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Nicht nur ihr Regisseur findet lobende Worte für sie: Lea van Acken als "Anne Frank".
Nicht nur ihr Regisseur findet lobende Worte für sie: Lea van Acken als "Anne Frank".(Foto: Zeitsprung Pictures, AVE & Universal Pictures Productions)

"Mit Weinen hatte ich kein Problem": Lea van Acken ist "Anne Frank"

Sie ist gerade mal 17 - und doch schon ganz groß. In der Verfilmung von "Das Tagebuch der Anne Frank" glänzt Lea van Acken in der Titelrolle. Im n-tv.de Interview spricht sie über Tränen beim Dreh, ihr persönliches Tagebuch und die Sache mit dem Abi.

n-tv.de: Hans Steinbichler hat gesagt, ohne dich wäre der Film nicht möglich gewesen. Ein größeres Kompliment kann einem ein Regisseur eigentlich nicht machen, oder?

Lea van Acken: Das stimmt. Noch dazu ein Regisseur, den ich so schätze und mit dem die Zusammenarbeit so toll war. Ich bin unglaublich dankbar dafür, dass Hans mich gefunden hat - in dem Jahr, in dem ich genau im richtigen Alter für den Film war.

Du bist gerade erst 17 geworden - und "Das Tagebuch der Anne Frank" ist dein zweiter großer Kinofilm. Wie bist du eigentlich zur Schauspielerei gekommen?

Ich habe schon immer sehr gerne Filme geschaut. 2011 habe ich dann mit 12 bei den Karl-May-Festspielen in Bad Segeberg eine kleine Komparsenrolle gespielt. Ich hatte Lust darauf. Und so ein Theater mit Pferden - das fand ich einfach cool. Während ich da so rumgehopst bin, habe ich gemerkt: "Wow, das macht mir echt Spaß. Und vielleicht liegt mir das auch." Dann habe ich mir eine Agentur gesucht, die mich seither an Castings vermittelt.

Du hast aber keinerlei schauspielerische Ausbildung …

Nee, nichts. (lacht)

Wie kriegst du das mit deinem sonstigen Leben geregelt? Du gehst doch bestimmt noch zur Schule …

Ja, ich bin jetzt in der elften Klasse und mache Abitur. "Anne Frank" haben wir zwei Monate komplett in der Schulzeit gedreht. Das heißt, ich habe zwei Monate gefehlt. Ich bin mal gespannt, wie das die nächsten zwei Jahre noch laufen wird. Oberstufe ist natürlich schon nochmal ein anderer Schlag. Da merkt man jeden Fehltag.

Wie bist du denn in der Schule?

Eigentlich gut - zum Glück. Ich mache auch immer meine Hausaufgaben, damit mir keiner was ans Bein binden und ich sagen kann: "Ich war zwar nicht da, aber ich habe die Hausaufgaben." Ich versuche also schon, alles zu tun, um beides zu schaffen.

Schon in Deinem Debütfilm "Kreuzweg" ging es um ein ziemlich schweres Thema. Bist Du jetzt schon auf derart schwere Rollen abonniert?

Ihr Kinodebüt gab Lea van Acken 2014 in "Kreuzweg".
Ihr Kinodebüt gab Lea van Acken 2014 in "Kreuzweg".(Foto: picture alliance / dpa)

Das weiß ich nicht, das müsste man die deutsche Filmbranche fragen. (lacht) Aber es ist nicht so, dass ich jetzt die Nase von dramatischen Rollen voll hätte - überhaupt nicht! Ich glaube, dass dieses Tiefe und Abgründige der Menschen mich auch sehr reizt.

Keine Lust, zum Beispiel auch mal eine Komödie zu drehen?

Doch! Oder auch einen schönen Jugendfilm. Das Tolle als Schauspielerin ist ja, dass man alles ausprobieren kann, wenn einem die Möglichkeit dazu gegeben wird. Ich weiß ja nicht, wo es für mich als Schauspielerin hingehen wird. Aber ich hoffe natürlich, dass es funktioniert.

Kanntest du "Das Tagebuch der Anne Frank" schon vor dem Film?

Ich kannte den Namen Anne Frank - durch meine Familie, Erzählungen, die Nachrichten. Ich weiß noch, dass ein Junge aus meiner Klasse das Tagebuch sehr früh gelesen hatte und sehr ergriffen war. Ich selbst habe es aber tatsächlich erst vor dem Casting das erste Mal gelesen, um mir ein Bild von Anne und ihrer Geschichte zu machen.

Wie ging es dir dabei?

Ich hatte ganz unterschiedliche Gefühle. Es hat mich auf jeden Fall sehr bewegt, gerade auch mit Blick auf das Schicksal der acht Menschen im Hinterhaus. Aber es hat mich auch fasziniert - Anne hat mich fasziniert: ihre Selbstreflexion, ihre Beobachtungsgabe, wie sie geschrieben hat. Manchmal musste ich echt überlegen: Wie alt war sie nochmal? An anderen Stellen wiederum musste ich einfach nur herzhaft lachen, weil sie Dinge so humorvoll und unglaublich gut beschrieben hat.

Im Film musst du als Anne auch ein paar Mal weinen. Hast du, als du ihre Geschichte gelesen hast, auch ein paar Tränen verdrückt?

Auf jeden Fall. Es gab auch Momente, in denen ich das Tagebuch weglegen musste, weil es mich so tief berührt hat. In manchen Momenten kann man das vertragen. Aber manchmal muss man da auch raus.

Wie hast du dich sonst auf die Rolle vorbereitet?

Schauspielausbildung? Ach was!
Schauspielausbildung? Ach was!(Foto: imago/Seeliger)

Als ich die Rolle bekommen habe, hatte ich Respekt davor, das Tagebuch noch einmal zu lesen. Ich dachte, ich schaffe das nicht. Deshalb habe ich angefangen, Anne Briefe zu schreiben - über meine Schule, meine Familie, darüber, was mich bewegt und berührt. So habe ich eine Art Verhältnis zu ihr hergestellt. Und so konnte ich das Tagebuch wieder lesen und jeden Gedanken und jedes Wort studieren.

Und sonst?

Sonst habe ich versucht, alles, was man über Anne bekommen kann, einzusaugen. Ich war mit meiner Familie im Hinterhaus in Amsterdam und in Bergen-Belsen, wo Anne gestorben ist. Ich habe viele Gespräche geführt und mir so Anne und ihr Leben damals Stück für Stück erschlossen.

Wie funktioniert das eigentlich mit dem Weinen im Film bei dir? Kannst du das auf Knopfdruck?

Ich war bei dem ganzen Dreh auf einem totalen emotionalen Hoch beziehungsweise Tief. Ich war also sehr dünnhäutig. Ich hatte eine so extreme Verbindung zu den Mitschauspielern beziehungsweise Hans, dass er mir manchmal nur einen Blick zuwerfen musste, um mir das ganze Leid der Szene zu zeigen - so kitschig das jetzt klingt. Da sind dann alle Dämme gebrochen. Ich hatte manchmal eher das Problem, da wieder rauszukommen und nicht zu hyperventilieren. Mit dem Weinen hatte ich in diesem Film wirklich kein Problem. (lacht)

Je jünger man ist, umso entfernter ist man natürlich rein zeitlich vom Nationalsozialismus. Trotzdem sind die rund 70 Jahre, die das jetzt her ist, ja eigentlich keine lange Zeit. Wie nah oder fern kommt dir das vor?

Ihren Vater Otto Frank verkörpert im Film Ulrich Noethen.
Ihren Vater Otto Frank verkörpert im Film Ulrich Noethen.(Foto: Zeitsprung Pictures, AVE & Universal Pictures Productions)

Wir haben in der Schule darüber geredet, ich habe mit meiner Familie gesprochen und auch meine Oma und mein Opa haben mir teilweise etwas über den Krieg erzählt. Aber persönlich fühle ich mich mit der Zeit des Zweiten Weltkriegs natürlich gar nicht mehr verbunden. Für mich wirkte die damalige Zeit immer so unglaublich schrecklich, dass, obwohl ich natürlich wusste, dass es den Holocaust gab, ich mir diese Zeit nur schwer vorstellen konnte. Durch Anne und die intensive Auseinandersetzung habe ich überhaupt erst einen Bezug zu der damaligen Zeit bekommen. Ich glaube, jede Generation muss ihren ganz eigenen Bezug finden.

Rein optisch hast du ja durchaus eine gewisse Ähnlichkeit mit Anne Frank. Würdest du auch vom Charakter Parallelen zu ihr ziehen?

Ich habe darauf natürlich keinen objektiven Blick. Aber ich könnte mir zum Beispiel gut vorstellen, dass Anne und ich gemeinsam im Bus sitzen, Menschen beobachten und uns über sie unterhalten. Ich bin auch jemand, der sehr selbstreflektierend ist, viel hinterfragt und über sich nachdenkt. Da hat mich Anne auf jeden Fall inspiriert. 

Schreibst du Tagebuch?

Ja.

Echt? Ich dachte, in deiner Generation sei eher Facebook so etwas wie ein Tagebuch …

Ich schreibe sogar mit Füller Tagebuch! Ich wollte das immer machen, konnte mich aber nie aufraffen - keine Zeit, keine Lust. Zu den Castings habe ich mir dann gedacht: "Okay, jetzt schreibe ich mal. Das ist auch irgendwie eine Art von Vorbereitung." Dann habe ich erst einmal alles über "Kreuzweg", die Berlinale und die Sachen, die ich darüber noch wusste, aufgeschrieben. Ich wollte etwas haben, mit dem ich mich mal zurückerinnern kann - so wie Fotos. Aber es ist auch gut, um Gefühle und Gedanken zu ordnen. Ich setze mich gerne einfach mal ans Fenster, gucke raus und denke über Dinge nach.

Am "Tagebuch der Anne Frank" gibt es zwei Facetten: zum einen die geschichtliche Facette des Schicksals von Anne und ihrer Mitbewohner im Hinterhaus, zum anderen die ganz persönlich-menschlichen Erfahrungen eines Mädchens wie Anne in der Pubertät. Was hat dich mehr gefordert?

Noch zwei Jahre - dann hat Lea van Acken ihr Abitur.
Noch zwei Jahre - dann hat Lea van Acken ihr Abitur.(Foto: imago/Future Image)

Der Film zeigt sehr stark Anne - einfach nur das Mädchen Anne. Das macht ihn, glaube ich, auch so greifbar und umso dramatischer. Der Zuschauer kann Anne beim Wachsen zuschauen und dabei, wie sie ihr Leben leben will und nicht kann, wie sie eingesperrt ist und schließlich ermordet wird. Erst da kommt eigentlich die Geschichte ins Spiel und die Frage: Warum? Warum wird sie ermordet? Ich fand es wichtig, dass wir Anne als Mädchen dargestellt haben, auf eine persönliche und intime Art, wie man sie nur aus dem Tagebuch kennt.

Lustigerweise lief just im vergangenen Jahr unter dem Titel "Meine Tochter Anna Frank" auch im Fernsehen ein neues Doku-Drama zum gleichen Thema. Darin spielte Mala Emde die Anne. Habt ihr euch mal kennengelernt?

Ja! Wir haben uns letztes Jahr beim "New Faces Award", bei dem sie nominiert war, getroffen. Und dieses Jahr auch beim Filmball. Marla ist total lieb. Wir haben auch gar nicht so viel über Anne gesprochen. Wir haben einfach beide unsere Anne gespielt - da gibt es überhaupt keine Konkurrenz oder dergleichen. Wir finden uns als Mala und Lea total sympathisch. Und das ist, was zählt.

Welche Lehren sollten deiner Meinung nach aus der Geschichte von Anne Frank gezogen werden?

Für mich zeigt Annes Geschichte gut, wohin dumpfe Fremdenfeindlichkeit und Rassismus führen. Aber ich finde, dass unser Film das einem nicht plump vorsetzt: "Hier: Nationalsozialismus, Betroffenheit, alles schrecklich." Die Geschichte dieses Mädchens macht das viel greifbarer und lässt einen viel mehr nachdenken. Ich habe zum Beispiel darüber nachgedacht, wie selbstverständlich es für mich ist, ins Kino zu gehen. Oder die Tür zu knallen und einfach rauszugehen. Das war es für Anne überhaupt nicht. Es ist wichtig, dafür sensibilisiert zu werden. Auf heute übertragen, zeigt das, wie wichtig Zivilcourage ist.

Fragen wie Flucht, Verfolgung, Vertreibung sind ja leider auch heute wieder ganz aktuell. Hast du das Gefühl, dass die Menschen diese Lehren aus der Geschichte auch wirklich ziehen?

Teils, teils. Ich finde: Was Deutschland ausmacht, sind die Menschen, die helfen wollen. Für mich machen sie viel mehr aus als die Spinner am Rand.

Mit Lea van Acken sprach Volker Probst

"Das Tagebuch der Anne Frank" läuft ab sofort in den deutschen Kinos

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Quelle: n-tv.de

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