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Pop-Diva Nummer 1: Lady Gaga.
Pop-Diva Nummer 1: Lady Gaga.(Foto: Nick Knight / Universal Music)

Zwischen Ladykracher und Rohrkrepierer: Lady Gaga: Born This Way

von Volker Probst

Es ist ein bisschen wie mit der wahrscheinlich längsten Praline der Welt: Lady Gagas zweites Album "Born This Way" ist die wahrscheinlich wichtigste Pop-CD des Jahres. Während sich die Praline bei näherem Hinsehen als simpler Schoko-Riegel entpuppt, ist das Album ein nicht minder simples Sound-Gebräu. Dumm nur, dass trotzdem beides irgendwie schmeckt.

Scheiße. Ja, ja, das darf man natürlich eigentlich nicht sagen. Und schon gar nicht sollte man einen Artikel bei einem seriösen Nachrichtenportal wie n-tv.de mit diesem Wort beginnen. Aber - ob Sie es glauben oder nicht - in diesem Fall geht das in Ordnung. Warum? Na, weil genau so, also "Scheiße", Lied Nummer 7 auf Lady Gagas neuem Album "Born This Way" heißt. Und der Text geht so: "I don't speak German but I can if you like: Ich schleiban austa be clair es kumpent madre monstère, aus-be aus-can be flaugen fräulein uske-be clair. (…) Scheiße Scheiße be mine."

O.k., für den Bruchteil einer Sekunde fragen wir uns vielleicht, ob wir womöglich die jüngste Rechtschreibreform verpasst haben. Doch wenn man des Deutschen auch nur halbwegs mächtig ist, fällt einem schnell wie Schuppen von den Augen, dass sich Frau Gaga hier einen bösen Schabernack erlaubt hat. Denn während wir über die Fantasiesprache durchaus schmunzeln können, versuchen in den USA wahrscheinlich gerade Tausende der von der Sängerin "Monsters" genannten und der Popprinzessin an den Lippen klebenden Fans verzweifelt mit Babel Fish herauszufinden, was ihnen ihr Idol in diesem Lied zu sagen hat.

Geschieht ihnen recht. Denn diesen vielen kleinen Monstern haben wir schließlich nicht zuletzt zu verdanken, dass wir vor einer kaum minder schweren Aufgabe stehen: eine Auseinandersetzung mit "Born This Way", die uns einerseits nicht in den Ruch bringt, selbst ein bisschen gaga zu sein, andererseits aber dem zweiten Werk der momentan erfolgreichsten Sängerin auf der Welt und des größten Pop-Phänomens unserer Zeit gerecht zu werden.

Augen zu und durch

Wenn wir eine Kritik verfassen, versuchen wir normalerweise Augen und Ohren zu schließen und nicht im Vorhinein zu linsen oder zu horchen, was andere zu dem Thema vielleicht schon geschrieben oder gesagt haben. Man möchte sich einfach nicht der Gefahr aussetzen, und sei es auch nur unterbewusst, den Gedankengang eines anderen aufzugreifen und womöglich abzukupfern. Deswegen sind Karl Theodor zu Guttenberg und Silvana Koch-Mehrin schließlich Polit-Promis a.D. und wir Redakteur bei n-tv.de. Aber wir müssen zugeben, dass wir in diesem Fall ausnahmsweise nicht widerstanden haben. Ganz und gar verwerflich auf der einen, ziemlich heilsam jedoch auf der anderen Seite. Denn siehe da: Mit unserem Zwiespalt bei der Bewertung von Lady Gagas neuem Streich sind wir nicht allein.

Optisch hui, musikalisch pfui?
Optisch hui, musikalisch pfui?(Foto: Mariano Vivanco / Universal Music)

"Dass das Erscheinen dieses Albums das große popkulturelle Moment des Jahres ist, dürfte im Ernst niemand bestreiten", meint etwa der Spiegel, muss sich bei der Einordnung der ersten Single-Auskopplungen "Born This Way", "Judas" und "The Edge Of Glory" aber auch winden: "Sie als Kritiker gut oder schlecht zu finden, ist ein bisschen wie das Wetter gut oder schlecht finden. Sie sind einfach da (…)." Die Süddeutsche thematisiert das Wechselbad der Gefühle, das man bei der Sängerin hat, schon im Vorspann der Album-Kritik: "Lady Gaga ist ein Gesamtkunstwerk, alles an ihrer Performance erscheint überlegt und clever. (…) Warum nur klingt ihre Musik so uninspiriert?" Und die Welt entgeht der Gaga-Zwickmühle bei der Einzelbesprechung der Songs auf "Born This Way" mit Ironie - etwa bei "Scheiße": "Die Kernzeile lautet: 'Scheiße be mine', was übersetzt heißt: Scheiße, sei mein. Ja, warum eigentlich nicht?" (Ganz ehrlich: Wenn es unser journalistischer Ethos nicht verbieten würde, hätten wir diese Textpassage gerne geklaut.)

"Kirmestechno" versus Hit-Gebräu

Bei der Bewertung der Musik der 25-Jährigen sind sich eigentlich ebenso alle einig: "Kirmestechno" ist ein beliebter Begriff, um die Klangwelten, in denen sich die Sängerin bewegt, zu umschreiben. Da wollen wir natürlich grundsätzlich nicht ausscheren, wenngleich man diesem Schlagwort mit per se negativer Konnotation natürlich auch eine positive Beschreibung entgegensetzen könnte: Kaum ein Popstar versteht es in diesen Tagen besser, aus relativ simplen Techno-Elementen, Elektro-Beats, Rock-Anleihen und schon beinahe schlagerhaften Refrains ein vergleichbares Hit-Gebräu anzurühren. In den USA lautet die Bilanz der Lady dementsprechend Ten out of Ten - sämtliche zehn Singles, die sie bislang veröffentlicht hat, enterten dort die Top Ten. In anderen Staaten wie Deutschland und Großbritannien sieht es unterm Strich nicht viel schlechter aus. Und man darf wohl mit Fug und Recht annehmen, dass sich unter den mehr als zwölf Millionen Menschen, die ihr Debütalbum "Fame" gekauft haben, nicht nur Autoscooter-Schubser befinden.

Provokation ist Programm.
Provokation ist Programm.(Foto: Nick Knight / Universal Music)

Lady Gaga - oder vielmehr das gesamte Team um sie herum, denn natürlich wäre es bei einer wie ihr naiv, von einer One-Woman-Show auszugehen - gibt dabei inzwischen den Takt vor, nach dem derzeit scheinbar noch so etablierte Popstars tanzen. Sei es das jüngste Album von Britney Spears oder das von Rihanna - bei beiden trieft der Gaga-Sound aus allen Ritzen.

Zu allem Überfluss kommt hinzu, dass es die 25-Jährige nur allzu gut versteht, Aufmerksamkeit zu heischen und alle gängigen Register von Provokation zu ziehen. Oder sagen wir es so: Von dem, was bei bestimmten Gruppen gezielt als Provokation ankommt. Jüngstes Beispiel ist natürlich ihr Song "Judas". Mag der Text - "Woah woah woah woah woah, I'm in love with Juda-as, Juda-as, Judas, Juda-ah-as" - auch noch so banal sein, irgendwelche Klatschkolumnisten oder religiöse Fundamentalistengruppen finden sich bestimmt, die das Ganze zum Skandal aufbauschen. Und das im Jahr 2011, in dem manche Metal- oder Gothic-Bands in Plattenillustrationen und Songtexten längst alle Tabus gebrochen haben, von denen Frau Gaga wahrscheinlich noch nicht einmal zu träumen wagt. Im Gegensatz zu diesen würde die Sängerin natürlich auch nie bewusste Blasphemie einräumen, sondern faselt zur Erklärung irgendetwas von "Pop Art", "Metaphern" oder einem "Popsong über Gott". Aber die Schlagzeilen sind ihr gewiss.

Der Rhythmus, bei dem man mitmuss

Es ist diese Mixtur aus Elementen, die für sich genommen alle schon mal da waren, von Lady Gaga aber so auf die Spitze getrieben und auf das Pop-Genre umgemünzt werden, dass es sie in diesem Business derzeit einzigartig macht. Womit wir zurück bei ihrer Musik und ihrem neuen Album "Born This Way" wären. Man kann versuchen, sich mit Händen und Füßen zu wehren und seine gesammelten Rilke-Gedichtbände wie Knoblauch, Kruzifix und Weihwasser zur Abwehr von sich strecken - trotzdem ist es nahezu unmöglich, sich dem Gaga-Vibe komplett zu entziehen und von ihrem Song-Gebräu nicht zumindest beschwipst zu werden. So befinden sich auf dem Album neben den drei bereits veröffentlichten Singles mit "Marry The Night", "Americano" und "Heavy Metal Lover" noch drei weitere Songs mit spontanem Gassenhauer-Potenzial. Mindestens. Denn wir möchten echt nicht ausschließen, dass sich auch die übrigen Lieder der CD bei einem der nächsten Durchläufe so in unserem Ohr verfangen, dass wir sie selbst dann nicht mehr da rauskriegen, wenn wir mit Rilke draufschlagen.

Das Album "Born This Way" ist ab sofort im Handel.
Das Album "Born This Way" ist ab sofort im Handel.(Foto: Universal Music)

Die Gefahr, früher oder später vielleicht doch vom Thron der Popprinzessin gestoßen zu werden, lauert eigentlich nur in Lady Gaga selbst. Denn ihr bislang außerordentliches Hit-Gespür, ihre perfekte Selbstinszenierung und ihr gigantischer Turbo-Erfolg haben auch eins bewirkt: Die Latte, an der sie gemessen wird, liegt ungeheuer hoch. Madonna begründete ihre Jahrzehnte währende Karriere nicht zuletzt damit, dass sie sich kontinuierlich über diesen Zeitraum hinweg neu erfunden hat. Lady Gaga indes schlüpfte in knapp drei Jahren schon aus dem Ei, hüllte sich in Fleischlappen und fackelte ihr Piano auf der Bühne ab. Sich selbst zu toppen wird da irgendwann verdammt schwer. Musikalisch indes ist es eher anders herum: Zwar versprüht "Born This Way" den gleichen verfluchten Rhythmus, bei dem man einfach mitmuss, wie "Fame", zugleich jedoch zeigt das Album keinerlei Weiterentwicklung auf. Und so sehr einen dieser Sound derzeit auch unfreiwillig gefangen nehmen mag, besteht, wenn es so bleibt, spätestens bei der nächsten Veröffentlichung der Sängerin Hoffnung, sich davon befreien zu können. Dann, aber erst dann, wird aus dem Ladykracher womöglich doch noch ein Rohrkrepierer.

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Quelle: n-tv.de

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