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Ein Leben für das Kino: Martin Scorsese wird 70.
Ein Leben für das Kino: Martin Scorsese wird 70.(Foto: dapd)

Martin Scorsese wird 70: Der Mann, der nicht stillsteht

Von Markus Lippold

Schwarz wie die Nacht und rot wie Blut sind Martin Scorseses Filme. Mafia und Gewalt, Obsession und Erlösung sind seine Themen: von "Taxi Driver" über "Wie ein wilder Stier" bis zu "Gangs of New York". Nun wird der große Regisseur, der Chronist der USA, 70 Jahre alt. Und er ist aktiver als je zuvor - was selbst Siri zu spüren bekommt.

Man kann sich eigentlich nicht vorstellen, dass Martin Scorsese an diesem Samstag seinen 70. Geburtstag feiert. Er wird einfach keine Zeit haben. Denn in den letzten Jahren, spätestens seit dem Gewinn des Regie-Oscars 2007, ist der US-Regisseur ein Hansdampf in allen Gassen. Das hat er nicht zuletzt in einem witzigen Werbespot für Apples iPhone bewiesen, in dem er wortreich mit Siri seinen Terminplan durchgeht.

Mittlerweile sieht man Scorsese öfter mal Lachen.
Mittlerweile sieht man Scorsese öfter mal Lachen.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Und tatsächlich ist Scorsese trotz seiner 70 Jahre einer der umtriebigsten Männer Hollywoods: Er dreht einen Film nach dem anderen, meist mit hochkarätiger Besetzung. In seiner Schublade scheinen immer mindestens eine Handvoll Projekte zu liegen, die nur darauf warten, realisiert zu werden. Zuletzt entdeckte er dann auch noch das Fernsehen für sich, als Regisseur und Produzent der Serie "Boardwalk Empire". Und nebenbei kümmert sich Scorsese mit der Film Foundation und der World Cinema Foundation leidenschaftlich um die Wiederherstellung klassischer Filme und fördert als Produzent die Werke seiner Kollegen.

Immer weiter, immer vorwärts

Dass er selbst mit Streifen wie "Taxi Driver", "Wie ein wilder Stier", "Good Fellas", "Gangs of New York" und "Departed" längst zum einflussreichen Klassiker geworden ist, scheint für ihn zweitrangig zu sein. Scorsese will immer weiter, immer vorwärts, immer neue Möglichkeiten ausloten wie zuletzt mit der Verwendung von 3D in "Hugo Cabret". Vielleicht liegt das an seiner Liebe zum Kino und dessen Geschichte, an seiner Leidenschaft für die Menschen vor und hinter den Kulissen.

Zu Zeiten von "Hexenkessel" wirkte er noch wesentlich nachdenklicher.
Zu Zeiten von "Hexenkessel" wirkte er noch wesentlich nachdenklicher.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Diese Leidenschaft wurde bereits in seiner Kindheit geweckt. Eine schwere Asthmaerkrankung zwang den Sohn zweier Textilarbeiter lange ins Krankenbett. Weil er keinen Sport treiben konnte, ging Martin Marcantonio Luciano Scorsese eben in die Kinos von Little Italy und sah dort nicht nur klassische Hollywood-Filme, sondern entdeckte auch seine Liebe zum italienischen Neorealismus und zur französischen Nouvelle Vague. Es sind Filme, die ihn tief prägen und um deren Restauration er sich heute bemüht. In zwei mehrteiligen Dokumentationen hat er sich zudem intensiv mit der Filmgeschichte der USA und Italiens beschäftigt.

Tief geprägt wird Scorsese jedoch auch vom katholischen Umfeld in Little Italy. Es ist ein Glück für die Filmwelt, dass er nach zwei Jahren seine Ausbildung zum Priester abbricht und sich doch noch für ein Filmstudium entscheidet. Nach dem Studium gelingt Scorsese 1973 mit "Hexenkessel" schnell ein Achtungserfolg. Seitdem gilt er als einer der bedeutendsten Regisseure jenes New Hollywood, das die Filmbranche aus den Angeln heben will. Drei Jahre später untermauert er dies mit "Taxi Driver" - er gewinnt die Goldene Palme von Cannes, der Film erhält vier Oscar-Nominierungen.

Schwarz wie die Nacht und rot wie Blut

"Wie ein wilder Stier": Achtmal steht De Niro für Scorsese vor der Kamera - ein neues Projekt ist in Planung.
"Wie ein wilder Stier": Achtmal steht De Niro für Scorsese vor der Kamera - ein neues Projekt ist in Planung.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Die Welt seiner frühen Filme ist düster und gewalttätig, schwarz wie die Nacht und rot wie Blut. Während Francis Ford Coppola in "Der Pate" die Hochglanz-Mafia feiert, George Lucas mit "Star Wars" das Science-Fiction-Genre revolutioniert und Steven Spielberg mit "Der weiße Hai" den ersten Blockbuster dreht, zeigt Scorsese die Kehrseite der USA, die Welt der Kleinkriminellen und Gescheiterten, der Antihelden. Mafia und Religion, Schuld und Erlösung sind die Themen, die Scorsese immer wieder aufgreift. Hinzu kommen stilistische Merkmale wie das sogenannte Scorsese-Rot, der geschickte Einsatz von Musik oder lange Kamerafahrten - legendär ist etwa die dreiminütige Einstellung aus "Good Fellas".

In "Taxi Driver" ist es der desillusionierte Vietnam-Veteran Travis Bickle (Robert De Niro), der den Abschaum von der Straße fegen will und sich in die obsessive Beschützerrolle für eine minderjährige Prostituierte hineinsteigert, bis er zur Waffe greift und die Gewalt eskaliert. "You talkin' to me?" - die Szene, in der Bickle zu seinem Spiegelbild spricht, ist berühmt geworden. Es ist eine angestaute Wut, die sich Bahn bricht. "Taxi Driver" macht Scorsese berühmt und De Niro zu einem der wichtigsten Schauspieler seiner Generation. Beide haben inzwischen acht Filme zusammen gedreht und gelten als eines der Traumpaare der Filmgeschichte. Doch auch mit Schauspielern wie Harvey Keitel, mit dem deutschen Kameramann Michael Ballhaus, dem Drehbuchautor Paul Schrader und der Cutterin Thelma Schoonmaker arbeitet Scorsese immer wieder zusammen. Selbst Scorseses Eltern spielen in etlichen Filmen Statistenrollen, er selbst hat auch immer wieder kleine Auftritte, etwa in "Taxi Driver".

Leonardo DiCaprio - hier in "Aviator" - ist der neue Lieblingsschauspieler Scorseses.
Leonardo DiCaprio - hier in "Aviator" - ist der neue Lieblingsschauspieler Scorseses.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

"Taxi Driver", der die Zerrissenheit der US-amerikanischen Gesellschaft einfängt, wird auch an den Kinokassen ein Erfolg. Der eher zurückhaltende Scorsese hält dem wachsenden Druck jedoch nur stand, indem er zu Drogen greift und sich in Affären flüchtet. Er wird selbst zum Getriebenen, der immer neue Ausdrucksweisen sucht - und den Erfolg. Doch die folgenden Jahre sind von Rückschlägen, Krisen und Depressionen geprägt, kleinere Erfolge und Flops wechseln sich permanent ab. "New York, New York", eine Hommage an klassische Hollywood-Musicals, floppt 1977 und Scorsese braucht lange, um sein Image als Kassengift abzulegen. Hinzu kommen vier gescheiterte Ehen, unter anderem mit der Schauspielerin Isabella Rossellini und der Produzentin Barbara De Fina.

Unermüdlicher Chronist der USA

Der Boxerfilm "Wie ein wilder Stier" über Aufstieg und Niedergang des Boxers Jake LaMotta gilt heute als Klassiker und bringt Scorsese die erste Nominierung für den Regie-Oscar ein, ist 1980 aber kein Erfolg an der Kinokasse. Die große Zeit von New Hollywood und Autorenfilmen ist vorbei, in den 80er Jahren übernehmen Blockbuster das Regiment. Immerhin gelingen Scorsese mit "Die Zeit nach Mitternacht", "Die Farbe des Geldes" und den von der Kirche heftig angegriffenen Streifen "Die letzte Versuchung Christi" kleine Erfolge. Zudem dreht er das Video zu Michael Jacksons "Bad".

Kleiner Mann ganz groß: Der 1,65 Meter große Scorsese erhält endlich seinen Regie-Oscar - aus den Händen der Weggefährten Coppola, Spielberg und Lucas.
Kleiner Mann ganz groß: Der 1,65 Meter große Scorsese erhält endlich seinen Regie-Oscar - aus den Händen der Weggefährten Coppola, Spielberg und Lucas.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Einen großen Erfolg feiert er erst wieder 1990 mit dem Mafiaepos "Good Fellas", mit dem Scorsese wieder in seine Themenwelt eintaucht. Seitdem untersucht er Gewalt und Obsessionen in all ihren Spielarten: sei es der gewalttätige Max Cady in "Kap der Angst", Kasinobesitzer Sam Rothstein in "Casino", Film- und Flugpionier Howard Hughes in "Aviator", die "Gangs of New York" oder der dem Wahnsinn nahe Polizist Edward Daniels in "Shutter Island". Längst hat sich Scorsese da als unermüdlicher Chronist der USA erwiesen, der dessen Schattenseiten beleuchtet und die Ursachen für dessen Gewalttätigkeit erforscht.

Und doch geht Scorsese noch einmal neue Wege: "Casino" ist die bisher letzte Zusammenarbeit mit De Niro, der nur wenige Straßen von Scorsese entfernt aufgewachsen ist. Aber mit Leonardo DiCaprio hat der Regisseur eine neue Generation Schauspieler für sich entdeckt. DiCaprio spielt auch eine der Hauptrollen in "Departed", mit dem Scorsese 2007 - im sechsten Anlauf - endlich den begehrten Regie-Oscar gewinnt. Es muss eine Erlösung gewesen sein für den New Yorker, Tränen stehen ihm in den Augen, als er die Bühne betritt. Er fühlt sich wohl endlich am Ziel, angekommen bei seinen großen Vorbildern. "Ich bin es einfach nicht gewohnt, zu gewinnen", sagt er später.

Neuer Film mit De Niro geplant

Doch diese Zeiten sind endgültig vorbei. Seit "Departed" hat Scorsese zwei weitere Spielfilme gedreht sowie zwei Dokumentationen. Als Regisseur und Produzent zeichnet er zudem für "Boardwalk Empire" verantwortlich. Und er dreht einen sehr witzigen fast zehnminütigen Werbefilm für Freixenet, der gleichzeitig eine wundervolle Hommage an Alfred Hitchcock ist und im Internet zum Renner wird. Außerdem gewinnt Scorsese in dieser Zeit den Regiepreis der Directors Guild of America (es war die siebte Nominierung), zwei Golden Globes, einen Emmy sowie den Cecil-B.-DeMille-Award und den Kennedy-Preis für sein Lebenswerk - um nur die wichtigsten Ehrungen zu nennen. Und seit 1999 ist er mit Helen Morris verheiratet, die fünfte Ehe hält nun fast so lange wie alle anderen zusammen.

Und auch künftig gibt es keinen Stillstand. Derzeit dreht Scorsese einen . Danach geht er seinen lange geplanten Film über Frank Sinatra an. Streifen über die Gründer von Rolls Royce und sowie ein Historienepos, für den bereits Daniel Day-Lewis, Benicio Del Toro und Gael García Bernal zugesagt haben, sind ebenfalls geplant. Zudem ist Scorsese für die (mit Robert De Niro, Joe Pesci und Al Pacino!) und die Jo-Nesbø-Verfilmung "Schneemann" im Gespräch. Und da wäre noch eine geplante Fernsehserie über die Musikindustrie. Langweilig wird Scorsese also bestimmt nicht werden.

Quelle: n-tv.de

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