls "Thick As A Brick"

von Manfred Bleskin

Ian Anderson ist neben Mike Oldfield der wohl einzige, der sich an ein Nachfolgealbum zu einem früher erschienenen Album herangewagt hat. "TAAB 2 - Thick As A Brick 2" ist ein Meisterwerk aus Folk, Jazz und Rock, voller Ironie. Und mit einer Jahrhundertbotschaft.

Jethro Tull geht mit der Zeit.
Jethro Tull geht mit der Zeit.

Er hat immer noch ein aus der Mode gekommenes Jeanshemd an, die Haare sind lichter geworden, aber, wie damals vor nunmehr dreizehn Jahren, bei unserem ersten Treffen, sprühen Ian Andersons Augen jenen unnachahmlichen britischen Humor wider, wie man ihn sonst nur bei Peter Sellers oder der Monty-Python-Truppe findet. Da sitzt es nun, bescheiden, wach, gespannt, eines der Genies des Rock and Roll, trinkt seinen Darjeeling und soll die Frage beantworten, warum es ausgerechnet das Album "Thick As Brick" mit einem zweiten Teil bedacht hat. Nach 40 Jahren.

Warum nicht "Aqualung", das Vorgängeralbum, zum Bespiel, doch auch ein Meilenstein? Er wäre über die Jahre immer wieder von Fans und Plattenfirmen gefragt, worden, ob er denn nicht eine Fortsetzung von "Aqualung" oder "Thick As A Brick" veröffentlichen wolle. Er habe sich dann für das letztere Album entschieden. Die Kunst bestehe darin, keine Fortsetzung zu verfassen, in der beschrieben wird, was als nächstes passiert, sondern was aus der damaligen Sicht 40 Jahre später hätte passieren können. So sei ein Album entstanden, das die Veränderungen in unserer Welt seit 1972 beschreibt. Er spreche, erklärt Ian, durch die Kunstfigur Gerald Bostock, der als Junge bereits auf dem ersten Teil ein schweres Schicksal hatte, gegen Investmentbanker, gegen habgierige Menschen, denen es nichts ausmache, mit dem Geld anderer Leute zu spielen.

Mann der Mitte

Nein, eine politische Platte sei "Thick As A Brick 2" deshalb nicht. Aber sie bringe einen politischen Standpunkt zum Ausdruck, den viele teilten. Ob denn die Welt schlechter geworden sei, will ich wissen. Ja, schon, wir leben in einer selbstsüchtigen Welt. "Ich bin kein Linker", entfährt es Ian Anderson dann, "eher ein Mann der Mitte". Aber es sei nicht fair, dass einige Wenige Superreichtum anhäuften, während andere darben müssten. Hey, denke ich bei mir, bei unserem Treffen vor dreizehn Jahren hat er den Kapitalismus noch gelobt.

n-tv Reporter Manfred Bleskin spricht mit Ian Anderson von Jethro Tull.
n-tv Reporter Manfred Bleskin spricht mit Ian Anderson von Jethro Tull.

Immer wieder nippt der Mann, der dereinst die Querflöte in die Rockmusik eingeführt hatte, an seinem Tee. Er ist ruhiger geworden über die Jahre, "distinguished", "very British". Ja, er betrachte sich auch als Briten, meint der in Schottland Geborene. Und wie steht er zum Streben nach Unabhängigkeit Schottlands? Mehr Vollmachten für die Regionalregierung, mehr Dezentralisierung, das wäre okay. Aber keine Lostrennung vom Vereinigten Königreich.

Kontinuität in der Musik

Gerald Bostock, der Held der Geschichte, ist im zweiten Teil Aktivist der Labourparty, der seinen Wahlkreis verloren hat - komme ich wieder zum neuen Oeuvre zurück. Eine politische Botschaft sei das nicht. Er benutze diese fiktive Figur, um zu zeigen, was ihm und mir und anderen passieren im Leben könne. Das Leben sei eine komische Mischung aus selbstgetroffenen Entscheidungen und Zufällen. Anderson, der Philosoph? Nein, er sei ein Lyriker, der andere Menschen beobachte. "TAAB 2" enthalte wie der erste Teil, Folkelemente, Jazzpassagen, Hardrock-Einsprengsel, die Musik sei genauso arrangiert wie dereinst. Das soll Kontinuität zeigen. Ja, Jethro Tull werde in Deutschland als Folkrockband wahrgenommen, die Musik mit der Hand macht und zum Mystischen tendiert. "Ihr Deutschen liebt das, für Euch sind wir eine Art musikalischer 'Herr der Ringe'".

Trotzdem will Anderson mit der Zeit gehen. In den frühen Neunzigern war Jethro Tull eine der ersten Rockgruppen mit eigener Website. Die Zeitung "St Cleve's Chronicle", die 1972 der Platte "Thick As A Brick" beilag, ist derweil zu "StCleve.com" mutiert. Das Internet, sinniert Master Ian, ist schon eine feine Sache. Es stimme: Früher haben die Menschen Zeitung gelesen, sich an einem Sommerabend übern Gartenzaun ausgetauscht und sonntags nach dem Kirchgang miteinander gesprochen. Heute geht's fast nur noch übers Internet. "Aber besser, man kommuniziert übers Netz als gar nicht". Und dann gibt es da noch solche Typen, die uns diese Jahrhundertbotschaft über so wundervolle Musik vermitteln. Der Tee ist inzwischen kalt geworden. Aber die Botschaft ist brandheiß.

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Quelle: n-tv.de

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