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Auf Solopfaden: Mick Hucknall.
Auf Solopfaden: Mick Hucknall.(Foto: Promo)

"Es tat uns allen gut, mit Simply Red aufzuhören": Mick Hucknall auf Solopfaden

Mick Hucknall ist ein bisschen gereizt, denn sein Handgepäck wurde auf dem Flughafen eingezogen - explosives Material. "Wenn Mundwasser und Desinfektionsspray explosives Material sind, dann weiß ich auch nicht mehr weiter", sagt er ziemlich resigniert. Und ist dann dennoch sehr gesprächig.

Zugegeben, das war nicht das einfachste Interview, denn Interviewer und Interviewter waren beide Flughafen-geschädigt. Gepäck weg, Verspätung - nicht die besten Voraussetzungen, aber ein Profi wie Mick Hucknall lässt sich von fast nichts aus der Ruhe bringen - außer vielleicht von Erkältungsviren: Bevor er Hände schüttelt, desinfiziert er sich. Ein bisschen merkwürdig? Ein bisschen vielleicht, aber eigentlich total sinnvoll. Wir wollen jedoch über sein neuestes Projekt reden: "American Soul". Der Mann, der früher mit seiner Band "Simply Red" gleichgesetzt wurde, hat eine Stimme, die unverkennbar ist. Rau, soulig, einzigartig. Auch ohne die Band, die sich 2010 auflöste, geht er nun seinen Weg. Vom Männermagazin "GQ" zu einem Mann des Jahres erkoren, zufrieden und voller Zuversicht startet er in seine zweite Karriere. Auf "American Soul" präsentiert er 12 Soulsongs, eigene und von anderen Künstlern, die er bewundert. "Es war die Arbeit mit Ron Wood und den Faces, aber auch die gelegentlichen Abstecher mit Charlie Watts und Bill Wyman, die mir deutlich machten, wie sehr ich es liebe, den Old School-R&B zu singen. Sie spielten eine wichtige Rolle in meinem Entschluss, dieses Album aufzunehmen."

n-tv.de: Wie ist denn nun, mal wieder in Berlin zu sein?

Mick Hucknall: Um ehrlich zu sein, ich bin ein bisschen gestresst. Man hat auf dem Flughafen meine Kulturtasche konfisziert, weil sie meinten, ich hätte darin explosives Material.

Oh nein!

Doch. Ich bin echt irritiert: Seit wann sind denn Zahnpasta und Hand-Desinfektion explosiv? Ich musste da 45 Minuten stehen und warten, und wieder bekommen habe ich die Sachen auch nicht, weil sie mir gesagt haben, es würde alles Spuren von Sprengstoff tragen.

Und niemand konnte etwas unternehmen?

Nein (lacht ein bisschen), vor der Gepäckkontrolle sind wir alle gleich.

Ich bin auch immer gestresst, jedes Mal, wenn ich durch die Flughafenkontrolle muss.

Ja. Es ist wirklich nervig.

Dann reden wir lieber über Ihr neues Album. Ist es denn eigenartig, nun allein unterwegs zu sein, ohne die Band.

Es ist wie ein Neuanfang!
Es ist wie ein Neuanfang!(Foto: Promo)

Ja, es ist ein bisschen anders, aber die Hauptsache ist eigentlich, dass die Einflüsse, die eine Rolle für mein neues Album gespielt haben, anders waren als je zuvor. Ich arbeite mit Material aus den 50er und 60er Jahren, und was für mich den größten Unterschied macht, ist die Tatsache, dass ich mich weniger in Richtung Jazz begebe, sondern hin zum Rhythm and Blues. Und zum Rock 'N Roll. Deswegen ist der Sound auch kantiger. Live hör' ich mich jetzt auch anders an, mehr so "Ummppfh".

Nicht mehr so "smooth" wie vorher?

Nein, nicht. Ich hab' natürlich immer noch diese Stimme, die will ich ja auch gar nicht verändern, aber das Genre ist jetzt ein ganz anderes.

Wie haben Sie denn die Songs ausgesucht, das stellt man sich ja immer ein bisschen kompliziert vor, so eine Auswahl zu treffen.

Ja, aber ich habe mich mit vielen Künstlern getroffen, das war Anfang 2011, da haben wir ein Album aufgenommen, und während ich dort war, bekam ich noch eine Einladung. Das war eine Einladung von Bill Wyman von den Rolling Stones, und er hat mich gefragt, ob ich nicht Lust hätte, mit seiner R&B-Band, den Rhythm Kings, zu singen. Das war ein Amsterdam und hat einen Mordsspaß gemacht. Ein paar Monate später flatterte eine Einladung von einem anderen Rolling Stone ins Haus, von Ronnie Wood. Er fragte mich, ob ich bei einem Charity-Event für Rod Stewart einspringen könnte, um mit ihm und den Faces zu singen, und da hab ich  zum ersten Mal "I'd Rather Go Blind" gesungen. Dann sind wir auf eine kleine Tour gegangen, und dann hat mich zu guter Letzt Charlie Watts angerufen, um mit seiner Band was zu machen.  Es war wieder 'ne R&B-Geschichte. Mein Manager hat dann schon bemerkt, dass mir das echt Spaß macht, und dann hat er mich gefragt, ob ich nicht mal so ein Album aufnehmen möchte. Ich meine, die haben mich schon immer stark geprägt und beeinflusst, und die Rolling Stones sind Helden für mich, und jetzt mit ihnen zusammen gearbeitet zu haben hat mich nur bestärkt darin, meinen musikalischen Vorbildern nachzueifern. Die Stones und die Faces gehören zu den besten Bands der Welt, und mit denen zusammen gearbeitet zu haben war etwas ganz Besonderes.

Haben Sie noch nie vorher etwas zusammen gemacht?

Nein, nicht wirklich. Ich bin so stolz, dass DIE mich eingeladen haben. Jetzt habe ich so viel aufgenommen, dass nächstes Jahr ein weiteres Album heraus kommen wird.

Dann fehlt jetzt eigentlich nur noch Mick Jagger in der Reihe, oder?

(Lacht) Ach, ich glaube nicht, dass ich mit Mick singen werde, der braucht mich nicht.

Wer wäre denn noch ein Wunschkandidat für ein gemeinsames Lied?

Absolut gerne würde ich ein Duett mit Chaka Khan aufnehmen. Sie ist eine Freundin von mir, und wir sind schon oft gemeinsam aufgetreten.

Darf man denn nach Simply Red fragen oder nervt Sie das, auf die alten Zeiten angesprochen zu werden?

Überhaupt nicht, fragen Sie! Ich liebe es, über meine alte Band zu reden! Ich kenne einige, die das nicht machen wollen, aber für mich ist das kein Problem!

Sind Sie noch befreundet und sehen sich manchmal?

Um ehrlich zu sein: Ich arbeite mit zweien von Simply Red bereits an meinem nächsten Projekt. Es ist trotzdem etwas ganz anderes jetzt. Wir begegnen uns anders. Damals war ich der Bandleader und Komponist, heute arbeiten wir gleichberechtigt. Das ist was ganz anderes. Und es tat uns allen gut, mit Simply Red aufzuhören: Sehen Sie, überall, wo wir hinkamen, spielten wir unsere alten Hits, weil die Leute das natürlich hören wollten. Und das ist auch okay, nur für uns wurde es ein bisschen langweilig.

Und deswegen musste die  Band aufgelöst werden?

Ich meine, wir haben 25 Jahre zusammen gespielt, und nach dem ganzen Erfolg ist man wie eine Marke. Dann haben die Leute Erwartungen an diese Marke, sie wissen genau, wie man sich anzuhören hat und wollen nur das Bekannte hören. Wenn man selbst aber noch jemand ist, der sich weiter entwickeln möchte und der Ideen hat, dann ist das irgendwie einengend.  Es ist ein bisschen so: Man ändert die Verpackung, oder den Namen, und darf etwas ganz anderes machen, die Leute interessieren sich wieder für einen. Sie akzeptieren einen, es hat mich geradezu befreit.

Die Erwartungen der Fans waren einfach zu hoch? Und was erwarten Sie denn jetzt?

Die Sixties sind sein Ding!
Die Sixties sind sein Ding!

Ich tue erstmal grundsätzlich nicht das, was andere von mir erwarten. Wenn ich das tun würde, dann  wäre ich jetzt hier und wir würden darüber reden wie es ist, auf der 20. Greatest Hits-Tour von Simply Red zu sein.

Auch 'ne schöne Idee ...

(lacht) Ja, ich würde sicher eine Menge Geld verdienen. Man sagt mir immer wieder, dass ich das tun soll, aber werd' ich nicht. Ich brauche keine Ratgeber. Als wir damals mit Simply Red gestartet sind, da habe wir so eine Sixties-Style gepflegt,  von dem uns dann aber abgeraten wurde. Wir sollten uns mehr nach Eighties anhören. Ich habe eine Weile den Bezug zu der Musik verloren, muss ich sagen. Und jetzt kehre ich quasi zurück zu meinen Wurzeln, das fühlt sich gut an. Es war alles total richtig mit Simply Red, alles hat seine Zeit, das werde ich nie verleugnen, aber jetzt ist eben mal wieder etwas anderes dran. Und ich habe eine zweite Chance.

Und was ist mit ihren Fans? Glauben Sie, dass die mit Ihnen mitwachsen?

Ich versuche mal, das ganz vorsichtig auszudrücken: Ich fange nochmal klein an. Ich erwarte nicht im entferntesten, dass ich solche Hallen wie mit Simply Red füllen werden, aber das muss auch nicht sein. Alle Simply Red Fans sind herzlich eingeladen, sich meine neue Musik, die ja eigentlich alt ist, anzuhören. Aber ich habe auch nichts gegen neue Fans.

Mögen Sie es, Preise zu bekommen?

Ich stelle mir immer vor, dass die Leute in ihren Wohnungen oder Autos sitzen, und meine Songs hören. Das ist für mich Preis genug, ehrlich gesagt. Es ist natürlich schön und eine Ehre, einen Preis in die Hand gedrückt zu bekommen, aber es bedeutet mir mehr, wenn meine Musik anderen etwas bedeutet.

Dann sind das eine Menge Preise ...

...ja, so um die 60 Millionen (lacht), so viele Alben haben Simply Red im Laufe der Jahre verkauft.

Gibt es aktuelle Musik, die Sie beeinflusst?

Nein.

Keine jüngeren Kollegen?

Nein.

Was hören Sie in Ihrer Freizeit?

Dann höre ich Jazz und Klassik. Ich liebe es, mich bei instrumentaler Musik zu entspannen. Außerdem unternehme ich gerne kleine Reisen mit meiner Frau und unserer fünfjährigen Tochter. Mein Hobby ist übrigens "Wein". Nicht nur, Wein trinken, ich bin ein wahrer Wein-Enthusiast. Ich sammle Wein, ich rede gerne darüber ...

Welcher ist Ihr Lieblingswein?

Das kommt auf den Anlass an. Es gibt wirklich viele gute Weine. Ich habe auch einen eigenen Weinhang.

Ah, wo?

In Sizilien.

Was fühlen Sie auf der Bühne? Sind Sie aufgeregt?

Es ist jetzt anders. Unter seinem eigenen Namen aufzutreten ist etwas anderes als als Band auf der Bühne zu stehen. Ich weiß noch nicht, warum das so ist. Aber es ist so, als ob ich tatsächlich nochmal neu anfange, wie ein Anfänger fühle ich mich. Ich bin 52 Jahre alt, das muss man sich mal vorstellen. Aber es bereichert mich. Andere sagen, ich sei verrückt, aber das ist mir egal. Und ich bin jetzt echt aufgeregt, aufgeregter als früher.

Wenn meine Tochter Sängerin werden möchte, werde ich sie unterstützen ...
Wenn meine Tochter Sängerin werden möchte, werde ich sie unterstützen ...(Foto: Promo)

Fühlen Sie sich manchmal einsam, wenn Sie länger unterwegs sind?

Nein, eigentlich nicht. Meist ist man von vielen Menschen umgeben, und wenn man dann mal allein ins Hotelzimmer geht ist das auch ganz angenehm. Meine Familie ist manchmal ja dabei, und außerdem bin ich als Einzelkind aufgewachsen, mein Vater hat mich allein erzogen, ich bin es also gewöhnt, viel Zeit mit mir selbst zu verbringen.

Singt Ihre Tochter denn Ihre Lieder?

Ja.

Tanzt sie auch?

Oh ja! Es ist so süß! Und wenn sie eines Tages Sängerin oder Musikerin werden möchte - mit dem größten Vergnügen, ich werde sie dabei unterstützen! Ich kann sie davor beschützen, über den Tisch gezogen zu werden.

Dann wünsche ich Ihnen viel Erfolg als Solo-Künstler ...

Danke, kann ich gebrauchen!

Mit Mick Hucknall sprach Sabine Oelmann

Im März 2013 geht Mick Hucknall auf Deutschland-Tournee. "American Soul" ist bei Warner erschienen.

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Quelle: n-tv.de

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