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Pi harrt auf einem behelfsmäßigen Floß aus - der Tiger ist zu bedrohlich.
Pi harrt auf einem behelfsmäßigen Floß aus - der Tiger ist zu bedrohlich.(Foto: 2012 Twentieth Century Fox)

Richard Parker küsst man nicht: "Life of Pi" ist ein Meisterwerk

Von Markus Lippold

Ein Mensch und ein Tiger sitzen in einem Rettungsboot, mitten im Pazifik. Klingt nicht nach einem spannenden Film? Ist es aber! Ang Lees Literaturverfilmung "Life of Pi" ist ein berauschendes Fest für die Sinne, das die 3D-Technik zu neuen Höhen führt. Und "es geht um den Glauben", sagt Lee im Gespräch mit n-tv.de.

Ungünstige Situation: Bei einem verheerenden Schiffbruch verliert Pi seine Eltern und seinen Bruder. Er selbst entrinnt nur knapp dem Tode und erreicht mit Müh und Not ein Rettungsboot. Doch er ist nicht allein: Auch ein Zebra mit einem gebrochenen Bein, ein Orang-Utan, eine Ratte und eine Hyäne befinden sich an Bord. Denn auf dem Schiff befand sich der Zoo, mit dem Pis Eltern von Indien nach Amerika übersiedeln wollten.

So schön sich der Ozean manchmal auch zeigt - Pi kämpft ums Überleben.
So schön sich der Ozean manchmal auch zeigt - Pi kämpft ums Überleben.(Foto: 2012 Twentieth Century Fox)

Zu allem Überfluss gesellt sich auch noch Richard Parker zu der kleinen Besatzung. Doch der ist nicht etwa ein Mensch, nein: Es handelt sich um einen ausgewachsenen Bengalischen Tiger. Es dauert nicht lange und der 16-jährige Pi und der Tiger sind allein in dem kleinen Boot, mitten auf dem Pazifischen Ozean. Es beginnt ein doppelter Kampf ums Überleben.

"Es geht um den Glauben"

Ein Mann, ein Tiger, der Ozean: Das klingt nicht gerade nach einer Geschichte, die im Kino über zwei Stunden trägt. Und selbst Ang Lee, der Regisseur von "Life of Pi", war anfangs skeptisch, wie er im Gespräch mit n-tv.de erklärt. "Es ist ein großartiges, inspirierendes Buch", sagte Lee über die literarische Vorlage, den Bestseller "Schiffbruch mit Tiger" von Yann Martel. "Aber als ich es las und mit meiner Frau und meinen Kindern darüber sprach, dachte ich trotz einiger filmreifer Momente nicht, dass man daraus einen Film machen könnte."

Was hat Gott mit ihm vor? Pi würde es gern wissen.
Was hat Gott mit ihm vor? Pi würde es gern wissen.(Foto: 2012 Twentieth Century Fox)

Die Entscheidung, den Film doch zu machen, hatte einen technischen Grund: "Letztlich haben die Möglichkeiten des 3D-Kinos meine Meinung verändert", so Lee. Die neue Technik hat für ihn das Potential, auch Stoffe umzusetzen, die bisher als unverfilmbar galten, wie das Buch von Martel. "Diese Vorstellung hat mich begeistert." Doch auch inhaltlich fand Lee einen Weg, den Stoff anzugehen: "Es geht um den Glauben. Es geht um etwas, dass nicht bewiesen werden kann, aber gleichzeitig die Essenz unserer Existenz ist. Ich mag diesen philosophischen Ansatz der Geschichte."

Pi ist in Glaubensfragen äußerst ambivalent. Bereits in Indien war der geborene Hindu zum Christentum konvertiert, ohne sich freilich vom Hinduismus loszusagen. Als dritte Religion kam später noch der Islam dazu. "Glauben ist ein Haus mit vielen Zimmern", sagt er ganz undogmatisch im Film. Nach dem Schiffbruch stößt Pi nun an die Grenzen seiner Existenz. Der Tiger wird zum Symbol für seine Ängste, und mehr noch: Die Reise wird zur Glaubensfrage, die in einem zerstörerischen Sturm gipfelt. Als er später seine unfassbare Geschichte erzählt, mag ihm freilich auch keiner glauben, also bietet er noch eine weitere, realistischer scheinende Version an. "Life of Pi" ist, wie Ang Lee sagt, eben auch ein Film über das Geschichtenerzählen selbst. Ein Stück über die Suche nach der Wahrheit, möchte man anfügen.

Ein berauschendes Fest für die Augen

Der digital erzeugte Tiger ist so lebensecht, dass man nicht sagen kann, ob das Bild einen Spezialeffekt zeigt oder ein lebendiges Tier.
Der digital erzeugte Tiger ist so lebensecht, dass man nicht sagen kann, ob das Bild einen Spezialeffekt zeigt oder ein lebendiges Tier.(Foto: 2012 Twentieth Century Fox)

Doch dies ist nur der eine Aspekt, denn der Streifen ist auch ein fabelhafter Abenteuerfilm. "Hochdramatisch" findet Lee die Reise über den Ozean. Kein Wunder also, dass die Geschichte die Zuschauer trotz der einfachen Konstellation unweigerlich in ihren Bann zieht. Das liegt natürlich auch an den überwältigenden Bildern. Mal strahlt der nächtliche Ozean wegen vorbeiziehender Quallen, mal erhebt sich ein riesiger Wal neben dem Boot aus dem Wasser und der Schiffsuntergang strotzt nur so vor krachender Action. Es ist geradezu ein berauschendes Fest für die Augen, das sich da auf der Kinoleinwand abspielt.

Die 3D-Effekte verstärken dies noch. Der Regisseur missbraucht die Technik nicht als bloßen Spezialeffekt wie viele andere Filme. Natürlich, hier und da gibt es auch Spielereien: Etwa wenn gleich zu Beginn ein Kolibri in den Zuschauerraum zu fliegen scheint. Doch die eigentliche Leistung beginnt, wenn Pi und der Tiger allein im Boot sitzen, um sich nichts als Wasser. Irgendwann nimmt man die 3D-Effekte kaum noch wahr, gerade weil Lee etwa in Dialogszenen die Technik sehr subtil einsetzt. Doch durch das Hintertürchen erlangen die Figuren dadurch eine ungeheure Plastizität.

Ang Lee mit seinem Hauptdarsteller Suraj Sharma.
Ang Lee mit seinem Hauptdarsteller Suraj Sharma.(Foto: 2012 Twentieth Century Fox)

Auch die Distanz zwischen Pi und dem Tiger wird durch die dritte Dimension unterstützt. So umkreisen sich die beiden Hauptfiguren auf ihrem Weg über den Ozean. Die dürftige Notration ist bald aufgebraucht, das Wasser wird knapp und die Sonne scheint ohne Erbarmen. Fliegende Fische sind nur eine kurze Abwechslung auf dem Speiseplan, der Tiger verlangt nach mehr. Pi setzt sich auf ein notdürftiges Floß, das er über an Seil ans Boot kettet, um nicht vom Tiger gefressen zu werden. Nur langsam kann er sich einen Teil des Bootes zurückerobern. Gerade rechtzeitig bevor der mächtige Sturm aufkommt.

Reise zwischen den Kulturen

Langsam bewegt sich das Boot im Verlauf des Films von Ost nach West. Das erinnert Ang Lee an sein eigenes Leben, schließlich hat er auch in verschiedenen Kulturkreisen gearbeitet: In seiner Heimat Taiwan feierte er mit "Eat Drink Man Woman", in Hollywood mit "Brokeback Mountain" (wofür er den Regie-Oscar bekam) und "Tiger and Dragon" große Erfolge. "Wenn ich durch verschiedene Kulturen gehe, habe ich auch das Gefühl zu treiben, nicht fest verwurzelt in einer bestimmten Kultur zu sein", sagt er. Wobei er hofft, dass diese Reise noch nicht beendet ist.

Begonnen hat diese Reise gerade erst für Hauptdarsteller Suraj Sharma. Vor den Dreharbeiten hatte der Inder noch nie den Ozean gesehen, er konnte auch nicht schwimmen. Und doch zeigt er in seinem allerersten Film eine starke Präsenz. Dies ist vor allem bemerkenswert, weil sein Gegenüber eigentlich nicht da war: Der Tiger entstand fast vollständig am Computer, wirkt aber trotzdem so unfassbar realistisch, dass man vor den Programmierern nur den Hut ziehen kann. Immerhin: Ab und zu sprang Regisseur Lee als "Tiger" ins Boot und half Sharma so, sich seinen Partner vorzustellen.

Die jahrelange Vorbereitung des Großprojekts, die umfangreichen Spezialeffekte haben sich ausgezahlt: Ang Lee gelingt mit "Life of Pi" ein visuelles Meisterwerk, dessen atemberaubende Bilder lange im Gedächtnis bleiben. Der Film wird vermutlich auch viele bisher skeptische Zuschauer von den Möglichkeiten und der Kraft des 3D-Kinos überzeugen. Obwohl der Film fast zum Kammerspiel von Mann, Tiger und Ozean wird, langweilt er nie. Was auf den ersten Blick eine abenteuerliche Reise ist, stellt auf den zweiten Blick Fragen nach der menschlichen Existenz und ihren Grundbedürfnissen, ihrem Glauben. "Life if Pi" ist ein Ozean, der an der Oberfläche prächtig glitzert, aber tief nach unten geht.

"Life of Pi" startet am 26. Dezember in den deutschen Kinos.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

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