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Nahmen ein Bad in der Menge: Christoph Deckert, Jennifer Weist, Joe Walter, Baku Kohl und Alex Voigt (v.l.n.r.).
Nahmen ein Bad in der Menge: Christoph Deckert, Jennifer Weist, Joe Walter, Baku Kohl und Alex Voigt (v.l.n.r.).(Foto: Florian Oellers / Warner Music)

"Nazis raus - Schwanz rein": Mit Jennifer Rostock im Becken

Sie geben weiter Gas. Und zwar Vollgas. Unterstützt von Sido und vielen anderen Gästen rocken Jennifer Rostock auf ihrem DVD/CD-Album "Live in Berlin" einmal mehr alle Tabu- und Schamgrenzen in Grund und Boden. Auch im n-tv.de Interview mit Frontfrau Jennifer Weist, Keyboarder Joe Walter und Bassist Christoph Deckert geht es ans Eingemachte. Aber keine Sorge - das ist alles "FSK 0".

Jetzt ist es soweit: Ihr habt eure erste Live-DVD. Aufgenommen wurde sie vor einer ungewöhnlichen Kulisse - im "Stattbad Wedding" in Berlin, einem ehemaligen Schwimmbad. Wie kam es zu der Idee?

Joe: Eine Live-DVD zu machen, lag grundsätzlich auf der Hand. Wir haben in den letzten Jahren über 500 Konzerte gespielt.

Jennifer: Das wird immer mehr. Über 600, über 700 Konzerte …

Christoph: Eine Million Konzerte haben wir gespielt!

Joe: Auf jeden Fall haben uns immer wieder Fans gefragt, ob wir nicht mal eine Live-DVD machen könnten, damit sie dieses Konzerterlebnis auch zu Hause haben können. Mittlerweile haben wir ja drei Alben herausgebracht und haben uns gedacht, okay, das sollte an Material reichen, um eine Show zusammengezimmert zu bekommen.

Und weshalb in einem Schwimmbad?

Jennifer: Wir wollten halt nichts ganz Normales machen. Wir wollten auf jeden Fall Gäste dabei haben, ein paar Features einbauen und ein paar Songs auch etwas umstrukturieren. Und natürlich wollten wir eine geile Location haben. Normalerweise finden in dem "Stattbad" eher so Elektro-Sachen statt. Da waren wir schon mal und fanden das echt geil. Außerdem hat der Alex, unser Gitarrist, Beziehungen da hin, weil er ja auch in Wedding wohnt.

Christoph: Weil er den Kiez gerade gentrifiziert, so wie die vom "Stattbad" halt auch. Das passte dann zusammen.

Welche Bezüge habt ihr denn sonst zum Thema Schwimmbad? Wann wart ihr das letzte Mal in einem? Mit Wasser, versteht sich …

Das im Hintergrund müsste wohl ein "Fummel-Pilz" sein.
Das im Hintergrund müsste wohl ein "Fummel-Pilz" sein.(Foto: picture-alliance / dpa)

Jennifer: Schwimmbad … Das ist …

Christoph: … gar nicht so lange her. Da waren wir im Fummel-Pilz.

Jennifer: Ach ja, stimmt! Kennst du den Fummel-Pilz?

Äh, nein …

Die gibt es immer in diesen Spaßbädern (sie formt mit ihren Armen eine Art Dach, Anm. d. Red.).

Ach, ich glaube, ich weiß, was du meinst …

Jennifer: Das ist der Fummel-Pilz!

Hat jemand von euch das Seepferdchen oder den Freischwimmer?

Jennifer: Ja. Wir alle, oder?

Joe: Ja, ich glaube schon.

Christoph: Obwohl ich nach Bronze nicht mehr konnte. Für Bronze musste ich mich schon echt ganz schön abmühen.

Jennifer: Ich habe eh nur das Seepferdchen. Und dafür musste ich mich schon zusammenreißen. Kannst du dich noch an unsere Schwimmhalle in Zinnowitz erinnern, Joe? (Jennifer Weist und Joe Walter stammen ursprünglich aus Zinnowitz auf Usedom, Anm. d. Red.) Die war doch so scheiße gelegen und deshalb übelst dunkel. Und es gab auch keine Lampen da drin. Das Wasser war also auch dunkel und man konnte nicht auf den Grund gucken. Da hatte ich sooo Angst, nach Schwimmringen zu tauchen!

Bei den Olympischen Spielen haben gerade ein paar Spitzenschwimmer zugegeben, dass sie durchaus ab und an auch mal ins Becken pinkeln. Und wie haltet ihr das so?

Jennifer: Iiihhh! Ehrlich?

Christoph: So etwas finde ich echt widerlich. Solche Leute finde ich ganz schlimm.

Jennifer: Iiihhh! Ey, wenn man das als Kind gemacht hat – okay. Aber jetzt muss man doch so weit sein, aus diesem scheiß Becken rauszusteigen und irgendwo hinzugehen, oder nicht? Das kann ja wohl nicht wahr sein.

Christoph: Das heißt, die schwimmen dann da in ihrem eigenen Sud, die Schwimmer?

Wer sagt, dass ein Bad nur zum Baden da ist?
Wer sagt, dass ein Bad nur zum Baden da ist?(Foto: Warner Music)

Sieht so aus …

Jennifer: Okay, ganz ehrlich: Ins Meer pinkel ich auch, wenn es sein muss. Aber wirklich nur da.

Joe hat in einem Interview gesagt, seine wesentliche Assoziation zum Thema Schwimmbad sei, dass er auf einer Toilette dort seinen ersten Samenerguss hatte ...

Jennifer: (lacht) Hattest du nicht gesagt: "Ich habe nichts erzählt. Ich weiß gar nicht, was ihr alle von mir wollt …"

Offen geblieben ist allerdings, wie es dazu kommen konnte - mit oder ohne Fremdeinwirkung?

Joe: Fremdeinwirkung?!? Na ja, Eigeneinwirkung halt … Oh Mann, wie komme ich jetzt da wieder raus. (Allgemeines Gelächter)

Christoph: Ich glaube, wir sind jetzt an dem "Too-much-information-Punkt" angekommen.

Joe: Aber nicht ins Becken! Also echt nicht ins Becken!

Christoph: Stopp!!!

Einer, mit dem vielleicht nicht jeder gern ins Becken steigen würde, ist Sido ...

Jennifer: Ja, aber das versteht man gar nicht.

Er war natürlich nur einer der Gäste, die ihr bei dem Konzert hattet. Aber wahrscheinlich ist er für viele der Spektakulärste, weil Ungewöhnlichste für euch. Wie war es mit ihm?

Jennifer: Das ist ein voll netter Typ.

Christoph: Diesen Ruf als fieser Gangster, den er hat, …

"Ein voll netter Typ": Sido sang mit der Band "Du willst mir an die Wäsche".
"Ein voll netter Typ": Sido sang mit der Band "Du willst mir an die Wäsche".(Foto: Warner Music)

Jennifer: … der stimmt nicht. Das muss man einfach mal sagen.

Christoph: Da haben sie bei Aggro-Berlin (Sidos ehemaliges Plattenlabel, Anm. d. Red.) halt so ein Konstrukt zur Vermarktung aufgebaut.

Jennifer: Der hat auch schon, bevor wir ihn eigentlich kannten, ganz gut über uns gesprochen. Dann haben wir ihn kennengelernt - zum Beispiel als seine Freundin beim Bundesvision Song Contest war. 

Joe: Ex-Freundin!

Jennifer: Oh ja, Ex-Freundin.

Joe: Dann haben wir ihn gefragt, ob er Bock auf ein Feature hätte. Wir fanden das als Kombination, die man so nicht erwartet, natürlich auch spannend. Er hat gleich zugesagt, sich mit "Du willst mir an die Wäsche" den Song gewünscht, den er mit uns machen wollte, und seinen Part dazu geschrieben. Und das sehr professionell. Wir haben einmal zusammen geprobt, dann stand das.

Zusammenarbeit? Geht doch! Hier zum Beispiel mit Jupiter Jones.
Zusammenarbeit? Geht doch! Hier zum Beispiel mit Jupiter Jones.(Foto: Warner Music)

Andere Gäste, die ihr auf der Bühne hattet, waren etwa Jupiter Jones und Egotronic. Im Interview vor einem Jahr meinte Joe, Kooperationen mit Rock- oder Hip-Hop-Sängern seien eher schwer vorstellbar für euch …

Joe: Ja, das ist auch der Grund, weshalb es dann gleich so viele waren. Hätten wir jetzt nur mit Sido oder nur mit Egotronic ein Feature gemacht, wäre es vielleicht komisch gewesen. Aber so konnten wir eine gewisse Bandbreite abdecken, die es dann wieder …

Christoph: … homogenisiert?

Joe: Genau.

Jennifer: Außerdem ist das doch auch so ein Jennifer-Rostock-Ding - zu versuchen, viele Musikstile zusammenzumischen. Erst dann klingt es ja auch nach uns. Deswegen ist es dann eigentlich auch wieder gar nicht so krass, dass wir diese Leute dazu geholt haben.

Abgesehen von den Musikern anderer Bands habt ihr bei einigen Songs auch Bläser oder ein Cello integriert. Dabei sind durchaus spannende neue Versionen der Lieder entstanden. Wart ihr selbst überrascht, welche Variationsbreite es da gibt?

Jennifer: So etwas mit Streichern wollten wir schon immer mal machen. Ich finde, das bringt in den Song noch mal eine ganz andere Wärme hinein. Die Töne, die die Cellistin macht, stehen so richtig geil im Raum. Bei den Bläsern dagegen konnten wir uns das zunächst gar nicht vorstellen. Bläser, die machen ja normalerweise bei so, … na, du weißt schon bei welcher Musik mit.

Joe: Ska-Bands!

Jennifer: Bei Scheiß-Musik halt. Und wir wollen nicht, dass unsere Musik nach Scheiß-Musik klingt. Das war eine Herausforderung, aber die haben wir geschafft.

Also man muss nicht damit rechnen, dass ihr demnächst ein Ska-Album aufnehmt?

Joe: Nee!

Christoph: Und in einem Jahr stehst du dann wieder hier: "Ihr habt aber doch gesagt, dass ihr auf keinen Fall ein Ska-Album macht …"

Genau darauf wollte ich hinaus …

Jennifer: Ja, aber das wird nicht passieren.

An Berlin genießen sie vor allem die Freiheiten, die die Stadt zu bieten hat.
An Berlin genießen sie vor allem die Freiheiten, die die Stadt zu bieten hat.(Foto: Florian Oellers / Warner Music)

Wenn man sich die "Outtakes" auf eurer DVD ansieht, hat man den Eindruck, ihr habt an dem Konzertabend eigentlich nur gesoffen ...

Christoph: Währenddessen haben wir das eigentlich gar nicht gemerkt. Aber dann hat uns der Cutter das mal zusammengeschnitten gezeigt. Ach du Scheiße! Ich glaube, die FSK hat sich das nicht angeguckt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir sonst "FSK 0" bekommen hätten. Wenn schon Bakkushan (Rockband aus Mannheim, Anm. d. Red.) "FSK 12" bekommen haben …

Jennifer: Was? Das verstehe ich überhaupt nicht. Ich geh dem Typen in die Hose - das kann ja wohl nicht "FSK 0" sein! (Beim Song "Irgendwo anders" umgarnt Jennifer Weist dann doch recht innig einen Konzertbesucher auf der Bühne, Anm. d. Red.) Was hat Bakkushan gemacht, dass sie "FSK 12" sind? Ich wäre gern 18!

Der Junge, der da mit euch auf der Bühne war, hat ja wahrscheinlich auch ein Trauma für den Rest seines Lebens …

Jennifer: Ach, Quatsch!

Christoph: Der geht doch zu seinen Kumpels nach Hause und sagt: "Ey, guck mal, der hab' ich's gezeigt."

Jennifer: Oder: "Oh, sie hat meinen 'Pimu' angefasst." Das könnte auch sein.

Dass ihr das Konzert in eurer Wahlheimat Berlin aufgenommen habt, ist sicher kein Zufall. Ihr erzählt ja oft von den Problemen mit Intoleranz, die ihr zum Beispiel in eurer Herkunftsregion habt. Ist das Leben in Berlin so etwas wie eine Erlösung für euch?

Jennifer: Na ja, Erlösung … Aber ich glaube, wir haben hier alle unser Zuhause gefunden. Wir genießen die Freiheiten, die wir hier haben, und dass man alles, was man will, zu jedem Zeitpunkt tun und lassen kann.

Joe: Zumindest Jennifer und ich sind einfach der Enge des Dorfes in die Großstadt entflohen. Das war natürlich schon ein krasser Wandel, der uns beiden aber sehr gut getan hat. Was wir sicher sagen können, ist, dass wir mit großer Wahrscheinlichkeit nicht mehr zurückziehen werden.

"Mit weniger Metall in der Fresse sähe die Alte ganz o.k. aus."
"Mit weniger Metall in der Fresse sähe die Alte ganz o.k. aus."(Foto: Jochen Melchior / Warner Music)

Ihr geht mit Themen wie Intoleranz oder Diskriminierung ja ziemlich offensiv um. Man kann zum Beispiel T-Shirts von euch kaufen mit dem Aufdruck "Mit weniger Metall in der Fresse sähe die Alte ganz o.k. aus" ...

Jennifer: Das ist ein Original-Spruch.

Christoph: Das war ein YouTube-Kommentar.

Ist Angriff die beste Verteidigung?

Joe: Ich glaube, die beste Verteidigung ist es, sich selbst nicht zu ernst zu nehmen.

Jennifer: Wir brauchen uns ja auch gar nicht für irgendetwas zu verteidigen. Für das, wofür wir einstehen wollen, stehen wir ein. Und wenn uns jemand aus irgendwelchen Gründen nicht mag, ist das für uns auch kein Problem. Gleichzeitig gibt es genauso viele Fans, die unsere Alben kaufen und uns sagen: "Ihr seid super, so wie ihr seid. Bleibt so."

Deine Tattoos, Jennifer, lasse ich als Thema diesmal außen vor, weil ich mir vorstellen kann, dass dich Fragen dazu inzwischen nerven. Ich weiß allerdings nicht, ob du mir nicht sogar ins Gesicht springst, wenn ich dich nach deiner Brust-OP frage. Ich versuche es trotzdem: Warum hast du das machen lassen?

Jennifer: Na, warum lässt man sich die Brüste vergrößern? Was denkst du?

Ich habe eine Vermutung …

Jennifer: (lacht) Ich war nie damit zufrieden. Ich habe schon mit 14 meine Mutter immer gelöchert, was denn nun ist. Sie hat immer gesagt: "Warte mal, da kommt noch was, gar kein Problem." Aber irgendwann war klar, dass das nicht so sein würde. Ich finde, als Frau … Ach was, das ist als Mann genauso: Wenn man irgendetwas möchte oder verändern möchte, die Möglichkeit dazu hat und denkt, dass man sich danach wohler fühlt, dann sollte man das auch tun. Natürlich ist es nicht ganz das Gleiche, wenn Joe sich die Zähne bleachen lässt, aber im Prinzip schon. Weil er denkt, dass seine Zähne nicht weiß genug seien, lässt er sie sich bleachen. Und ich lass mir eben die Brüste machen.

"Live in Berlin" von Jennifer Rostock ist ab sofort erhältlich.
"Live in Berlin" von Jennifer Rostock ist ab sofort erhältlich.(Foto: Warner Music)

Christoph: Da hat sie dich jetzt schön mit reingezogen, Joe. (Allgemeines Gelächter)

Jennifer: Nein, Mann. Aber das ist mir jetzt gerade halt eingefallen.

Eins soll man ja beim Gedanken an Jennifer Rostock eurer eigenen Aussage zufolge nie vergessen: "Nazis raus - Schwanz rein". Wohin raus und wo rein?

Jennifer: Wie jetzt? Das willst du von mir wissen?

Christoph: Mich hat neulich allerdings auch jemand gefragt: "Nazis raus - schön und gut. Aber wohin denn?"

Jennifer: Auf eine Insel. Ich würde eine Nazi-Insel vorschlagen. Und einmal im Monat kriegen sie was ganz Ekelhaftes zum Fressen vorgeworfen. Außerdem müsste es auch noch so eine Fotzen-Insel geben. Irgend so ein dummer Typ muss dann einmal im Monat hin, damit sich die ganzen blöden Uschis auf ihn stürzen.

Joe: (leicht konsterniert) So etwas geht also bei dir im Kopf vor ... (Allgemeines Gelächter) Nazis raus aus den Köpfen - darum geht es doch.

Jennifer: Genau! Mensch, Joe, das ist doch gut. Warum hast du das denn nicht gleich gesagt? Stattdessen lässt du mich hier um Kopf und Kragen reden.

Mit Jennifer Weist, Joe Walter und Christoph Deckert sprach Volker Probst

Das DVD/CD-Album "Live in Berlin" von Jennifer Rostock bestellen

Quelle: n-tv.de

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